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Transkription des Interviews zur Ausstellung „Rokoko under Construction. The Making of Schloss Augustusburg“ im Schloss Augustusburg in Brühl vom 27. Juni bis zum 1. Novmeber 2027
Ein kurzes Statement aus dem späteren Interview:
• In Brühl sieht man Rokoko von früh bis spät, denn wir haben hier ja eine über 40-jährige Bauzeit.
• Balthasar Neumann, das ist wirklich einer der Stararchitekten des 18. Jahrhunderts.
Teaser: Ein Podcast von der Kulturstiftung der Länder.
Interviewer:
Herzliche Grüße aus Berlin an die Hörerinnen und Hörer unseres Podcasts „Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder“, den Sie abonnieren können übrigens auf YouTube und allen gängigen Podcastforen. Und in dem wir heute sprechen über eine Ausstellung in einem und auch über eines der bedeutendsten Rokoko-Schlösser in Europa. Schloss Augustusburg in Brühl. Das liegt zwischen Köln und Bonn. Und ich bin jetzt verbunden mit einem der beiden dort für die Ausstellung Verantwortlichen, Herrn Benedikt Bauer.
Ich grüße Sie, Herr Bauer.
Benedikt Bauer:
Ja, viele Grüße aus Brühl.
Interviewer:
„Rokoko under Construction. The Making of Schloss Augustusburg“, heißt die Ausstellung. Vom 27. Juni bis zum 1. November 2026. Und ich sagte es ja schon, es geht in Ihrer Ausstellung um das Schloss Augustusburg, das ganz früh schon 1984 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Was ist denn so besonders an diesem Schloss?
Benedikt Bauer:
Ja, also wir freuen uns auf jeden Fall sehr, dass wir schon so lange uns mit diesem schönen Titel schmücken können, mit dem UNESCO-Welterbe, sogar ja auch noch länger als der Kölner Dom, der hier um die Ecke steht. Das spielt sicherlich da durch eine große Rolle, dass das Schloss Augustusburg hier, was zusammen mit dem Garten und auch dem Jagdschloss Falkenlust eben eine Dreieinigkeit sozusagen der Welterbestätte abbildet, eben eines der frühesten Rokoko-Schlösser überhaupt ist. Nicht nur in Deutschland, sondern auch im internationalen Kontext und eben das allererste in Deutschland, wo man das erste Mal diesen neuen Stil, der in Frankreich entwickelt wurde, hier zur Ausprägung brachte. Das ist eben ja nach diesen Rocaillen benannt. Also das Rokoko zeichnet sich eben nach diesen Muschelornamenten, die hier eben besonders früh zu finden sind und eben auch hier besonders gut erhalten sind und das ist das Schöne, was wir hier noch zeigen können. Es wurde mal gesagt, in Brühl sieht man Rokoko von früh bis spät und das passt ganz gut, denn wir haben hier ja eine über 40-jährige Bauzeit, die 1725 begonnen wurde. Den Rokoko-Stil, den kann man so einordnen ab 1730 bis 1770 ungefähr und da die Schlossbaustelle dann 1768 vollendet wurde, passt das eigentlich sehr schön, indem hier einmal die gesamte Bandbreite zu sehen ist.
Interviewer:
Um unseren Hörern, die jetzt nicht gerade kunsthistorisch geschult sind, mal zu erklären, was es denn mit dem Rokoko auf sich hat, was charakterisiert denn den Rokoko?
