Titelthema Kulturen des Austauschs

Raub und Rettung. Russische Museen im Zweiten Weltkrieg

Die Ergebnisse des großen Forschungsprojekts zur Geschichte russischer Museen im Zweiten Weltkrieg liegen jetzt in Buchform vor.

von Bernhard Schulz

Die Frage der Rückgabe kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter fand in den ersten Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung in der Öffentlichkeit großen Widerhall. Man erwartete die Rückkehr zahlreicher, im und nach dem Krieg verloren gegangener Kunstwerke aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten. Doch die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Im Gegenteil wurden diejenigen russischen Stimmen immer lauter, die die Herausgabe von „Trophäenkunst“ rundweg ablehnten und als Verrat am sowjetischen Sieg über Hitlerdeutschland brandmarkten. Mit dem 1996 von der Staatsduma der Russischen Föderation verabschiedeten und 1999 nach einem entsprechenden Verfassungsgerichtsurteil endgültig in Kraft getretenen Gesetz zur Verstaat­lichung der Beutekunst verschwand das Thema aus der aktuellen Politik und wird seither allenfalls noch kursorisch erwähnt, als Merkposten für Unerledigtes.

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Es hat in den frühen 1990er-Jahren in Deutschland wenig Verständnis für die russische Position und ihren Zusammenhang mit der sowjetischen Geschichte gegeben. Wie sich im Rückblick zeigt, mangelte es an Kenntnis insbesondere der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, die überhaupt erst zum Phänomen der Beutekunst geführt hatten. Die Kriegserfahrung der Sowjetunion, die nach deren Auflösung 1991 zur Vorgeschichte der neubegründeten Russischen Föderation, aber ebenso Weißrusslands, der Ukraine sowie aller weiteren im Westen der Sowjetunion gelegenen Nachfolgestaaten wurde, blieb in der Bundesrepublik und dann im vereinten Deutschland unbeachtet. Erst mit dem Scheitern der auf – völkerrechtlich durchaus wohlbegründete – Rückgabeansprüche pochenden, offiziellen deutschen Politik gewann die Einsicht ­brei­teren Raum, dass der Weg zu einer befriedigenden Lösung nur über die wechselseitige Annäherung und die Vertiefung der historischen Kenntnisse erfolgen könne, und dies nicht auf staatlich-diplomatischer Ebene, sondern auf der der unmittelbaren Akteure, nämlich der betroffenen Museen, Archive und kulturellen Einrichtungen.

Aus dieser Einsicht heraus und dem Willen, neue Wege der Verständigung zu suchen, entstand 2005 der Deutsch-Russische Museumsdialog. „Der Deutsch-Russische Museumsdialog“ – heißt es zusammenfassend in der Verlautbarung zum zehnjährigen Bestehen – „wurde 2005 von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Kulturstiftung der Länder und über 80 deutschen Museen in Berlin gegründet, um Aktivitäten und Kontakte zwischen deutschen und rus­sischen Museen auf der Fachebene zu ermöglichen oder zu intensivieren.“ Ausdrücklich wurde im Jahr 2015 hinzugesetzt: „Die Frage von Rückgabeforderungen wird in diesem rein fachlichen Kontext ausgeklammert, sie ist auf Regierungsebene zu klären.“

Das sind nüchterne Sätze; aber hinter ihnen verbirgt sich eine tiefere Einsicht. Der Historiker Wolfgang Eichwede, Gründer und langjähriger Direktor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, hatte die Bemühungen um Rückgabe von Beutekunst schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs begleitet, angeregt durch das besondere Schicksal der Sammlung der Kunsthalle Bremen. Die Kulturstiftung der Länder übertrug Eichwede die ­wissenschaftliche Leitung des 2009 an­-ge­stoßenen Forschungsprojekts zur ­Geschichte der russischen Museen im Zweiten Weltkrieg. Die Projektleitung als solche lag in den Händen von Britta Kaiser-Schuster. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sind nunmehr in Buchform veröffentlicht in dem umfang­reichen Band „Raub und Rettung. Rus­sische Museen im Zweiten Weltkrieg“.

