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Transkription des Interviews zur Ausstellung „Horizontal. Das Krankenbett und die Welt im Liegen“ im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité vom 29. Mai 2026 bis zum 2. Mai 2027.
Ein kurzes Statement aus dem späteren Interview:
- Virginia Woolf hat mich da sensibilisiert für die Frage, wie sich Wahrnehmung verändert im Zustand des Liegens.
Teaser: Ein Podcast von der Kulturstiftung der Länder.
Interviewer:
1926 wurde der äußerst lesenswerte Aufsatz vom Kranksein veröffentlicht, in dem Virginia Woolf die Welt aus der Perspektive einer im Bett liegenden Kranken schildert. Wer sich mit ihrer Biografie beschäftigt hat, der weiß, dass sie bereits auf eine lange und schwere Geschichte von Krankheitsepisoden zurückblickt. Und dieser Aufsatz beginnt mit einem Gedanken, den ich hier gerne mal, wenn auch stark gekürzt, zitieren möchte. Bedenkt man, wie allgemein Krankheit ist, wie gewaltig die geistige Veränderung, die sie bringt, und dann folgen weitere zehn oder zwölf Zeilen, die ich hier weglasse, wenn wir das alles bedenken, dann erscheint es wahrlich seltsam, dass nicht die Krankheit mit der Liebe und dem Kampf und der Eifersucht zusammen ihren Platz eingenommen hat, unter den Hauptthemen der Literatur. Zitat Ende. Fast möchte man meinen, dass dieser Text von Virginia Woolf oder Virginia Woolf Pate gestanden hätte, für die Ausstellung, über die ich jetzt sprechen möchte, mit Frau Professorin Dr. Monika Ankele. Sie ist Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité und gleichermaßen Kuratorin der Ausstellung Horizontal, das Krankenbett und die Welt im Liegen.
Ich grüße Sie, Frau Ankele.
Monika Ankele:
Schönen guten Tag. Ich freue mich, hier zu sein.
Interviewer:
Frau Ankele, der zitierte Aufsatz, der ist ja ziemlich genau 100 Jahre alt. Und ich habe jetzt den Verdacht, woran es liegen könnte, dass die Literatur dieses Thema gemieden hat, weil es nämlich so schwer ist, eine bildstarke Handlung oder eine Heldenreise mit Krankheit oder einem Krankenbett zu verbinden, weil sich da ja überhaupt nichts bewegt. Aber mein Eindruck ist, dass die Literatur sich dieses Themas mittlerweile durchaus angenommen hat. Ist das eine richtige Beobachtung?
Monika Ankele:
Ja, ich glaube, das ist durchaus richtig, die Beobachtung. Das lässt sich auch daran eigentlich nochmal zeigen, dass dieser Essay von Virginia Woolf, aus dem Sie jetzt zitiert haben, von 1926, auch jetzt eine Neuübersetzung erfahren hat. Und das zeigt ja auch, dass es da eine neue oder veränderte Aufmerksamkeit gibt für das Kranksein und für dieses Erzählen aus dem Zustand der Krankheit heraus.
Interviewer:
Sie haben ja, wenn ich mich recht entsinne, in Ihrer Ausstellung auch noch einmal Thomas Manns Zauberberg zu diesem Thema zitiert.
Monika Ankele:
Genau. Also Thomas Mann hat auch einen Platz bei uns in der Ausstellung gefunden, allerdings nur mit einem Zitat. Aber dieses Zitat ist so prägnant und war eigentlich auch mit ausschlaggebend für den Titel, den wir für die Ausstellung gewählt haben, nämlich Horizontal. Denn Thomas Mann beschreibt eben diese Gemeinschaft der Liegenden auf diesem Zauberberg, die sich da der Kur, der Tuberkulose-Kur hingeben. Und er beschreibt diese Gruppe als die Horizontalen. Und das ist so spannend, weil er eigentlich hier eine Lebensform beschreibt. Also Menschen, die die Welt liegend erleben, erfahren, wahrnehmen und die eine Gemeinschaft da ausbilden.
Interviewer:
Ich weiß, dass Sie sich schon länger mit dem Thema Kranksein beschäftigen, aber wahrscheinlich hat nicht Virginia Woolf den Ausschlag für diese Ausstellung gegeben, oder doch?