Benedikt Bauer:
Also ich glaube, jeder kann sich unter Barock was vorstellen, so diesem schweren, sehr pompösen Stil, viele Marmorsorten, dunkle Vergoldung, schwere römische Kirchenräume oder eben auch das Schloss Versailles und im Rokoko hat alles so eine Leichtigkeit, da geht es ein bisschen mehr um Kommodität, also so eine Bequemlichkeit auch. Man möchte alles so ein bisschen privater haben, ein bisschen kleiner, ein bisschen verspielter, ein bisschen lockerer, häufig wird das ja auch mit Pastelltönen in Verbindung gebracht, also hellere Farben und eben sehr verspielte Dekorationen und die sind eben hauptsächlich bestehend aus diesen Rocaillen, diesen Muschelornamenten. Generell gibt es eine starke Verwendung von Naturmotiven, die ins Haus geholt werden sozusagen und auch gerne ja so exotistische Bewegungen, also wir haben eine starke Chinamode in der Zeit, alles was aus Ostasien kommt, ist total beliebt, wird mit Luxus und dem Versprechen des Fernen Ostens verbunden und das findet sich dann innen wieder, der ganze Stil kommt auch eigentlich aus dem Interior Design und ist dann erst später auf so große, wirklich gebaute Architektur übertragen worden.
Interviewer:
Und in diesem Stil wurde auch Augustusburg erbaut von Clemens August, 1700 geboren, Wittelsbacher, der von 1723 bis 1661 Erzbischof und Kurfürst von Köln war und der hat vor den Toren der freien Stadt Köln seine Sommerresidenz erbauen lassen und dafür einige der bedeutendsten Architekten des Barock und des Rokoko verpflichtet.
Benedikt Bauer:
Genau, Köln gehörte ja sehr zu seinem Leidwesen, nicht zu seinem Kurfürstentum als freie Reichsstadt, daher residierten die Bischöfe schon seit dem Spätmittelalter in Bonn und auch in Brühl geht die Tradition der bischöflichen Sommersitze sehr weit zurück. Schon seit dem 13. Jahrhundert gibt es hier eine Wasserburg, die allerdings dann leider um 1700 in einem ruinösen Zustand war nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg und man wollte hier schon lange, also auch schon unter dem Vorgänger von Clemens August, seinem Onkel Josef Clemens, ein neues Sommerschloss erbauen. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass die Lage hier sehr gut ist für die Falkenjagd und auch generell für die Jagd, also diesen großen Tiergarten in Brühl, den gibt es eben auch schon seit dem Mittelalter. Und Clemens August war nicht nur Erzbischof von Köln, sondern der sogenannte „Monsieur de Cinq Église“, also der Herr von fünf Kirchen, da er auch noch Bischof von Münster, Paderborn, Hildesheim und Osnabrück war. Und aus Paderborn, aus seinem Bistum dort, hat er seinen ersten Baumeister mitgebracht, Johann Konrad Schlaun. Der ist auch in Westfalen noch sehr bekannt, hat auch das Schloss in Münster gebaut, unter anderem so als Spätwerk und ist eben sehr lange für den Kurfürsten tätig. Und der macht auch so eine ganz klassische Architektenausbildung, kommt auch so ein bisschen aus dem Festungsbauwesen und macht dann auch eine große Europatour, vor allen Dingen eben nach Rom und nach Paris und hat dann eben neue Ideen, um dann hier die Entwürfe des Kurfürsten, die Träume des Kurfürsten hier für den neuen Landsitz umzusetzen.
Interviewer:
Das wäre jetzt sicherlich übertrieben, wenn ich sagen würde, Schloss Augustusburg sei im Grunde so etwas wie eine umbaute Prachttreppe. Aber es gibt einen ganz beeindruckenden Treppenaufgang im Mittelflügel, den man wohl mit Fug und Recht als den Kern des Schlosses bezeichnen kann. Und dazu käme jetzt noch der Name Balthasar Neumann zu den bereits genannten hinzu.
