Erwerbungen

Machsor aus Amsterdam

Eine kostbare hebräische Handschrift kommt in das zukünftige Jüdische Museum in Köln

von Elisa Kaiser

Die Liturgien zu Rosch ha-Schana, Jom Kippur, Purim, Pessach und Shavuot, umrahmt von viel­farbigen Bordüren, leuchtenden Ornamenten und vergoldeten Initialwörtern: Der Machsor – eine im Mittelalter übliche Festtagsvariante des jüdischen Gebetbuchs Siddur – ordnete in prächtiger Ausgestaltung die vom Kantor zu den hohen jüdischen Festtagen vorgetragenen Gesänge und Gebete. Die großformatigen Machsorim waren, den heiligen Anlässen angemessen, häufig aufwändig und mit kalligraphischer Raffinesse gestaltet: Hebräisch für Wiederholung bzw. Zyklus, gab der reich verzierte Machsor, einem Kalender gleich, nicht nur die Abfolge der bedeutenden Festlichkeiten im Jahr vor, sondern hielt zugleich die jeweiligen Stellen aus dem Tanach – die für das Judentum verbindlichen Bibeltexte – bereit, die den öffentlichen Gebeten zu Neujahr, Versöhnungs- oder Wochenfest zugrundeliegen. Verbreitung fanden die repräsentativen Gebetbücher insbesondere in den jüdischen Gemeinden des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zwischen Mitte des 13. und Mitte des 14. Jahrhunderts. Ein besonders eindrucksvolles Exemplar dieses Brauchtums ist der ca. 1250 entstandene, sogenannte Amsterdam Machsor, der mit 47 auf 34 Zentimetern nicht nur zu den größten heute bekannten hebräischen Codices aus dem Mittelalter, sondern auch zu den frühesten illuminierten Manuskripten aschkenasischer Herkunft gehört. In Ermangelung eines Kolophons, das den Schreiber oder Auftraggeber benennt, überliefert die Schmuckhandschrift ihren Entstehungshintergrund nicht eindeutig. Dass ihre Wurzeln aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch im Kölner Raum liegen, dokumentieren feine Besonder­heiten der Liturgie: Das Fehlen einer festgelegten Ordnung der Bußgebete zum Versöhnungsfest Jom Kippur beispielsweise gilt als Eigenheit des Kölner Ritus, den auch kleinere benachbarte Gemeinden wie etwa Bonn, Remagen und Linz am Rhein praktizierten.

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Prachtvoll illuminiert – Löwen, Greifen, Pfauen und Kastelle zieren die 331 Pergamentseiten – und elegant in hebräischer Quadratschrift kalligraphiert, liegt als Ursprung des Machsor das mittelalter­liche Köln nahe, denn nur in Metropolen erreichten Schreiber ein solch hohes künstlerisches Niveau. Spätestens als die Kölner Juden 1424 endgültig aus der Stadt ausgewiesen worden waren, gelangte das Gebetbuch vermutlich an einen anderen Ort – zahlreiche Schreibspuren belegen seine intensive Nutzung hernach. Eine datierte hebräische Notiz in der Handschrift vermerkt, dass ein in Amsterdam ansässiger Drucker namens Feivesh ha-Levi, in dessen Familienbesitz sich die Handschrift schließlich befand, den Machsor 1669 der jüdischen Gemeinde in Amsterdam übergab. Nach rund 350 Jahren im Eigentum der Niederländisch-Israelitischen Hauptsynagoge bot die Jüdische Gemeinde Amsterdam das seither Amsterdam Machsor genannte Buch zum Kauf an: Ein internationaler Schulterschluss zwischen dem Joods Historisch Museum Amsterdam, wo der Machsor bereits seit 1955 als Dauerleihgabe verwahrt wird, und dem Landschaftsverband Rheinland in Köln (LVR) ermöglichte es, dieses Rarissimum unter den hebräischen Handschriften für die Öffentlichkeit und die weitere Erforschung zu sichern: Dank einer europäischen Kooperationsvereinbarung wird das kostbare Buch wechselseitig sowohl an seinem Ent­stehungs- als auch an seinem jahrhundertlangen und namensgebenden Aufbewahrungsort zu sehen sein – eine glückliche Zusammenarbeit zwischen Köln und Amsterdam, die über Ländergrenzen hinweg der speziellen Biografie des Machsor gerecht wird. Insbesondere für das im Entstehen begriffene Jüdische Museum in Köln, für das der LVR das wertvolle Artefakt jüdischer Lokalgeschichte hälftig erwirbt, bedeutet dies eine einmalige Chance: Nachdem der Kölner Ritus im Zusammenhang mit der Vertreibung der Juden aus Köln weitestgehend in Vergessenheit geraten war, kann das Museum mit dem Amsterdam Machsor ein sehr gut erhaltenes Zeugnis dieser liturgischen Ausformung präsentieren. Zunächst in Amsterdam ausgestellt, soll die kulturhistorisch bedeutende Handschrift zur 2021 geplanten Eröffnung des MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier in Köln endlich wieder am Ort ihrer mutmaßlichen Entstehung zu sehen sein.

Förderer dieser Erwerbung: Kultur­stiftung der Länder, Ernst von Siemens Kunst­stiftung, C. L. Grosspeter Stiftung, Land Nord­rhein-Westfalen, Rheinischer Spar­kassen- und Giroverband, Kreissparkasse Köln, Sparkasse KölnBonn

Elisa Kaiser

ist Kunstwissenschaftlerin in Berlin.