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Transkription des Interviews zur Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ im Schloss Augustusburg in Brühl vom 19. September 2026 bis zum 10. Januar 2027
Ein kurzes Statement aus dem späteren Interview:
• Er war tatsächlich einer der Stars, könnte man sagen, der Kunstgeschichte.
• Das macht man einmal im Leben, dass man wirklich einen Künstler dieser Bedeutung zeigen kann.
Teaser: Ein Podcast von der Kulturstiftung der Länder.
Interviewer:
Einen wunderschönen, ja ich sage heute mal guten Abend an alle Hörerinnen und Hörer unseres Podcasts Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder, weil wir ja tatsächlich am ganz späten Nachmittag diese Episode aufzeichnen. Heute geht es um einen Maler, der, was die Wirkungsgeschichte angeht, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raphael oder Tizian ebenbürtig wäre, sagt der verantwortliche Kurator der ersten größeren Ausstellung zu diesem Künstler überhaupt außerhalb von Italien. Correggio heißt der Maler. „Correggio. Berührend menschlich“ heißt die Ausstellung, die die staatlichen Kunstsammlungen Dresden vom 19. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 im Zwinger in Dresden zeigen. Und mit dem gerade zitierten Kurator Dr. Andreas Plackinger bin ich jetzt telefonisch verbunden.
Ich grüße Sie, Herr Plackinger. Guten Abend, ich grüße Sie. Herr Plackinger, wann waren Sie zuletzt in der Emilia-Romagna?
Andreas Plackinger:
Ich war tatsächlich im Dezember zum letzten Mal in der Emilia-Romagna im tiefsten Nebel und es hat viel geregnet. Und ich bin die Orte abgereist, die Correggio, ja, in dem Correggio tätig war, die ihn geprägt haben. Und das war natürlich sehr, sehr aufregend, gerade wenn man an so einem Projekt sitzt, sich nochmal vor Ort umsehen zu können.
Interviewer:
Für all jene, die das jetzt nicht wissen, die Emilia-Romagna ist eine Region, die bekannt ist als Heimat von Ferrari, Maserati oder Lamborghini. Dort stammt der Parmesan-Käse oder der Parmaschinken her, während der Renaissance Maler Correggio, der nach 1500 in dieser Region gewirkt hat, vergleichsweise, vor allem im Vergleich mit den großen Namen, die ich gerade genannt habe, eher unbekannt ist. Aber das war einmal anders…
Andreas Plackinger:
Ja, also er war tatsächlich einer der Stars, könnte man sagen, der Kunstgeschichte. Er war einer der Künstler, die das Bildungsbürgertum auf jeden Fall kannte. Und wenn sie einen Blick in die europäische Literatur werfen, dann werden sie feststellen, wie omnipräsent dieser Correggio ist. Also er wird erwähnt von Goethe, von Balzac, von Ibsen, von den Brüdern Goncourt. Man könnte dann wirklich eine Literaturgeschichte im Kleinen schreiben, wenn man nur mal die Bemerkung zu Correggio sammeln würde.
Interviewer:
Ich mache jetzt mal Werbung für unser Stiftungsmagazin Arsprototo. Da haben sie nämlich für die Ausgabe 1.2026 einen Beitrag über genau diese Ausstellung, über die wir sprechen, verfasst. Den man übrigens im Internet findet unter www.kulturstiftung.de/dem-himmlischen-nah. Und dort haben sie genau das geschildert, wie zahlreiche Schriftsteller auf Correggio verweisen. Was haben die denn über Correggio geschrieben? Also die waren in erster Linie begeistert, wie nahbar durch ihn das Heilige geworden ist. Also Goethe beispielsweise erwähnt in seinen Gesprächen mit Eckermann, bei ihm ist das Heilige allgemein menschlich geworden, so schreibt er. Oder für Balzac, er schreibt über ein Gemälde, das wir auch in der Ausstellung haben werden, eine Venus. Das sei eines der herausragendsten Werke der Kunst. (.) Und natürlich, was mich als Kunsthistoriker interessiert, ist, dass nicht nur die Schriftsteller begeistert waren, sondern dass Maler über Jahrhunderte sich an diesem Maler Correggio orientiert haben. Also beispielsweise ein Annibale Caracci, ein Rubens, ein Anton Raphael Mengs oder auch Künstler wie Boucher. Also Künstler, die ganz unterschiedlich sind. Jeder konnte für sich aus Correggios Kunst etwas ziehen. Und das ist natürlich hochspannend.
