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Drei kurze Statements aus dem späteren Interview:
• Slevogt ist ein sehr kreativer, aber auch sehr chaotischer Mensch, und Bruno Cassirer schafft es, ihn immer bei Laune zu halten.
• Max Slevogt vergisst aus Versehen, den Wohnungsschlüssel von der Tür abzuziehen. Und dann bittet er Bruno Cassirer doch den Schlüssel an sich zu nehmen. Also das sind so kleine Randnotizen, wo man merkt, wie innig das Verhältnis ist.
• Bruno Cassirer schreibt, dass Slevogt kaum dazu zu bewegen war, in den Verlag zu kommen, dass er ihm die letzten Drucke der Faust-Ausgabe dann einfach in das Romanische Cafe liefern lässt.
Teaser: Ein Podcast von der Kulturstiftung der Länder.
Interviewer:
Schöne Grüße an alle Hörerinnen und Hörer zu einer weiteren Episode in unserem Podcast Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder, in der wir die von uns geförderten Ausstellungen vorstellen. In dieser Folge geht es um Max Slevogt, einen der wichtigsten deutschen Impressionisten. Er hat lange Jahre eng mit Bruno Cassirer zusammengearbeitet, der wiederum einer der, wenn nicht sogar der bedeutendste Verleger der Weimarer Republik war. Dieser Zusammenarbeit widmet das Landesmuseum Mainz eine Ausstellung, und deshalb bin ich jetzt verbunden mit der verantwortlichen Kuratorin Dr. Caroline Feulner. Ich grüße Sie, Feulner.
Dr. Karoline Feulner:
Ich grüße Sie, Herr Moek.
Interviewer:
Vielleicht mal zunächst zur Einordnung der beiden Namen Max Slevogt und Bruno Cassirer. Wenn es um deutschen Impressionismus geht, dann fallen immer vorneweg drei Namen: Max Liebermann, Lovis Corinth und als dritter Name unter den bedeutendsten deutschen Impressionisten wird immer Max Slevogt genannt. Was macht ihn denn so bedeutend?
Dr. Karoline Feulner:
Also, Sie sagen es. Er ist gemeinsam mit den anderen beiden Genannten einer der führenden Künstlerpersönlichkeiten der ausgehenden Kaiserzeit und Weimarer Republik Berlins. Und er ist nicht nur Vorstand der dortigen frisch gegründeten Berliner Secession, sondern er ist auch Professor an der Akademie der bildenden Künste. Und er ist jemand, ein wahnsinnig talentierter Künstler, kreativer Künstler, der sich am Stil der französischen Impressionisten orientiert hat, und der mit diesem neuen Stil für die damalige Zeit sehr große Erfolge feierte, die Persönlichkeiten der Zeit festhielt und porträtierte und der vor allen Dingen auch als König der Illustration wahnsinnige Erfolge feierte. Und für diesen Erfolg ist maßgeblich Bruno Cassirer verantwortlich.
Interviewer:
Und der wiederum war, man könnte sagen, DIE Verlegerpersönlichkeit seiner Zeit.
Dr. Karoline Feulner:
Richtig. Bruno Cassirer hat es geschafft, in Kürze einen sehr bedeutenden Verlag zu etablieren. Also er hatte ein sehr breit gefächertes Angebot der Kunst und Kulturgeschichte. Zudem setzte er einen ganz großen Wert auf sorgfältige Künstlerbücher. Also, er räumte der Illustration einen ganz anderen, neuartigen Stellenwert ein und arbeitete deswegen mit Künstlern wie Max Slevogt zusammen, denen er auch viele Freiräume ermöglichte, also bei der Themenwahl und aber vor allen Dingen auch bei der Umsetzung. Der Cassirer hatte eine große Leidenschaft für das Buch. Das heißt, er legte Wert von der Papierbestellung bis zum Layout bis hin zur künstlerischen Umsetzung. Und das machte seine Bücher wirklich einzigartig und begründet seinen Ruf sozusagen, der bis heute noch anhält.
Interviewer:
Und jetzt kommen wir zu der Zusammenarbeit der beiden. Man könnte sagen, dass Max Slevogt nicht der Künstler geworden wäre, mit der Bedeutung ohne Bruno Cassirer.