Monika Ankele:
Nicht wirklich, aber Virginia Woolf hat auf alle Fälle Inspiration gegeben. Und vor allem hat Virginia Woolf mich da sensibilisiert für die Frage, wie sich Wahrnehmung verändert im Zustand des Liegens, beziehungsweise wie unsere Wahrnehmung überhaupt gekoppelt ist an unsere Körperhaltung. Wir sehen andere Dinge im Stehen und im Liegen. Wir nehmen uns selber anders wahr. Wir haben auch andere Gedanken und wir begegnen und sprechen auch anders, abhängig davon, ob wir liegen, sitzen oder stehen. Und vor vielen Jahren habe ich schon begonnen, im Rahmen eines Forschungsprojekts, mich mit dem Krankenbett zu beschäftigen, mit dem Krankenbett in der Psychiatrie. Und hier vor allem mit einer Behandlungsmethode, die um 1900 in der Psychiatrie eingeführt wurde, nämlich die sogenannte Bettbehandlung. Und im Rahmen dieser Behandlung hat man die Patienten und Patientinnen aus den Isolierzellen der Einrichtungen herausgenommen und sie in gemeinschaftliche Krankensäle überführt. Und die Idee war, und das ist eigentlich recht spannend, dass das Liegen eine suggestive Wirkung auf die Patienten und Patientinnen zeigen sollten. Das heißt, im Zustand des Liegens sollten die Patienten und Patientinnen Krankheitseinsicht bekommen und sich quasi sozusagen diesen Moment der Patientwerdung öffnen. Und das war eine ganz zentrale Idee, die mit diesem Liegen und mit dieser Bettbehandlung verbunden war.
Interviewer:
Habe ich das richtig verstanden? Also die mussten sich hinlegen, um sich selber als Patienten auch ernst zu nehmen?
Monika Ankele:
Genau, weil in der Psychiatrie, das beschreiben die Ärzte, gab es oft das Problem, dass die Patienten und Patientinnen eigentlich nicht überzeugt waren, dass sie krank waren. Und im Unterschied zu einem gebrochenen Bein, wo man Schmerzen spürt etc., gab es eben oft Widerstand gegen die Behandlung und gegen die Unterbringung in der Psychiatrie. Und die Idee war, dass die liegende Haltung ganz eng mit dem Kranksein verknüpft ist und dass man das eben nutzen könnte für die Behandlung von Patienten und Patientinnen in der Psychiatrie. Also die Ärzte sprechen hier wirklich von einer suggestiven Wirkung, die die liegende Haltung eben zeigen sollte.
Interviewer:
Das finde ich ganz interessant, weil über den Aufsatz von Virginia Woolf hinaus, den ich gerade zitiert habe, hat Virginia Woolf das Lesen und auch das Schreiben als eine sie selber therapierende Tätigkeit wahrgenommen. Und aber ihr Ehemann, der hat immer dafür gesorgt, dass sie in so einer Art, in einem isolierten Bett lag, wo sie sich mit eigentlich überhaupt nichts beschäftigen konnte, was sie immer sehr stark belastet hat.
Monika Ankele:
Genau, es gab so, also Virginia Woolf wurde, wie interessanterweise auch andere Schriftstellerinnen in der Zeit, mit einer sogenannten Ruhekur behandelt. Und diese Ruhekur, die der Nervenarzt Silas Rea Mitchell quasi entwickelt hat, die sah vor, dass sich die, vor allem die Patientinnen, die er behandelt hat, mit nichts beschäftigen sollten. Also die sollten wirklich aufhören zu schreiben, zu lesen, irgendwie aktiv zu sein. Die sollten ausschließlich im Bett liegen, über mehrere Wochen hinweg und sollten absolute Bettruhe halten. und erst langsam dann wieder an Aktivitäten gewöhnt werden. Und das sollte diese nervösen Erkrankungen, Symptome etc. lindern. Und das war eine Behandlungsmethode, die eben auch Virginia Woolf erfahren hat und über die sie auch, die da auch einfließt eigentlich in ihre Erfahrungen, auch in ihre Literatur.
Interviewer:
Sehr interessant. Aber wir wollen ja nicht über Virginia Woolf einen Podcast machen, sondern über ihre Ausstellung. Und da geht es um das Kranksein. Und das bedeutet ja auch, dass wir in aller Regel zumindest auf Hilfe angewiesen sind. Sie thematisieren verschiedene Facetten davon, unter anderem die physisch unterstützenden Hilfsmittel, die sich seit dem 19. Jahrhundert in Krankenzimmern finden, die Sie in Ihrer Ausstellung zeigen.
