Kulturelle Bildung

„Teilhabe an einer vielfältigen, reichen Welt“

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss, Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung, und Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, im Gespräch mit Marion Kuchenny über Strukturen, Koordination und Finanzierung kultureller Bildung

Marion Kuchenny: Herr Hilgert, wie würden Sie jemandem erklären, was  „kulturelle Bildung“ ist, der damit bislang noch nicht in Berührung gekommen ist?

Hilgert: Grundsätzlich beschäftigt sie sich mit der Teilhabe an bestimmten Praktiken und Inhalten. Und mit dem Abbau der Barrieren, die den Zugang dazu verwehren. Wir wissen, dass Barrieren zum Museums- oder Theaterbesuch nicht unbedingt primär finanzieller Natur sind, sondern dass sie auch sozial konditioniert sind, ob man sich zugehörig fühlt oder nicht. Kulturelle Bildung kann diese Barrieren abbauen und dafür sorgen, dass man einerseits an Kultur teilhat, andererseits aber auch selbst in die künstlerisch kreative Produktion gehen kann.

1/2

Kulturelle Bildung ist gerade in un­seren Zeiten wichtig, denn sie kann dazu beitragen, die Gesellschaft nicht nur zu stabilisieren, sondern auch im Kern als Gemeinschaft zusammenzuhalten. Würden Sie diese Einschätzung teilen?

Reinwand-Weiss: Ja, aber ich würde noch einen Schritt vorher anfangen. Mir ist es in der kulturellen Bildung wichtig, dass es um die Künste oder ästhetische Praxen geht. Wir sprechen nicht nur von der Hochkultur, sondern eben vor allem von vielfältigen ästhetischen Praxen und Künsten. Und kulturelle Bildung ist eine Bildung in diesen Künsten, aber auch durch diese Künste. Das heißt durch die Beschäftigung mit ästhetischen Praxen werden Kompetenzen angeregt, die wir gesellschaftlich und jeder einzelne auch für seine persönliche Entwicklung braucht. Allen voran zu nennen ist da die Wahrnehmungs- und die Ausdrucksfähigkeit. Es leuchtet ein, dass jemand, der gut zuhören, genau hinsehen, sich intensiv mit Inhalten beschäftigen kann und der auch fähig ist, diese Inhalte aufzunehmen und in persönlicher Art und Weise wiederzugeben, erfolgreich ist im Leben. Wir brauchen solche Personen in unserer Gesellschaft, die auf veränderte Bedingungen gut und passend reagieren können. Und ich glaube, da sind Künste und ästhetischen Praxen ein gutes Spielfeld.

Für diejenigen, die jetzt sagen „aber das kostet doch alles unser Steuergeld“ − warum wäre dieses Geld aus Ihrer Sicht gut angelegt?

Hilgert: Bildung ist immer ein hohes Gut und immer eine gut angelegte Investition. Denn das Ziel ist es, die Gesellschaft und die Entscheidungsträger und -trägerinnen von morgen für Kultur und kulturelle Inhalte zu sensibilisieren. Wir sprechen im Bereich des Kulturerbes, aber auch in anderen Bereichen des Kultursektors immer häufiger davon, wie wichtig die Zivilgesellschaft ist. Aber wer bereitet die Zivilgesellschaft auf die Themen und Herausforderungen vor, die in ganz vielfältiger Form im Kulturbereich existieren? Es sind die Menschen vor Ort, die dafür sorgen, dass beispielsweise Bibliotheken nach wie vor geöffnet sind. Und um solche Menschen auch in Zukunft zu haben, ist es, glaube ich, gut investiertes Steuergeld, in kulturelle Bildung zu investieren. Die ästhetisch-künstlerische Praxis ist wichtig, aber es geht auch darum, sich in Diskursen um Architektur oder Literatur sicher bewegen zu können, ein Gespür dafür zu entwickeln und sie wertzuschätzen.

Stichwort „Zivilgesellschaft“: Damit eine Gesellschaft gut und friedlich funktioniert, braucht es einen Wertekanon und ein Leitbild. Was kann dieses Leitbild sein? Diese Vision, die vielleicht auch hinter dem Begriff „kulturelle Bildung“ steckt?

