Länderporträt Saarland

Der Sammler Franz Josef Kohl-Weigand: alles über Max Slevogt, Albert Weisgerber und Hans Purrmann

Mit der Übernahme der Privatsammlung Kohl-Weigand beginnt die Geschichte der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz

von Uta Baier

Kindererziehung gehörte um 1900 nicht unbedingt zu den Aufgaben von Vätern. Doch Heinrich Kohl (1873 –1936), Bankdirektor aus der Pfalz, hatte Interesse an der Erziehung seiner Söhne und machte sie mit seinen Leidenschaften und seinem Jugendfreund Max Slevogt bekannt. Mit Erfolg. Der in Ludwigshafen geborene Sohn Franz Josef (1900 –1972) ließ sich von der Begeisterung des Vaters für die Kunst und für dessen Künstlerfreund anstecken. Schon als Jugendlicher assistierte er Max Slevogt an der Druckerpresse, betätigte sich als Materialbeschaffer für den Künstler und richtete ihm Ausstellungen aus.

Der saarländische Kunstsammler Franz Josef Kohl-Weigand (1900-1972) vor seinem Schreibtisch, 1960, fotografiert von Erwin Böhm; Landesarchiv Saarland; © Landesarchiv Saarbrücken / Foto: Erwin Böhm, Mainz
Der saarländische Kunstsammler Franz Josef Kohl-Weigand (1900-1972) vor seinem Schreibtisch, 1960, fotografiert von Erwin Böhm; Landesarchiv Saarland; © Landesarchiv Saarbrücken / Foto: Erwin Böhm, Mainz

Bankdirektor Heinrich Kohl begeisterte den Sohn jedoch nicht nur für die Kunst. Er vermittelte ihm auch die Grundbedingungen erfolgreichen Sammelns: Wissen, Konzentration und Geld. Franz Josef Kohl machte eine Banklehre und arbeitete in Banken und verschiedenen Firmen. Nach seiner Hochzeit mit Auguste Weigand (1903 –1990) nahm er nicht nur ihren Namen an und hieß künftig Kohl-Weigand, er führte ab 1931 gemeinsam mit einem Schwager das Unternehmen „Otto Weigand & Sohn“ mit Hauptsitz in St. Ingbert. Die Firma handelte mit Baustoffen und Zement, Eisen, Holz, Glas, Fliesen und Küchengeräten. Auch eine Spedition gehörte zum Firmenimperium, dessen Erfolg die finanzielle Grundlage für die Sammelleidenschaft bildete.

Albert Weisgerber, Strand auf Norderney, 1910, 79,5 x 70 cm; Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie; © Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie
Albert Weisgerber, Strand auf Norderney, 1910, 79,5 x 70 cm; Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie; © Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie

Und die war ausgeprägt, vom Vater beeinflusst, an den heimischen Künstlern interessiert, jedoch nicht provinziell orientiert. Franz Josef Kohl-Weigand trug im Laufe seines Lebens eine Kunstsammlung mit 200 Gemälden und 8.000 Graphiken zusammen. Von den 200 Gemälden stammen 144 von „seinen“ drei Künstlern: je 49 von Max Slevogt (1868 –1932) und Hans Purrmann (1880 –1966) und 46 von Albert Weisgerber (1878 –1915). Kohl-Weigand begeisterte sich darüber hinaus für Max Liebermann, Ernst-Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky und Lovis Corinth, kaufte – neben anderen – Werke von Camille Pissarro und Pierre August Renoir sowie Plastiken von Renée Sintenis, Georg Kolbe und Fritz Koelle, um nur die Bekanntesten zu nennen. Innerhalb seiner Sammelgebiete Impressionismus und Expressionismus gab es für den Sammler keine thematische Beschränkung. Er besaß stimmungsvolle Landschaften und wunderbare Stillleben, viele Porträts und Aktdarstellungen.

Die Graphiksammlung vereint Papierarbeiten von 232 Künstlern. Mehr als die Hälfte – genau 4.237 – stammt von Max Slevogt. Von Marc Chagall zählen 539 Radierungen und Lithografien zur Sammlung, von Max Liebermann und Lovis Corinth jeweils rund 150.