Interviewer:
Jetzt sind wir natürlich in der misslichen Situation, über Bilder zu sprechen, die man in einem Audio-Podcast nicht hört. Können Sie das einem Hörer erklären, was das bedeutet, dass Correggio das Heilige nahbar gemacht hat?
Andreas Plackinger:
Stellen Sie sich beispielsweise vor, Figuren, die eine ganz beseelte Mimik haben, die eine unglaubliche Freude ausstrahlen in ihrer Körperhaltung, eben mit ihren Gesichtszügen, die unglaublich reaktiv sind, die uns anblicken, die uns wirklich in das Geschehen mit hineinnehmen. Und das Ganze dann häufig in Bildern mit einer ganz ausgeklügelten, besonderen Lichtsituation, mit wirklich spektakulärem Hell-Dunkel. Und stellen Sie sich auch Figuren vor, die eine unglaublich weiche Haut, unglaublich flaumiges Haar haben. Und dann machen Sie sich klar, dass diese Bilder um 1530 entstanden sind. Also lange bevor eigentlich die Barockmalerei die große Emotionen ins Bild setzt. Und lange bevor ein Correggio beispielsweise das Hell-Dunkel zum Grundprinzip seiner Gestaltung macht.
Interviewer:
Es gibt ein Gemälde, das sich auch im Besitz der staatlichen Kunstsammlung Dresden befindet. Das ist La Notte, ein Gemälde von Correggio, das im 18. Jahrhundert als das berühmteste Gemälde Europas galt. Wie kommt das?
Andreas Plackinger:
Tatsächlich wissen wir, dass es sogar schon 1660 als „famosissima“, sozusagen als allerberühmtest, bezeichnet worden ist. Ich denke, das Gemälde ist deswegen so berühmt, weil es eben eine Vielfalt von Emotionen vermittelt. Also einerseits Mutterliebe, Erschrecken angesichts dieses Wunders, dass das Licht der Welt auf die Welt gekommen ist. Oder auch Erstaunen, Freude, Beseeltheit, Ratlosigkeit, alles in einem Bild versammelt. Und das Verrückteste ist ja eigentlich, dass dieses Bild sich heute in Dresden befindet. Es kam daher, dass ein Kurfürst, Friedrich August II., als König von Polen, August III., dass er eben die Sammlung des Herzogs von Modena aufgekauft hat, der dieses Bild besessen hat. Und vielleicht noch in Klammern dazu, das Bild selbst ist in die Sammlung des Herzogs von Modena durch Diebstahl gelangt. Einer seiner Vorgänger hat das Bild aus der Kirche stehlen lassen, weil die Gemeinde es nicht rausrücken wollte. Aber der fürstliche Sammler wollte es unbedingt haben. 1640 hat er es dann geschafft durch einen Einbruch. Also da kann man vielleicht auch ablesen, wie begehrt Correggio gewesen ist, schon im 17. Jahrhundert.
Interviewer:
Dieses Modena, von dem Sie gerade sprechen, das ist ja heute der Firmensitz von Maserati. Und wenn man dort in Richtung Nordosten fährt, eine halbe Stunde, dann gelangt man nach Correggio, woher ja der ursprünglich Antonio Allegri heißende seinen Namenszusatz her hat. Und wenn man nochmal eine gute halbe Stunde weiterfährt, dann gelangt man nach Parma, wo Correggio die Kuppel des Doms ausgemalt hat. Und das in einer Weise, die, das wissen Sie besser als ich, die Kunstgeschichte enorm beeinflusst hat. Können Sie das mal beschreiben, was man da sieht und worin dieser Einfluss lag?
