Erwerbungsförderung

Geschichte tragen

Nach der Restitution an die Max and Iris Stern Foundation konnte das Weibertreu-Museum in Weinsberg ein stadthistorisch bedeutsames Kunstwerk des Malers Gerrit Claesz. Bleker mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder zurückerwerben: „Die Weiber von Weinsberg“ (1624) erzählt von einer legendären Tat der einheimischen Frauen.

Schweren Schrittes betritt sie die Bildbühne. Das große braune Bündel auf ihrem Rücken zwingt die Frau in die Knie. Mit strengem Blick verfolgt ein Reiter auf strahlend weißem Schimmel in der Mitte des Geschehens die Nahende: Es ist der König des römisch-deutschen Reiches, Konrad III., der die Brauen unter dem weißen Helmbusch merklich zusammenzieht. Unglaubliches spielt sich vor seinen Augen ab: Nach langer Belagerung war es ihm im Dezember 1140 endlich gelungen, die Burg Weinsberg nahe Heilbronn zur Kapitulation zu zwingen. Den Frauen der Besiegten gestattete er, ihr teuerstes Hab und Gut, sofern sie es nur tragen konnten, mit sich zu nehmen. Doch nicht etwa Gold und Silber, sondern ihre dem Tod geweihten Männer schleppten die Frauen huckepack am König vorbei. Als mittelalterliche Tugendlegende verbildlicht „Die Weiber von Weinsberg“ den Triumph der weiblichen Loyalität und List gegenüber männlicher Kriegsgewalt. Zugleich propagiert Gerrit Claesz. Blekers (1592/93–1656) Historienbild von 1624 die vorbildliche Verhaltensweise eines Herrschers: Konrad III. hielt sein Versprechen und ließ die Männer frei.

Gerrit Claesz. Bleker, Weiber von Weinsberg, 1624; Weibertreu-Museum Weinsberg; © P+ Fotografie, Agentur für Bildgestaltung / Foto: Pierre Gattinger
Gerrit Claesz. Bleker, Weiber von Weinsberg, 1624; Weibertreu-Museum Weinsberg; © P+ Fotografie, Agentur für Bildgestaltung / Foto: Pierre Gattinger

Mit geschickter Lichtregie verlieh der niederländische Maler der historischen Szene Dramatik: Dunkel und bedrohlich stehen die zwei Ritter links im Vordergrund, mittig strahlt das Weiß des königlichen Schimmels, glänzt die schwarze Rüstung Konrad III. Hell führt zwischen ihnen der erleuchtete Weg die beladene Frau nach links. Der namensgebende Ort Weinsberg verschwindet auf der im Hintergrund skizzierten Anhöhe. Ganz auf die Spannung zwischen den zwei Protagonisten konzentriert, führt der Maler nur diese detailliert aus. Feldlager und Heer deutet er nur schemenhaft an. Zu Lebzeiten vor allem für seine Landschaftsgemälde gerühmt, beherrschte Bleker auch die Kunst des Zeichnens, wie seine Figurenstaffage vor Augen führt. Im niederländischen Haarlem geboren und vermutlich in Amsterdam ausgebildet, gehörte der Künstler der vielfältigen Malerszene seiner Geburtsstadt an. Durch graphische Darstellungen inspiriert, nahm er sich in seinem ersten dokumentierten Gemälde der legendären Geschichte der Weinsberger Frauen an, die vor allem in der niederländischen Malerei rezipiert wurde.

1985 gründete die Stadt Weinsberg das Weibertreu-Museum, um dort mit Gemälden und Kunstgegenständen die Erzählung weiterleben zu lassen. Unter den Werken war auch das 1968 von der Stadt erworbene Gemälde Blekers. Im Jahr 2015 erreichte das baden-württembergische Museum ein Restitutionsanspruch der Erben nach Max Stern, vertreten durch das Holocaust Claims Processing Office des Staates New York. Im Rahmen des Max Stern Art Restitution Project konnte das Werk identifiziert und lokalisiert werden. 1937 war es nachweislich noch im Besitz der Düsseldorfer Kunsthandlung Max Stern gewesen. Max Stern (1904–1987) hatte das Familiengeschäft 1934 übernommen. Bereits im folgenden Jahr erhielt er ein Schreiben der Reichskammer der bildenden Künste, das ihm die weitere Ausführung seines Berufs untersagte. Versuche, dieses Schicksal abzuwenden, blieben vergebens. Der Bestand seiner Kunsthandlung wurde durch die Nationalsozialisten verfolgungsbedingt entzogen. Über Paris und London emigrierte Stern nach Kanada. Sowohl in England als auch Nordamerika war er interniert worden. Schließlich fand er in Montreal wieder einen Alltag als Kunsthändler. Das in Montreal angesiedelte Max Stern Art Restitution Project, das von den drei institutionellen Erben – der McGill University und der Concordia University in Montreal sowie der Hebrew University in Jerusalem – unterstützt wird, nahm die Spur der einzelnen NS-verfolgungsbedingt entzogenen Werke wieder auf. Im Fall Weinsberg einigten sich die Parteien im Sinne der Washingtoner Prinzipien. Nach der Restitution an die Erben konnte Weinsberg das stadthistorische Schlüsselwerk mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kunst-stiftung der Kreissparkasse Heilbronn, der Stiftung Würth und der Firma Vollert Anlagenbau GmbH zurückerwerben.

