Titelthema Materialität des Schriftlichen

Der Weltgeist zu Händen

Autographen sind ein Grundpfeiler der kulturellen Überlieferung – ein vielstimmiger Rundblick

von Oliver Jungen

Niemand kann sich ihrer Ausstrahlung entziehen. Es ist, als hätte sich in Autographen der Atem der Geschichte in Schrift kristallisiert. Schon Goethe war fasziniert von dieser Spur des Ursprungs, auch wenn er 1806 in einem „eigenhändig Geschriebenes“ möglichst vieler Berühmtheiten erbittenden Brief an den Verleger Johann Friedrich Cotta einen „löblich pädagogischen Zweck“ vorschob, nämlich „meinen Knaben durch diese sinnlichen Zeugnisse auf bedeutende Männer der Gegenwart und Vergangenheit aufmerksamer zu machen, als es die Jugend sonst wohl zu seyn pflegt“. Wir wissen freilich, dass der Dichterfürst sich geradezu als Autogrammjäger betätigte. Briefe aus Goethes Hand sind heute wiederum Zehntausende Euro wert. Noch einmal um Potenzen höher ist die Verehrung, die Originalmanuskripten kultureller Schlüsselwerke entgegengebracht wird.

Selbst gestandene Wissenschaftler fühlen das Er­hebende bedeutsamer Autographen. Für die Berliner Musikwissenschaftlerin Martina Rebmann ist es „tatsächlich etwas ganz Besonderes“, eine von Bach, Mozart oder Beethoven selbst verfasste Musikhandschrift vor sich zu haben. Dabei geschehe dies ständig, denn man arbeite in der Musikabteilung der Staatsbibliothek Berlin ausschließlich mit den Originalen: „Da sieht man am meisten.“ Dabei geht es beispielsweise um die Rekonstruktion von Sammlungszusammenhängen oder die Digitalisierung der für Datierungs- und Provenienzfragen wichtigen Wasserzeichen mithilfe einer alle Beschriftungen ausblendenden Thermographie-Kamera. Natürlich geschieht das unter konservatorisch und sicherheitstechnisch optimalen Bedingungen. So schützen Schaumstoffkeile die Handschriften bei der Benutzung. Die Klimatisierung muss stimmen. Die Büroräume werden bei jedem Verlassen fest verschlossen. Autographen sind fragile Schätze.

Drei der neun Amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts; Staatsbibliothek zu Berlin; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nachlass Alexander von Humboldt (Tagebücher)
Drei der neun Amerikanischen Reisetagebücher Alexander von Humboldts; Staatsbibliothek zu Berlin; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Nachlass Alexander von Humboldt (Tagebücher)

