Pandemie und Kultur

Was lernen Kultureinrichtungen und Kulturpolitik aus der Corona-Krise?

Prof. Dr. Markus Hilgert über die Kultur in Zeiten des Lockdown, Digitalisierung und Systemrelevanz von Kultur.

von Hans-Georg Moek

Herr Hilgert, wie haben Sie Kultur und Kultureinrichtungen in Zeiten des Lockdown wahrgenommen?

Mich haben zwei Dinge bewegt. Das eine war die große wirtschaftliche und persönliche Not vieler Menschen, die in der Kultur aktiv sind, die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler, aber auch die Kulturvermittlerinnen und Kulturvermittler in Museen. Wir haben gelernt in dieser Zeit, dass gerade diese Personengruppe häufig freiberuflich arbeitet, enorme Einnahmeausfälle hatte und gleichzeitig auch nicht ohne weiteres von den Hilfsprogrammen profitieren konnte. Da hat sich gezeigt, dass es ein Prekariat in der Kulturinfrastruktur unseres Landes gibt, das nicht existieren dürfte, wenn wir Kulturvermittlung als wichtige Aufgabe begreifen.

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Zum anderen drängte sich mir die Frage auf, wie gut digitale Kulturvermittlung und digitale Kulturkommunikation aufgestellt sind? Es gab auf einmal Livestreams von Konzerten und von Theateraufführungen. Man kann sagen: So viel Kultur gab es nie im Internet und in den sozialen Medien.

Aber so bewegend wie das war, weil es dem Bemühen entsprach, zu kommunizieren mit anderen Menschen in der Kultur, aber eben auch mit dem Publikum, so deutlich war natürlich andererseits, wie unvorbereitet die Krise die Kulturinstitutionen und die Menschen in der Kultur getroffen hat. Die Frage ist, ob es nicht eher darum gehen müsste, in der Kultur Formate und Inhalte zu schaffen, die auf das Medium Internet bzw. auf soziale Medien zugeschnitten sind.

Es ist ja für die Besucherin oder den Besucher nicht unbedingt so attraktiv, wenn er tatsächlich nur das Ergebnis der Arbeit oder die Arbeit selbst in einer Kulturinstitution vermittelt bekommt. Interessanter ist ja eigentlich der Per­spektivwechsel, die Interaktion, die Partizipation. Ich glaube, genau das können digitale Medien ermöglichen. Dass sie durch virtuelle Realität auf einmal virtuell auf der Bühne stehen, mit den Schauspielerinnen und Schauspielern interagieren oder mittanzen. Der Perspektivwechsel beispielsweise ist genau das, was die Attraktivität digitaler Kulturkommunikation ausmacht.

Welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden?

Wir müssen sehr viel stärker darauf achten, dass das, was digital kommuniziert wird, in eine Kommunikationsstrategie und auch in eine Vermittlungsstrategie eingebunden ist. Kulturvermittlung fragt nach Methoden, Zielgruppen und auch nach dem Profil des Hauses. D.h. ich erwarte letztlich als Nutzer, dass mir vermittelt wird, warum genau dieses Angebot sich in digitaler Form in den sozialen Medien wiederfindet oder im Internet. Und dann würde ich mir wünschen, dass viel stärker die Möglichkeiten des Mediums ausgeschöpft würden. Insofern ersetzt das Digitale natürlich nicht das Analoge. Es eröffnet einen zusätzlichen Erfahrungs- oder Erlebnisraum, der dann eben auch ein Vermittlungsraum ist.

Und dann muss man sicher auch überlegen, wie man Angebote ansprechender gestalten kann. Wir sind alle von Fernsehen, Video oder Netflix verwöhnt durch hohe audiovisuelle Qualität. Ich glaube dass, wenn Kulturkommunikation und Kulturvermittlung attraktiv sein wollen, sich Kultureinrichtungen viel stärker in diesem Bereich weiterbilden müssen.

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Sie haben von einem Prekariat im Bereich der Kulturvermittlung gesprochen. Eigentlich wäre es doch Aufgabe dieser Experten, geeignete Formate zu entwickeln.

