Kunst auf Lager

Die Meissener „Elementvasen“

Im Auftrag von König August III. fertigte Johann Joachim Kaendler 1741/42 die sogenannten Elementvasen, einen fünfteiligen Vasensatz, bei dem er die technischen Möglichkeiten des neuartigen Werkstoffes Porzellan ausreizte. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder gelang es den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“, die kostbaren Stücke pünktlich zur Wiederöffnung des Porzellankabinetts im Turm und der rekonstruierten Paraderäume des Residenzschlosses zu restaurieren.

Unter Hochdruck modellierte Johann Joachim Kaendler (1706-1775), unterstützt von Johann Friedrich Eberlein, in der „Königlich-Polnischen und Kurfürstlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur“ auf der Albrechtsburg bei Meißen den Vasensatz. Der überbordende figürliche Schmuck der Vasen vom Flachrelief der Vasenkörper bis zu den vollplastischen Applikationen von Blüten, Tieren bis hin zu mythologischen Figuren verwandelt die Gefäßkörper in Skulpturen mit filigraner, scheinbar bewegter Silhouette. Inspiriert nicht zuletzt von französischen Vorlagen – etwa den Stichen nach Juste-Aurèle Meissonier (1695-1750) – übersetze Kaendler die Formensprache des hochmodischen Rokoko in das neue Medium Porzellan und schuf mit den „Elementvasen“ einzigartige Beispiele einer neuen europäischen Porzellankunst. Die aufwändig gearbeiteten Vasen und Kannen zeigen die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde sowie eine große Mittelvase mit dem Porträtrelief Ludwig XV. Sie waren ursprünglich als diplomatisches Geschenk für den französischen König bestimmt.

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Der dringliche Auftrag des Königs an Kaendler war unmittelbar verbunden mit der politischen Großwetterlage im Zeichen des Österreichischen Erbfolgekrieges (1740-1748). Während Sachsen versuchte, im Spiel der wechselnden Allianzen gegenüber Österreich, Preußen und Frankreich seine Interessen durchzusetzen, erschien August III. (1696-1763) ein opulentes diplomatisches Geschenk an Ludwig XV. (1710-1774) opportun – eine Geste, die jedoch im Moment der Fertigstellung der Vasen im Sommer 1742 bereits politisch obsolet war. Der sächsische Versuch, sich mit Hilfe Frankreichs eine dauerhafte geographische Verbindung zwischen seinen beiden Territorien, Sachsen und Polen, zu sichern, war gescheitert. Allerdings hatte man auf Grund des mit der Produktion verbundenen hohen Aufwands und Risikos mehrere Sätze der „Elementvasen“ angefertigt. Bei einer zusätzlichen Ausfertigung trat das Porträt Augusts III. an die Stelle des Bildnisses von Ludwig XV. So stand im Depot der Manufaktur eine große Anzahl von plötzlich funktionslos gewordenen, monumentalen Porzellanskulpturen zur Verfügung. Das ehemalige Herrschergeschenk wurde zunächst in das Japanische Palais überführt. Als zentrale Prunkstücke wurden die Vasen anschließend im nach 1743 eingerichteten Porzellankabinett im Turmzimmer des Dresdener Residenzschlosses gezeigt.

1708 war das europäische Porzellan in Dresden erfunden worden. Zwei Jahre darauf wurde die Manufaktur in Meissen gegründet. Zumindest acht Jahre lang gelang es Sachsen, der erste und einzige Hersteller von Porzellan in Europa zu bleiben. Die Abwanderung eines der Mitarbeiter nach Wien führte zur Gründung der ersten Konkurrenzmanufaktur im Jahr 1718. Im Meissener Porzellan gehen fürstliches Prestige, Politik, Merkantilismus, die sächsische Bergbautradition, Handwerk und Ästhetik eine unauflösliche Verbindung ein.

Detail des Bildnisses Ludwig XV.
Prunkvase: Reliefbildnis Ludwig XV. (mit Deckel und Fuß, Detail), Modelleur: Kaendler, Johann Joachim Meissen, um 1741/42 ©Porzellansammlung, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Adrian Sauer

26 Ausformungen der „Elementvasen“ blieben erhalten, die nach der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg auf Grund von Beschädigungen nicht mehr ausgestellt werden konnten. Nun gelang es mit einer Mischung traditioneller und fortschrittlicher Restaurierungstechniken, 20 der kostbaren Stücke für die Aufstellung im rekonstruierten Porzellankabinett wiederherzustellen. Neben der Reinigung der Oberflächen ging es vor allem um die Ergänzung von Applikationen sowie ganzen Füßen und Deckeln der Vasen. Einen wichtigen Beitrag leistete zum einen die heutige staatliche Porzellan-Manufaktur mit Rückgriff auf ihr historisches Formenarchiv. Um große Ausbrüche zu schließen, beispielsweise an den Ausgüssen der Kannen, wurde in Dresden erstmals die 3D-Technologie eingesetzt. Bei der Retusche ließ man die Ansatzstellen bewusst sichtbar stehen, um den Übergang zwischen überliefertem Originalzustand und der Restaurierung transparent zu machen. Darüber hinaus wurden einzelne fehlende Deckel und Füße in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen nach historischem Vorbild ganz neu ausgeformt. Die Kulturstiftung der Länder hat die Restaurierung im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“ mit 50.000 Euro unterstützt.