Andreas Plackinger:
Ja, also stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem großen Kirchenraum, haben über sich eine große Kuppel. Und was Sie sehen ist eine Wolkenspirale, in der sich Engel tummeln. Viele Figuren überschneiden sich, manchmal sehen Sie nur Beine. Und dann sehen Sie eine Gestalt, die fällt wirklich aus der Mitte vom Himmel. Und die Mutter Gottes, deren Himmelfahrt wir da sehen, die fährt nach oben. Und es scheint, als würden sich die Wände auflösen, als würde, ja, über uns wirklich einfach nur Wolke und Lichter Himmel sein. Und damit ist Correggio zum Ahnherrn der illusionistischen Deckenmalerei des Barock geworden. Also das, was die Künstler 100 Jahre später in Rom machen, ein Andrea Pozzo beispielsweise, das nimmt da eigentlich in Parma seinen Anfang. Und damit ist natürlich Correggio ein ganz, ganz wichtiger Meilenstein auch für die Deckenmalerei geworden.
Interviewer:
Und er war ein Superstar, Sie haben es ja schon gesagt. Und jetzt ist im letzten Jahrhundert seine Bekanntheit verblasst. Wie kann man das erklären?
Andreas Plackinger:
Also wie immer gibt es natürlich mehr als einen Grund. Also erstmal haben wir es mit einem Geschmackswandel zu tun. Also die Kunst von Correggio ist sehr stark auf das Gefühl gemünzt. Das betrifft sowohl die religiösen Themen, allerdings auch seine Werke, profanen Inhalts, die eine ganz spüle Erotik auszeichnet. Und da würde ich sagen, das ist für ein bürgerliches Publikum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und gerade auch in Dresden, wo wichtige Werke waren, ein protestantisches Bürgertum als Publikum gewesen ist. Das war einfach ein bisschen too much. Da hat sozusagen ein zurückhaltenderer Raphael mehr gepasst. Es hat aber auch damit zu tun, dass Correggio selbst ja niemals in den großen Kunstzentren Rom, Florenz und Venedig tätig gewesen ist, sondern ausschließlich in der Emilia-Romagna und mit dem Aufkommen der Eisenbahn und einem anderen Reiseverhalten. Da war man einfach nicht mehr gezwungen, Stopp zu machen in Parma, in Modena und konnte damit sozusagen die Hauptwerke von Correggio verpassen. Und dann haben wir noch den Punkt, dass die Fotografie als das wichtigste Vermittlungsmedium auftaucht. Und gerade bei Correggio geht es um Farbe. Es geht um riesengroße Deckenflächen, die auch räumlich gestaltet sind. Und das kann eine Fotografie schlechter vermitteln als sogar ein Kupferstich. Und die Werke von Correggio, die Gemälde wiederum, sind dann sehr kleinteilig auch. Das ist natürlich auch was, was für die Abbildung in einem Kunstbuch auch nicht besonders geeignet ist. Und dann gab es sogar noch einen weiteren Punkt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich die Kunstgeschichte als wissenschaftliche Disziplin etabliert und beschäftigt sich dann gerade in dieser Zeit ganz besonders mit Form und Stilfragen. Und Correggio wiederum hat eine Kunst geschaffen, die zwischen den Stilen steht. Also er arbeitet in der Zeit der Renaissance, aber das, was er macht, ist zu wenig klassisch, zu wenig harmonisch. Es ist im Prinzip schon zu gefühlvoll, eigentlich barock, aber dazu ist er zu früh. Und ja, ich glaube, das sind alles Punkte, die dazu beigetragen haben, dass wir ihn heute eigentlich gar nicht mehr so auf dem Schirm haben.