Ottmar Ette, Romanist an der Universität Potsdam, erklärt ganz ähnlich: „Als bei Christie’s in London die Kiste aufgeschraubt wurde und die in Leder gebundenen ,Amerikanischen Reisetagebücher‘ Alexander von Humboldts erschienen, da war ich schon sehr berührt.“ Wie eine Begegnung über die Zeiten hinweg sei das gewesen, und zwar nicht nur mit dem Autor, der diese Seiten über fünfzig Jahre lang vervollständigt hatte, sondern auch mit der weiteren Reise der Tagebücher, die sie bis nach Moskau führte. Die Aura, die Walter Benjamin vor mehr als achtzig Jahren in seinem viel­zitierten „Kunstwerk“-Aufsatz dem Original zuschrieb, ist also noch erfahrbar. Dass sich viele Menschen von Originalhandschriften ganz direkt angesprochen fühlen, erklärt deren teils hohen Preise bei Auktionen. Hinzu kommt, dass Autographen sozusagen ein end­licher Rohstoff sind. Auch Romane und Dokumente entstehen heute meist mit Textverarbeitungspro­grammen; die Bearbeitungsstufen überschreiben einander dabei sogar. Den greifbaren Ursprung eines Werks gibt es am ehesten noch in der Musik, wie Martina Rebmann anmerkt: „Komponiert wird bis heute meist von Hand.“ Zur manifesten Doppelnatur von Auto­graphen als wissenschaftliche Objekte sowie geschichtshaltige Preziosen für Sammler kommt eine erstaunliche Breite des Gegenstandsbereichs, der von Widmungsexemplaren ge­druckter Werke oder im Akkord angefertigten Autogrammkarten bis zu nationalkulturell bedeutsamen Originalmanuskripten reicht. Archive rechnen oft auch Typoskripte hinzu. Noch unüberschaubarer wird es bei einem Blick auf das Mittelalter. Karl Lachmann, einer der Nestoren der germanistischen Mediävistik, war davon ausgegangen, dass mittelalterliche Auto­graphen im Grunde nicht existierten. Weil diese Auffassung sich hartnäckig hielt, hat der Münsteraner Mediävist Volker Honemann vor zwei Jahrzehnten eine eigene Datenbank für Originalhandschriften aus dem 9. bis 16. Jahrhundert eingerichtet. Ein Forschungs­desiderat bestehe aber immer noch, sagt der in Essen lehrende Mediävist Martin Schubert, ein ausgewiesener Fachmann für Editionsphilologie. So sei schon die Identifizierung von Autographen schwierig, weil Autornen­nungen im Hochmittelalter nicht üblich waren. Die Forschung gehe indirekt vor, schließe also alle Abschriften aus, die etwa an Augensprungfehlern zu erkennen seien. „Einige Ur- oder Erstniederschriften aber sind nicht einmal Autographen, da man ja auch Schreibern diktieren konnte. Die Altgermanistik freut sich schon, wenn ein Autor die Niederschrift seines Werks überprüfte und korrigierte, so wie es Otfrid von Weißenburg bei seinem Evangelienbuch tat.“ Im Spätmittel­alter habe sich die Lage geändert: „Es wird mehr geschrieben und auch gerne dazu vermerkt, dass man Schreiber und Autor ist. Hierher stammen die meisten Beispiele aus Honemanns wertvoller Liste.“

Otfrid von Weißenburg, Ausschnitt aus dem 1. Buch des Evangelienbuches, um 870, 25,5 × 21 cm; Österreichische Nationalbibliothek, Wien; © Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2687, fol. 16r
Otfrid von Weißenburg, Ausschnitt aus dem 1. Buch des Evangelienbuches, um 870, 25,5 × 21 cm; Österreichische Nationalbibliothek, Wien; © Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2687, fol. 16r

Die Hochzeit der Autographen beginnt in der Vormoderne. Dabei nimmt die Sattelzeit um 1800 eine besondere Stellung ein, wie der Literaturwissenschaftler Christian Benne jüngst zeigen konnte. Autographe Manuskripte nämlich wurden nun nicht mehr als reine Druckvorstufen angesehen, sondern gewissermaßen „neu erfunden“ als genuin literarische Handschriften mit ästhetischem Mehrwert. Von dort ist es ein kurzer Weg zu Goethes Autographenbegeisterung. Die histo­rischen und philologischen Wissenschaften haben sich indes lange auf den Inhalt der überlieferten Textzeugnisse beschränkt. Sogar Geschichte habe man vor wenigen Jahrzehnten noch studieren können ohne einen einzigen Gang ins Archiv, sagt der Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg, der Historiker Gerald Maier. In den 1970er-Jahren begann ein Umdenken, für das etwa die werkgenetische Theorie in Frankreich steht. Der als Material Turn bekannt gewordene Aufmerksamkeitsschub für die materiellen Grundlagen der Kommunikation nimmt heute einen zentralen Stellenwert in allen historischen Disziplinen ein. Längst auch führen Archivare und Bibliothekare mit Universitätswissenschaftlern gemeinsame Erschließungsprojekte auf Augenhöhe durch. Das Landesarchiv Baden-Württemberg etwa war federführend an der Entwicklung des Wasserzeichen-Informationssystems WZIS beteiligt. Mit dessen Hilfe konnte schon gezeigt werden, dass die lange für Fälschungen des 19. Jahrhunderts gehaltenen 15 Blätter mit Zeichnungen des sogenannten Oberdeutschen Meisters, die heute in der Staatsgalerie Stuttgart aufbewahrt werden, durchaus in die Zeit um 1480 zu datieren sind.

