Länderporträt Berlin

Der Sammler Karl H. Bröhan: Der Entdecker

Karl H. Bröhan sammelte Kunst und Kunsthandwerk des Jugendstils, Art déco und Funktionalismus und schenkte alles der Stadt Berlin

von Uta Baier

Karl Heinz Bröhan (1921– 2000) hoffte auf die Genforschung. Vielleicht würde sie das Sammler-Gen finden, das ihn, den erfolgreichen Geschäftsmann, zum Sammler werden ließ. Denn was Sammler antreibe, schrieb Bröhan in einem Rückblick auf sein Sammeln und auf sein Leben, sei bisher noch nicht umfassend geklärt.

Natürlich steckt hinter der Suche nach dem Sammler-Gen einerseits ein wenig Koketterie, aber andererseits die durchaus ernsthafte Frage nach dem Grund für die eigene Getriebenheit, die das Leben strukturiert, bestimmt und mit Dingen anfüllt, die allein dazu da sind, die eigene Sammelleidenschaft zu befriedigen. Leidenschaft und Getriebenheit bestätigt auch Bröhans Frau Margrit Bröhan: „Manchmal kam jeden Tag ein neuer Ankauf ins Haus.“

Über die meisten hier vorgestellten Sammler, die zu Stiftern wurden, konnte niemand mehr aus eigener Bekanntschaft Auskunft geben. Bei Karl H. Bröhan ist das anders. Er starb im Jahr 2000 mit 78 Jahren. Seine Ehefrau Margrit Bröhan kann vom Sammeln ihres Mannes, vom Einbau zahlreicher Vitrinen im eigenen Haus, vom unweigerlichen Platzmangel, vom Einrichten des privaten Museums in Berlin-Dahlem, vom Schenken und vom Weitersammeln erzählen. Es sind Geschichten über eine als selbstverständlich empfundene Entwicklung, die Karl H. Bröhan so beschrieben hat: „Mitte der sechziger Jahre, ich war um die vierzig Jahre alt, empfand ich die eingefahrene Lebens- und Arbeitsweise als beengend und unbefriedigend. Ich machte eine radikale Wendung, verkaufte meine Handelsfirmen und mein schönes Haus bei Hamburg und zog mit Frau und Kind nach Berlin.“ Das war 1963. Karl H. Bröhan, 1921 in Hamburg geboren und zum Großhandels- und Exportkaufmann ausgebildet, war mit seinem zahnmedizinischen Großhandel vermögend geworden. Seine Frau sagt über ihn, er sei kein Zauderer, kein Bedenkenträger gewesen. Das leuchtet angesichts dieser Entscheidung durchaus ein.

In Berlin fand er, was er suchte: „Offenheit, geistige Anregung, Unkonventionalität, künstlerischen Reichtum und Vielfalt“, wie er schrieb. Bröhan begann sich in das Abenteuer des Kunstsammelns zu stürzen. Das war ihm nicht durch familiäre Vorbilder vertraut, vielmehr hatte er sich langsam und geradezu klassisch der Kunst genähert. Der Hamburger Unternehmer war jahrelang Mitglied der Freunde der Hamburger Kunsthalle, hörte dort Vorträge, besuchte Ausstellungen. In Berlin fokussierte er sein Interesse anfangs auf das Porzellan der KPM, der Königlichen Porzellanmanu­faktur Berlin. Doch das reichte ihm bald nicht mehr. Er verkaufte die Sammlung an das Land Berlin. Sie wurde Teil der Porzellansammlungen, die heute im Schloss Charlottenburg ausgestellt werden.

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Schon in diesen ersten Sammlerjahren wurde deutlich, wie Bröhan Zeit seines Lebens sammeln würde: als Entdecker, der auf seinem Gebiet zum Spezialisten wird und der sich parallel zur Kunst die Theorie aneignet, eine Bibliothek zur Sammlung aufbaut und  den Austausch mit den Kunsthistorikern sucht. Dabei wurde ihm seine Frau, die nach dem Umzug in Berlin Kunstgeschichte studierte, eine wichtige Gesprächs­partnerin.