Dr. Karoline Feulner:
Das ist richtig. Also wobei man hier auch Paul Cassirer erwähnen muss, sein Cousin. Also beide gründeten 1898 die Bruno und Paul Cassirer Kunsthandlung mit angedocktem Verlag. Und die Bedeutung dieser Verlags- und Galeriegründung ist also wirklich sehr hoch einzuschätzen, denn die beiden hatten es geschafft, sozusagen nach Talenten Ausschau zu halten und entdeckten den jungen, noch völlig unbekannten Max Slevogt in München, wo er noch arbeitete. Und ihm gelang es sozusagen, ihn nach Berlin zu holen, zur Berliner Secession. Und schon 1899 stellten sie seine Kunst aus in ihrer Galerie und das war eine völlig für damalige Sehgewohnheiten neuartige Präsentation seiner Werke. Also, Sie zeigten 35 Werke dieses völlig unbekannten deutschen Malers in Gegenüberstellung mit französischen Impressionisten. Also daher hatten beide, vor allen Dingen Paul, sehr, sehr gute Kontakte nach Frankreich. Ihnen gelang es sozusagen, diese damalige Kunst nach Berlin zu bringen, der Öffentlichkeit zu zeigen und eben mit neuen Ausstellungskonzepten. Also ich glaube, was heute sehr selbstverständlich ist, dass man Schulen mischt, das war damals völlig neu. Und sie zeigten eben Max Slevogt nicht isoliert in einem Raum, sondern in Gegenüberstellung mit den Künstlergrößen Edgar Degas oder Eduard Manet. Und hatten damit also maßgeblichen Einfluss auch auf die weitere Spielentwicklung von Slevogt. Darüber hinaus brachten sie ihn natürlich in Berlin mit ganz anderen Netzwerken in Kontakt. Also ein ganz anderes Sammlerpublikum wurde dadurch angesprochen und Slevogt hatte dadurch Zugang zu ganz anderen Kreisen.
Interviewer:
Jetzt geht es in Ihrer Ausstellung ja weniger um die Gemälde Slevogts, sondern um seine Illustrationen und Grafiken, was wiederum etwas zu tun hat mit der engen Zusammenarbeit von Slevogt und Bruno Cassirer.
Dr. Karoline Feulner:
Richtig. Also die Ausstellung zeigt erstmals die Zusammenarbeit der beiden, also Max Slevogt und Bruno Cassirer. Und diese Zusammenarbeit ist einzigartig, weil sie sich auch über 30 Jahre lang hinweg erstreckte. Also, Sie haben ja 51 Illustrations- und Mappen-Projekte herausgegeben und das alles funktionierte auch nur durch diese beiden Persönlichkeiten, die sich sehr gut ergänzten in ihren Ansichten, Ideen und dadurch auch einen sehr großen Erfolg hatten.
Interviewer:
Zu den Kernaufgaben der Kulturstiftung der Länder zählt ja Museen, Bibliotheken und Archive zu fördern beim Erwerb, dem Erhalt, der Dokumentation, der Präsentation und der Vermittlung von Kulturgut, das für das kulturelle Selbstverständnis und gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen in Deutschland einen hohen Wert besitzt. So steht es in unserem Leitbild. Ich finde ja, dass man diese Tätigkeit an Ihrer Ausstellung wunderbar veranschaulichen kann, weil hier geht es um Erwerbung, aus der am Ende eine Ausstellung wurde.
Dr. Karoline Feulner:
Das ist richtig. Also die Kulturstiftung der Länder hat 2014 den Ankauf gefördert, des sogenannten graphischen Nachlasses und diesen graphischen Nachlass muss man sich vorstellen: ein riesiges Konvolut also, ungefähr allein 2000 Zeichnungen, die sozusagen nach dem Tod Max Slevogts noch bei ihm im Atelier verblieben sind. Und das ist ein ungezogener Schatz, der ja nicht einfach publiziert werden kann, weil er so vielseitig ist, so umfangreich ist. Und aus dieser Erwerbung heraus ist sozusagen unsere Ausstellungsidee entstanden und wir haben dann entschieden, Teilbereiche zu veröffentlichen, da man eben dadurch ganz andere Bezüge und Beziehungen setzen kann. Daher kamen wir, ich sprich immer in der Mehrzahl auf die Idee dieser einzigartigen Ausstellung. Also ich habe mir sozusagen Kooperationspartner gesucht im Saarland Museum Saarbrücken mit Frau Dr. Eva Wulf. Und wir hatten die Idee entwickelt, dass wir die Briefe, also die Korrespondenz der beiden, edieren könnten. Neben den Zeichnungen oder den Druckgrafiken, die sich im Nachlass erhalten haben, gibt es auch ein sehr großes Konvolut von Briefen, die an Max Slevogt geschickt wurden. Die wurden von der Landesbibliothek in Speyer erworben und befinden sich also dort. Daher auch die Kooperation mit dem dortigen Kollegen Herrn Dr. Armin Schlechter. Und ja, wir drei haben uns dann sozusagen an dieses Projekt gesetzt und daraus ist diese großartige Ausstellung entstanden.