Reinwand-Weiss: Der Begriff der kulturellen Bildung hat seine Wurzeln vor allem in den 1970er-Jahren, und man hat damit eine Demokratisierung von Kultur verbunden. Es gibt heute noch das Schlagwort „Kultur für alle und von allen“. Das ist heute noch der Kern des Verständnisses von kultureller Bildung. Wir wollen eine Kulturlandschaft, die allen zugänglich ist. Kulturelle Bildung verbindet sich auch mit Prinzipien wie Freiwilligkeit, Heterogenität, Diversität und Stärkenorientierung, das sind im Kern alles pädagogische Werte beziehungsweise Konzepte, die deutlich machen, dass es um den Einzelnen geht. Jeder ist sozusagen für die Gesellschaft wertvoll, und wir müssen aus jedem einzelnen herauskitzeln − pädagogisch oder vermittelnd durch die Beschäftigung mit allgemeinen Werten, Kunst und Kultur −, dass diese einzelne Person für die Gesellschaft einen größtmöglichen Beitrag und Wert erbringen kann. Das heißt „kulturelle Bildung“ ist kein normfreier Begriff, sie geht mit starken Werten einher.

Wie lässt sich denn der Grad an kultureller Bildung, also der Erfolg solcher Bildungsanstrengungen ermitteln? In der schulischen Ausbildung haben wir ein Notensystem, wie kann das im Bereich kulturelle Bildung funktionieren?

Hilgert: Da sprechen Sie ein zentrales Problem im Bereich kulturelle Bildung an. Meines Erachtens fehlt es nach wie vor an belastbaren Kriterien, um diese Wirkung auch langfristig zu dokumentieren. Da muss man Möglichkeiten finden, die über das hinausgehen, was bislang geleistet worden ist. Denn die politische Bereitschaft und auch die Akzeptanz, kulturelle Bildung und die Forschung weiterhin zu finanzieren, hängen wesentlich davon ab, dass man solche Wirkungsindikatoren entwickelt und vorlegen kann. Langfristig angelegte Beobachtungen können helfen, zu verstehen, was kulturelle Bildung beispielsweise im Gehirn, bei der Koordinationsfähigkeit des Körpers oder den Karrierewegen von Menschen bewirkt.

Wenn wir uns gesellschaftliche Herausforderungen im Zusammenhang mit kultureller Bildung anschauen, dann ist Migration ein großes Thema, das in alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft hineinwirkt. Was kann, was muss kulturelle Bildung hier leisten?

Reinwand-Weiss: Kulturelle Bildung ist kein Allheilmittel für alle sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Aber das Feld kultureller Bildungsakteure kann bei sich und bei der Art und Weise, wie sie in Deutschland angeboten wird, anfangen. Und da müssen wir den kulturellen Kanon, den wir in unseren Kultureinrichtungen präsentieren, noch ausweiten. Das ist häufig ein westlicher, ein sehr europäischer Kanon. Dagegen ist erst einmal nichts einzuwenden, aber unsere Gesellschaft ist vielfältiger, heterogener. Und auch das Angebot muss vielfältiger werden. Auch VermittlerInnen in den Künsten müssen mehr Sensibilität entwickeln für Fragen der Vielfalt und Heterogenität. Es gibt Studien, die zeigen, dass das in vielen Punkten sicherlich weit entwickelte Feld kultureller Bildung Nachholbedarf hat, was Themen der Diversität und Migration betrifft und dass auch hier Alltagsrassismen eine Rolle spielen.

Schauen wir auf die Entwicklungen rund um die Corona-Krise und wie schnell sich unsere Arbeitswelt auf die digitale Ebene verlagert hat und verlagern musste: Was bedeutet dieser Themenbereich für die kulturelle Bildung?

Hilgert: „Digitalität“, „digitale Kompetenz“, aber auch „digitale Transformation“ sind wie für andere Bereiche auch für die kulturelle Bildung hoch relevant. Da geht es zum einen um die naheliegende Frage: Inwieweit können wir digitale Anwendungen nutzen, um kulturelle Bildung zu betreiben? Können wir neue Personengruppen über digitale Kanäle ansprechen? Und andererseits aber auch die Frage, ob nicht auch die Nutzung von digitalen Anwendungen Gegenstand der kulturellen Bildung selbst ist? Es gab vor nicht allzu langer Zeit eine Studie zum Nutzerverhalten auf YouTube, wo sich gezeigt hat, dass gerade jüngere Menschen unter 20 zu einem ganz erheblichen Anteil − deutlich über 80 Prozent − regelmäßig YouTube nutzen. Da stellt sich die Frage, ob es möglich ist, Kriterien zu entwickeln, mit denen die verschiedenen Angebote auf diesem Kanal eingeordnet werden können. Also inwieweit es möglich ist, selbst zu unterscheiden, ob es sich um ein wertvolles oder ein weniger wertvolles Angebot handelt. Diese beiden Bereiche sind ganz entscheidend.