Monika Ankele:
Genau. Also ein Aspekt, den wir näher beleuchten, sind eigentlich diese technischen Erweiterungen um das Krankenbett herum. Denn bettlägerig zu sein bedeutet, dass sich eigentlich alle Aktivitäten in diesem Krankenbett abspielen. Das heißt, es ist im Idealfall ein funktionaler Raum, wo sich alle Handlungen, alle Aktivitäten bündeln und wo es unterschiedliche Werkzeuge, Hilfsmittel gibt, die diese Handlungen, Tätigkeiten etc. ermöglichen. Und wir schauen uns beispielsweise die Entwicklung des Nachttisches an. Eigentlich scheint so ein ganz simples Ding zu sein. Aber es ist natürlich sehr, sehr hilfreich, wenn man bettlägerig ist, einen Tisch zur Seite zu haben, wo man Bücher ablegen kann, wo man Speisen ablegen kann etc. Aber wir schauen uns auch an, wie sich beispielsweise der Bettgagen entwickelt hat, damit die Patienten und Patientinnen die Möglichkeit hatten, sich selbst aufzurichten, ohne die Hilfe eines anderen. Und andere Werkzeuge, die da in diesen Bereich der technischen Erweiterungen fallen. Das ist extrem spannend, weil es gab auch viele Erfindungen zu diesem Thema. Und wir stellen beispielsweise eine Erfindung vor, da wird das Bett quasi zu einer Wundermaschine. Da ist alles aus dem Bett heraus möglich. Und das Bett ist quasi ein Schreibtisch, ist ein Entspannungsstuhl, ist Kinderbett. Also alle möglichen Arten des Sitzens und Liegens verdichten sich da in diesem Bettraum.
Interviewer:
Eine fantastische Science-Fiction-Vorstellung. Man muss sein ganzes Leben lang gar nicht mehr aufstehen.
Monika Ankele:
Genau, so ist es. Man kann alles vom Bett aus machen.
Interviewer:
Wo haben Sie denn diese Exponate her? Sind Sie da durch den Fundus Ihres Museums gegangen? Oder woher haben Sie die zusammengesammelt?
Monika Ankele:
Also wir haben extrem viele Archive durchforstet. Wir haben auch sehr, sehr viele Leihgeber und Leihgeberinnen. Und wir haben natürlich auch unser eigenes Museum durchforstet. Und das Universitätsarchiv, das eben auch die Akten der Charité aufbewahrt. Und hier sind wir eigentlich fündig geworden. Aber auch in kleineren Archiven, kleineren Museen, die einfach auch nochmal sehr ausgewählte Objekte aufbewahren.
Interviewer:
Haben Sie denn ein Exponat, wo Sie sagen, das ist das, in das ich mich verliebt habe? Das steht für die ganze Ausstellung. Das ist mein Lieblingsausstellungsstück?
Monika Ankele:
Das ist natürlich, da wir so viele unterschiedliche Ausstellungsstücke zeigen. Wir zeigen ja künstlerische Arbeiten. Wir zeigen aktivistische Positionen. Wir zeigen aber eben auch Archivmaterialien und Objekte. Es ist relativ schwer, da sozusagen ein Lieblingsobjekt auszusuchen. Aber was mich selbst überrascht hat bei der Recherche, war eigentlich, dass wir auch in einem kleinen Krankenhausmuseum auf Kopfhörer und ein Radiogerät gestoßen sind und dann im Universitätsarchiv Akten gefunden haben, die davon berichten, wie Ende der 20er Jahre hier an der Charité eine Rundfunkanlage installiert worden ist. Und es finden sich unglaublich viele Briefe von Kliniken, aber auch von Patienten und Patientinnen, die um Anschluss an diese Rundfunkanlage bitten, die um Kopfhörer bitten und Lautsprecher bitten. Und es gibt da einen Brief eines Patienten, der eben sich darüber beschwert, dass die Beamten immer den Radiosender abschalten, genau dann, wo es für ihn eigentlich spannend wird und interessant wird. Und er dann schreibt, dass nur weil er Patient in einem Krankenhaus ist, er nicht quasi das Interesse an der Welt verloren hat und dass er ein Recht darauf hat, quasi Informationen zu erhalten und eben an dieser Welt teilzunehmen. Und diese Verknüpfung von diesen Objekten eben, diesen Kopfhörern und dem Radiogerät mit diesen Briefen und auch ganz tollen Fotografien, das war für mich die größte Überraschung und mit einer der spannendsten und schönsten Teile in der Ausstellung.