Freundschaft war der Auslöser für die erste Sammelleidenschaft. Seinen zweiten Künstler, Albert Weisgerber, entdeckte Kohl-Weigand als Maler. „Als ich anfing, Bilder von Weisgerber zu sammeln, war es verhältnismäßig still um ihn geworden. Es schien fast so, als hätte man ihn vergessen. Dabei entdeckte ich von Bild zu Bild, dass hier ein wahrhaft Großer am Werk war“, schrieb Franz Josef Kohl-Weigand in einem undatierten und zu seinen Lebzeiten unveröffentlichten Manuskript. Und begann, Werke des 1915 im Ersten Weltkrieg gefallenen Malers zu sammeln. 1942 half er, den aus dem Vermögen der Künstlerwitwe beschlagnahmten Nachlass Weisgerbers, der in Berlin versteigert werden sollte, für dessen Heimatstadt St. Ingbert zu erwerben. Um mehr über Leben und Werk des Künstlers zu erfahren, korrespondierte Kohl-Weigand nach dem Krieg mit dessen Witwe, der Malerin Margarete Weisgerber-Collin. Die deutsch-jüdische Malerin lebte seit ihrer Emigration in London.

Voller Besitzerstolz beschrieb Kohl-Weigand seine Weisgerber-Sammlung: „Außer dem umfangreichen Schriftwechsel mit den Eltern, Geschwistern, Freunden und Bekannten, auch Feldpostbriefen, besitze ich eine Reihe von seltenen Privatfotos, Zeugnissen der künst­lerischen Ausbildung in Kaiserslautern und München, Originale und Abschriften aller Würdigungen des Weisgerberschen Werkes. Die Katalogisierung dieser Dokumente ergab allein schon vier Bände.“

Bei der Beschäftigung mit Weisgerber musste der Sammler zwangsläufig auf Hans Purrmann treffen. Die Kunst des ehemaligen Kommilitonen von Albert Weisgerber wurde die dritte Säule der Sammlung. In schneller Folge kaufte Kohl-Weigand Purrmann-Werke: 1964 zum Beispiel drei Gemälde, 1965 gleich zwanzig – direkt beim Künstler.

Hans Purrmann, Stillleben mit Tang-Reiter, um 1918, 92 x 74 cm; Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie; © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie
Hans Purrmann, Stillleben mit Tang-Reiter, um 1918, 92 x 74 cm; Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie; © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Saarlandmuseum Saarbrücken/Moderne Galerie

Zu dieser Zeit waren die Ausweisung des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kohl-Weigand aus dem Saarland und der zeitweise Verlust der Sammlung bereits Geschichte. Kohl-Weigand hatte 1948 in einem Schreiben gegenüber der französischen Militärregierung versichert, dass er kein Amt in der Partei inne hatte und ihr auch keine Geld- oder Sachspenden gezahlt hatte. Die französische Militärregierung nahm die Ausweisung der Familie daraufhin zurück. Seine beschlagnahmte Kunstsammlung bekam Kohl-Weigand 1951 wieder und baute sie weiter aus.

Ein Journalist der Zeitschrift „Stimme der Pfalz“ beschrieb 1970, anlässlich des 70. Geburtstages des Sammlers, dessen Haus so: „Das stattliche Anwesen der Familie Kohl-Weigand in St. Ingbert gleicht zunehmend einem Privatmuseum. Das geräumige Treppenhaus, die weiten Dielen und großzügigen Säle sind dicht mit Gemälden und Plastiken sowie antiken ­Möbeln, Porzellanen und kunsthandwerklichen Gegenständen bestückt, in großen Mappenschränken werden Handzeichnungen, Aquarelle und Graphiken auf­bewahrt. Die zuletzt rund 15.000 Kunstbände um­fassende Bibliothek und das riesige Archiv füllen ­weitere  Räume  des  Wohnhauses  und  angrenzende Gebäudeteile.“