Der Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg nannte die erste Sammlung das „Gesellenstück eines Sammlers“. Sein „Meisterstück“ wurde die zweite Sammlung, die die Zeit zwischen 1889 und 1939, die Zeit von Jugendstil, Art déco und Funktionalismus, umfasst. Auslöser war eine Ausstellung zum Jugendstil im Schloss Charlottenburg, erinnert sich seine Frau. Auch hier stieg Bröhan in die Theorie ein, kaufte Bücher, studierte Kataloge und Werkverzeichnisse. Margrit Bröhan erzählt, dass ihr Mann viele Abende lesend am Schreibtisch saß und immer wieder feststellte: „Dieses Stück brauche ich auch noch.“

„Der Aufbau einer stupenden Fachbibliothek ermöglichte ihm und nie mehr als drei Mitarbeitern eine Erschließung der Literatur und der Quellen, die die Objekte des Museums in den Gesamtbereich der Materialgattungen, der produzierenden Manufakturen und der entwerfenden Künstler einzufügen vermochte“, lobte der Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg den Sammler in seinem Nachruf. Bei dieser Art des Sammelns ging es naturgemäß weniger um private Lieb­habereien als um Vollständigkeit und um die Entdeckung einer zu dieser Zeit nahezu unbeachteten Kunst. „Ich hatte bemerkt, dass in der Epoche um 1900 ein kaum bekannter Schatz lag, der nur darauf zu warten schien, gehoben zu werden“, schreibt Bröhan in seinen Erinnerungen. Der unbekannte Schatz war das eine, dieChance, nicht das zu sammeln, was den Mainstream interessiert, war ebenso wichtig. „Ich sammle anti­zy­klisch, sagte mein Mann immer“, erinnert sich Margrit Bröhan. Sie schwärmt von Wochenenden auf Flohmärkten in Berlin, in Paris, in Frankreich oder auf der ganzen Welt. Und von regelmäßigen Wochenendausflügen in die Berliner Kunsthandlungen, in denen sich die Sammler trafen und wo es, ebenso wie auf den Flohmärkten, viele Stücke für nicht allzu viel Geld zu kaufen gab – zumindest am Anfang, als Jugendstilwerke noch nicht wieder modern waren.

Manchmal wich die Freude über das nächste Stück dann aber doch einem Gefühl des Überflusses – nicht nur bei der Ehefrau. Bröhan reagierte darauf und kaufte eine Villa, in der er ein Privatmuseum einrichtete. „Unser Wohnhaus in Schlachtensee war schließlich bis auf die letzte Fensterbank und Wandecke mit Porzellanen, Silbergerät, Möbeln, Teppichen, Gemälden, Zeichnungen, dazu einer ständig wachsenden Fachbibliothek angefüllt, so dass ein eigenes Gebäude für die Kunstsammlungen notwendig wurde“, schreibt Bröhan in einer Mischung aus Pragmatismus und Besitzerstolz. Das private Bröhan-Museum in der ehemaligen Villa des Bankdirektors Ludwig Berliner in der Max-Eyth-Straße in Berlin-Dahlem eröffnete offiziell 1973 und zeigte Bröhans Schätze auf 550 Quadratmetern.

Paul Iribe, Sessel, 1914; Bröhan-Museum Berlin; © Bröhan-Museum Berlin / Foto: Martin Adam
Paul Iribe, Sessel, 1914; Bröhan-Museum Berlin; © Bröhan-Museum Berlin / Foto: Martin Adam

