„Die Ottheinrich-Bibel“

Anschrift der geförderten Einrichtung:
Bayerische Staatsbibliothek München
Ludwigstraße 16
80539 MÜnchen

Artikelnummer: PATRIMONIA NR. 334 (2008).
Kategorie:
Land: Bayern
Gattung: Handschriften/Inkunabeln

Beschreibung

Die Ottheinrich-Bibel ist eines der wichtigsten Buchprojekte der werdenden Neuzeit in Mitteleuropa. Sie ist die erste reich mit Bildern illustrierte Übersetzung des Neuen Testamentes ins Deutsche. Die Bezugnahme auf die ca. 40 Jahre früher für den deutschen/böhmischen König Wenzel konzipierte Wenzelsbibel ist offensichtlich, doch ist die Ottheinrich-Bibel wegen ihrer erst 1985 begonnenen Erforschung weniger bekannt. Herzog Ludwig VII. von Bayern-Ingolstadt beauftragte um 1430, angeregt durch die von Böhmen ausgehenden Bemühungen um Reformen in Kirche und Staat, die Übersetzung des Neuen Testamentes, d.h. die heute 8 Bände umfassende Bibel. Ihre Ausmalung wurde schon im 1. Band aus bisher unbekannten Gründen unterbrochen. Der Buchschmuck ist auf Rankeninitialen des böhmischen Typus beschränkt, bietet dafür aber umso mehr Platz für Bilder. Die großen ausgesparten Bildflächen, die eher an Tafelbilder denken lassen als an Miniaturen, kamen dem Kunstgeschmack der Dürerzeit sehr entgegen und mögen dazu geführt haben, daß Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz die Bibel erwarb, um ihre Ausmalung vollenden zu lassen. Ottheinrich ist historisch bedeutsam als einer der Bannerträger der Reformationsbewegung und berühmt für das Heidelberger Schloss mit seiner großartigen Büchersammlung. Mit sicherem Blick für künstlerische Talente und Qualität stellte er den Lauinger Maler Mathis Gerung ein, der aus Nördlingen stammte und dort bei dem bedeutenden Dürerschüler Hans Schäuffelein in die Lehre gegangen war. Bei seinen Miniaturen zitierte er nach Art der Zeit reichlich aus fremder Graphik, durchdachte aber alles neu und erfand selbständig viele neue Bildkompositionen. Er hielt sich jedoch an die ausführlichen und merkwürdigerweise erhaltenen lateinischen Maleranweisungen am Rand des Textes aus der Zeit Ludwigs des Gebarteten und setzt somit das vorreformatorische Bildprogramm im Sinne der Reformation fort. Damit wird die Ottheinrich-Bibel zu einem wichtigen Monument der Reformation und ihrer Vorgeschichte. Binnen zwei Jahren 1530-1532 ergänzte der Maler die 29 alten Miniaturen um insgesamt 117 neue und die 43 vorhandenen Initialen durch 252 weitere und vollendete damit das Werk.