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„Er war passioniert in allem, was er tat“

Britta Kaiser-Schuster im Gespräch mit Hans-Georg Moek über die glückliche Sicherung der filmhistorischen Sammlung von Werner Nekes

von Hans-Georg Moek

Liebe Frau Kaiser-Schuster, was macht die Sammlung Nekes so besonders?

Die Sammlung Werner Nekes umfasst über 25.000 Objekte: historische Bildmedien, Projektionsapparate, Bildträger sowie dazugehörige Abbildungen zu historischen Bildpraktiken und Bücher zu optischen Effekten. Sie ist die weltweit größte Sammlung ihrer Art und ist in ihrer Vielfalt und Breite einzigartig.

Sie ist viel mehr als eine rein private Sammlung, denn sie war oft auch international zu sehen. So gab es große Ausstellungen zum Beispiel im Getty Museum in Los Angeles, im Metropolitan Museum of Photography in Tokyo, in der Hayward Gallery in London und im Australian Museum of the Moving Image in Melbourne. Aber auch in Städten wie Graz, Köln, Salzburg, Sevilla, Budapest, Krems, Wien und anderen mehr wurde die Sammlung gezeigt. Und weil diese Sammlung so einzigartig ist, hat man beim Thema „Pre-Cinema“ – also die Geschichte vor dem Kino – immer auf die Sammlung Nekes zurückgegriffen.

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„Sei doch nicht so kleinlich, Liebe ist nicht peinlich, werde ich trotzdem rot, liegt das am Verbot.“ Diese Zeile stammt von einem Lied aus dem Film Johnny Flash, der 1986 in den Kinos war. In der Hauptrolle ein Freund und Nachbar von Nekes in Mülheim an der Ruhr, nämlich Helge Schneider, der in der Rolle des Jürgen Potzkothen zum bewunderten Schlagerstar aufsteigt und der diesen Text in dem Film singt und ihn offenbar auch geschrieben hat. Regisseur, Produzent und Drehbuchautor dieses Films war Werner Nekes. Für den war der Film Johnny Flash ein Ausflug in den populären Film. Die Karriere von Helge Schneider hat in dieser Zeit so richtig Fahrt aufgenommen. Den Film hat Nekes zu einem Zeitpunkt gemacht, in dem er längst höchste Anerkennung durch die Filmkritik, vor allem für seine Experimentalfilme genossen hat. Aufnahmeleiter, Regieassistent und Mitdarsteller war kein Geringerer als Christoph Schlingensief, der Nekes Anfang der 1980er-Jahre kennenlernte und mehrere Jahre als sein Assistent tätig war. Nekes war Hochschullehrer, Filmwissenschaftler, Künstler und passionierter Sammler, ein Erforscher der Wahrnehmung.

Man muss sagen, er war passioniert in allem, was er tat. Nekes wurde 1944 geboren und das Faszinierende ist, dass er seine erste Professur bereits 1970–72 in Hamburg hatte, danach 1982–84 in Offenbach und 1990–96 in Köln. 1970 war er gerade mal 25 Jahre alt, er war ein absoluter Senkrechtstarter und er hatte nicht nur mehrere Professuren an verschiedenen wichtigen Filmhochschulen inne, sondern er war auch ein bedeutender Filmemacher. Nekes wurde mit vielen Preisen geehrt − er war auf der documenta 5 in Kassel, er hat einen Bambi gewonnen und auf den Internationalen Filmfestspielen in Sao Paulo einen Preis bekommen. Werner Nekes hat seine Einkünfte immer wieder sofort in seine Sammlung investiert. Da er ein erfolgreicher Filmemacher war, war ihm das überhaupt möglich. Es sind nicht nur sehr kostspielige Objekte, sondern Nekes hat enzyklopädisch an ­vielen Orten der Welt gesammelt.

Anfang 2017 verstarb Werner Nekes und sie konnten ihn leider nicht mehr persönlich kennenlernen. Aber sie haben sein Wohnhaus in Mühlheim besucht. Wie kam es dazu?

Peter Marx, der Direktor der theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln, rief mich an und berichtete von der Sammlung Nekes, die zum Verkauf stünde. Er erläuterte, dass diese Sammlung in Mülheim an der Ruhr von der sehr rührigen, die Sammlung auf das Beste betreuenden und weiterführenden Ehefrau des verstorbenen Sammlers, Ursula Richert-Nekes, zusammengehalten würde und dass sie in Nordrhein-Westfalen bleiben solle, das sei der Wunsch des Sammlers. Zwei Tage später rief eine andere Institution bei mir an, Frau von Keitz vom Filmmuseum in Potsdam und erzählte mir, dass sie gerne mit dem Filmmuseum in Frankfurt eine Erwerbung tätigen würde. Als sie sagte, dass es sich um eine hochbedeutende filmhistorische Sammlung handele, war klar, dass auch sie die Sammlung Nekes meint. Ich habe darauf hingewirkt, dass diese drei Institutionen bei uns in der Kulturstiftung der Länder an einem runden Tisch zusammenkommen. Nach anfänglichen Vorbehalten fanden sie die Idee großartig, die Sammlung in allen drei Institutionen aufzubewahren. Die Institutionen aus Frankfurt am Main und Potsdam sind die beiden bedeutendsten Filmmuseen in Deutschland, und das theaterwissenschaftliche Institut der Universität zu Köln besitzt auch eine der großen bedeutenden Sammlungen zur Filmgeschichte, aber auch zur Theater­geschichte in Deutschland. Nun galt es, Frau Richert-Nekes zu überzeugen, dass es eine größere Chance für die Aufarbeitung, Verbreitung, Restaurierung und Digitalisierung dieser umfangreichen Sammlung bedeutet, wenn mehrere herausragende Institutionen sich um dieses Erbe bemühen.

War es nicht eigentlich der Wunsch von Werner Nekes, die Sammlung in ihrer Gesamtheit in einer einzigen Einrichtung unterzubringen?

Genau. Er hat fast sein ganzes Leben in Mülheim an der Ruhr verbracht und wollte gerne, dass die Sammlung in Nordrhein-Westfalen bleibt. Der Wunsch wurde zumindest teilweise erfüllt, da ein Teil in Köln aufbewahrt wird. Und wir haben die Sammlung nicht geteilt, sondern die drei Institutionen haben die Sammlung Nekes gemeinsam erworben und haben die Verantwortung für die Sammlung Nekes damit auch gemeinsam übernommen. Es bietet sicherlich mehr Potenzial, wenn drei Institutionen sich mit einer solchen Sammlung befassen. Eine einzelne Institution wäre damit überfordert, nicht nur finanziell, sondern auch vom Umfang und von den zahlreichen Aufgaben, die mit der Betreuung und Bearbeitung einhergehen.

Dazu passt als Abschluss doch wunderbar ein Zitat von Werner Nekes selbst: „Man muss sich auf die Vor­geschichte beziehen, um etwas weiterzuentwickeln.“ Liebe Frau Kaiser-Schuster, vielen Dank für das Gespräch. 

Hans-Georg Moek

Hans-Georg Moek

ist Kommunikationsleiter der Kulturstiftung der Länder.