Auch das enzyklopädische Sammeln hatte im Hause Kohl Tradition. Vater Heinrich Kohl besaß eine umfangreiche heimatkundliche Sammlung. Eines der Zimmer seiner Villa in Neustadt war allein der Landkartensammlung vorbehalten, in einem weiteren, dem „Franzosenzimmer“, wurde ausschließlich Literatur zur französischen Geschichte der Pfalz aufbewahrt. Sohn Franz Josef übernahm zwar nicht das Interesse des Vaters an der Heimatkunde, doch auch sein Sammeln war umfassend. Denn parallel zu den Kunstwerken versuchte er nicht nur alle Kataloge „seiner“ Künstler anzukaufen, er wollte möglichst alles versammeln, was über sie geschrieben wurde und geschrieben worden war. Dazu beschäftigte Kohl-Weigand sogar einen Ausschnittdienst und ließ sich unverkäufliche Dokumente schicken, um sie abschreiben zu lassen. „Beim Aufbau meiner Sammlung hatte ich es mir zur Aufgabe gestellt, alles zusammenzutragen, was an Dokumenten über die Entstehung der Kunstwerke erreichbar war und darüber hinaus noch so weit wie möglich, was mir an Berichten über Leben, Persönlichkeit und Schaffensweise des Künstlers zu Händen kam. Ich suchte und fand den persönlichen Kontakt mit Menschen, die den Lebensweg Slevogts kreuzten und begleiteten und eine Fülle persönlicher Erinnerungen mit sich trugen. Es entstand der Wunsch, Einzelheiten zu erfassen und bewahrt zu wissen, die beim Ableben dieser Personen endgültig in Vergessenheit geraten würden. So entstand mein Archiv.“ Man muss diese Sätze kopieren und Slevogt einmal durch Albert Weisgerber, das andere Mal durch Hans Purrmann ersetzen, um – nur annähernd – den Umfang des Kohl-Weigand-Künstlerarchivs zu erfassen.

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Eva Wolf, Leiterin des Archivs des Saarlandmuseums, das das Künstlerarchiv 1980 übernahm, bezeichnet die Dokumente als „unerschöpfliche Quelle zu diesen drei Künstlern“, die von der Forschung noch längst nicht umfassend erschlossen sei. Erstmals gibt Eva Wolf parallel zur Ausstellung „Max-Slevogt und Frankreich“, die ab September den 150. Geburtstag des Künstlers im Saarlandmuseum feiert, die 270 Slevogt-Briefe aus der Kohl-Weigand-Sammlung heraus. Außerdem werde der Gesamtbestand der rund 20.000 Archivalien nach und nach in einer Datenbank erfasst und digitalisiert, sagt Wolf.

Franz Josef Kohl-Weigand starb 1972 hoch geehrt mit Verdienstkreuzen der Bundesrepublik. Ein Testament, seine Sammlung betreffend, gibt es nach heutigem Forschungsstand nicht. Doch in einem zu Lebzeiten unveröffentlichten Manuskript erklärte er, dass es beim Sammeln für sein Archiv „genau wie beim Sammeln der Bilder und Zeichnungen nicht um Anhäufung des Materials (geht), sondern vielmehr darum, diese Bestände für eine lebendige Auswertung fruchtbar werden zu lassen. Manches würde vielleicht schon verloren oder unbekannt geblieben sein. Als Sammler sehe ich meine Aufgabe vor allem darin, diesen Werken und Dokumenten eine Heimstatt zu geben, wo sie vor dem Verschleudern oder gar vor der Zerstörung bewahrt bleiben“.

Dass seine private Sammlung Teil eines öffentlichen Museums wurde, scheint also durchaus in seinem Sinne gewesen zu sein. Letztlich führten 1980 jedoch wirtschaftliche Probleme des Unternehmens und hohe Steuerschulden zum Übergang der Sammlung in das Eigentum des Saarlandes. Das nahm die Erweiterung zum Anlass, die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz zu gründen und die Bestände zusammenzuführen.

