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Transkription des Interviews zur Ausstellung „Gefühlte Wahrheiten, Zeppeline und Nationalsozialismus“ im Zeppelin Museum Friedrichshafen vom 22. Mai 2026 bis zum 4. April 2027.
Drei kurze Statements aus dem späteren Interview:
- Natürlich waren das ganz beeindruckende Technologien. Es war aber von Anfang an auch immer Teil der Marketingstrategie, könnte man sagen.
- Ich würde sagen, Technologie ist weder friedlich noch kriegerisch. Das ist, glaube ich, auch diese große gefühlte Wahrheit.
- Die Geschichte, wie sie bislang erzählt wurde, ist widersprüchlich.
Teaser: Ein Podcast von der Kulturstiftung der Länder.
Interviewer:
Ich grüße Sie herzlich, liebe Hörerinnen und Hörer. Zu dieser Episode in unserem Podcast Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder, in der wir über eine Ausstellung im Zeppelin-Museum Friedrichshafen sprechen. Gefühlte Wahrheiten, Zeppeline und Nationalsozialismus heißt die Ausstellung vom 22. Mai 2026 bis zum 4. April 2027, die die Nutzung oder besser die propagandistische Indienstnahme der Zeppelin-Technologie durch die NSDAP thematisiert. Darüber spreche ich jetzt mit zwei von vier kuratorisch verantwortlichen Menschen. Und zwar Dr. Tabea Wiedmann. Sie ist Referentin für digitale Vermittlung und Formatentwicklung. Und Felix Banzhaf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Zeppelin. Schöne Grüße nach Friedrichshafen.
Tabea Wiedmann:
Hallo.
Felix Banzhaf:
Hallo.
Interviewer:
Ich möchte einmal mit der Faszination beginnen, die diese Zeppelin-Luftfahrt seinerzeit ausgelöst haben muss und wahrscheinlich auch bis heute auslöst. Die Hindenburg und auch die Graf Zeppelin, die waren mit ihren 245 Metern Länge und einer Höhe von 41 Metern rund dreieinhalb Mal so lang wie das heute größte Flugzeug der Welt, die A380, und im Übrigen etwa dreimal größer als heutige Zeppeline und etwa so hoch wie ein Haus mit 14 Etagen. Wenn die dann fast geräuschlos daherschwebten, muss das Menschen der 1930er Jahre Ehrfurcht eingeflößt haben.
Felix Banzhaf:
Auf jeden Fall. Allein diese Art der Fortbewegung, dieses – also man spricht beim Zeppelin ja von Fahren – aber wenn ein riesiges Objekt am Himmel schwebt, das hat eine ganz eigenartige Faszination ausgelöst. Das ist auch was, was wir heute noch mit dem Zeppelin NT – der ist viel, viel kleiner mit 75 Metern – hier am Bodensee erleben.
Tabea Wiedmann:
Und gleichzeitig muss man da auch direkt bedenken, dass auch die Faszinationskraft von Zeppelinen von Anfang an forciert wurde. Natürlich waren das ganz beeindruckende Technologien. Es war aber von Anfang an auch immer Teil der Marketingstrategie, könnte man sagen, diese Faszination in der Bevölkerung zu schüren. Also diese Idee des Zeppelins als Faszinosum mitzuentwickeln und zu gestalten.
Felix Banzhaf:
Vielleicht noch ergänzend muss man dazu sagen, dass es natürlich in Deutschland ein wahnsinnig positiv konnotiertes Bild ist, während es in anderen Ländern, wo der Zeppelin eben eine Kriegswaffe war und Bomben gebracht hat, eher Angst und Schrecken ausgelöst hat. Also gerade Großbritannien, Frankreich.
Interviewer:
Ich habe jetzt gerade begonnen, sozusagen mit dem Bild des größten Zeppelins, den es je gab. Wenn wir mal noch einen Schritt zurückgehen: Die preußisch-deutsche Admiralität war ja bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs davon überzeugt, dass diese Zeppeline tatsächlich auch Flugzeugen überlegen waren, weil sie höher fliegen konnten, weil sie enorme Reichweiten hatten, weil sie schwere Lasten tragen konnten – und das ganz anders als bei Flugzeugen.