Darin macht Wolfgang Eichwede die Intention des Forschungsprojekts nochmals deutlich. „Kunstraub ist nicht nur und nicht einmal primär eine Sache der Statistiken und Zahlen – so erschütternd ihre Größenordnungen sein mögen“, schreibt Eichwede: „Um ein realitäts­nahes Bild des Kunstraubs zu bekommen, müssen seine unmittelbaren Opfer – die Museen und ihre Sammlungen – in den Mittelpunkt treten. Erst die Rekonstruktion ihrer Geschichte erlaubt es, die tatsächlichen Dimensionen dessen, was zerstört und verschleppt worden ist, zu ermessen. Zielte der Krieg darauf, den Museen ihre Identität zu nehmen, ist der hier konzipierte Forschungsansatz von der vorsichtigen Hoffnung getragen, ihnen diese – auch für die Epoche des Krieges – wenigstens in Bruchstücken zurückzugeben.“

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Das Forschungsprojekt – Eichwede spricht hier von „Mikrogeschichte“ – nahm sich die Museen der Städte Pskow und Nowgorod sowie die vier Zarenschlösser und Ensembles von Peterhof, Zarskoje Selo, Pawlowsk und Gattschina zum Gegenstand. Diese Orte „lagen alle im Nordwesten Russlands und damit im Befehlsbereich der Heeresgruppe Nord“. Die gemeinsame militärstrategische Situation machte eine gemeinsame Untersuchung sinnvoll und zugleich einfacher, weil sich das Vorgehen der Wehrmacht in diesem Frontbereich in einander ähnlichen, örtlichen Hand­lungen abbildet. Während die Städte im rückwärtigen Frontgebiet lagen, gerieten die Zarenschlösser unmittelbar in den Frontbereich des Ringes um die Millionenstadt Leningrad, deren Eroberung bereits im Herbst 1941 zugunsten der Belagerung bis zur erhofften Übergabe aufgegeben wurde, so dass der Vormarsch zum Halten kam.

Der militärische Stillstand nach den Zerstörungen während des Vorstoßes der Wehrmacht erlaubte es den verschiedenen Dienststellen, die sich nunmehr einrichteten  –  insbesondere   auch  im  kaum beschädigten Schloss Gattschina –, die vorgefundenen Kulturgüter zu sichten und gegebenenfalls fortzuschaffen, wie es dem berühmtesten Beutestück, dem Bernsteinzimmer aus dem Katha­rinenpalast in Zarskoje Selo, widerfuhr. Das Argument der „deutschen Herkunft“, mit dem der Abtransport des Bernsteinzimmers nach Königsberg – wo sich seine Spur bis heute verliert – gerechtfertigt wurde, konnte für die zahl­losen weiteren Beutestücke nicht in Anspruch genommen werden; so wird auch die Rolle der deutschen Kunstschutzoffiziere, die in gemessenem Abstand zur kämpfenden Truppe in die eroberten Standorte einrückten, durch die Forschungen des Projekts kritisch beleuchtet. Was den Umgang mit der Bausubstanz angeht, so wird im vorliegenden Buch an einer Stelle die für die ganze Ostfront erlassene Vorschrift über das „Verhalten der Truppe im Ostraum“ vom 3. November 1941 zitiert. Darin heißt es: „Im Übrigen liegt das Verschwinden der Symbole einstiger Bolschewistenherrschaft, auch in Gestalt von Gebäuden, im Rahmen des Vernichtungskampfes. Weder geschichtliche noch künstlerische Rücksichten spielen hierbei im Ostraum eine Rolle.“ Diese Vorschrift gilt es im Gedächtnis zu behalten, betrachtet man die im Buch publizierten Fotografien, die die – teils mutwilligen und erst nach den Kampfhandlungen erfolgten – Zerstörungen an den Schlössern zeigen.

Das Forschungsprojekt formt aus zahllosen Einzelereignissen, eben der von Eichwede angewendeten Methode der Mikrogeschichte, ein Bild des deutschen Umgangs mit den eroberten Städten, Gebäuden und Sammlungen, das das Ausmaß an Zerstörung, Plünderung und nicht zuletzt ordinärem Diebstahl durch Wehrmachtsangehörige vor Augen führt. Die Fotografien der Zarenschlösser machen den heutigen Betrachter fassungslos. Nur gestreift wird im Buch die Problematik, dass die Zarenschlösser auch vor Kriegsbeginn bereits erhebliche Verluste zu verzeichnen hatten. So heißt es an einer Stelle eher beiläufig: „In der Zwischenkriegszeit erlitt Schloss Gattschina enorme Verluste durch die Kunstverkäufe, angeblich über 100.000 Objekte…“ Die unbeirrte Pflege und Bewahrung der Schlössersammlungen durch die wissenschaftlichen Mitarbei­terinnen und Mitarbeiter, die in dem zitierten Kapitel herausgestellt wird, steht durchaus im Gegensatz zur rigiden Kulturpolitik der Stalinzeit vor 1941. Umso tragischer, ja empörender sind die anschließenden Verluste durch die deutsche Besatzung.