Verschiedene Wasserzeichen aus Musikhandschriften des 18. und frühen 19. Jahrhunderts; Staatsbibliothek zu Berlin; © Thermographie: H. Immel
Verschiedene Wasserzeichen aus Musikhandschriften des 18. und frühen 19. Jahrhunderts; Staatsbibliothek zu Berlin; © Thermographie: H. Immel

Als Mitorganisator der beliebten, in Zusammen­arbeit mit diversen Universitäten an der Staatsbibliothek zu Berlin angesiedelten Vortragsreihe „Die Mate­rialität von Schriftlichkeit“ stellt Christian Mathieu fest, wie groß das allgemeine Interesse am Dialog zwischen Bibliothek und Forschung ist. Und das zu Recht. Er selbst habe beispielsweise Walter Benjamins „Passagenwerk“ erst richtig verstanden, als in einem der Vorträge das aus Querverweisen, Markierungen und Ästhetisierungsspiel bestehende Aufschreibesystem dieses Autors anhand der Originalhandschrift vorgeführt wurde. Deshalb seien Faksimile-Editionen, für die etwa der inzwischen insolvente Stroemfeld Verlag steht, so wünschenswert. Hilfreich ist wohl auch die Digitalisierung des kulturellen Erbes, wie sie derzeit auf breiter Front stattfindet. Niemand kann das so gut begründen wie Gerald Maier, seit dem Jahr 2002 auch Bundesratsbeauftragter für eben dieses Unterfangen: Das Erbe werde gesichert und leichter zugänglich. Trotzdem dürfe diese Entwicklung nicht dazu führen, dass die Originale hernach verschwänden, sei es unzugänglich in Tresoren, wenn sie wertvoll sind, sei es gar im Altpapier, wie das Rechnungshöfe kulturblind schon gefordert hätten.

Walter Benjamin, Aufzeichnungen und Materialien zu den „Passagen“, 1928 –1940, 27,7 × 22,4 cm (im aufgeschlagenen Zustand), Walter Benjamin Archiv Berlin; © Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur
Walter Benjamin, Aufzeichnungen und Materialien zu den „Passagen“, 1928 –1940, 27,7 × 22,4 cm (im aufgeschlagenen Zustand), Walter Benjamin Archiv Berlin; © Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur

Nur einige Fragen ließen sich anhand eines Digi­talisats beantworten, sagt der renommierte Kafka-Biograph Reiner Stach: „Franz Kafkas Handschriften erlauben Einblicke in seine Korrekturen, aber auch in unbewusste Fehlleistungen; sie lassen erkennen, wo er zögerte, wo er unsicher oder besonders erregt war, wo er von den eigenen Bildern überwältig wurde und wie er schließlich die Kontrolle zurückgewann. Sie sind hilfreich bei der Datierung; Tinte und Bleistift zeigen an, ob ein Text am Schreibtisch oder andernorts entstand. Ja, mit Hilfe des ‚Process‘-Manuskripts lässt sich sogar beweisen, dass Kafka zwar das Ende des Romans von Anbeginn präzise vor Augen stand, dass er jedoch noch keine Vorstellung davon hatte, wie viele Kapitel es brauchen würde, um dorthin zu gelangen.“

Franz Kafka, vorletzte Manuskriptseite des Romans „Der Process“, erschienen 1925; Deutsches Literaturarchiv Marbach. In der 5. und 6. Zeile von unten lässt sich erkennen, wie Kafka wenige Sätze vor Ende des Romans und wenige Sekunden vor dem Tod des Protagonisten zum „Ich“ übergeht. Dieser plötzliche Wechsel der Erzählperspektive kommt sonst nirgendwo vor und wurde vom Autor auch nicht korrigiert. ©Deutsches Literaturarchiv Marbach
Franz Kafka, vorletzte Manuskriptseite des Romans „Der Process“, erschienen 1925; Deutsches Literaturarchiv Marbach. In der 5. und 6. Zeile von unten lässt sich erkennen, wie Kafka wenige Sätze vor Ende des Romans und wenige Sekunden vor dem Tod des Protagonisten zum „Ich“ übergeht. Dieser plötzliche Wechsel der Erzählperspektive kommt sonst nirgendwo vor und wurde vom Autor auch nicht korrigiert. ©Deutsches Literaturarchiv Marbach