Benedikt Bauer:
Genau, also Balthasar Neumann, das ist wirklich einer der Stararchitekten des 18. Jahrhunderts. Das ist so, als ob man heute Norman Forster oder so engagieren würde. Und deswegen hat man ihn auch nur ganz gezielt gefragt, angefragt und ausgeliehen aus Würzburg für bestimmte Aufgaben. Er hat hier in Brühl tatsächlich den Altar in der Schlosskirche entworfen. Und Anfang der 1740er Jahre, als Balthasar Neumann hier beim Kurfürsten zu Besuch war, ging es eben auch darum, wie man das Treppenhaus neugestalten, umgestalten oder auch erst fertig bauen konnte. Das wissen wir gar nicht so genau, wie weit die Treppe zu dem Zeitpunkt war. Auf jeden Fall liefert er dann auch mehrere Entwürfe. Sogar ein Modell wird angefertigt. Und dann ruht das Projekt aber erst mal. Und erst Ende der 1740er Jahre, zwischen 1948 und 1752, wird das Treppenhaus, was man heute sieht, dann auch wirklich gebaut und ausgestattet. Und ja, deswegen ist der Name Neumann immer ein schöner Name. Aber wir wissen leider gar nicht so genau, wie groß der Anteil wirklich war hier an dem Treppenhaus.
Interviewer:
Anlass der Ausstellung ist jetzt die Grundsteinlegung im Jahr 1725. Das hat sich im letzten Jahr zum 300. Mal gejährt. Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich wäre auf diese Baustelle gekommen, sagen wir mal zehn Jahre später, vor 290 Jahren. Wie muss ich mir eine solche Baustelle, und das ist ja das Thema Ihrer Ausstellung, vorstellen?
Benedikt Bauer:
Ja, es war auf jeden Fall ein geschäftiges Treiben in Brühl. Wenn man hier vor 290 Jahren kam, dann war tatsächlich der Außenbau schon weitgehend vollendet. Und ansonsten, ja, der Kurfürst hat das Haus schon genutzt im Sommer. Das Schloss und generell die Anlagen in Brühl, die sind ungefähr so zwölf bis 14 Wochen im Jahr genutzt worden von Hof. Auch nicht am Stück, aber auch überwiegend im Sommer. Auch aufgrund des großen Gartens natürlich. Und ansonsten gab es ein geschäftiges Treiben. Die Ausstattung der Innenräume ging weiter. Die Stuckateure haben hier die Decken gestaltet. Und man ging gerade frisch an die Ausstattung einer Privaträumlichkeit des Kurfürsten, die als das Grüne Appartement bezeichnet werden.
Interviewer:
Dann musste er ja dort immer auf einer Baustelle gelebt haben.
Benedikt Bauer:
Das war tatsächlich der Fall. Das ist für uns heute auch teilweise schwer irgendwie nachzuvollziehen. Gerade auch die Festsäle und das Treppenhaus wurden ja, wie gesagt, relativ spät vollendet. Sodass er eigentlich auch die wichtigsten Partien des Schlosses nur als Baustelle gekannt hat. Grundsätzlich kann man, glaube ich, sagen, dass für ihn, Clemens August, die wichtigste Priorität ist, das Haus nutzen zu können, also hier wohnen zu können. Man sieht das auch bei seinen anderen Schlossprojekten. Er hat da teilweise sehr unterschiedliche Interessen. Es wechselt auch manchmal recht schnell, wo so die Schwerpunkte liegen. Und ihm geht es eben darum, dass er das nutzen kann. Er kann hier einziehen, er kann hier den Sommer verbringen, kann sogar in einem kleineren Rahmen hier auch Gäste oder Botschafter empfangen. Und dann merkt man auch, dass nach den ersten zehn Jahren das Interesse auch ein bisschen abnimmt an der Anlage tatsächlich oder an der Vollendung der Baustelle. Es kommt dann zu sehr vielen Planungswechseln auch. Und deswegen haben wir auch diese sehr lange Bauzeit von über 40 Jahren.
Interviewer:
Sie haben ja im Fokus Ihrer Ausstellung die Personen, die dort gebaut haben. Haben Sie eine ungefähre Idee, wie viele Personen das gewesen sein müssen?