Angesichts der Rechtsextremismusdebatte und der Anschläge, die wir in diesem Zusammenhang erlebt haben, was kann kulturelle Bildung dazu beitragen, das Demokratieverständnis und die Akzeptanz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stärken?

Reinwand-Weiss: Die Künste sind ein gutes Mittel, um Reflexions- und Empathiefähigkeit zu stärken. Die brauchen wir, um in einer freiheitlich demokratischen Grundordnung zusammenzuleben. Denn wenn ich mich nicht in die Lage eines anderen hineinversetzen kann, nicht verstehen kann, warum er so handelt oder bestimmte Argumente vorbringt, dann werde ich sicherlich nie in einen Dialog treten und nie zu einer Einigung kommen. Eine umfassende, auch kulturelle Bildung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür.

An welchen Stellen und in welcher Form könnte man diese Kernkompetenzen fördern?

Hilgert: Zunächst in den Schulen. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir Methoden, Instrumente und Inhalte in die schulischen Curricula integrieren können. Oft ist der Kunst- und auch der Musikunterricht nicht der Bereich, der am stärksten gefördert wird. Wir müssen dafür sorgen, dass Demokratiefähigkeit, Diskussionsfähigkeit und auch die Bereitschaft, sich mit neuen Fragen auseinanderzusetzen, in der Schule entwickelt und angeleitet werden. Darüber hinaus muss man überlegen, welche ergänzenden, außerschulischen Formate es geben kann. Wo man sich freier bewegen, mit anderen unmoderiert zusammensein und kreativ werden kann. Das kann der Chor, die Jugendgruppe oder auch der Sportverein sein. Daran merken wir, dass der zivilgesellschaftliche Rahmen, also auch die Vereine, ganz entscheidend ist, um die kulturelle Bildungsinfrastruktur stark zu halten. Da muss man ansetzen, wenn man es für richtig hält, dass kulturelle Bildung eine große Rolle spielt.

Reinwand-Weiss: Kulturelle Bildung sollte in der Schule aber nicht nur in den Fächern Musik und bildende Kunst ihren Platz haben, sondern wir sollten Schulen als Schulen denken, die von Kultur und ästhetischen Praxen durchzogen sind und das in jedem Fach, so kann das Lernen viel gewinnbringender ermöglicht werden. Eine solche Schule muss anders gedacht werden, anders in Zeitrhythmen und Fächergrenzen.

Wenn wir jetzt schon in diesem Bereich Strukturen sind, dann frage ich natürlich den Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder nach den Schwierigkeiten. Es gibt viele Zuständigkeiten, es gibt Bund, Länder, Kommunen, Stiftungen. Wie gut ist das aus Ihrer Sicht alles koordiniert?

Hilgert: Koordiniert ist es nach meiner Einschätzung nach nicht und ich bin mir auch nicht sicher, ob es koordiniert werden muss in einem Kulturföderalismus, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, dass Vielfältigkeit und dezentrale Strukturen eben auch ein hohes Gut sind. Aus meiner Sicht fehlen der Austausch, das Voneinander-Lernen und die Nachnutzung von erfolgreich erprobten Modellen. In den Ländern entstehen seit geraumer Zeit Infrastrukturen, es gibt Bundesakademien, und für mich ist vordergründig eher die Frage, ob das, was gerade auch aus öffentlichen Mitteln finanziert ist, nicht so aufbereitet werden kann, zum Beispiel auf einer Plattform, dass es von anderen nachgenutzt werden kann. Da würde ich mir mehr Austausch und Professionalität wünschen und damit eben auch die Schaffung einer Grundlage für zukünftige Forschung in diesem Bereich.

Frau Reinwand-Weiss, wo wäre für Sie Nachbesserungsbedarf?

