Lyonel Feininger „Kirche von Tröbsdorf“

Anschrift der geförderten Einrichtung:
Kunstsammlungen zu Weimar
Burgplatz 4
99423 Weimar

Artikelnummer: PATRIMONIA NR. 124 (1997).
Kategorie:
Jahr: 1997
Künstler: Feininger; Lyonel
Gattung: Malerei
Land: Thüringen

Beschreibung

Für die Kunstsammlungen zu Weimar bedeutet die Neuerwerbung des Gemäldes Kirche von Tröbsdorf von Léonell Charles Feininger ein erneuter Anfang, die überragenden Maler des Weimarer Bauhaus am Ursprung ihres Wirkens wieder lebendig werden zu lassen. Nach einer Begegnung mit Walter Gropius 1918 berief dieser Feininger 1919 als Meister der graphischen Abteilung ans Bauhaus Weimar. Als Gropius das Bauhaus im Bild der Architektur als Gemeinschaftswerk beschrieb, welches einst gen Himmel steigen wird als Sinnbild eines neuen kommenden Glaubens, schuf Feininger, der in den alten Dorfkirchen ein Symbol für den verlorenen Glauben sah, für das Bauhaus-Manifest den berühmten Holzschnitt Kathedrale, von deren Turm gebündelte Strahlen ausgehen und die Kraft der Künste verkünden. Auch nach dem Weggang des Bauhauses aus Weimar blieb Feininger der Schule wie der Stadt eng verbunden.Vor und während der Zeit am Bauhaus Weimar entstanden zahlreiche Gemälde mit Darstellungen thüringischer Kirchen, im Jahr 1927 die Dorfkirche des von Weimar 3 km entfernt gelegenen Tröbsdorf. Ähnlich wie bei anderen Bildern gingen dem Gemälde zahlreiche Studien voraus; Feininger bereitete das Werk seit 1916 in an die zehn Zeichnungen in Kohle, Blei und in Radierungen vor. Im September 1923 festigt sich die Komposition erstmals in klaren kristallinen Formen. Die schweren Wolken, die vorher den Himmel umgaben, werden nun zu Strahlen , die von der Kirche ausgehen. Als verbindliche Gestaltungselemente übernimmt Feininger das abfallende Walmdach der Kirche, die beiden Bauernhäuser und die Telegraphenmasten. Das ausgeführte Gemälde faßt die allmählichen Entwicklungen auf grandiose Weise zusammen.Tröbsdorf markiert einen wichtigen Schritt von den malerisch-starren, tektonischen Bildern hin zur offenen Komposition mit prismatischen, reich facettierten Strukturen.Vergleicht man die expressive und kubistisch beeinflußte Darstellung der barocken Dorfkirchen von Tröbsdorf oder Lehnstedt mit der von mittelalterlichen Kirchen, die, aus kubischen Blöcken und Dreiecken aufgebaut, sich durch klare Flächen meist aus rechtwinkligen Scheiben und Spitzen auszeichnen, so fällt ins Auge, daß Feininger in Ablehnung der totalen Zerlegung im Sinne des Kubismus die architektonische Formensprache der jeweiligen Kirche gezielt zur Grundlage des Bildaufbaus erhoben hat.Nachdem die Kunstsammlungen zu Weimar unter ihrem Direktor Wilhelm Köhler sich in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus in den 20er Jahren erfolgreich um den Aufbau einer Sammlung moderner Kunst mit Werken von Kandinsky, Dexel, Molzahn und v.a. Paul Klee und Lyonel Feininger bemüht hatten, erging im Oktober 1930 durch das Thüringer Innen- und Volksbildungsmuseum Befehl, die Werke moderner Kunst innerhalb weniger Stunden zu entfernen. 1937 wurden weitere 170 Bilder, Zeichnungen und Plastiken, darunter die Arbeiten Feiningers im Rahmen der Aktion Entartete Kunst beschlagnahmt.Die Rückkehr der Kirche von Tröbsdorf nach Thüringen konnte durch die Hilfe der Kulturstiftung der Länder, der Bundesrepublik Deutschland, der Ernst von Siemens-Kunstfonds und den Freistaat Thüringen bewirkt werden.