Interviewer:
Ja, interessant. Wir haben ja gerade schon darüber gesprochen, dass man auf Hilfe angewiesen ist im Krankenbett. Sie haben auch ein Kapitel der Frage gewidmet, wie denn Menschen, die im Krankenbett liegen, ihre politischen Teilhaberechte wahrnehmen.
Monika Ankele:
Genau, also das mit der Rundfunkanlage schließt ja eigentlich schon genau an diese Frage an. Wie ist eigentlich gesellschaftliche Teilhabe vom Krankenbett aus möglich? Und das hat sozusagen die Leute, die Patienten, bettlägerigen Menschen nicht nur beschäftigt in den historischen Zeiten, sondern ist auch gegenwärtig ein sehr, sehr wichtiges und zentrales Thema. Und wir haben da auch so ein bisschen in den Archiven geforscht und recherchiert und eine ganz wichtige Entwicklung war natürlich auch die Entwicklung des Wahlscheins. Also, dass man ab 1957 in der Bundesrepublik mit der Einführung der Wahlscheine Menschen, die bettlägerig waren, auch ermöglicht hat, an politischen Wahlen teilzunehmen. Es gab davor zwar auch schon Wahlkommissionen, die in Krankenhäuser gekommen sind etc. Aber hier wird das dann wirklich einfach nochmal gesetzlich festgelegt. Und das ist natürlich auch ein wichtiger Schritt und auch ein wichtiges Zeichen.
Interviewer:
Wir haben zu Eingang unseres Gesprächs schon mal über Thomas Mann gesprochen und über die Horizontalen, bei denen ja das Liegen auch eine Form der Therapie war. Und da haben Sie mehrere Beispiele. Was ich ganz interessant finde, dass hier in Berlin-Charlottenburg, also in fast fußläufig von der Kulturstiftung der Länder 1904 die erste Waldschule gegründet wurde, die später Vorbild wurde für 200 etwa weitere in Deutschland, in der auch kränkliche Kinder, ich sag mal, in der Mittagspause rausgeschoben wurden, damit sie sich erholen.
Monika Ankele:
Genau, also das war auch natürlich ein überraschender und schöner Fund, diese Geschichte der Waldschule Charlottenburg, die von dem Kinderarzt Bernhard Bendix, der auch an der Charité tätig war, eine kurze Zeit lang mit ins Leben gerufen worden ist und die eben, wie Sie es schon beschrieben haben, kränklichen Kindern die Möglichkeit gegeben hat, im Wald unterrichtet zu werden, dort zur Schule zu gehen. Und das war ein Unterricht mit reduzierten Unterrichtszeiten, mit wenigen Schülern und Schülerinnen und sozusagen die Ruhepausen, die Mittagspausen, der Mittagsschlaf etc. Das waren ganz zentrale Elemente auch dieses Unterrichts in der Waldschule. und das ist überhaupt ganz spannend, wenn man sich dieses frühe 20. Jahrhundert anschaut, dass sie eine Zeit ist, wo sich sehr vieles verändert durch die Urbanisierung, durch neue Kommunikationsmittel, durch neue Verkehrsmittel etc. Das geht einher mit einer Vielzahl von nervösen Erkrankungen, die beschrieben werden. Und genau zu dieser Zeit entwickelt sich eigentlich so etwas, was wir in der Ausstellung als Kultur der Horizontalen beschreiben. Also ganz unterschiedliche Liegekuren etc., das Ruhehallen, werden ins Leben gerufen. Und jetzt nicht nur bezogen auf den medizinischen Kontext, sondern wirklich auch mit Blick auf die Prophylaxe und mit Blick in die Gesellschaft. Also die Waldschule ist ein Beispiel, aber auch die Ruhehallen, die der Psychiater Robert Sommer vorgesehen hat. Nämlich, dass es in allen Großstädten eine Halle geben sollte, wo Menschen sich kurz niederlegen können, um danach wieder gestärkt in die Stadt zu gehen und den Erledigungen nachzugehen. Das sind Ideen, die in dieser Zeit entstehen und teilweise auch realisiert werden.