Interviewer:
Das könnte sich ja jetzt ändern. Sie sind sozusagen der erste Kurator weltweit, muss man sagen, der eine Ausstellung zu diesem Star außerhalb von Italien kuratiert und zu dessen Wiederentdeckung beitragen kann. Das muss sich ja für Sie wie eine Riesenherausforderung und auch wie ein Ritterschlag anfühlen
Andreas Plackinger:
Ja, also das ist eine Sache, vor der ich wirklich Respekt habe. Ich glaube, das macht man einmal im Leben, dass man wirklich einen Künstler dieser Bedeutung zeigen kann, der allerdings so noch nicht bekannt ist. Und dass man sozusagen das Bild mitprägen kann, dass dieser Künstler in Zukunft, wie soll ich sagen, oder dass sich die Leute zukünftig von ihm machen werden. Das ist natürlich ganz, ganz großartig. Und ja, ich freue mich wahnsinnig auf diese Ausstellung und über diese Gelegenheit.
Interviewer:
Ich freue mich auch drauf, habe aber vorher noch ein paar Fragen. Anlass der Ausstellung ist ja eine Restaurierung des Werkes Madonna des Heiligen Sebastian, gefördert von der Ernst-von-Siemens-Kunst-Stiftung und der Schof‘schen-Stiftung. Ich habe gelesen, ich weiß gar nicht, ob es aus Ihrem Artikel ist, dass dort 15 Schichten von Übermalungen und Firnissen entfernt wurden. Das muss ja ein monumentaler Akt gewesen sein, dieses Werk sozusagen wieder aus Farbschichten auszupacken.
Andreas Plackinger:
Ja, und Sie sagen ein sehr schönes Wort, auspacken. Also wir sehen jetzt eigentlich das erste Mal seit 500 Jahren wieder bei diesem Gemälde die originalen Farben von Correggio, die unglaubliche Plastizität, die er seinen Figuren gegeben hat. Und es hat tatsächlich vier Jahre gedauert, dieses Werk zu restaurieren, weil an diesem Werk, das die dickste Restaurierungsakte von allen Gemälden der Gemäldegalerie Alte Meister hatte, weil dieses Werk ein, würde ich sagen, Rundumpatient war. Also auch der Bildträger, der aus fünf Holzbrettern bestand, war komplett verzogen. An den Fugen war die Malerei weggebrochen, über Jahrhunderte immer wieder ergänzt und erweitert worden. Ja, und wir sehen jetzt zum ersten Mal seit fast 500 Jahren dieses im wahrsten Sinne des Wortes strahlende Werk. Das ist berührend und da freue ich mich auch ganz besonders drauf, dass unser Publikum das zum ersten Mal jetzt auch dann sehen kann.
Interviewer:
Sie haben ja Ihrer Ausstellung den Namen gegeben, Correggio, berührend menschlich. Was hat es damit auf sich?
Andreas Plackinger:
Wir haben uns die Frage gestellt, einerseits, was ist das Typische für Correggio, das Correggeske? Übrigens eine Frage, die schon im 18. Jahrhundert gestellt wurde. Da hat man sich dann mit dem Begriff der Correggiosity in Großbritannien aus der Affäre gezogen. Wie können wir Correggio auf den Punkt bringen? Was für eine Lesart von Correggio können wir anbieten? Und was wir eben festgestellt haben, ist, dass mit Correggio die Darstellungsgegenstände, die Heiligen, die Götter, die er zeigt, so eine unglaubliche Nahbarkeit erhalten. Das ist das, was einen Goethe fasziniert hat, was einen Balsack fasziniert hat. Und das schien uns interessant, denn gerade in unserer Zeit heute erscheinen wir ja zwischen den Extremen, zwischen einerseits der Dauerthematisierung von Gefühl und Emotionen und andererseits zwischen der Abwesenheit des Menschen, Stichwort KI, zu schweben. Und da schien uns, dass Correggio eigentlich ein sehr, wie soll ich sagen, aktueller Künstler auf seine Weise ist, indem er auf der Suche nach dem authentischen Gefühl geht und das ins Bild zu bannen versucht.
