Er sei einer „der größten Künstler unserer Zeit“ und im Pariser Salon „das Glitzern, die Inspiration, die kraftvolle Würze und die Überraschung“. So schrieb der Dichter und Kunstkritiker Zacharie Astruc (1833-1907) in seinen Besprechungen von Manets Werken über den Wegbereiter der Moderne, seinen Freund Édouard Manet (1832-1883). 1868 wiederum bedankte sich Manet für eine von Astrucs Kritiken mit den Worten „Meine Zuneigung zu Ihnen gibt mir die Gewissheit, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. Zudem weiß ich, dass Sie wissen, was wirklich gut ist, und dass Sie, sobald es Ihnen möglich sein wird, meinem übertriebenen Stolz Genüge tun werden. Ich drücke Ihnen die Hand. Ihr getreuer Édouard Manet.“ Zacharie Astruc war der erste Kritiker, der Manets Skandalbild ­Frühstück im ­Grünen (1863) verteidigte. Jahrzehntelang pflegten die beiden Künstler eine enge Freundschaft, ihre Korrespondenz zwischen 1863 und 1882 ist erhalten. Die Kunsthalle Bremen widmet mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder dieser Freundschaft nun die Ausstellung „Manet und Astruc. Künstlerfreunde“. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das Gemälde Das Bildnis des ­Zacharie Astruc (1866) von Édouard Manet. Mit dem Gemälde verwirklichte Manet ein neues Konzept des Intellektuellenporträts: Der Porträtierte und gemeinsame Interessen von Künstler und Modell stehen im Fokus. Mit über 120 ­Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier aus der ganzen Welt stellt die Kunsthalle neben Manet auch die bislang kaum bekannte Künstlerpersönlichkeit Astruc einem breiten Publikum vor. Denn der heute vor allem als Autor und Kunstkritiker wahrgenommene ­Franzose arbeitete auch als Maler und Bildhauer.

Das Bildnis des Zacharie Astruc

Bereits 1909 erwarb die Bremer Kunsthalle das Bildnis des ­Zacharie Astruc für ihre Sammlung. Heute ist es eines der Hauptwerke der Kunsthalle, die einen der bedeutendsten Bestände französischer Kunst des 19. Jahrhunderts besitzt. Das Werk war eine der frühesten Erwerbungen der Kunst Manets in ganz Deutschland, ein Meilenstein der modernen Museumspolitik. Gustav Pauli (1899–1914), der damalige Museumsdirektor der Kunsthalle, setzte sich im Besonderen für die frühen Ankäufe der französischen Moderne ein und erfuhr damit Aufmerksamkeit weit über Bremen hinaus.

Der Ausgangspunkt der Ausstellung – Das Bildnis des ­Zacharie Astruc – behandelt mehrere Themen, welche beide Künstler, Manet und Astruc, begeisterten und die sie gemeinsam diskutierten. Neben Astruc malte Manet Federn und Bücher als Zeichen für dessen Tätigkeit als Kunstschriftsteller. Ein dünnes Heft neben Astruc, versehen mit Schriftzeichen, dient als Hinweis auf die damals aufkommende Japanmode, die rote Schärpe um seinen Bauch ist eine Anspielung auf die Gürtung der Toreros und steht für die Spanienbegeisterung der beiden Künstler. Das im Gemäldehintergrund angedeutete Saiten­instrument charakterisiert Astruc als Musiker und Komponisten, der neben seiner Tätigkeit als Kunstkritiker auch Musik­kritiken publizierte. Das Gemälde trägt zudem die Widmung „Dem Dichter Z. Astruc / sein Freund Manet 1866“, zu finden auf dem japanischen Album zur Linken Astrucs. Mit einem Querformat wählte Manet ein eher ungewöhnliches Format für ein Porträt. Ebenso ungewöhnlich für die damalige Zeit ist die Ausgestaltung: Manet verband das Bildnis Astrucs mit einem Stillleben (Bücher, Feder, Zitrone und Tablett am linken Bildrand) und einer Genreszene. Das Bildnis zeigt somit deutlich mehr als ein reines Porträt – es vereint die wichtigsten Inspirationsquellen der Künstler wie japanische Kunst und die Kultur Spaniens und gilt somit als ein Manifest der künstlerischen Moderne.