Interviewer:
Und wie sich diese Kultur revolutioniert, sieht man daran, ich kann mich selber erinnern als Kind, dass man in Krankenhäusern stundenweise Kranke besuchen konnte und zu bestimmten Uhrzeiten dann rausgeschmissen wurde. Sie selber haben geschrieben, dass das in der Charité irgendwie zweimal zwei Stunden in der Woche gab, noch vor 25 oder 30 Jahren, in denen man in der Woche überhaupt Kranke besuchen konnte.
Monika Ankele:
Genau. Also das ist auch etwas, das wir in der Ausstellung zeigen. Und das finde ich, dass man sich einfach auch nochmal näher überlegen muss, was das eigentlich bedeutet, eben auch diese soziale Versorgung von Menschen, die krank sind, die bettlägerig sind, die im Krankenhaus sind, wie wichtig eigentlich soziale Beziehungen sind und wie sehr die eigentlich verunmöglicht waren lange Zeit, weil eben dieser Krankenbesuch nur für zwei Stunden vorgesehen war oder möglich war und überhaupt erst Mitte des 20. Jahrhunderts ausgeweitet wurde auf eine Abendzeit, so dass berufstätige Menschen eigentlich erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts unter der Woche die Möglichkeit hatten, ihre Angehörigen oder Freunde im Krankenhaus zu besuchen.
Interviewer:
Was hatte das denn für einen Hintergrund? War das irgendwie ruhetherapeutisch so wichtig oder hat man das für so wichtig gehalten, dass die Leute danach bestimmt nicht beim… Ich kann mich erinnern irgendwie, man musste um 18 Uhr das Krankenhaus verlassen oder durfte auch nicht mehr rein.
Monika Ankele:
Jetzt war Irving Goffman, der Soziologe, beschreibt ja unterschiedlichste Einrichtungen als totale Institutionen und eigentlich kann man das Krankenhaus auch als eine totale Institution beschreiben, weil sie in gewisser Weise ja abgeschlossen ist und das Leben der Patienten und Patientinnen sehr stark bestimmt und reglementiert. Ich schaue da jetzt gerade raus sozusagen, ich sitze ja hier in der Charité und schaue da nach draußen und auch die Charité ist von einer Mauer umgeben, die historisch schon immer da war und jetzt natürlich durchlässig ist, aber das zeigt ja auch diese Abgeschlossenheit von diesen Einrichtungen. Dass diese Besuchszeit so reglementiert war, mag mehrere Gründe haben, aber ein Grund war bestimmt auch die mögliche Ansteckungsgefahr, also was sozusagen von draußen nach innen gebracht wird, aber was von drinnen dann auch nach draußen geht und vor allem eben bezogen auf den Besuch von Kindern, dass hier auch Erfahrungen dann vielleicht gemacht werden im Kontakt mit kranken Menschen, die dann psychologisch auch vielleicht schwer wieder einzufangen sind. Deshalb gibt es nach wie vor Debatten darüber, ob Kinder ihre Angehörigen auf einer Intensivstation beispielsweise besuchen können sollen oder ob man das eher vermeiden sollte.
Interviewer:
Sie thematisieren in Ihrer Ausstellung auch, wie das Liegen unter anderem im Krankenbett mittlerweile als Ausdruck politischen Aktivismus genutzt wird. Da gibt es mehrere Aktionen oder hat es in der Vergangenheit gegeben, auf die Sie Bezug nehmen?