Eine entscheidende Erkenntnis aus der Krise ist, dass wir an der zentralen Schnittstelle zwischen Kultur und Gesellschaft keine dauerhafte Struktur haben, die es uns ermöglicht, diesen Bereich weiterzuentwickeln. Diesen Bereich müssen wir verstetigen, ihn strukturell konsolidieren. Das ist eine Diskussion, die wir unbedingt führen müssen, weil diese Schnittstelle eine ganz entscheidende ist, gerade auch um die Relevanz von Kultur und Kultureinrichtungen und kulturellem Erbe zu vermitteln und in der Gesellschaft zu verankern.

Was wären denn geeignete Inhalte?

Zunächst einmal die Inhalte, die auch originärer Gegenstand von Kultureinrichtungen sind. D.h. ich möchte wissen, welche Dinge sich in Museen befinden und was beispielsweise die Wissenschaft über diese Dinge aussagt. Aber ich will natürlich auch wissen, ob in einem Museum die Fragen beantwortet werden, die die Gesellschaft gerade an diese Dinge stellt. Das heißt, die Relevanz der Objekte, der Kunstwerke in einem Museum erweist sich natürlich auch darin, dass die Fragen der Gesellschaft an diese Objekte beantwortet werden können. Und dazu gehören heute zum Beispiel Fragen wie die nach der Provenienz oder ob die Objekte rechtmäßig in das Eigentum des Museums gelangt sind.

Wir werden priorisieren müssen aufgrund sich verringernder Haushaltsmittel und Steuermittel infolge der Corona-Krise. Die genannten Fragen werden entscheidend sein, um die Relevanz eines Kulturhauses, einer Kulturinstitution unter Beweis zu stellen. Die Vermittlung der Relevanz ist insofern entscheidend, als öffentliche, aus Steuermitteln finanzierte Kulturförderung immer auch – auch, nicht nur – danach fragen muss, was diese Kultur, was dieses Kulturschaffen mit Gesellschaft, mit den Menschen zu tun hat, die diese Kultur finanzieren. Das ist keine ehrenrührige Frage, die nach dem Platz der Kultur in der Gesellschaft, nach dem Platz einer Einrichtung in der Gesellschaft fragt.

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Dieser Tage wurde immer wieder von der Systemrelevanz der Kultur gesprochen. Wenn sie systemrelevant ist, sollte das die Kultur doch vor Kürzungen schützen?

Das würde ich mir wünschen. Aber die Behauptung alleine, dass Kultur systemrelevant sei, reicht noch nicht aus, um Steuermittel für die Kultur zu aktivieren. Ich glaube, dass wir, wenn es um die Frage der gesellschaftlichen Bedeutung von Kultur geht, gut beraten sind, rhetorisch präzise zu sein. Systemrelevanz bezieht sich auf Daseinsvorsorge, also Leben, Gesundheit oder auch unsere Sicherheit. Ich glaube, dass Kultur tatsächlich nicht in diesem Sinne systemrelevant ist.

Aber Kultur ist natürlich etwas anderes und vielleicht auf einer ganz anderen Ebene noch sehr viel wichtiger. Ich würde eher davon sprechen, dass Kultur Systemvoraussetzung ist, weil wir nur durch die Kultur, also durch die gemeinsamen Codes, Symbole und Geschichten, die wir teilen, überhaupt in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren. Das, was die Gesellschaft, was die Gruppen, was die Gemeinschaften zusammenhält, das sind die Kommunikationswege und Kommunikationsmittel, und die sind immer kulturell. So verstanden, ermöglicht uns Kultur überhaupt erst das gesellschaftliche Zusammenleben. Daran wird deutlich, dass wir natürlich alles dafür tun müssen, um Kultur in ihrer Vielfalt und auch in ihrer Bandbreite zu erhalten und auch die Zugänge zu dieser Kultur zu schaffen bzw. zu verbreitern. Das bedeutet auch, dass wir die Kultureinrichtungen als Orte begreifen, an denen Symbole und Interpretationsmuster ausgehandelt werden und sich auch eben verändern können. Denn das ist notwendig, damit eine Gesellschaft sich weiter entwickelt.