Ein Atelier im Batignolles-Viertel

Die Außergewöhnlichkeit des Intellektuellenporträts von Astruc erkannten auch die Zeitgenossen. 1870 machte der Künstler Henri Fantin-Latour (1836 – 1904) es zum Thema seines Gemäldes Un Atelier aux Batignolles. Es zeigt Manet, wie er dabei ist, Astruc zu malen, umringt von Künstlern und Intellektuellen wie Pierre-Auguste Renoir, Claude Monet und Émile Zola. Henri Fantin-Latour veranschaulichte mit diesem Gruppenporträt das Netzwerk, zu dem die beiden gehörten.

Japan

In der Ausstellung widmet die Kunsthalle Bremen den beiden Hauptthemen des Bildnisses – Inspiration aus Japan und ­Spanien – je einen eigenen Raum. Astruc war ein früher Liebhaber der japanischen Kunst, die zur damaligen Zeit noch neu in Europa war. In Paris galt er als Vorreiter für ihre Rezeption. Er sammelte Alben japanischer Holzschnitte, publizierte als Erster in Frankreich über die japanische Kunst und war eines der Gründungsmitglieder der geheimen Jing-Lar-Gesellschaft, in der man sich über japanische Kultur austauschte, vor allem aber die gemeinsame republikanische Gesinnung stärkte. Ausgestellt werden neben originalen japanischen Arbeiten aus dem Übersee-Museum Bremen auch von Astruc angefertigte Bilder und Aquarelle japanischer Kunstgegenstände, in denen er seine Begeisterung für diese Kultur zum Ausdruck bringt. Aus dem Bestand der Kunsthalle Bremen – sie erwarb bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan eine umfangreiche Sammlung japanischer Holzschnitte – werden ebenfalls Holzschnitte gezeigt.

Spanien

Zur Entstehungszeit des Astruc-Bildnisses begeisterte man sich in Frankreich sehr für die Kunst und Kultur Spaniens. Im Pariser Salon feierte Manet seinen ersten Erfolg mit einem Gemälde, in dem er ein spanisches Thema aufgegriffen hatte – Der spanische Sänger (1860). Manet und Astruc verband die Leidenschaft für Spanien: Sie liebten die Kultur, begeisterten sich für die Malerei von Velázquez, die Auftritte der spanischen Tänzerin und Sängerin Lola de Valence, Stierkämpfe und Gitarrenmusik. Während Manet seine Begeisterung in Der spanische Sänger ausdrückte, spielte Astruc selbst virtuos auf der Gitarre und komponierte eine Serenade für die spanische Sängerin Lola de Valence. Manet steuerte eine Lithografie mit ihrem Porträt bei, die das Titelblatt des Notenheftes der Serenade zierte – eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Freunde Manet und Astruc.

1864 bereiste Astruc Spanien. Als Manet im Folgejahr plante, ebenfalls nach Madrid zu fahren, schickte ihm Astruc einen zehnseitigen Brief mit Reiseempfehlungen. Detailliert berichtete er darin von Museen und Sammlungen oder beschrieb, wo Manet Zugtickets kaufen und in Madrid den besten Kaffee trinken könne. Mit Astrucs Empfehlungen begab sich Manet 1865 auf seine zweiwöchige Reise, wich dabei jedoch häufig von den Hinweisen seines Freundes ab und berichtete in Briefen an Astruc über die Küche in Madrid.