Monika Ankele:
Also wie wir begonnen haben, uns mit der Ausstellung zu beschäftigen, sind wir aufmerksam geworden auf die sogenannten Liegend-Demos, die Aktivistinnen ins Leben gerufen haben, um Aufmerksamkeit zu generieren für Betroffene von ME-CFS, einer schweren neuroimmunologischen Erkrankung, die mit einer starken Erschöpfung einhergeht. Und diese Demonstrationen finden regelmäßig im Mai statt und Menschen legen sich auf den Boden vor dem Hauptbahnhof hier beispielsweise in Berlin und machen eben aufmerksam auf die Erkrankung, aber auch auf die fehlenden Forschungsgelder, auf die fehlende Aufmerksamkeit auch von politischer Seite für diese Erkrankung. Und das fanden wir spannend, eigentlich hier nochmal einen ganz anderen Bezug zum Liegen aufrollen zu können, nämlich, dass das Liegen eben hier aus dem Privatraum nach draußen gebracht wird und das Liegen hier als eine Form des öffentlichen Protests wahrnehmbar wird. Und das hat uns interessiert, auch nochmal zu schauen, wie ist denn das, gibt es denn da historische Vorläufer? Und da sind wir auf die Aktionen der Gruppe ACT abgestoßen. Das war in den 1980er Jahren, Anfang der 1990er Jahre, eine Gruppe von Aktivisten und Aktivistinnen im Kontext der HIV- und Aids-Krise, die eben auch sich vor die Behörden auf die Straßen gelegt haben, um damit Aufmerksamkeit zu schaffen für HIV, für Aids, aber auch für die Stigmatisierung, die mit dieser Erkrankung einhergegangen ist und auch für den Mangel an Forschung, an Interesse, an Pflege, an Versorgungsstrukturen etc. Und auch das greifen wir in unserer Ausstellung auf und zeigen dann noch ein paar andere Beispiele auch für dieses Liegen als eine öffentliche Protestform.
Interviewer:
Wo Sie gerade von Aktionen sprechen, interessiert mich, was Sie denn noch zu dieser Ausstellung im Begleitprogramm machen. Ich habe mittlerweile vernommen, dass Sie auch Ihre Besucherinnen hinlegen.
Monika Ankele:
Genau. Also wir haben uns natürlich überlegt, dass es seltsam wäre, jetzt eine Ausstellung über das Liegen zu machen, wenn man diese Erfahrung nicht selbst in der Ausstellung auch machen kann. Und insofern haben wir auch zwei Stellen in der Ausstellung, wo man sich hinlegen kann. Einmal ist es eine Liege, die den Blick dann freigibt auf das Alexanderufer vor dem Museum. Und hier hat man die Möglichkeit, eine Audioarbeit von Angela Alves anzuhören, wo es um das Liegen geht. (.) Und die andere Arbeit ist von der Künstlergruppe Black Power Naps. Auch hier kann man sich hinlegen und sich quasi in eine ganz eigene Welt auch nochmal begeben. Und zum anderen haben wir auch in der Ausstellungsgestaltung überlegt, dass es auch hier eigentlich insgesamt wichtig wäre, beim Display der Ausstellung diesen Perspektivenwechsel schon irgendwie zu vermitteln. Und das Ausstellungsdisplay hat sich die Künstlerin Katrin Mayer überlegt. Und das ist so gestaltet, dass man eigentlich, um die Informationen lesen zu können, um die Bilder sich auch anschauen zu können, ist man immer dazu angehalten, in Bewegung zu bleiben. Das heißt, einmal muss man den Kopf nach oben drehen, um lesen zu können, und einmal nach unten. Also einmal die Aufsicht und die Untersicht. Und das ist sozusagen auch schon in dieser Perspektivenwechsel quasi, ist da schon in das Ausstellungsdisplay integriert.
Interviewer:
Horizontal, das Krankenbett und die Welt im Liegen, heißt die Ausstellung, die Sie im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité vom 29. Mai 2026 bis zum 2. Mai 2027 besuchen können. Mein Name ist übrigens Hans-Georg Moek und ich möchte Sie noch auf unsere Social Media hinweisen, unter denen Sie aktuelle Informationen zur Kulturstiftung der Länder finden, nämlich auf Facebook, Blue Sky, Instagram, LinkedIn und YouTube und natürlich auf unserer Webseite kulturstiftung.de. Und Ihnen, liebe Frau Ankele, danke ich ganz herzlich für diese Einführung in Ihre Ausstellung.
Monika Ankele:
Vielen Dank für die Einladung zu dem Gespräch.
Im Podcast spricht Monika Ankele, Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité und Kuratorin der Ausstellung, über die Ausstellung „Horizontal. Das Krankenbett und die Welt im Liegen“ im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité.
Abb.: © Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
Horizontal. Das Krankenbett und die Welt im Liegen
29. Mai 2026 – 2. Mai 2027
Berliner Medizinhistorischen Museum
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Freitag, Sonntag 10–17 Uhr, Mittwoch, Samstag 10–19 Uhr