Interviewer:
Vielleicht können Sie an dieser Stelle mal etwas aus der Ausstellung spoilern. Was haben Sie denn bei Sichtung dieser Korrespondenzen herausgefunden? Was Sie vorher noch nicht wussten?
Dr. Karoline Feulner:
Also das sind sehr viele Aspekte. Das ist jetzt schwer, alles so in ein paar Stichpunkte zu nennen. Also neu ist einerseits für mich wirklich dieses persönliche Verhältnis von Bruno Cassirer und Max Slevogt, das in den Briefen eben nachvollziehbar ist, also zunächst ist es natürlich ein Geschäftsverhältnis. Der Ton der Briefe ist auch eher nüchtern gehalten und im Laufe dieser intensiven Zusammenarbeit wird es sehr viel freundschaftlicher. Bruno Cassirer besucht auch hier in der Pfalz in seinem Wohnort in Neu Castell und man merkt umso mehr sie haben persönliches Verhältnis zueinander aufgebaut, eine sehr große Wertschätzung. Und Bruno Cassirer hilft auch manchmal, also beispielsweise vergisst er aus Versehen den Wohnungsschlüssel von der Tür abzuziehen. Und dann bitte er Bruno Cassirer, doch den Schlüssel an sich zu nehmen. Also das sind so kleine Randnotizen, wo man merkt, wie innig das Verhältnis ist und andererseits auch, wie sie sich eben ergänzen. Slevogt ist ein sehr kreativer, aber auch sehr chaotischer Mensch und Bruno Cassirer schafft es, ihn immer bei Laune zu halten. Er fragt immer nach, er lobt ihn, er fragt immer: „Wir haben jetzt nichts Neues im Kochtopf. Ich schicke ein paar Radierplatten. Also er ist jemand, der auch sehr um diesen Künstler bemüht ist und sozusagen ihn ja so, so behandelt, dass er dann immer wieder die neuen Projekte bekommt, also ihn immer so ein bisschen auf auf Trab hält. Und er geht auch auf ihn ein. Also beispielsweise gibt es sehr, sehr, sehr viele Buch- und Mappenprojekte in edlen Vorzugsausgaben, die vom Künstler handsigniert werden müssen. Eine Tätigkeit, die Slevogt sehr ermüdend fand. Und daher kommt in den Briefen raus, dass er ihm auch beispielsweise die letzten Drucke der Faustausgabe dann einfach in das Romanische Cafe liefern lässt. Dort hatte Slevogt so eine Art Künstlerstammtisch etabliert. Und Cassirer schreibt eben also, dass Slevogt kaum dazu zu bewegen war, in den Verlag zu kommen, musste er ihm eben dann vor Ort diese Drucke zeigen, damit er sie unterschreiben kann. Also all das sind Dinge, die eben ein ganz neues Verständnis der beiden Persönlichkeiten zeigen.
Interviewer:
Dazu habe ich doch noch mal zwei Fragen. Also ich stelle mir jetzt vor, dass Max Slevogt aus der Pfalz einen Brief schreibt, der drei Tage braucht, um in Berlin anzukommen, wo drauf steht, dass sein Schlüssel eine Tür steckt, so dass der dort drei oder vier Tage steckt, bis dann Bruno Cassirer hingeht, um den abzuziehen.
Dr. Karoline Feulner:
Ja, das kann durchaus so gewesen sein. Also die Post hat ein bisschen gebraucht, aber wir haben sozusagen das Antwortschreiben, wo Bruno Cassirer ihm dann bestätigt, dass er den Schlüssel an sich genommen hat.
Interviewer:
Und wenn jetzt Bruno Cassirer Max Slevogt die Drucke ins Cafe liefern muss, damit er die unterschreibt, dann stelle ich mir vor, da sitzt Slevogt im Cafe an einen Tisch, und neben ihm ein großer, eine große Palette mit Büchern, die er dann von links nach rechts sortiert und dazwischen immer unterschreibt.
Dr. Karoline Feulner:
Ja, so ähnlich. Also es sind wohl einfach Stapel von Blättern gewesen. Und der Redakteur Karl Scheffler, der bei Bruno Cassirer gearbeitet hat, hat ihm wohl immer die einzelnen Blätter dann weggezogen, sodass Slevogt nur unterschreiben musste. Deswegen hat Slevogt dann auch so ein Kürzel entwickelt seiner Signatur, damit er sehr schnell und zügig unterschreiben kann.
Interviewer:
Was hat denn Max Slevogt illustriert?