Manets Reise inspirierte ihn zu zahlreichen neuen Spanienbildern. Sein Werk Der Stierkampf (1865–66) zeugt von einem seiner eindrucksvollsten Erlebnisse, einer Corrida. Im Jahr nach seiner Rückkehr aus Spanien fertigte Manet dann das Bremer Bildnis des Zacharie Astruc. Zwei Jahre später wiederholte er das Konzept des Intellektuellenporträts von Astruc im Porträt des Schriftstellers Émile Zola (1840–1902). Doch nicht nur das Grundkonzept wiederholte Manet, auch thematische Aspekte wie japanische und spanische Kunst finden sich wie bei Astruc auch bei Zola, hier in Gestalt eines japanischen Holzschnittes und eines Paravents sowie einer Radierung von Francisco de Goya nach einem Werk von Velázquez. Das Zola-Porträt ist ein bedeutendes Schlüsselwerk Manets und kann als Leihgabe des Pariser Musée d’Orsay in der Bremer Schau gezeigt werden. Die Gegenüberstellung der beiden Bildnisse von Astruc und Zola bildet einen Höhepunkt der Ausstellung.

Die Werke der beiden Freunde sind inhaltlich vielfach miteinander verwandt: Während Manet in seinen letzten Lebensjahren zahlreiche Blumenstillleben schuf, wandte sich Astruc Blumenaquarellen zu, die zum Vergleich mit Bildern Manets ­einladen. Zwei Jahre vor Manets Tod fertigte Astruc schließlich eine Büste von ihm an. Sie gilt sie doch als späte „Antwort“ Astrucs auf sein von Manet geschaffenes Porträt. Die Büste bildet in der Bremer Ausstellung den Abschluss und belegt, dass ­die Freundschaft der beiden bis zu dem frühen Tod Manets dauerte. Zugleich ist sie ein Beispiel für Astrucs Bildhauerei, mit der er in den 1870er-Jahren begann. Im Jardin du Luxembourg in ­Paris findet man noch heute Astrucs wohl bekanntestes Werk: Der Maskenverkäufer (1883).

Die Freundschaft von Manet und Astruc

Die Gemeinschaftsarbeiten und ähnlich verwendeten Motive machen deutlich, wie eng die Beziehung zwischen Manet und Astruc war – sie wurde bekräftigt durch Empfehlungen, kleine Geschenke, Kritiken und das gegenseitige Modellsitzen, das viel Zeit in Anspruch nahm. Astruc war Fürsprecher und Freund einer ganzen Generation französischer Künstler, von „la jeunesse“, die die 1860er-Jahre bis zum Beginn des Impressionismus gegen 1870 prägten. Er verteidigte sie, schätzte ihre Talente und wurde so auch ein besonderer Unterstützer Manets, dem er durch ­kritische Phasen half. Wann genau die beiden Künstler zum ersten Mal aufeinander trafen, ist nicht bekannt. 1862 tauchte Astruc erstmals in einem Gemälde Manets auf: In Musik im Tuilerien­garten malte er Astruc als Teil einer Menschenmenge.

Mit der Ausstellung leistet die Kunsthalle Pionierarbeit in der Bekanntmachung des Künstlers Astruc und präsentiert ­Manet erstmals im Dialog mit den Werken seines Freundes. Während das Schaffen Manets bereits umfänglich erforscht und vorgestellt wurde, ist das Wirken Astrucs heute nahezu unbekannt, bislang wurde kaum zu ihm veröffentlicht. Daher hat die Kuratorin Dorothee Hansen neue Forschungen betrieben und den heute im Musée d’Orsay aufbewahrten Nachlass von Astruc analysiert. Ihre Erkenntnisse hat sie in einem Katalog festgehalten, in dem erstmals eine größere Anzahl der Werke Astrucs ­publiziert wird. Etliche davon waren seit mehr als 100 Jahren nicht mehr ausgestellt und wurden zum Teil eigens für die ­Ausstellung restauriert – davon profitieren sowohl die ­Bremer Ausstellung als auch die Eigentümer der Werke.