Diese Verluste galt es zunächst einmal exakt zu bestimmen. Die Museen und musealen Einrichtungen der Sowjetunion kannten zwar mehr oder weniger ihre jeweiligen Verluste. Die großflächigen Verschiebungen aber, die sich durch die in kurzer Zeit und meist ohne den nötigen Fachbeistand durchgeführten Rückführungen aus dem besiegten Deutschen Reich ergaben, waren kaum bis gar nicht oder jedenfalls nicht mit der nötigen Genauigkeit erfasst. Darüber aber fand jahrzehntelang kein Austausch auf der Museumsebene statt. Wenn die Museen in der Sowjetunion so etwas wie Inseln halbwegs freier Geistigkeit gebildet hatten, so waren sie in vielen Fällen auch Inseln selbstgenügsamer Abge­schlossenheit.

Das hat sich gründlich gewandelt. Seit 1999 gibt das russische Kulturministerium eine fortlaufende Dokumentation der Kriegsverluste nach Orten und Sachgebieten heraus, die inzwischen auf 18 Bände in 50 Büchern angewachsen ist. Zugleich konnten die in der unmittelbaren Nachkriegszeit angegebenen, stets bis zum letzten Objekt addierten Verlustzahlen der Schlösser deutlich nach unten korrigiert werden. Denn nach Objekten, die einmal als Verlust katalogisiert waren, wurde nicht weiter gesucht. Sie fanden sich indessen oftmals an anderen als ihren Vorkriegsstandorten wieder, ohne näher auf ihre Herkunft hin untersucht worden zu sein. Da hat der fachliche Austausch im Rahmen des Museumsdialogs viel zur Klärung bei­tragen können.

Über all das berichtet das vorliegende Buch auf der Grundlage der Forschungen des Museumsprojekts ausführlich, und erst die Lektüre der ortsbezogenen Kapitel macht verständlich, was Eichwede in seinen eingangs zitierten Bemerkungen gemeint hat: dass es um die konkrete Darstellung der handelnden Personen geht, um das Ausmaß der Kriegsereignisse deutlich zu machen wie zugleich die Tiefe der Verletzungen, die der vom NS-Regime aufgezwungene Krieg verursacht hat. So ist das Buch mit seinen vielfach auf Augenzeugenberichten, Tagebüchern und Memoirenliteratur beruhenden Schilderungen das eindrucksvolle Zeugnis gemeinschaftlicher Anstrengung, die tatsächlichen Verluste zu benennen und Spuren zu sichern, die im einen oder anderen Fall doch noch zur Auffindung und Rückgabe führen können und schon geführt haben. So rühmt das vorliegende Buch die Rückgabe der bei Gläubigen als wundertätig geltenden Mariä-Schutz-Ikone aus Pskow, die sich bis  2002  in  deutschem  Privatbesitz befand (Abb. S. 25), vermerkt aber beiläufig, dass „das russische Kulturministerium erst 1998 Interesse an dem Verbleib“ der immerhin seit 1970 als existent bekannten Ikone zeigte. Auch das ist ein sprechendes Detail.

Die Arbeit des Forschungsprojekts zur Geschichte beispielhaft ausgewählter russischer Museen im Zweiten Weltkrieg wäre nicht vollständig beschrieben, würde nicht auch das vorangehende Projekt „Kriegsverluste deutscher Museen“ erwähnt. Beide Projekte greifen ineinander, insofern sie die beiden Seiten ein- und derselben Geschichte beleuchten, eben der des Umgangs mit Kulturgütern während des Krieges und danach. Die Bearbeitung der kriegs- und nachkriegszeitlichen Bestands- und Verlust­listen sowie der als Beutekunst ab April 1945 empfangenen Objekte aus deutschem Besitz und der Vergleich dieser Daten mit aktuellen Bestands- und Verlustdokumentationen präzisiert die bis dahin oftmals nur vage Kenntnis über tatsächliche Verluste, während zugleich die Geschichte verlagerter Objekte von der Nachkriegszeit bis heute nachgezeichnet werden kann.

Die sechs für das Museumsprojekt ausgewählten Städte und Schlosskomplexe stehen „auf sehr unterschiedliche Weise über viele Jahrhunderte für besondere Beziehungen zur Geschichte deutscher Länder, die beiden russischen Städte zur mittelalterlichen Hanse, die Paläste über dynastische Verbindungen zu deutschen Fürstenhäusern“, heißt es in dem jetzt vorgelegten Buch. Und Wolfgang Eichwede urteilt: „Selten haben sich zwei Völker und Kulturen so nah zueinander definiert wie Russen und Deutsche. Selten haben sie sich dann in zwei Weltkriegen so bitter bekämpft und verletzt. Die Verbindung von Nähe und Tod frappiert bis heute.“ Das vorliegende Buch ist eine Mahnung, ein Aufruf, sich der langen und intensiven Verbindungen zwischen beiden Seiten zu erinnern und gemeinsam die Wunden des Zweiten Weltkriegs, so gut es mehr als siebzig Jahre danach geht, zu schließen.

Bernhard Schulz

ist Kulturredakteur des Berliner Tagesspiegel.