Dr. Karoline Feulner:
Also eine enorme Bandbreite. Man muss dazu sagen, dass die Themen meist auch von Slevogt selbst vorgeschlagen wurden. Also das waren Lieblingsbücher, die er selbst zu Hause hatte. Goethe ist beispielsweise einer seiner Lieblingsautoren. Und deswegen ist die Bandbreite ja so, so verschieden, wie vielleicht auch Slevogt ist. Also es reicht von Märchen aus Tausendundeiner Nacht oder der Gebrüder Grimm bis hin zu Faust zwei, also ein zentrales Opus ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit, für das Slevogt allein über 500 Illustrationen liefert. Aber genauso finden Sie kleine Skizzen von Tieren oder Sie finden Abenteuergeschichten von Benvenuto Cellini, also sein Leben von Goethe übersetzt, bis hin zu „Die Eroberung Mexikos“ von Ferdinand Cortes. Also eine riesen Bandbreite. Und man muss dazu sagen vor allen Dingen die Märchen, also Ihr erstes gemeinsames Projekt war Alibaba und die 40 Räuber, ja, sie irritierten auch manchmal dieses Sammlerpublikum, das sich wirklich diese edlen Ausgaben als Wertanlage abschaffte und die dann irritiert waren, weil es ja eigentlich eher ein Kinderbuch war. Also warum denn Bruno Cassirer jetzt dieses Thema umsetzte. Und deswegen war Alibaba auch zunächst kein großer Erfolg.
Interviewer:
Haben Sie denn unter diesen Forschungsfunden oder in der Ausstellung so etwas wie ein Lieblingsobjekt?
Dr. Karoline Feulner:
Ja, das ist schwer zu sagen, aus dieser Fülle etwas auszusuchen. Aber wenn Sie mich jetzt direkt fragen, würde ich sagen, es gibt einen Briefumschlag. Also auch das ist typisch für Slevogt. Er nimmt jeden Schnipsel, den er hat, also jede Eintrittskarte, Werbeprospekte, Rückseite von Briefumschlägen, also etwas, was ihm in die Finger kommt, sozusagen, und benutzt die für seine Zeichnungen. Und wir haben einen Briefumschlag, da ist der Künstler selbst auf einem Einhorn reitend dargestellt. Das wurde dann das ja, die Titel-Vignette für ein Projekt zu Zeichnungen und Kinderliedern und Tierfabeln, 1920 erschienen. Und ich finde der Künstler auf dem Einhorn zeigt auch Slevogt Humor. Also er ist ein sehr humorvoller Mensch. Das wird auch in den Briefen deutlich. Und die Briefe an Bruno Cassirer, die zeigen meistens seine humorvollen Randzeichnungen. Also da nimmt er sich selbst immer oft auf die Schippe. Oder zeigt dann Bruno Cassirer, auch an einem Schreibtisch sitzend, und Slevogt selbst bittet ihn kniend um Bezahlung. Also all das zeigt so ein bisschen den Charakter auch von Slevogt.
Interviewer:
Solches und anderes ist zu sehen in der Ausstellung „Auf zu neuen Werken! Max Slevogt und sein Verleger Bruno Cassirer“, die Sie im Landesmuseum Mainz vom 27. November 2025 bis zum 8. März 2026 sehen können. Soweit zu dieser Episode des Podcasts „Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder“, den Sie auf YouTube und allen Podcast-Foren abonnieren können. Informationen zu anderen Förderungen der Kulturstiftung der Länder finden Sie auf unseren Social-Media-Kanälen, auf Bluesky, Instagram, Facebook und LinkedIn und natürlich auf unserer Webseite. Mein Name ist Hans-Georg Moek und Ihnen, Frau Dr. Fellner, danke ich herzlich für diese Einführung in die Welt von Max Slevogt und Bruno Cassirer.
Dr. Karoline Feulner:
Ich habe zu danken, Herr Moek, es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe, ich konnte ein bisschen Lust machen, dass die Hörerinnen und Hörer unsere Ausstellung besuchen. Ganz herzlichen Dank!
Im Podcast spricht die Kuratorin Dr. Karoline Feulner über die Ausstellung „Auf zu neuen Werken!“ im Landesmuseum Mainz, die die intensive Zusammenarbeit des deutschen Impressionisten Max Slevogt mit dem mit dem Verleger Bruno Cassirer beleuchtet.
Auf zu neuen Werken! – Max Slevogt und sein Verleger Bruno Cassirer
27. November 2025 – 08. März 2026
Landesmuseum Mainz
Große Bleiche 49–51, 55116 Mainz
Öffnungszeiten: Dienstag 10–20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10–17 Uhr