Die Sammlung Kohl-Weigand kam in ein Museum, dessen Moderne-Sammlung ab 1927 als Studiensammlung für die Ausbildung an der Kunstakademie entstand. Sie vereinte impressionistische und expressionistische Graphik. Fast 300 der 800 Werke wurden als „Entartete Kunst“ aus dem Museum entfernt und zum Teil gegen Devisen verkauft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute der neue Museumsdirektor Rudolf Bornschein eine Sammlung auf, die ihren Schwerpunkt auf den Expressionismus legte und gleichermaßen an deutschen wie französischen Entwicklungen interessiert war. „Keine andere deutsche Museumssammlung hebt derart auf den Dialog der Avantgarden in den beiden europäischen Nachbarstaaten ab“, erklärt Museumsdirektor Roland Mönig, der Ende 2017 die baulich erweiterte „Moderne Galerie“ der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz wiedereröffnen konnte. In diese Sammlung passte und passt Kohl-Weigands Besitz hervorragend. „Sie gehört von Anbeginn organisch dazu“, sagt Vize-Museums­chefin Kathrin Elvers-Švamberk.

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Neben  der  willkommenen  Ergänzung  hat  das Museum mit der Privatsammlung allerdings ein schwieriges Erbe angenommen. Denn unter den 30.000 akribisch gesammelten Archivdokumenten gab es keine Hinweise auf die Herkunft der Kunstwerke. Nach den aktuellen Recherchen von Maité Schenten, Provenienzforscherin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, hat der Sammler erklärt, er habe „jedes Blatt und jedes Gemälde auf seine Darstellung und Provenienz im Gedächtnis“. Das nutzt der Forschung heute wenig. Die 2015 mit Unterstützung der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste begonnene systematische Untersuchung der Ankäufe zeigt, wie sehr Kohl-Weigand vom Schicksal enteigneter deutsch-jüdischer Kunstsammler profitierte. Mehrere Bilder wurden im Ergebnis der Provenienzforschung an die Erben der rechtmäßigen Eigentümer restituiert – zum Beispiel Hans Purrmanns Gemälde „Alte Schiffsbrücke in Speyer“ von 1904. Es gehörte den Berliner Sammlern Salo und Margarete Translateur, die Kunstwerke verkaufen mussten, um „Reichsfluchtsteuer“ und „Judenvermögensabgabe“ bezahlen zu können. Die Sammlung der Translateurs wurde 1936 im Berliner Auktionshaus Rudolph Lepke versteigert. „Auf der Rückseite des Gemäldes ist bis heute die mit Kreide aufgebrachte Ziffernfolge ‚397‘ zu erkennen – was exakt der Losnummer der Auktion bei Lepke entspricht“, schreibt Kunsthistorikerin Maité Schenten in ihrem Provenienzforschungsbericht. Das Saarlandmuseum konnte das Gemälde nach der Restitution von den Erben kaufen. Auch neun Zeichnungen von Max Liebermann befinden sich in der Sammlung Kohl-Weigand. Sie alle tragen den Liebermann-Nachlassstempel und gelten daher als verfolgungsbedingt verkauft oder beschlagnahmt. Das Museum kümmert sich momentan um eine Einigung mit den Erben. Die Ergebnisse der Forschung sind noch bis zum 19. August in der Aus­stellung „Bilder / Schicksale – Provenienzforschung am Saarlandmuseum“ in der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz zu sehen.

Im Katalogheft zu dieser Ausstellung schreibt Maité Schenten über das Sammeln von Kohl-Weigand: „Einerseits rettete er durch seinen Einsatz das Konvolut von Weisgerbers Nachlass vor der Zerschlagung und erhielt dadurch auch sein Andenken […]. Andererseits kaufte er Kunstwerke über Händler, die schon während der NS-Zeit dafür bekannt waren, mit Kulturgut aus zwangsverwertetem jüdischen Besitz Handel zu treiben.“ Das Fazit der Provenienzforscherin zeigt, dass die Sammeltätigkeit Franz Josef Kohl-Weigands heute sehr differenziert bewertet werden muss.

Uta Baier; © Studioline Fotostudio, München

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.