Reinwand-Weiss: Vielfalt ist natürlich gut. Allerdings ist das Problem in der kulturellen Bildung, dass es sehr viele Zuständigkeiten gibt. Und wenn es sehr viele Zuständigkeiten gibt, ist auch niemand so wirklich verantwortlich. Was wir uns wünschen würden, wäre eine zentrale Stelle, an die man sich wenden kann, wenn man Vorhaben vorantreiben will, gerne auch im Verbund. Ein Austausch ist natürlich wichtig und eine Übersicht über das, was es in Deutschland gibt, ist die Voraussetzung und Grundlage dafür. Es braucht klarere Strukturen, die auch zwischen Bund und Ländern abgestimmt sind.

Wie steht es denn um die Finanzen?

Hilgert: In der derzeitigen Situation ist es schwierig, über öffentliche Finanzen zu sprechen. Wir müssen uns jetzt auf eine Zeit einstellen, in der Steuergelder nicht so üppig fließen oder vorwiegend in anderen Bereichen investiert werden. In Deutschland stehen wir, was die Rahmenbedingungen und Investitionen in kulturelle Bildung sowie entsprechende Infrastrukturen betrifft, recht gut da. Ich glaube auch, dass für gute kulturelle Bildung im Vergleich zu anderen Politikbereichen gar nicht so viel Geld notwendig, sondern die Qualität entscheidend ist. Insofern bin ich hoffnungsvoll, denn das Thema ist auf Bundesebene schon seit langer Zeit als wichtig anerkannt. Der Bund hat wesentlich investiert, Länder und Kommunen auch. Daher denke ich, dass wenn wir mehr Synergien nutzen und wenn, wie Frau Reinwand-Weiss zu Recht sagt, doch eines Tages ein Ort, ein Denkraum gefunden wird, in dem kulturelle Bildung weitergedacht und auch zukunftsorientiert angeboten wird, dass der Einsatz der Mittel nicht nur gerechtfertigt, sondern dann auch relativ moderat ist.

Wenn wir jetzt eine Perspektive entwerfen würden, was wären die Fragen und vordringlichen Themen, mit denen sich kulturelle Bildung in Zukunft befassen muss?

Reinwand-Weiss: Ein ganz drängendes Problem durch die Corona-Krise ist, dass das außerschulische Feld in starke Nöte gerät. Und dass durch Einsparmaßnahmen, die sicherlich folgen werden, vieles, was in den letzten Jahren durch Projekte und Modellvorhaben aufgebaut und erprobt werden konnte, versandet. Insofern müssen wir uns jetzt darüber unterhalten, wie wir diese vielen freien Strukturen sichern können. Das Thema ist sicher allgemein bekannt, aber man muss jetzt auch in den Ländern und vor Ort handeln. Ein weiterer wichtiger Punkt ist zudem die Qualität der Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals in der kulturellen Bildung. Es kann nicht sein, dass man ästhetische Kompetenzen Laien überlässt, wo man in anderen Bereichen Staatsexamen und langjährige Ausbildungen fordert. Auch im Feld der kulturellen Bildung kann nur Wirkung zeigen, was in einer professionellen Art und Weise angeleitet, vermittelt, gedacht und ausgeführt wird.

Was würden Sie sich für den Bereich kulturelle Bildung in der Zukunft wünschen?

Hilgert: Ich würde mir wünschen, dass zum einen eintritt, was Frau Reinwand-Weiss eingefordert hat, dass sich Kultur in der schulischen Bildung transversal durch alle Bereiche durchzieht. Die Qualitäts- und Ausbildungsstandards sollten angehoben werden und wünschenswert wäre eine größere Akzeptanz für die Leistungsfähigkeit und Notwendigkeit kultureller Bildung in Politik und Gesellschaft. Um das erreichen zu können, brauchen wir eine stärkere Orientierung auf die Wirkungsforschung. Wir müssen deutlich machen, warum es so wichtig ist, dass man sich kulturell bildet. Und wir müssen zeigen, dass es um mehr geht als nur „ästhetische Bildung“, um mehr als Klavier spielen oder tanzen. Es geht um die Persönlichkeitsbildung, die Ermächtigung zur Teilhabe an einer vielfältigen, reichen Welt. Wenn uns das gelingt, und ich wünsche mir, dass uns das gelingt, dann haben wir für die Gesellschaften von morgen einen wichtigen Dienst erwiesen.

Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch. Schließen möchte ich mit den Worten des amerikanischen Schriftstellers und Regisseurs Paul Auster: „Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen, ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz darin zu finden.“

1/1