Wenn Sie mir ein Beispiel aus unserer eigenen Arbeit gestatten: Wir betreuen ja den nationalen Wettbewerb um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025. Und da sieht man in gewisser Weise im Kleinen in den Bewerberstädten genau das, was letztlich auch in unserer Gesellschaft insgesamt geschieht oder vielleicht geschehen sollte. Die Stadtgesellschaften haben sich im Rahmen dieses Bewerbungsverfahrens auf den Weg gemacht, um darüber zu verhandeln, was sie sind, wie sie sich sehen, wie sie miteinander umgehen, wie sie miteinander sprechen, wie sie die Diversität in den Städten aushandeln und wie sie natürlich auf diesem Weg auch möglichst viele Akteure mitnehmen können. Ganz unabhängig davon, wo diese Akteure herkommen, welche Hintergründe oder welche religiöse Orientierung sie haben. Und sie müssen sich immer dabei fragen, welche kulturellen Vorhaben auch förderungswürdig sind.

Also auch dort geht es um Priorisierung, aber aus einem möglichst breiten Konsens heraus. Das würde ich mir für die Kultur auch in der Bundesrepublik insgesamt wünschen: einen sehr viel breiteren Diskurs darüber, welche Kultur wir wie in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben haben wollen.

Gibt es denn diesen Konsens über die Rolle von Kultur und Kultureinrichtungen in Deutschland nicht bereits?

Es gibt sicher einen Konsens unter denjenigen, die politische Verantwortung tragen, und das ist gut so und auch keine Selbstverständlichkeit. Es gibt einen Konsens innerhalb der Kultur und innerhalb des Kulturbereichs. Gleichzeitig müssen wir uns natürlich auch fragen, was mit denjenigen ist, die die traditionellen Kulturinstitutionen eben nicht besuchen, die nicht ins Theater, in eine Galerie oder in die Oper gehen.

Viele Menschen kommen nicht in Museen, weil ihnen diese Welt fremd ist. Ich glaube, dass Politik an der Stelle ansetzen muss, indem sie Zugänge zur Kultur schafft, und zwar eben nicht nur zur Hochkultur, sondern zu einer Kultur, die sich als Systemvoraussetzung versteht, die sich als Voraussetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt versteht.

Es gibt tatsächlich Erhebungen, nach denen die Hälfte der Deutschen öffentlichen Kulturveranstaltungen fernbleibt, niemals ein Museum, eine Oper oder ein Theater besucht. Wie erreicht man die?

Zunächst einmal muss man, wie bei jeder Kommunikation, zuhören. Das setzt voraus, dass man mit diesen Menschen ins Gespräch kommt. Und da ist natürlich die Nicht-BesucherInnenforschung ein probates Mittel, aber es ist natürlich nicht das alleinige. Ich glaube, dass Kultureinrichtungen in den Stadtraum gehen müssen. Viele machen das ja auch schon. Sie müssen versuchen, auch in den sozialen Medien über ihre Arbeit zu sprechen und herauszufinden, wo denn eigentlich die Barrieren liegen. Die kulturelle Bildung kennt sehr viele Projekte, wo das wirklich gut gelungen ist, wo Künstlerinnen und Künstler beispielsweise in Schulen gehen, z. B. in sogenannte Brennpunktschulen und mit jungen Menschen arbeiten, die von Zuhause aus keinen Zugang zur Kultur vermittelt bekommen haben.

Ich glaube, das Sich-Öffnen ist sehr wichtig. Das Ausgreifen in den Stadtraum, das Museum oder die Kulturinstitution eben nicht als hermetisch abgeriegelten, sozusagen sakralen Ort zu begreifen, sondern zu verstehen, dass Museen, Theater und Opern überhaupt nur Sinn haben, wenn sie zu den Menschen sprechen. Und das setzt die Reflexion über Sprech- und Kommunikationskanäle voraus.

Und da sind wir wieder beim Punkt, den wir eben angesprochen haben: In einer Zeit, in der immer mehr vor allem junge Menschen in sozialen Medien auf Videoplattformen unterwegs sind, müssen wir uns im Kulturbereich viel stärker die Frage stellen, wie wir unsere Inhalte so aufbereiten, dass sie eben auch in diesen Medien anspruchsvoll und attraktiv sind und Teilhabe ermöglichen. Das setzt voraus, dass sich Institutionen im Bereich der Kulturvermittlung sehr viel stärker aufstellen.

Ich glaube auch, dass das nicht nur ein frommer Wunsch ist, sondern dass es hier wirklich um das Überleben des Kulturbereichs geht so wie wir ihn kennen. Wichtig dafür ist ein Bewusstsein in der Gesellschaft und auch bei den Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern von morgen für das, was Kultur leistet und was eine Gesellschaft wert ist, wenn sie keine Kultur mehr hat, und dass sie in ihrem Zusammenhalt, in ihrem Innersten gefährdet ist, wenn die Kultur verloren geht.

Wenn wir also wollen, dass künftige Generationen genau dieses Bewusstsein haben, um Kultur zu fördern, sei es in der Politik oder in der Zivilgesellschaft, dann müssen wir heute damit beginnen, unsere Kulturvermittlung so aufzustellen, dass diejenigen, die morgen Verantwortung tragen, es als selbstverständlich begreifen, dass Kultur und kulturelle Ausdrucksformen in ihrer gesamten Vielfalt gefördert werden müssen.

Glauben Sie nicht, dass die großen namhaften Kultureinrichtungen immer Besucher haben werden?

Mit einer veränderten Sicht auf Kultur, auf Geschichte und auch auf bestimmte kulturelle Inhalte wird sich die Bewertung von Kultur und auch von Objekten verändern. Das erleben wir ja gerade durch die Globalisierung oder auch durch postkoloniales Denken. Auch die Akzeptanz von bestimmten Modellen des Umgangs mit Kultur und Kulturgegenständen wird sich verändern. Insofern glaube ich, dass das, was sich verändern kann, schon auch existenziell ist, weil möglicherweise, und das deutet sich ja bereits an, für bestimmte Formen der Vermittlung oder auch der Nicht-Auseinandersetzung mit bestimmten Themen die gesellschaftliche Akzeptanz sinkt. Wenn wir auch in Zukunft eine Kulturpolitik erwarten, die Museen, Theater und Opern fördert, dann müssen wir gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Kultureinrichtungen innovationsfähig sind, dass sie sich in ihren Fragestellungen auch an gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen orientieren und ihre traditionellen angestammten Inhalte danach befragen, ob sie uns etwas im Kontext unserer heutigen Fragestellungen zu ­sagen haben.

Daran würde ich auch die Qualität von Arbeit im Kulturbereich bemessen wollen, ob sie die Innovationsfähigkeit hat, sich mit neuen Fragen auseinanderzusetzen und bereit ist, aus der Kultur heraus neue Antworten, weiterführende Antworten auf gesellschaftliche Fragestellungen zu geben. Wenn das gelingt, dann ist es natürlich für die Kulturpolitik sehr viel leichter zu sagen: Ich setze Steuer­mittel dafür und nicht für den Ausbau von Straßen ein. Denn was ich in die Kultur investiere, kann ich nicht im Sozialen oder in die Infrastruktur investieren. Dazu bedarf es einer Form von Qualitätsnachweis. Das wird sich in der Nach-Coronazeit zunehmend als politische Heraus­forderung zeigen: den Kulturbereich insgesamt funktional zu halten, d. h. kulturelle Infrastrukturen auf möglichst hohem Niveau zu erhalten.

Die zweite Herausforderung wird sein, innerhalb des Kulturbereich zu priorisieren und zu überlegen, was stelle ich so auf, dass es krisenfest in das nächste Jahrzehnt oder in die nächsten Jahrzehnte gehen kann, und was muss ich gehen lassen. Und das ist eine schwierige und schmerzhafte Entscheidung. Aber sie wird am Ende des Tages nur verantwortbar getroffen werden können, wenn sie sich an Qualitätsmaßstäben orientiert. Und einer dieser Qualitätsmaßstäbe ist der Dienst am Gemeinwohl. Ein anderer ist sicher die künstlerische Qualität und die Innovationsfähigkeit. Aber wichtig ist doch, dass die Kultur nicht den Kontakt zur Gesellschaft verliert, dass die Kultur fest verankert ist in dem, was jede und jeder täglich tut. Und das ist die Aufgabe der Kultur, niemandes sonst. Das müssen diejenigen Menschen tun, die in der Kultur arbeiten, die Verantwortung tragen für die Kultur und dafür, dass es großartige kulturelle Angebote auch noch in 20 oder 30 Jahren gibt, die öffentlich finanziert sind.

Hans-Georg Moek

Hans-Georg Moek

ist Kommunikationsleiter der Kulturstiftung der Länder.