Felix Banzhaf:
Das stimmt. Also auch die Admiralität, Heer und Marine mussten erst von der militärischen Nutzung und Tauglichkeit der Luftschiffe überzeugt werden. Das war für Graf Zeppelin harte Arbeit. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stimmt es aber, dass die Zeppeline den damaligen Flugzeugen überlegen waren. Und Zeppeline sind auch die ersten strategischen Langstreckenbomber. Aber spätestens während des Kriegs hat sich das Flugzeug einfach so weiterentwickelt, dass es dem Luftschiff weit überlegen war. Und der Zeppelin hatte danach nur noch sehr eingeschränkte militärische Nutzung.
Interviewer:
Und trotzdem wurde, obwohl man also festgestellt hat, das ist jetzt nicht wirklich kriegsgeeignet, der Zeppelin weiterentwickelt – zur friedlichen Technologie für die luxuriöse Luftfahrt?
Felix Banzhaf:
Also ich würde sagen, Technologie ist weder friedlich noch kriegerisch. Das ist, glaube ich, auch diese große gefühlte Wahrheit, die wir versuchen aufzubrechen. Sondern Technologie ist immer ambivalent und es ist immer die Frage der Nutzung. Und man hat eben diese Technologie während des Weltkriegs weiterentwickelt – auch wenn Kosten und Risiken keine geringe Rolle gespielt haben. Man hatte das Know-how und hat einen neuen Markt gesucht. Und das war eben der zivile Personenverkehr. Und dann hat auch Hugo Eckener durch sehr gutes Marketing es geschafft, den Zeppelin als friedliches, völkerverbindendes Instrument zu vermarkten.
Tabea Wiedmann:
Es wird auch daran deutlich, dass gerade in diesem sogenannten goldenen Zeitalter nicht nur diese Fahrten stattfanden, sondern zugleich und von Anfang an deren Dokumentation: Reiseberichte, Bilder, die dann durch diverseste Medien gingen. Also man hat von Anfang an das Bild mitgenutzt, die Erzählung mitgenutzt. Und dass sich genau diese positive Deutung so hält, ohne dass diese Technologie eigentlich irgendeines der Versprechen eingelöst hat – weder als Kriegswunderwaffe noch als Völkerverständiger –, daran sieht man, wie stark diese gefühlten Wahrheiten präsent sind und nachwirken.
Interviewer:
Sie haben gerade den Begriff „goldenes Zeitalter“ verwandt. Was muss ich mir darunter vorstellen?
Felix Banzhaf:
Also das sind dann die späten 20er- und 30er-Jahre, in denen es mit LZ 127 Graf Zeppelin – der wurde 1928 fertiggestellt – jede Menge Pionierfahrten gab: unter anderem eine Weltfahrt mit nur vier Zwischenstopps, eine Arktisfahrt, Orientfahrten und dann in den frühen 30er-Jahren den ersten fahrplanmäßigen Linienverkehr nach Südamerika, später mit LZ 129 Hindenburg nach Nordamerika. Das war in einer Zeit, in der das Flugzeug einfach noch nicht diese Reichweite hatte. Das war die schnellere Verbindung zum Seeschiff über den Nordatlantik. Und darum eben auch das goldene Zeitalter. Auch da hat das Flugzeug wahnsinnig schnell aufgeholt – 1939 gab es mit der Boeing Dixie Clipper schon den ersten Flugzeugliniendienst über den Nordatlantik. Und auch wieder im Krieg als Technologietreiber hat sich dann das Flugzeug so weiterentwickelt, dass da Zeppelin danach einfach keine Chance mehr hatte, auch vor allem von der Flugdauer.
Interviewer:
Sie schreiben, Herr Banzhaf, in dem die Ausstellung begleitenden Katalog, dass Ihnen bis heute in Ihrer täglichen Arbeit diese gefühlten Wahrheiten begegnen. Wenn etwa behauptet wird, der Betrieb in Friedrichshafen und die dortige Belegschaft seien unpolitisch und dem NS-Staat missliebig gewesen. Woher kommen solche gefühlten Wahrheiten?