Interviewer:
Ein anderer Aspekt, den ich interessant finde, ist, dass es ja von Correggio tatsächlich nicht allzu viele Werke gibt. Und zwei haben wir schon erwähnt, die im Besitz der staatlichen Kunstsammlung in Dresden sind. Sie haben noch zwei weitere, was ja ein für die Kulturstiftung der Länder nicht unwichtiger Aspekt ist, weil eine solche Ausstellung ausgehen soll von den eigenen Sammlungsbeständen.
Andreas Plackinger:
Ich denke, da ist unsere Ausstellung wirklich ein Paradebeispiel für sozusagen diesen Anspruch. Also vielleicht nochmal für alle Hörerinnen und Hörer, um sich das klarzumachen, von Correggio existieren weltweit noch etwa 60 erhaltene bewegliche Werke. Also das heißt Tafelgemälde oder Leinwandgemälde. In Deutschland befinden sich gerade mal fünf und Dresden besitzt vier. Und die vier Dresdner Werke sind die größten Gemälde, die Correggio jemals geschaffen hat, abgesehen von den Fresken natürlich. Und darunter das berühmteste Gemälde, das er geschaffen hat, die Heilige Nacht, La Notte, also die Nacht. Und wir haben auch mit der Madonna des heiligen Franziskus das früheste dokumentierte Werk aus dem Gesamtwerk, aus dem Oeuvre Correggios. Und das ist natürlich ein ganz, ganz großer Schatz, mit dem man schon, ja, im Prinzip fast die Geschichte Correggios erzählen kann. Und hinzu kommt, dass unsere Kolleginnen und Kollegen aus unserem Schwestermuseum, dem Kupferstichkabinett, drei Correggio-Originalzeichnungen haben. Das heißt also, da haben wir wirklich ganz, ganz viel schon parat. Und in unserer Sammlung selbst haben wir dann noch weitere Werke von Künstlern, die Correggio geprägt haben, wie beispielsweise der Maler Mantegna oder von Parmigianino, einem Zeitgenossen, mit dem Correggio zusammengearbeitet hat. Das heißt, wir können wirklich ein Panorama öffnen.
Interviewer:
Jetzt haben Sie gerade schon einige Werke genannt, die Sie zeigen werden, nämlich insbesondere Ihre eigenen. Was zeigen Sie denn insgesamt, wenn Sie das in zwei, drei Sätzen zusammenfassen müssen? Und wie vermitteln Sie das?
Andreas Plackinger:
Wir versuchen möglichst, einen Gesamteindruck von dem Werk Correggios zu vermitteln. Und dazu gehört natürlich auch das profan-erotische Werk. Also gerade die Aktfiguren Correggios sind Vorläufer der modernen Erotika. Man kann es gar nicht anders sagen. Und da werden wir auch einige Werke haben, die durchaus kontroverses Potenzial besitzen. Beispielsweise eine schlafende Venus aus dem Louvre, die eigentlich nicht nur dem Schlaf hingegeben ist, sondern auch unserem voyeuristischen Blick. Wir werden aber natürlich auch versuchen, wir reden so viel über die Fresken, diese Fresken, die natürlich nicht transportabel sind, ins Bild zu setzen. Und da haben wir beispielsweise Entwurfszeichnungen. Wir haben aber auch Reproduktionsgrafiken nach diesen Fresken. Und darauf freue ich mich auch besonders. Einer unserer Mitarbeiter wird sogar extra nach Parma reisen und hat die Erlaubnis bekommen, mit einer Drohne rundum Aufnahmen in der Kuppel des Doms von Parma zu machen und in der Kirche San Giovanni Evangelista. Und diese tausenden Aufnahmen werden dann digital zusammengesetzt und so umgerechnet, dass sie in eine Projektionsfläche, eine dreidimensionale Kuppel, die wir in unserem Ausstellungsraum haben, auch projiziert werden können, sodass sich möglichst für unsere Besuchenden ein immersiver Eindruck von diesem Werk, diesem Hauptwerk ergibt, das wir eben nicht in die Ausstellung holen können. Ich möchte aber auch nochmal betonen, dass ich natürlich als Kurator und Kunsthistoriker mich vor allem über die vielen Kunstwerke freue, die im Original da sein werden. Also aus dem Prado, aus dem Louvre, aus den Uffizien, also im Prinzip aus dem Who is Who der großen Kunstmuseen Europas. Das ist natürlich auch ganz, ganz großartig.