Ottmar Ette, der in einem auf 18 Jahre angelegten Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sämtliche Reiseschriften Alexander von Humboldts ediert – digital und in Form von Lesefassungen auf Papier –, kann bestätigen, dass sich entscheidende Einsichten nur anhand der Autographen gewinnen lassen. Papieranalysen zeigten, ob Humboldt das Papier aus Paris mitgebracht oder unterwegs gekauft habe. Ebenso verhalte es sich mit dem Schreibstoff: Es sei etwa für die Datierung wichtig, ob es sich bei den einzelnen Hinzufügungen um Humboldts selbstgemachte oder eine gekaufte Tinte handele. Und dann gebe es noch eine ganz eigene „Form des Erlebens“: „Heftung, Falz, Fleckigkeit geht ja auch bei unseren beiden Editionsformen verloren.“

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Dass die „Amerikanischen Reisetagebücher“ in Berlin bleiben konnten, wie der Autor selbst verfügt hatte, ist den früheren Eigentümern zu verdanken. Der mexikanische Tycoon Carlos Slim hatte einen unschlagbaren Preis geboten, aber Humboldts Erben verhandelten ausschließlich mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die das Manuskript 2013 auch mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder für zwölf Millionen Euro erwerben konnte. Insbesondere der spezialisierte Autographenhandel versteht sich als Partner öffentlicher Archive. Privatsammler werden freilich ebenfalls geschätzt, zumal das so Veräußerte meist früher oder später wieder bei einer Auktion auftaucht. Der Forschung sind diese Stücke mitunter für eine Weile ent­zogen, andererseits hat gerade das Interesse der Privatsammler viele Autographen gerettet. So sieht das auch Ulrich von Bülow, im Literaturarchiv Marbach unter anderem zuständig für den Bereich Erwerbungen. Man wälze die Kataloge der Händler und biete dann gezielt auf ausgewählte Stücke, sagt von Bülow. Aus Geldmangel habe man längst aufgegeben, alles kaufen zu wollen, was bestehende Sammlungen – allein das Handschriftenarchiv umfasst 40.000 Kästen – ergänzte. Zu den Händlerkatalogen wird es in Marbach übrigens bald ein eigenes Projekt geben, weil darin viele sonst nicht mehr greifbare Handschriften abgebildet sind: Zusammen­arbeit also auch hier. Und die Privatsammler, die es als Liebhaber doch eher auf schöne Blätter abgesehen hätten, nicht wie das Archiv auf Entwürfe, überließen Marbach häufig sogar ihre gesamte Sammlung.

Was ist auf dem Markt nun derzeit gefragt? Wolfgang Mecklenburg, der Geschäftsführer der Berliner Autographenhandlung J.A. Stargardt, will sich da nicht festlegen. Das habe viel mit individuellen Vorlieben zu tun. Deutlich abgenommen habe aber beispielsweise das Interesse an einst höchst beliebten Autographen zur preußischen Geschichte. Im Gegensatz zum Kunstmarkt sei der Autographenmarkt mit seinen verhält­nismäßig wenigen Teilnehmern generell sehr gesund. Dramatische Ausschläge gebe es so wenig wie spekulierende Rendite-Fonds, seit die einzige Ausnahme, die französische Investmentfirma Aristophil, als Betrugs­system aufgeflogen sei. Die höchsten Preise erzielten nach wie vor Musikautographen, nicht zuletzt, weil komplette Kompositionen berühmter Künstler nur selten im Angebot seien. Vor drei Jahren etwa wurde bei Stargardt ein Händel-Autograph für eine halbe Million Euro verkauft. Die hohe weltweite Nachfrage nach Musikhandschriften sei sicher auch in der Inter­nationalität der Musiksprache begründet. Mit einer bestimmten Form von Autographen möchte Mecklenburg jedoch aus ethischen Gründen nichts zu tun haben, dem „Devotionalienkram“. Er widerspricht moderat der oft kolportierten Auffassung, (inhaltlich bedeutungslose) Hitler-Autographen seien in Deutschland mangels Interesse kaum verkäuflich, dafür im Ausland aber umso besser. Verkaufen ließe sich derlei schon. Er selbst und die meisten seriösen Händler nähmen es aber schlicht nicht in ihr Angebot auf.