Felix Banzhaf:
Also ich glaube, ein Teil davon ist ganz stark aus der Zeit der sogenannten Entnazifizierung, wo sich eben auch hier die Belegschaft, aber die Verantwortlichen, also als Hauptverantwortlicher Hugo Eckener, Vorsitzender der Luftschiffbau Zeppelin GmbH und auch der Zeppelin Stiftung, dann als Wehrwirtschaftsführer sich auch einfach Entnazifizierung stellen mussten. Und in dieser Zeit hat man natürlich ganz stark daran gearbeitet zu zeigen, man wurde gezwungen, man war angeblich auch ein Opfer des NS-Staates und fortgeführt. Also die liebgewonnenen Zeppeline, die hier einen wahnsinnig hohen Nostalgiefaktor haben, sind einfach wahnsinnig prägsam für die Region, total wichtig. Also die ganze Industrie dieser Region geht auf Graf Zeppelin zurück. Und alles, was man dann nutzen konnte, um zu sagen, man war eigentlich in der NS-Zeit gar nicht verantwortlich auch für die Verbrechen und die Nazis hätten angeblich den Zeppelin missbraucht, das sind dann liebgewonnene Erzählungen und auch Erzählungen, die eigentlich nie richtig erforscht und hinterfragt wurden. Also es gibt bis heute keine kritische Biografie zu Hugo Eckener, der dann in der Zeit der Entnazifizierung seine eigene Geschichte geschrieben hat.
Interviewer:
Auf den Hugo Eckener möchte ich gleich gerne nochmal gesondert eingehen. Aber vielleicht erzählen Sie doch mal vorab, inwiefern die NSDAP die Zeppeline in die Inszenierung ihrer eigenen Partei, in die Inszenierung des Deutschen Reichs integriert haben, involviert haben.
Felix Banzhaf:
Also das war von Anfang an. Wir haben am 1. Mai, also dem nationalsozialistischen 1. Mai 1933, fährt Graf Zeppelin LZ 127 nach Berlin auf Tempelhofer Feld, wo Goebbels und Hitler eine Rede halten. Die Zeppeline wurden durchweg zu bestimmten Fahrten eingesetzt, zum Beispiel 1936 die sogenannte Wahlpropagandafahrt. Hitler hatte den Reichstag aufgelöst, um die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands, also die Militarisierung, sich formal auch zustimmen zu lassen. Also mit dieser Scheinwahl. Da sind beide Zeppeline, also die ganz neue Hindenburg und Graf Zeppelin, beide Luftschiffe zu einer Deutschlandfahrt sind zusammen aufgebrochen, haben tonnenweise Flugblätter mit NS-Propaganda abgeworfen, Propagandalieder abgespielt. Es gibt da einen Propagandafilm, den wir auch in der Ausstellung zeigen, der belegt, es war auch ein Wahllokal an der Hindenburg. Das wurde propagandistisch ausgeschlachtet. Die Wahl, also das Wahlergebnis dort wurde direkt bekannt gegeben. 100% Zustimmung für Adolf Hitler. Und das wurde dann natürlich über Film, über Medien, über Rundfunk, die Volksempfänger und Radiogeräte verbreitet. Und das sind einfach nur mal zwei Beispiele. Wir haben noch viel mehr Fahrten. Die Sudeten und die sogenannte Egerfahrt, die dann die Besetzung oder die Zerschlagung der Tschechoslowakei und die Annexion des Sudetenlandes legitimieren sollten. Da waren die Zeppeline einfach immer mit dabei.
Tabea Wiedmann:
Genau, vielleicht daran anschließend, könnte man es vielleicht noch ein bisschen allgemein oder abstrakt so nachvollziehen, dass der Zeppelin war ja schon ein sehr aufgeladenes Symbol, das sich dann wiederum für die nationalsozialistische Propaganda einfach sehr geeignet hat. Im Moment wieder Narrative wie Deutschtum oder auch das deutsche Genie, das dann ganz stark auf den Graf Zeppelin übertragen wurde, zu reaktivieren. Und wir hatten ja eingangs auch über diese Größe dieser Luftgefährte gesprochen. Das waren natürlich auch ganz praktisch riesige Projektionsflächen, die sehr, sehr sichtbar auch diese Form von Imperial Duktus abbilden konnten, indem sie also in die ganze Welt gereist sind, dabei dokumentiert werden konnten, dabei stets auch das Hakenkreuz auf den Leitwerken stehen hatten. Das heißt, die nationalsozialistische Partei und Ideologie über allem konnte hier ganz, ganz einfach und eindrucksvoll inszeniert werden. Und andererseits muss man auch anerkennen, das hat ja Herr Banzhaf schon angesprochen, Die Zeppeline wurden für diese Fahrten auch zur Verfügung gestellt. Das heißt, das wurde dem Unternehmen nicht, wurde dazu nicht gezwungen, sondern man ist darauf auch mit eingestiegen und hat davon ja auch profitiert.
Interviewer:
Und mitverantwortlich war der von Ihnen gerade schon angesprochene Hugo Eckener. Der war nämlich nach dem Tod von Ferdinand Graf von Zeppelin ab 1917 Leiter der Zeppelin Luftschifffahrt und spätestens ab 1929 mit der Weltumrundung mit der Graf Zeppelin ein Superstar, also weltberühmt und war zunächst ablehnend. Aber wenn ich das richtig verstehe, ab 1934 hat er sich uneingeschränkt zu Adolf Hitler bekannt. Das dürfte ein Schwerpunkt Ihrer Ausstellung sein.
Felix Banzhaf:
Also das Schwierige ist vor allem die Quellenlage, dass die bislang noch nicht komplett erschlossen ist. Wir haben eigentlich vor zwei Jahren, wo wir wirklich begonnen haben mit diesem Projekt, auch in verschiedensten Archiven begonnen zu recherchieren, neue Akten, neue Unterlagen rauszusuchen und haben dann einen externen Autor, Professor Jürgen Glöckler, gefunden, der dieses Thema nochmal auch ebenfalls erforscht hat, erschlossen hat und so einen ersten Aufschlag eigentlich zu Hugo Eckener gemacht hat. Und Hugo Eckener, also wir haben eine Quelle gefunden von 1933, dass sich Eckener wirklich auch gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hat. Aber dieser Widerstand, den hat er spätestens Mitte der 30er Jahre aufgegeben und die Zeppeline bereitwillig zur Verfügung gestellt. Er wurde auch, weil sie war nicht Vorsitzender der deutschen Zeppelin-Reederei, was vielleicht auch eine Folge der Querelen mit dem NS-Staat zu Beginn gewesen sein könnte. Aber er wurde zum Wehrwirtschaftsführer ernannt und er hat während des Krieges sein Vermögen auch aufgrund von Zwangsarbeit und eben durch die gesamte Rüstungsindustrie vervielfacht. Und er hat letztendlich vom Krieg profitiert.
Tabea Wiedmann:
Das heißt, damit ist Eckener einfach eine Figur, an der sehr deutlich nachvollziehbar ist, dass zum Beispiel eine unabhängige Quellenlage bislang nicht bestand, dass also diese Nacherzählung ganz eindeutig von ihm mitgeprägt ist. Und der Ansatz ist jetzt, und das ist, glaube ich, so der insgesamte Ansatz der Ausstellung, vom historischen Material ausgehend nochmal einen kritischen, prüfenden Blick darauf zu werfen. Und gerade im Kontext von Eckener wird klar, die Geschichte, wie sie bislang erzählt wurde, ist widersprüchlich. Und diese Widersprüche aufzudecken, das ist wichtig. Und dem fühlen wir uns verpflichtet. Und das ist der Grundgedanke der Ausstellung.
Interviewer:
Jetzt ist ja dieser Eckener, ich sagte das gerade, so ein Superstar der Luftfahrtgeschichte, nachdem auch in Deutschland viele Straßen benannt sind. Ich frage mich, gibt es da eigentlich Gegenwind, wenn Sie so eine differenzierte Betrachtung anstellen zu dieser Person? Oder zu dem Thema insgesamt?
Felix Banzhaf:
Bislang zum Glück noch nicht. Wir hoffen aber natürlich, dass wir eine Diskussion mit unserer Forschung, mit unserer Arbeit, mit dieser Ausstellung anstoßen werden. Wie man mit Eckener umgeht, das ist von uns auch keine vorgegebene Entscheidung oder Empfehlung, sondern wir wollen wirklich ins Gespräch gehen und auch zeigen Eckener: Ja, er war ein toller Luftschiffer. Seine Leistungen für die Luftschifffahrt sind unbestritten. Aber es gibt eben auch eine andere Seite an Hugo Eckener, eben dieser Wehrwirtschaftsführer, dieser Kriegsprofiteur. Und damit eben, ja, wirklich ins Gespräch gehen, ob er auch heute noch so dieses großartige Vorbild ist. Es gibt schon Straßennamen, also Kommissionen, diese Diskussion. Um die Straßennamen unterschiedlichste Städte haben Eckener da auch unterschiedlich eingeordnet. Aber keine dieser Kommissionen hat irgendwie auch wirklich ihn erforscht, sondern man hat sich eigentlich immer auf die vorhandenen Erzählungen, die alle auf Eckener direkt selber zurückgehen, als Grundlage verlassen. Und vielleicht gibt es in Zukunft dann auch einfach ein anderes Bild oder was wir uns total wünschen würden, wirklich auch eine wissenschaftliche Biografie zu ihm. Also das ist nur der Anstoß der Forschung.
Tabea Wiedmann:
Deswegen heißt diese Ausstellung ja auch gefühlt Wahrheiten, weil natürlich, also wir begreifen darunter eben emotionalisierte Annahmen, Überzeugungssätze letztlich über die Vergangenheit. Und das heißt, solche Überzeugungssätze sind natürlich oft mit tiefen Emotionen verbunden. Und diese sozusagen zu enttarnen, da ist natürlich auch eine bestimmte Schmerzhaftigkeit enthalten. Und ich glaube, dessen sind wir uns auch bewusst. Aber auch das ist Teil von verantwortungsvoller Aufarbeitung, sich eben anzugucken, inwiefern bilden diese geführten Wahrheiten Teile von Deck-Erinnerungen, die unser Verhältnis zur Vergangenheit vielleicht befrieden, es bequemer machen, aber deswegen eben nicht wahrer sind, sondern eben auch als solche Deck-Erinnerungen identifiziert und benannt gehören.
Interviewer:
Wie muss ich mir denn dann diese Ausstellung vorstellen? Also wie stellen Sie das aus, indem Sie gefühlte Wahrheiten und tatsächliche Wahrheiten nebeneinanderstellen?
Tabea Wiedmann:
Also wir versuchen vor allem vom Material auszugehen und als Leitmotiv haben wir uns das Raster gesetzt. Also Hilfe dieses Rasters finden wir eine Möglichkeit, ein Ordnungssystem auf die Quellen zu legen und mit einer gewissen kritischen Distanz drauf zu blicken und eben zu hinterfragen, wo finden wir welche Spuren, was lässt sich daraus aus der Geschichte tatsächlich von der Sammlung vom Material aus für Aussagen treffen. Und demgegenüber werden die gefühlten Wahrheiten als Projektionen im Raum sein, denn sie stehen ja letztlich auch im Raum. Das ist ja auch das, was für uns schwergefallen ist, denn oft ist es ja so etwas Unhinterfragtes, Gehörtes, etwas, das man nie hinterfragt hat, das man an weißen Überzeugungen so dabei hat, oft aber gar nicht sich greifbar an einem Punkt in der Geschichte oder an einem Objekt ableiten lässt. Und das ist eben so der Gedanke zu sagen, diesem Spannungsgefüge versuchen wir räumlich gerecht zu werden, um dann aber in insgesamt 13 Kapitel aufgeteilt an konkreten Beispielen diesen gefühlten Wahrheiten zu begegnen.
Interviewer:
Ich habe den Eindruck, wenn ich Ihren Katalog in die Hand nehme, dass Ihnen der Bezug zu heute sehr wichtig ist. Also den machen Sie ja auch ganz explizit, wo es wieder um eine geschichtsklitternde Aneignung der Vergangenheit geht. Ist das, findet sich das auch in der Ausstellung?
Tabea Wiedmann:
Das findet sich ganz bewusst und auch viel in der Ausstellung. Das ist vor allem Leitsatz oder Leitmotiv für unsere Vermittlungsstationen. Denn wir glauben, oder das ist eigentlich die Brücke in die Gegenwart, dass wir eigentlich in einer Zeit der gefühlten Wahrheiten liegen. Also dass politische Bildung immer mehr auch Medienbildung bedeutet, weil beispielsweise durch Algorithmen, durch Aufmerksamkeitsökonomien und nicht zuletzt durch künstliche Intelligenz und deren Inhalte beispielsweise ja extreme Erzählungen gestärkt werden, forciert werden, dass ganz oft eben solche Glaubenssätze, wie wir sie als gefühlte Wahrheiten greifen, weitergetragen werden, dabei reproduziert werden und uns immer wieder begegnen. Und es gilt uns hier zu sensibilisieren und uns eben auch ganz klar die Frage zu stellen, wo begegnen uns heute gefühlte Wahrheiten, nicht nur über die Vergangenheit, sondern eben auch in der Gegenwart. Wie können wir uns ihnen gegenüber sensibilisieren und am Ende, wie können wir ihnen auch begegnen? Denn diese Ausstellung fußt natürlich auch auf die Überzeugung, dass sowas wie eine persönliche Verantwortung heute wichtiger denn je ist. Also dass in diesem „Nie wieder“ und dieser Aufarbeitung letztlich auch ein Handlungsaufruf liegt. Und da möchten wir unsere BesucherInnen schulen oder Angebote machen zumindest, sich hier selber neue Kompetenzen anzueignen.
Interviewer:
Das ist ja auch ein Thema, das insbesondere für Ihren Museumssitz von großer regionalhistorischer Bedeutung ist. Sie haben in dem Aufsatz, den ich gelesen habe, in Ihrem Ausstellungskatalog, den Sie mit Dominik Busch zusammengeschrieben haben, von einer breit angelegten Öffnung Ihres Hauses hin zur Stadtgesellschaft geschrieben. Was ist da geplant?
Tabea Wiedmann:
Also zum einen haben wir im Rahmen von unserem Begleitprogramm verschiedenste Angebote, vor allem auch Diskussionsformate. Es geht uns wirklich darum, die Stadtgesellschaft, aber eben auch andere MedienakteurInnen, MedienpädagogInnen einzuladen, zu dem Thema ins Gespräch zu kommen. Also so Stichwort Netzwerke schaffen, also auch Resilienznetzwerke, glaube ich, schaffen. Das ist gerade etwas ganz Wichtiges für Bildungsinstitutionen, wie auch wir als Museum uns verstehen. Das ist ganz klar forciert im Begleitprogramm. Und zum anderen findet auch die Ausstellung in einem breiter angelegten Jahresthema der Stadt statt. Beispielsweise findet auch die Konferenz, oh, ich gucke jetzt kurz an den Herrn Banzhafter, wie ich den Namen richtig sage.
Felix Banzhaf:
Des Denkstättenkuratoriums, eben die Netzwerktagung der Gedenkstätten Südwürttemberg, bei uns eben statt.
Tabea Wiedmann:
Super, vielen Dank. Genau, und so heißt eigentlich, das Jahresthema Friedrichshafen erinnert sich. Und ich glaube, hier sieht man ganz stark, wie wichtig es für uns ist, hier die AkteurInnen vor Ort einzubinden, sowohl aus dem Gedenkstättenkontext, aus der politischen Bildung, aber eben auch aus der Stadtgesellschaft.
Interviewer:
Ich bin sehr gespannt, was wir von Ihnen hören. Gefühlte Wahrheiten, Zeppeline und Nationalsozialismus, heißt die Ausstellung, vom 22. Mai 26 bis zum 4. April 2027 im Zeppelin-Museum in Friedrichshafen. Und Facebook, Instagram, LinkedIn, Blue Sky und YouTube heißen die Kanäle, auf denen Sie Hinweise auf die Tätigkeit der Kulturstiftung der Länder und auch auf weitere Folgen dieses Podcasts, Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder finden, wie natürlich auch auf unserer Webseite kulturstiftung.de. Ich danke Ihnen, Frau Dr. Wittmann und Herr Banzhaf, und wünsche Ihnen viel Erfolg mit diesem Ausstellungsprojekt. Herzlichen Dank.
Felix Banzhaf:
Herzlichen Dank.
Tabea Wiedmann:
Vielen Dank auch für das schöne Gespräch.
Im Podcast spricht das kuratorische Team, Dr. Tabea Widmann und Felix Banzhaf, über die Ausstellung „Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus“ im Zeppelin Museum Friedrichshafen.
Abb.: © Zeppelin Museum
Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus
22. Mai 2026 – 4. April 2027
Zeppelin Museum Friedrichshafen
Seestraße 22, 88045 Friedrichshafen
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 9–17 Uhr