Die an Restitution und Rückkauf von Gerrit Claesz. Blekers „Weiber von Weinsberg“ beteiligten Parteien betonen ausnahmslos: Die Einigung im Sinne der Washingtoner Prinzipien ist – passend zum 20-jährigen Bestehen der internationalen Vereinbarung – gelungen.

Stéphane Dion, Botschafter von Kanada in Deutschland und Sondergesandter für die Europäische Union und Europa:
„Die heutige Restitution des Gemäldes ‚Die Weiber von Weinsberg‘ stellt einen weiteren Meilenstein für das Max Stern Art Restitution Project, geleitet von der Concordia Universität in Montreal, als auch für die engen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Kanada dar. Sie bezeugt zudem, dass durch den engagierten Einsatz einzelner Personen diese dunkle Zeit der Geschichte ein gewisses Maß an positiver Aufklärung erfahren kann. Ich gratuliere allen Beteiligten und hoffe sehr, dass das Max Stern Art Restitution Project weiterhin größtmögliche Unterstützung in Deutschland erfährt.“

Prof. Dr. Frank Druffner, kommissarischer Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder:
„Die Kulturstiftung der Länder freut sich mit allen Beteiligten darüber, dass im Falle des für die Stadt Weinsberg besonders bedeutenden Gemäldes eine faire und gerechte Lösung gefunden werden konnte. Die Verhandlungen haben gezeigt, dass ein vertrauensvoller und konstruktiver Austausch den richtigen Weg zu einem für alle zufriedenstellenden Resultat weist. Der Rückkauf ist ein schönes Ereignis in dem Jahr, in dem wir das 20-jährige Bestehen der Washingtoner Prinzipien und das europäische Kulturerbe feiern.“

Stefan Thoma, Bürgermeister der Stadt Weinsberg:
„Das Weibertreu-Museum der Stadt Weinsberg wurde überraschend mit einem Restitutionsanspruch konfrontiert, der uns vor eine große Herausforderung gestellt hat. Wir sind dankbar, dass die Stadt Weinsberg das Gemälde nach der Restitution von der Stern Stiftung wieder zurückerwerben konnte. Dem Weibertreu-Museum bleibt somit ein für Weinsberg historisch bedeutendes Gemälde erhalten, das seit über 30 Jahren fester Bestandteil des Museums gewesen ist. Die Stadt Weinsberg dankt insbesondere der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Kulturstiftung der Kreissparkasse Heilbronn für die großzügige finanzielle Unterstützung.“

Dr. Clarence Epstein, Direktor des Max Stern Art Restitution Project:
„Wir sind zuversichtlich, dass die Weinsberger Rückgabe und die vorbildlichen Anstrengungen der verschiedenen Partner auf Länder- und Bundesebene weitere deutsche Kommunen, Museen und Sammler dazu bewegen, Restitutionsfälle offen anzugehen.“

Dr. Ronald S. Lauder, Vorsitzender der Commission for Art Recovery und Präsident des Jüdischen Weltkongress:
„Die Rückgabe des Bildes ‚Die Weiber von Weinsberg‘ beweist, dass faire und gerechte Lösungen möglich sind, wenn alle beteiligten Parteien zur Zusammenarbeit bereit sind. In jüngster Zeit hat das Max Stern Art Restitution Project nicht überall in Deutschland die Unterstützung erhalten, die es hätte erhalten sollen – das gilt insbesondere für die Stadt Düsseldorf, die die Arbeit des Max Stern Art Restitution Project nicht mit dem gebotenen Respekt behandelt hat. Das muss sich umgehend ändern.“

Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung:
„Der Unternehmer und Mäzen Ernst von Siemens hat seiner Kunststiftung vor allem den Erwerb von hochkarätigen Exponaten für Museen und Sammlungen aufgetragen. Selbstverständlich beteiligt sich die Kunststiftung auch dann, wenn es gilt, restituierte Kunstwerke in den Sammlungen zu halten. Eine Verantwortung für die deutsche Geschichte und für gewachsene Museumsbestände gleichermaßen leitet die Förderungen.“