Johann Sebastian Bach, Autograph der h-Moll-Messe, Credo, 1748/49, 33 × 21,5 cm; Staatsbibliothek zu Berlin; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv
Johann Sebastian Bach, Autograph der h-Moll-Messe, Credo, 1748/49, 33 × 21,5 cm; Staatsbibliothek zu Berlin; © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv

Nicht immer sind Archivare erfreut über den kontinuierlich steigenden Marktwert von Autographen. Mitunter tauchten auf Auktionen sogar Stücke auf, die einmal in den eigenen Beständen waren, sagt Gerald Maier. Man könne eine Entwendung selten nachweisen und habe dann nur die Möglichkeit eines Rückkaufs. Die Hauptgefahr für Autographen kommt freilich von innen. Suboptimale, etwa zu Pilz- und Mikrobenbefall führende Lagerungsbedingungen erklären sich für Johanna Leissner, Expertin für die Sicherung des Kulturerbes im Fraunhofer EU-Büro Brüssel, teils mit Kriegsschäden, oft aber schlicht mit Geldmangel der verantwortlichen Institutionen. Auch der Klimawandel werde wohl Folgen für die Archivpraxis haben, aber das sei noch kaum erforscht. Daneben bereitet die Material­alterung Probleme, allem voran der Zerfall des seit den 1840er-Jahren eingesetzten Holzschliffpapiers. Schwefelsäurereste bauen dabei die Spitzen der Cellulosefasern im Papier ab. Hinzu kommt ein oxidativer Celluloseabbau. Eine Flüssigphasen-Massenentsäuerung habe sich zwar als effektiv erwiesen, so Leissner, mit den heutigen Kapazitäten – das Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig, eine der weltgrößten Entsäuerungsanlagen, kann etwa 100.000 Bücher im Jahr abfertigen – dauere die Behandlung des gesamten betroffenen Bestands jedoch mindestens 50 Jahre. Ein weiteres Problem stellt Tintenfraß dar. Die bis ins 20. Jahrhundert verwendete Eisengallustinte neigt zur Korrosion, weshalb manche Bach-Handschriften regelrecht durchlöchert sind. Das Problem ist bei Musikautographen besonders groß, so Martina Rebmann, weil Notenköpfe mehr Tinte aufnehmen als Buchstaben. Die Restaurierung gestaltet sich aufwendig, ist in solchem Rahmen aber möglich.

Die Lagerungsbedingungen und der Zugang für die Wissenschaft machen öffentliche Archive und Bibliotheken trotz oft knapper Etats also zu den besten Aufbewahrungsorten für Autographen. Das meint auch Reiner Stach, der das Interesse privater Sammler allerdings gut verstehen kann: „Ich selbst besitze einen leeren Briefumschlag Kafkas an seine Verlobte Felice Bauer, mit eigenhändigem Namenszug, und noch immer beschleunigt sich mein Puls, wenn ich dieses unscheinbare, gelbliche, außerordentlich schön beschriftete Papier in der Hand halte.“ Und doch: „Würde morgen ein Gesetz in Kraft treten, das besagt, sämtliche Kafka-Autographen seien umgehend im Deutschen Literaturarchiv in Marbach abzuliefern, so wäre ich wahrscheinlich der erste, der das mit Freuden machen würde. Die Handschriften eines der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur sollten an einem gut gesicherten und unter öffentlicher Kontrolle stehenden Ort verwahrt werden, ja, was denn sonst?“ Dass dabei der Ausstellungsaspekt nicht zu kurz kommen sollte, hebt Ottmar Ette hervor. Die Humboldt-Reisetagebücher könnten im Humboldt-Forum eine Museums-Heimat finden und dann auch selbst wieder auf Reisen gehen, etwa in die beschriebenen Länder. Die Handschrift als Handreichung zwischen den Völkern: eine schöne Vorstellung.

© Foto: privat

Oliver Jungen

arbeitet seit zwei Jahrzehnten als Kulturjournalist, vornehmlich für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung.