Heimaten

Versöhnung als Haltung

Gundula Bavendamm spricht über ihren persönlichen Heimatbegriff und erläutert, wie die neue Ständige Ausstellung des Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung einen Beitrag zu einem respektvollen gesellschaftlichen Dialog leisten will. Das Interview führte Hans-Georg Moek.

von Hans-Georg Moek

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Hans-Georg Moek: In der Ausstellung im Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung dreht sich alles um das Thema und die Folgen von Zwangsmigrationen in Europa im 20. Jahrhundert, zentral auch um die Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Ständige Ausstellung wurde jetzt eröffnet. Vorangegangen ist eine 20-jährige kontroverse Diskussion. Was ist an diesem Thema so sensibel, so kontrovers, dass die Eröffnung so lange gedauert hat?

Gundula Bavendamm: Es ist durchaus üblich, dass es bei schwierigen und schmerzhaften, ja komplexen Erinnerungsthemen Generationen dauern kann, bis zu diesen Themen Erinnerungsorte entstehen können. Das ist auch in vielen anderen Ländern so. In Deutschland ist die Situation nochmal eine besondere: Das Thema Flucht und Vertreibung der Deutschen zielt auf den Kern unseres historischen Selbstverständnisses. Wir sind seit langem aus Gründen, die in unserer Geschichte liegen, daran gewöhnt, in dieser Opfer-Täter-Dichotomie zu denken und verorten uns selbst zuerst auf der Täterseite. Allein dass wir als Stiftung und Dokumentationszentrum sagen, es gibt eben auch deutsches Leid und deutsche Opfer im und nach dem Zweiten Weltkrieg, ist für manche eine Provokation. Es werden Ängste berührt, dass etwas in eine Schieflage geraten könnte. Unsere Aufgabe war daher, ein Angebot zu machen: zu zeigen, dass es historische Kausalitäten gibt zwischen dem deutschen Vernichtungskrieg im Osten und dem Holocaust und einer Folgeentwicklung, an deren Ende dann die Vertreibung der Deutschen steht. Wir haben das sehr klar gemacht und insofern glaube ich, dass sich unsere Arbeit hier im Dokumentationszentrum gut sehen lassen kann.

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Das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung soll jetzt zum zentralen Ort der Auseinandersetzung mit diesem Thema werden – für Betroffene, für deren Nachkommen, aber auch beispielsweise für Schulklassen. Wie würden Sie denen das Konzept Ihres Hauses erklären?

Im Zentrum steht bei uns tatsächlich das Thema Flucht und Vertreibung. Dieser historische Kern ist uns aufgegeben: die Erinnerung an das Schicksal der Deutschen im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Davon ausgehend stoßen wir viele aktuelle Themen und universelle Fragen an, die im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung stehen. Das Thema ist ja leider topaktuell und wird auch in Zukunft ein Megathema sein. Wir bieten in unseren Ausstellungen auch Workshops an, die einzelne Aspekte herausgreifen. So beschäftigen wir uns zum Beispiel mit dem Gegensatz von „wir“ und „ihr“: Welche Vorurteile, welche Ängste führen dazu, dass viele Menschen – auch man selbst – in diesen Kategorien denken? Und wozu kann es in historischen Zusammenhängen im Extremfall führen, wenn eine Bevölkerungsgruppe diskriminiert oder vertrieben wird? Das sind auch Themen, an denen junge Menschen nicht vorbeikommen und das vielleicht auch gar nicht wollen. Dabei haben wir auch versucht, die Ständige Ausstellung medial zeitgemäß aufzustellen und für die Augen und Sehgewohnheiten der jungen Generation interessant zu machen.

Der Titel dieses Heftes ist „Heimaten“ – ein Begriff, mit dem Sie sich auch intensiv beschäftigen. Was ist für Sie Heimat?

Heimat ist für mich ganz persönlich der Ort, an dem ich geboren bin. Das ist in der Nähe von Hamburg, wo meine Eltern leben, wo meine Vorfahren auf den Friedhöfen liegen. Das ist meine Heimat.

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In Ihrer Ausstellung können Besucher selbst ihre persönliche Definition des Begriffs beitragen. Da werden Familie und Freunde oder Orte genannt, aber etwa auch der Geruch von frischer Wäsche oder feuchter Erde, der für manche Menschen ein Gefühl von Heimat hervorruft. Gibt es überhaupt irgendein übergreifendes Verständnis von Heimat?

Ja, das ist das Faszinierende an diesem Begriff. Ich persönlich mag ihn sehr und ich finde es auch immer wieder interessant zu sehen, dass dieser Begriff in anderen Sprachen als Lehnwort verwendet wird, weil er so eigentümlich ist. Der Begriff ist zunächst sehr deutungsoffen. Die Familie wird tatsächlich sehr, sehr oft als erstes genannt, aber es gibt auch ganz andere Antworten auf diese Heimatfrage. Ich glaube, allen gemeinsam ist aber der Aspekt der tiefen Verwurzelung, die eine besondere Qualität hat. Eine tiefe Verwurzelung in sich selbst und in einer bestimmten Gegend, in einem bestimmten sozialen Zusammenhang. Das ist, glaube ich, ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das auch im Zeitalter der Globalisierung keineswegs aus der Mode gekommen ist.

Also ist Heimat ein Synonym für ein Bedürfnis oder möglicherweise eine Erinnerung, dass da mal irgendwann etwas heil war?

Das kann sein, es gibt natürlich auch einen Romantisierungsaspekt von Heimat. Aber ich glaube, dass vielleicht sogar Menschen, die Heimat so verstehen wie ich, anerkennen können, dass diese Heimat nicht heil war. Trotzdem ist es eben diese Heimat. Das muss sich nicht ausschließen, aber es gibt sicherlich auch Tendenzen im Leben und Älterwerden – das kenne ich auch von mir –, manches, das eher unangenehm war, irgendwo abzulegen und sich dann lieber an die schönen Dinge zu erinnern.

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Es gibt in Deutschland durchaus viele sogenannte Heimatstuben von deutschen Flüchtlingen, Vertriebenen und Aussiedlern.  Auch Sie stellen in einer Vitrine Gegenstände aus, die aus der alten Heimat, also den Vertreibungsgebieten, mitgebracht wurden. Mir kam da das Lied „Heimat“ von Johannes Oerding in den Sinn: „Oh Heimat. Ich trag dich immer, immer bei mir, wie’n Souvenir.“

Das ist eine schöne Assoziation, die wir da bei Ihnen wachgerufen haben. In der Tat: Wir zeigen eine Heimatstube, aber tatsächlich nur zu einem Zehntel. Es handelt sich um eine sudetendeutsche Heimatstube aus der ehemaligen Tschechoslowakei in einer wandfüllenden Vitrine, in der wir etwa 250 von 2.500 Exponaten zeigen. Diese sehr kleinteiligen und sehr unterschiedlichen Exponate verweisen auch auf die Frühphase des Museums als Wunderkammer: Sie finden alles vom Glas über ein Waschbrett, andere Dinge des täglichen Bedarfs bis hin zu geologischen Gesteinsproben, Postkarten usw. Die Provenienz der Gegenstände ist sehr bunt. Das sind teilweise Dinge, die Vertriebene und Flüchtlinge tatsächlich mitnehmen konnten. Aber es gab auch in der frühen Nachkriegszeit eine kleine Industrie, die Souvenirs noch mal neu produziert hat. In der Realität werden diese Heimatstuben oft tatsächlich auch als Bauernstuben, als regelrechte Erinnerungszimmer eingerichtet. Das haben wir hier nicht gemacht, sondern uns eher für einen ethnografischen Zugriff entschieden.

Neben Flucht und Vertreibung trägt Ihr Haus außerdem den Begriff „Versöhnung“ im Namen. Wie findet sich das in Ihrer Ausstellung wieder?