Interviewer:
Fantastisch. Und es gibt, das ist wohl auch ein Teil des Vermittlungskonzeptes, eine Ausstellung, die von Jugendlichen für Jugendliche kuratiert wird. Wie muss man sich das vorstellen?
Andreas Plackinger:
Ja, das ist richtig. Und das ist auch ein sehr spannendes Projekt für uns, weil es auch einen experimentellen Charakter hat. Wir wissen noch nicht so richtig, was dabei rauskommen wird. Es ist so, dass sich eben Jugendliche von einem Dresdner Gymnasium die Frage gestellt haben nach, ja, nach Gefühl im Bild. Das heißt, es werden natürlich keine Correggio-Bilder sein, aber der gemeinsame Aspekt oder der Anknüpfungspunkt ist, dass Bilder aus unserem Depot oder auch aus der ständigen Sammlung, in denen Gefühle vermittelt werden, im Zentrum stehen. Und wir uns natürlich die Frage stellen, was spricht die Jugendlichen daran an? Und die Jugendlichen reflektieren, wie Gefühle vermittelt werden. Und die Ausstellung heißt dann, fühlst du’s? Und ich finde es besonders interessant, dann zu sehen, was die Auswahl der Jugendlichen gewesen sein wird. Welche Gefühle sie da interessant oder, ja, schwierig, spannend fanden. Also da lassen wir uns mal überraschen, was passiert. Und dann auch ist es für uns natürlich interessant zu sehen, wie verhält sich das dann zu Correggio. Ja, ich glaube, dass man da nochmal dann auch das Spezifische von Correggio nochmal besser verstehen wird, wenn man so einen bunten Strauß von Gefühlsdarstellungen ganz anderer Künstler dann abgehen kann.
Interviewer:
Ich weiß, dass das für einen Kurator immer schwierig zu beantworten ist, aber haben Sie so etwas wie ein Lieblingsobjekt in dieser Ausstellung?
Andreas Plackinger:
Ja, schwierig zu beantworten, da haben Sie vollkommen recht. Tatsächlich eines unserer eigenen Werke, die Madonna des heiligen Georg, eines der spätesten Werke, das Correggio geschaffen hat. Ich finde daran hochspannend, wie bewegt und ausgelassen und fröhlich und exaltiert die Heiligen sich um die Mutter Gottes tummeln. Also stellen Sie sich beispielsweise ein Christuskind vor, das nach der Stadt Modena, da wird ein Stadtmodell gereicht, die Hände ausstreckt wie nach einem Spielzeug. Und dann haben wir einen heiligen Johannes den Täufer, der sehr, sehr androgyn ist, dass man sich wirklich fragen kann, ist das eigentlich ein junger Mann, eine junge Frau? Und der lacht uns so verführerisch an und enthüllt sein Bein, dass uns das erstmal überrascht in einem religiösen Werk. und ich fand es sehr, sehr schön. Ich bin bei den Recherchen auf einen Kommentar von 1860 von den Literatenbrüdern Goncourt gestoßen, die dann gesagt haben, ja, das sind rosige Heilige mit parfümierten Bärten, die wie galante Priester aussehen und wie Tänzer mit sprechenden Gesten mit der Jungfrau sprechen und den heiligen Johannes den Täufer mit dem schönen Oberschenkel. Also das ist ein Zitat, schönen Oberschenkel. Den bezeichnen sie dann sogar auch, Zitat, als Hermaphrodit. Und ich glaube, dass dieses Werk, es ist ein Altargemälde, deutlich machen kann, dass es bei Correggio viel zu entdecken gibt und auch an überraschender Stelle. Und ja, deswegen kann ich nur einladen, schauen Sie sich dieses Werk ganz aufmerksam an.