Benedikt Bauer:
Also das sind ungefähr 150 namentlich bekannte Handwerker. Dazu kommt dann noch eine Vielzahl von Tagelöhnern oder auch Händlern, die wir jetzt nicht immer genau zuordnen können. Aber es ist wirklich erstaunlich, was für ein Großprojekt das damals war. Was auf jeden Fall auch für Brühl der Konjunkturmotor des gesamten 18. Jahrhunderts gewesen ist.
Interviewer:
Und woher genau wissen Sie das?
Benedikt Bauer:
Das liegt an der glücklicherweise doch sehr guten Quellenlage. Also es sind viele Inventare des Schlosses erhalten. Es gibt auch einige Berichte zur Baustelle oder Briefwechsel zwischen den Leitenden der Hofbauverwaltung und den Handwerkern. Und dann haben meine Kollegen und Co-Kuratorin Xenia Schirrmann und ich eben auch sehr intensiv die Rechnung nochmal durchstöbert. Und die sind fast komplett erhalten. Und da hat man dann doch eben sehr viele Namen gefunden, auch was die wann gemacht haben. Und natürlich auch grundsätzlich, wie viel das so gekostet hat im ungefähren Verhältnis. Und das ist einfach wahnsinnig spannend, nochmal so detailliert in die Schlossbaustelle eintauchen zu können. Und wir hoffen auch, das natürlich vermitteln zu können.
Interviewer:
Ich finde das bemerkenswert, dass Sie sagen, fast alle Rechnungen und viele Inventarlisten sind erhalten. Ist das etwas Besonderes oder ist das üblich, dass Rechnungen von vor 300 Jahren alle noch irgendwo abgeheftet sind?
Benedikt Bauer:
Also dass die deutsche Bürokratie ganz gut funktioniert, das ist jetzt nicht so unüblich. Aber in dem Rahmen, in dem das hier noch erhalten ist, das ist schon wirklich was Besonderes. Gerade wenn man bedenkt, dass das Schloss ja durch die Französische Revolution recht stark gelitten hat. Es sind ja alle Möbel verkauft worden. Ist es besonders, dann doch nochmal durch die Inventare und eben die Archivalien nochmal virtuell dieses Bild wieder auferstehen lassen zu können. Und die Vielzahlenrechnung ist wirklich was Besonderes. Einziger Wermutstropfen ist leider, dass gerade die Rechnungen für den Zeit des Treppenbaus nicht erhalten sind. Diese spannende Phase um 1750, da gab es nämlich auch so ein paar Verwirrungen zwischen dem Hofbauintendanten und dem Hofbauamt, weshalb da leider einige Rechnungen fehlen.
Interviewer:
Jetzt würde mich ja interessieren, wenn Sie, Sie haben gerade gesagt, Sie sind mit Ihrer Kollegin da nochmal diese ganzen Unterlagen durchgegangen. Was erfährt man denn aus diesen Inventaren und Rechnungen? Was stecken da für Geschichten drin?
Benedikt Bauer:
Ja, also das ist eigentlich sehr schön, weil man kann viele Personen zuordnen, die hier über einen sehr, sehr langen Zeitraum auch häufig auf der Baustelle gearbeitet haben. Oft über mehrere Jahrzehnte waren die hier beschäftigt. Und man kann eigentlich relativ genau sehen, pro Jahr, wer wann was gemacht hat. Ob jetzt der Stuckateur Mosseño die Decke im Schlafzimmer gestaltet hat und seine Mitarbeiter die im Vorzimmer. Oder ja, was der Lieferant aus Köln für Kalk oder Gold angeliefert hat. Das ist eigentlich sehr spannend und gerade natürlich bei den größeren Künstlern, den Stars der Baustelle, wie dem Maler Carlo Carlone oder auch kleineren Malern wie Joseph Belieu, wann die einfach was gestaltet haben. Irgendwie 1754 einige Decken im Staatsappartement, das ist total interessant und auch irgendwie schön für die Künstler wieder zum Nachvollziehen. Das kann man dann auch sehr gut abgleichen mit den Kirchenbüchern aus Bonn und Brühl. Und so sieht man dann auch, dass viele der Leute, wie eben auch der Hofstuckateur, dann in die lokale Bevölkerung eingeheiratet haben und auch teilweise in Brühl richtig sesshaft geworden sind.
Interviewer:
Das sind ja zum Teil internationale Fachkräfte gewesen, die da gearbeitet haben, auch weil die Techniken beherrscht haben, die im Ausland beherrscht wurden. Jetzt frage ich mich, wie hat man vor 300 Jahren diese Menschen angeworben? Wie hat man die angestellt? Wo haben die überhaupt gewohnt? Und gab es nicht auch noch Sprachprobleme dabei?
Benedikt Bauer:
Also das mit der Sprachenvielfalt, das ist schon recht erstaunlich. Also die Bauverwaltung und die Leitung, die waren natürlich höchst gebildet. Die konnten wahrscheinlich drei, vier Sprachen sprechen, auf jeden Fall Französisch und wahrscheinlich auch Italienisch neben Deutsch noch. Deswegen, das ging ganz gut dann tatsächlich. Viele der länger hier ansässigen Künstler, die werden dann auch wahrscheinlich Deutsch zumindest so grob beherrscht haben. Aber zum Beispiel über den Architekten François de Cuellier weiß man, dass der sehr schlecht Deutsch gesprochen hat und eigentlich nur Französisch. Und das hat anscheinend trotzdem gut funktioniert. Die hatten ja auch alle einen Mitarbeiterstab aus verschiedenen Personen. Heute kennt man nur noch die Namen, aber das ist natürlich auch damals schon ein Architekturbüro gewesen, wie das heute auch der Fall wäre. mit verschiedenen Personen, die den Leiter, den leitenden Architekten unterstützen. Und ansonsten haben die Leute teilweise in der Stadt gewohnt oder auch in Bonn. Das war so eine halbe Tagesreise entfernt damals. und sind dann recht aufwendig hier zum Beispiel in der kurfürstlichen Kellerei untergebracht worden oder auch bei lokalen Personen in Brühl. Manche haben sich eben dann auch hier ein Haus gekauft oder hier eben in die Familien eingeheiratet. Und das war schon ein großes logistisches Unterfangen. Auch natürlich dann die Versorgung des Hofstaats und auch der Baustelle.
Interviewer:
Um einmal zu der Ausstellung zu kommen. Wie zeigen Sie das denn, was Sie da gerade geschildert haben, beziehungsweise welche Objekte zeigen Sie?
Benedikt Bauer:
Ja, also was ganz schön ist, eigentlich direkt der erste Raum. Da geht es um die Baustelle. Da sind so die ganzen praktischen Fragen, die vielleicht aufkommen. Wie wurde das Holz hierhin transportiert? Es wurde ja meistens geflößt über den Rhein. Oder wo kommen generell die Baumaterialien her? Dann auch, wo kommen die Künstler her? Man hat viele hier ausländisch klingende Namen, französisch, italienisch. Die meisten der Architekten kamen ja dann doch aus Frankreich oder dem französischsprachigen Raum. Und der absolute Renner im 18. Jahrhundert sind halt Freskanten und Stuckateure aus Norditalien, beziehungsweise dem Tessin in der Schweiz. Und da kann man auch heute ganz spannend im Val d’Intelvi diese Dörfer sehen, wo die alle herkamen. Teilweise sind die wirklich auf der anderen Seite vom Hügel aufgewachsen und sind dann während des Sommers immer nach Norden gezogen, um dann hier eben nördlich der Alpen die ganzen Kirchen und Schlösser auszustatten, die Großbauprojekte. Und dann sind die im Winter meist wieder in die Heimat gefahren und haben dann da andere Aufgaben erfüllt oder waren bei den Familien. Und das waren wirklich die Spitzenkräfte der Zeit, die man extra angeworben hat. Und man hat es dann eben auch manchmal geschafft, die auch dauerhaft anzuwerben, dass die hier dann wirklich sesshaft geworden sind. Und als Highlight zeigen wir ansonsten natürlich noch zum einen die Werkzeuge der Handwerker und Künstler. Es ist uns besonders wichtig, eben dieses Kunsthandwerk in den Fokus zu stellen. Oder man sieht zum Beispiel den Bozzetto, also die Vorzeichnung von Carlo Carlone für das Deckenfresko im Prunkttreppenhaus. Das ist natürlich sehr beeindruckend, das fertige Werk, nur wenige Räume neben der Vorzeichnung zu haben, die der Meister dann selbstständig angefertigt hat.
Interviewer:
Und in Ihrer Ausstellung geht es auch darum, im Begleitprogramm ganz praktisch zu zeigen, wie diese Berufe heute funktionieren, die damals schon auf der Baustelle vertreten waren. Ich habe gelesen, dass Sie mit der Stuckateur Innung in Köln beispielsweise zusammenarbeiten. Wie muss ich mir das vorstellen? Also kommen dann da Ausbildungsklassen zu Ihnen und werden dort eingewiesen?
Benedikt Bauer:
Also wir hoffen natürlich, dass Ausbildungsklassen kommen. Uns ist es generell sehr wichtig, ein möglichst breites und auch inklusives Rahmenprogramm zu bieten. Und so wollen wir natürlich auch junge Leute neugierig machen auf die Handwerkstechniken, die ja immer noch relevant sind und die es auch immer noch gibt. Und das hat sich auch teilweise trotz der technischen Modernisierung gar nicht so stark verändert von dem eigentlich klassischen Handwerk damals, ob das jetzt der Schmied ist oder eben der Stuckateur. Und da freuen wir uns sehr, dann eben Workshops anbieten zu können, wo man dann auch vielleicht als Laie mal hineinschnuppern kann in Handwerkstechnik oder eben auch in Vorträgen oder Präsentationen dann nochmal live zeigen zu können, wie das eigentlich alles so geht.
Interviewer:
Jetzt bin ich in einem fortgeschrittenen Alter, wo ich nicht mehr darüber nachdenke, ob ich Stuckateur werden möchte oder sollte. Was lernt denn jemand wie ich heute für mein Leben aus Ihrer Ausstellung?
Benedikt Bauer:
Also ich glaube, ein Aspekt ist zum einen, dass Großbauprojekte in Deutschland schon immer mehr oder weniger gleich funktioniert haben, dass es immer ein logistisches Meisterwerk auch ist und sehr aufwendig. Dann natürlich wirklich der internationale Aspekt. Auch wenn wir hier in Brühl ja sozusagen den netten Sommersitz auf dem Lande haben, war das wirklich für kurze Zeit hier mal ein Zentrum der europäischen Kunstgeschichte und Baupolitik. Und dass hier wirklich die Meister ihres Fachs tätig waren, das ist immer noch wahnsinnig beeindruckend. Und das ja doch wunderschöne Ergebnis auch heute noch sehen zu können, ist natürlich auch toll. Und das andere sind wirklich die praktischen Aspekte, die glaube ich jeden begeistern, einfach zu sehen, wie dann wirklich aus einem Stück Eisen ein kunstvolles Geländer geschmiedet wird. Das kann man dann auch an verschiedenen Mitmachstationen noch ausprobieren, die Handwerkstechniken beziehungsweise auch in den Erklärfilmen nochmal sich genauer zu Gemüte führen. Und ich glaube, das fasziniert jeden, gerade wenn man jetzt nicht handwerklich tätig ist und so viel entfremdete Arbeit leistet, dass man dann nochmal so diesen Bezug hat zu diesen praktischen Dingen.
Interviewer:
Also ich habe jetzt gerade gelernt, dass Großprojekte, über die man heute spricht, weil sie besonders lange dauern, doch verhältnismäßig schnell sind im Vergleich zu Brühl, wo man 40 Jahre an einem Schloss gebaut hat.