Ja, auch über den Versöhnungsbegriff haben wir hier im Haus viel gesprochen. Er ist uns mitgegeben, und ich glaube, dass das im Grundsatz sehr gut ist. Wir haben oft für uns gesagt, die Begriffe „Flucht“ und „Vertreibung“ zeigen das Thema an und der Begriff „Versöhnung“ die Haltung. Das soll man aber bitte nicht missverstehen in dem Sinne, dass hier irgendetwas verordnet wird. Wir wollen einen Raum schaffen, in dem über Flucht und Vertreibung gesprochen und Erinnerungen ausgetauscht werden können, wo man aber auch gerne unterschiedlicher Meinung sein kann. Alleine das ist, glaube ich, ein Beitrag zu einem respektvollen gesellschaftlichen Dialog. Ich denke, dass wir ein Haus sind, in dem spürbar wird, was es für einen Menschen bedeutet, seine Heimat zu verlieren, und zwar insbesondere auch gegen seinen Willen, durch Gewalt, die von einer fremden Macht ausgeübt wird. Das ist eine Ohnmachtserfahrung, die das ganze Leben überschatten kann – auch mehrere Generationen. Und insofern können wir vielleicht so auch einen Beitrag zur Versöhnung leisten, indem man einfach nachdenklicher aus diesem Hause geht und offener für die Erfahrungen von anderen ist. Dass auch das Schicksal etwa von Flüchtlingen und Vertriebenen nichts ist, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Im Gegenteil: Unabhängig von den konkreten historisch-politischen Kontexten haben diese Menschen unsere Empathie verdient.

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Was bedeutet Versöhnung im Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung?

Ich würde sagen, es gibt drei Ebenen der Versöhnung. Einmal so etwas wie eine innere Versöhnung: Kann ich selbst meinen Frieden mit einer Erfahrung oder einem Thema machen? Dann gibt es einen gesellschaftlichen Versöhnungsprozess, da sind wir mit dieser Institution mittendrin. Und es gibt einen zwischenstaatlichen Versöhnungsprozess oder Verständigungsprozess, der in der Zeit nach Ende des Kalten Krieges erfreulicherweise große Fortschritte gemacht hat. Denken wir etwa an den Zwei-plus-Vier-Vertrag, die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als Ostgrenze des wiedervereinigten Deutschlands und die Freundschaftsverträge, die auf der Basis dieser Anerkennung mit Polen und Tschechien geschlossen werden konnten.

In der Ständigen Ausstellung und in verschiedenen persönlichen Zeugnissen Betroffener wird auch deutlich, dass man Heimat auch wiederfinden oder woanders finden kann. Etwa in der Einbindung in eine andere Gesellschaft und in einem Ankommen nach Flucht und Vertreibung.

Ja, richtig. Wenn man nochmal zu der basalen Unterscheidung zwischen Genozid und Vertreibung kommen möchte, dann ist es bei der Vertreibung eben so, dass die allermeisten Menschen sie über­leben und deswegen danach eine Integrationsgeschichte haben. Und worum geht es in der Integration? Eben genau um die Frage, ob es einem Individuum gelingt, seinen Platz nochmal woanders zu finden. Und ob eine Gesellschaft in der Lage ist, auch große Gruppen von Menschen aufzunehmen und ihnen einen Platz zu bieten. Das ist ein ganz großes Thema für uns. Da kommen auch wieder die verschiedenen Vorstellungen von Heimat ins Spiel. Es ist sehr interessant, genau hineinzuhorchen, welche Worte manche Vertriebene und Flüchtlinge verwenden, wenn sie über den Prozess sprechen. Nicht jeder würde den Ort, den er dann gefunden hat, wieder „Heimat“ nennen, sondern vielleicht zwischen Heimat und Zuhause unterscheiden, etwa: „Meine Heimat ist und bleibt Aleppo, aber mein Zuhause ist Berlin.“ Und so ähnlich würde das vielleicht auch eine deutsche Vertriebene sagen. Andere aber würden sagen: „Ostpreußen, das war mal, mit dem Kapitel haben wir abgeschlossen. Das ist Geschichte und wir sind jetzt seit zwei oder drei Generationen in Salzgitter zu Hause und da ist jetzt unsere Heimat.“ All das sind die vielen Schattierungen, die wir ernst nehmen wollen.

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Liebe Frau Bavendamm, vielen Dank für das Gespräch!

Vielen Dank für die Einladung, es hat mir Freude gemacht.

 

Dr. Gundula Bavendamm ist Historikerin und arbeitete u. a. als Kuratorin am Deutschen Historischen Museum in Berlin sowie am Museum für Kommunikation Frankfurt. Von 2010 bis 2016 leitete sie das Alliierten­museum in Berlin. Seit 2016 ist sie dort Direktorin der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und baute das gleich­namige Dokumentationszentrum auf, das im Juni 2021 eröffnet wurde.

Hans-Georg Moek

Hans-Georg Moek

ist Kommunikationsleiter der Kulturstiftung der Länder.