Zu diesen Schätzen, die alle zwischen 1889 und 1939 entstanden, gehörte das exklusive Einzelstück ebenso wie beispielhafte Serien der wichtigsten Künstler der Zeit. Dazu zählen die verspielten, farbigen Glaskunstwerke des Franzosen Émile Gallé, exquisite Gläser mit Gold- und Emaillebemalung aus Böhmen, Service aus Metall aus Pariser und Wiener Werkstätten. Die Möbel von Eugène Gaillard und Hector Guimard, Peter Behrens und Richard Riemerschmid, Henry van de Velde, Josef Hoffmann und Wilhelm Wagenfeld sind absolute Highlights der Sammlung. Besonders eindrucksvoll sind die Möbel der französischen Kunsthandwerker, deren geradezu rasante Formen die Vorstellung des frühen Jugendstil mit seinen geschwungenen Naturmotiven verkörpern. Sie stehen im Gegensatz und werden ergänzt von den strengen Formen des Darmstädters Peter Behrens, wie sie sich beispielsweise im Speisezimmer von 1902 für die Ausstellung „Moderne Wohnräume“ im Berliner Kaufhaus Wertheim zeigen.

Eugène Gaillard, Vitrine, 1899/1900; Bröhan-Museum Berlin; © Bröhan-Museum Berlin / Foto: Bednorz-Images Köln
Eugène Gaillard, Vitrine, 1899/1900; Bröhan-Museum Berlin; © Bröhan-Museum Berlin / Foto: Bednorz-Images Köln

Die Entwicklung zu noch größerer Strenge wird mit den Möbeln des französischen Möbeldesigners Jacques-Emilie Ruhlmann deutlich. Dessen Stücke nutzen zwar einfache Formen, die Materialien sind jedoch purer Luxus. Ruhlmann bevorzugte tropische Hölzer im Zusammenspiel mit Elfenbein, Perlmutt, Schildpatt.

Jacques-Emile Ruhlmann, Schrank, um 1928; Bröhan-Museum Berlin; © Bröhan-Museum Berlin / Foto: Martin Adam
Jacques-Emile Ruhlmann, Schrank, um 1928; Bröhan-Museum Berlin; © Bröhan-Museum Berlin / Foto: Martin Adam

Jede Nennung eines Künstlernamens und eines Werkes bedeutet, sehr viele andere nicht zu nennen. Eine auch nur annähernd vollständige Liste würde den für diesen Text vorgesehenen Platz sprengen. Ebenso wie die Sammlung irgendwann das Privatmuseum sprengte. Wieder musste sich Bröhan entscheiden. Und er entschied sich: „Jeder Sammler steht eines Tages vor der Frage, was aus seinem Haus werden soll. Anlässlich meines sechzigsten Geburtstages hatte ich mich entschieden: Ich bot meine gesamte Museumssammlung dem Land Berlin, damals unter der Führung des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker, als Schenkung an. Meine Bedingung war, die Sammlung geschlossen zu lassen und auszustellen, sie also nicht auf verschiedene Museen zu verteilen oder in Magazinen verschwinden zu lassen.“ Berlin nahm das Angebot an. Das, nach dem Wunsch der Berliner Verwaltung, „Bröhan-Museum“ genannte Haus eröffnete am 14. Oktober 1983 gegenüber dem Schloss Charlottenburg. Ab 1994 wurde die Bezeichnung „Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus“ ergänzt.

Als Bröhan die Sammlung 1984 dem Land Berlin schenkte, wurden 5.000 Sammlungsstücke aufgelistet. Für die Zeit danach gibt es jährliche Ankaufsangaben: 1985 wurden beispielsweise 865 Stücke neu erworben, im Jahr darauf waren es 559 und danach 663.

Insgesamt schenkte Bröhan bis 1997 weitere 9.000 Einzelstücke. Heute zählt die Sammlung – zusammen mit den Ankäufen aus öffentlichen und privaten Mitteln – 16.850 Positionen.

Auch wenn der Sammler nach Vollständigkeit strebte, so sind viele der Stücke doch Unikate, über die Tilmann Buddensieg sagte: „So sehr Bröhan die Manufakturen interessierten, so waren es im Grunde immer die Künstler als Schöpfer von Einzelstücken und Kleinserien, die ihm ans Herz gewachsen waren. ‚Fabrikware‘ und anonymes Industriedesign lagen ihm nicht.“ Die Stärken der Bröhan-Sammlung sieht ihr aktueller Direktor Tobias Hoffmann bei Glas, Keramik und Porzellan. Beim Funktionalismus, bei Stahlrohrmöbeln aus Berlin hingegen gebe es Lücken. Doch die könne das Museum hervorragend ergänzen.

Tobias Hoffmann, seit 2012 Museumschef, ist der erste Direktor, der weder mit dem Sammler zusammengearbeitet hat noch ihn persönlich kannte. Nach dem Tod von Karl H. Bröhan, der das Museum bis dahin geleitet hatte, übernahm seine Frau die Direktorenstelle für einige Jahre. Anschließend wurde ihre Stellvertreterin Ingeborg Becker Museumschefin. Tobias Hoffmann ist der Erste, der eine andere Präsentationsform als die ursprünglichen „Period Rooms“ probiert. Hoffmann ist sicher, dass er mit dem Vereinzeln und Pointieren der Objekte auf Podesten nur eine moderne Veränderung der Präsentation umsetzt, nach der Bröhan, 20 Jahre nach der Erstpräsentation, auch gesucht hätte.

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Hoffmann charakterisiert den Sammler anhand seiner Sammlung als begeistert von der großbürger­lichen Welt, deren Glanz und Luxus er bewundert habe und in seine Sammlung überführte. Reizvoll sei der Bruch, der mit den Berliner Sezessionisten, unter ihnen Walter Leistikow, Karl Hagemeister, Hans Baluschek und Willy Jaeckel, in die Sammlung kam. Schließlich sei das eine eher ruppige, arme Kunst, die im spannenden Kontrast zum Luxuriösen stehe. Sie gebe dem Museum die Möglichkeit, die Epoche in ihrer ganzen künstlerischen Vielfalt zu zeigen. „Das ist ein Schatz für Berlin, den kein anderes Museum zu bieten hat“, sagt Hoffmann. Die Bilder der Sezessionisten faszinierten und faszinieren vor allem die Sammlerehefrau Margrit Bröhan, die – nach eigener Aussage – kein „Sammler-Gen“ besitzt. Kunst kauft sie trotzdem. „Da gibt es Bilder, von denen ich genau weiß, die gehören zu uns. Die kaufe ich dann und schenke sie meist sofort dem Museum“, sagt Margrit Bröhan, die erst kürzlich den Berliner Maler und Sezessionisten Martin Brandenburg wiederentdeckt und ausgestellt hat.

Die Verbindung der Bröhans zum Museum ist eng geblieben. Margrit Bröhan ist nicht nur Vorsitzende der Freunde des Museums. Momentan ediert sie Briefe von Walter Leistikow aus ihrem Besitz und wird sie noch in diesem Jahr veröffentlichen. Danach kommen die Originalbriefe direkt ins Museum. Den Entdeckergeist, die Gründlichkeit und das Mäzenatentum hat Margrit Bröhan von ihrem Mann übernommen. Der formulierte in seinem „Rückblick“ genannten Statement-Text sein Sammlercredo so: „Mich hat es als Sammler und Kunstliebhaber nie gereizt, ausgefahrene, bekannte Wege zu gehen. Entdeckerfreude und das Aufspüren vergessener oder unterbewerteter Gebiete waren von Anfang an das Feld, auf dem ich meine Ernte einfahren wollte. In dieser selbstgestellten Aufgabe sehe ich die aktive schöpferische Leistung des Kunstsammelns.“

In einigen Jahren wird sich diese schöpferische Leistung noch besser entfalten können. Denn Museumsdirektor Tobias Hoffmann plant eine Vergrößerung der Ausstellungsfläche. Das Rathgens-Forschungslabor, eine Einrichtung der Staatlichen Museen zu Berlin, soll aus der dritten Etage des Museums ausziehen. Dann wäre Platz für mehr Bröhan-Schätze und mehr Themenausstellungen über die Kunst von Jugendstil, Art déco, Funktionalismus und Berliner Sezession.

Uta Baier; © Studioline Fotostudio, München

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.