Interviewer:
Ich möchte jetzt mal davon ausgehen, dass diese Ausstellung eine ist, die auch, was die Forschungsergebnisse und die Ergebnisse ihrer Recherche zu dieser Ausstellung wahrscheinlich nachhaltig sein werden, auch für die Kunstwelt. Aber mich interessiert auch, was lernt man für sein Leben, wenn man in diese Ausstellung geht? Und was haben Sie in Vorbereitung dieser Ausstellung, obwohl Sie sich ja nicht erst seit vorgestern, mit Correggio beschäftigen? Was haben Sie auch noch gelernt?
Andreas Plackinger:
Also ich habe gelernt, dass die italienische Renaissance-Kunst sehr viel bunter, sehr viel überraschender, sehr viel bewegter ist, als man es vielleicht vorstellen kann, dass Bilder in einer unglaublichen Intensität, Begeisterung, Freude transportieren können. und dass diese Bereiche, die wir sehr oft getrennt denken, Religion und Erotik, sich erstaunlich nahe kommen können. Und das ist, glaube ich, auch für ein breites Publikum erst mal überraschend. Und ich glaube, was man einfach mitnehmen kann, ist, dass man einer unglaublichen Schönheit begegnet, die vielleicht auch manchmal fremd ist für uns, weil das ist eine andere Bildkultur, die 500 Jahre alt ist. Und das, glaube ich, ist das Schöne daran, das sind Bilder, an denen hat man sich, also wenn man gut Allgemeinbildung hat, noch nicht tot gesehen. Die sind einem noch nicht auf jeder Kaffeetasse, in jedem Bildband begegnet, den es irgendwie zum Thema Italien gibt. Und das ist eigentlich eine Einladung, wie soll ich sagen, ja, mal über den Tellerrand unseres Italien-Bildes zu schauen und festzustellen, da gibt es ja noch ganz, ganz viel, ja, was auf uns wartet. Das würde ich als Angebot sehen, sozusagen, an unsere Besuchenden.
Interviewer:
Wunderbar. Dann hoffe ich, dass die Hörerinnen und Hörer dieses Podcasts sich von der Begeisterung anstecken lassen, die man ihnen anmerkt und dass die Besucherinnen und Besucher ähnlich inspiriert sein werden von der Ausstellung Correggio berührend menschlich vom 19. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 im Zwinger in Dresden. Wir werden noch mal darauf hinweisen auf unserer Webseite kulturstiftung.de, auf unseren sozialen Medien, auf Facebook, Instagram, Blue Sky und LinkedIn, die Sie am besten direkt abonnieren, um das nicht zu verpassen. Und Ihnen, Herr Dr. Plackinger, danke ich ganz herzlich für das inspirierende Gespräch.
Andreas Plackinger:
Ja, ich danke Ihnen auch und kann nur die Einladung aussprechen. Kommen Sie zu Besuch in die Gemäldegalerie Alte Meister nach Dresden. Vielen Dank.
Im Podcast spricht Andreas Plackinger, Kurator der Ausstellung, Kurator der Ausstellung, über die Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.
Abb.: © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Correggio. Berührend menschlich
19. September 2026 – 10. Januar 2027
Gemäldegalerie Alte Meister
Zwinger
Theaterplatz 1, 01067 Dresden
Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10–17 Uhr