Benedikt Bauer:
Genau, ich denke, das kann vielleicht doch einige milde stimmen, wenn man Berliner Flughafen sieht oder die Kölner Oper.
Interviewer:
Was haben Sie denn für ein Lieblingsobjekt in dieser Ausstellung? Ich weiß, alle Kuratoren sagen mir immer, wenn ich einen oder Kuratorinnen, wenn ich sie danach frage, das ist ganz schwer, weil es gibt ganz viele, aber vielleicht fällt Ihnen eines ein.
Benedikt Bauer:
Ja, es ist natürlich ganz schwer, aber was auf jeden Fall ein Herzensobjekt ist, ist ein Rest des Lacca povera -Kabinetts, das wir jetzt endlich mal ausstellen können. Es gab im gelben Appartement, in dem auch die Ausstellung stattfindet, also der kurfürstlichen Wohnung, ein ganz besonderes Zimmer zum Schluss, ein kleines Kabinett, was vollständig in Lacca povera-Technik gestaltet war. Das heißt wörtlich Armer Lack. Das ist so eine Lack-Collage-Technik, wo man eben in den 17, 20er Jahren ganz wild war, Ausschneidebögen zu zersägen und dann eben zu neuen Collagen zusammenzubasteln oder auch Bücher wie in unserem Fall von Maria Sibylla Merian, die berühmten Suriname-Ansichten. Normalerweise macht man das eigentlich nur mit kleineren Objekten wie Dosen oder Möbeln und hier war tatsächlich der komplette Raum in dieser Technik gearbeitet. Das war wirklich einzigartig, hatte auch natürlich passend die Farben Weiß-Blau, also die Farben der Wittelsbacher. Das ist leider im Krieg zerstört worden und es haben sich nur ungefähr 25 Prozent erhalten. Jetzt können erstmalig wieder Teile davon gezeigt werden. Das ist einfach schön, dass nach 80 Jahren da jetzt nochmal so ein bisschen die Vorstellung aufkommen kann, wie das eigentlich gewesen ist, das Zimmer damals zu sehen.
Interviewer:
Also das waren Muster, die man dann an die Wand gelegt hat und umzeichnet hat oder die man auf die Wand geklebt hat?
Benedikt Bauer:
Nein, das ist wirklich eine Klebetechnik, also es wird richtig collagiert und dann wird später einmal drüber lackiert, deswegen dann auch der Name Lacca povera als Lacktechnik.
Interviewer:
Wunderbar, dann wünsche ich Ihnen, dass nicht nur unsere Hörerinnen und Hörer sich auf den Weg machen und am Ende auch ein solches Lieblingsobjekt benennen können. „Rokoko under Construction. The Making of Schloss Augustusburg“ heißt die Ausstellung vom 27. Juni bis zum 1. November 2026 und Facebook, Instagram, Blue Sky und LinkedIn heißen die Kanäle, auf denen wir auf solche Ausstellungen der Kulturstiftung der Länder hinweisen, ebenso wie auf allen Podcast-Plattformen und auf unserer Webseite kulturstiftung.de. Mein Name ist Hans-Georg Moek und ich danke Benedikt Bauer für dieses Gespräch. Vielen Dank, Herr Bauer.
Benedikt Bauer:
Vielen Dank, einen schönen Tag noch.
Im Podcast spricht Benedikt Bauer, Kurator der Ausstellung, über die Ausstellung „Rokoko under Construction. The Making of Schloss Augustusburg“ im Schloss Augustusburg in Brühl.
Abb.: © Schlösser Brühl, Horst Gummersbach
Rokoko under Construction – The Making of Schloss Augustusburg
27. Juni 2026 – 1. November 2026
Schloss Augustusburg
Parkplatz Max-Ernst-Allee, 50321 Brühl
Öffnungszeiten: Dienstag – Freitag 9–16 Uhr, Samstag und Sonntag 10–17 Uhr