Länderporträt Schleswig-Holstein

Der Sammler Gustav Ferdinand Thaulow: Der Vordenker

Einst baute Kiel ein Museum für seine Sammlung, heute gehören die Schnitzaltäre und Möbelstücke aus dem Thaulow-Museum zu den Highlights der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf

von Uta Baier

Das Museum, das seinen Namen trug, existiert nicht mehr. Das Hauptgebäude der Kieler Universität, für dessen Neubau er sich einsetzte, wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen und später abgerissen. Seine Art des Sammelns und Benutzens von Kunstwerken und Möbeln widerspricht heutigen Vorstellungen vom pfleg­lichen Umgang mit Sammlungsstücken. Auch seine Vorstellungen zur Schulbildung von Kindern sind längst nicht mehr revolutionär. Kurz gesagt: Gustav Ferdinand Thaulow (1817–1883) gehört heute zu den vergessenen Pädagogen, Philosophen und Sammlern.

Das Thaulow-Museum am Sophienblatt in Kiel © Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf
Das Thaulow-Museum am Sophienblatt in Kiel; © Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf

Das heißt allerdings nicht, dass seine Ideen schlecht waren oder seine Sammlung unbedeutend ist. Es heißt lediglich, dass es viel wiederzuentdecken gibt. Denn der Einsatz des Sammlers für den Erhalt schleswig-holsteinischer Kultur war nicht nur immens wichtig, sondern der Anfang ihres Erhalts überhaupt. Thaulows Sammlung war etwas Besonderes und so qualitätvoll, dass 1878 in Kiel ein extra für seine Sammlung gebautes Museum eröffnet wurde. Dort konnten gotische Schnitzaltäre, Truhen und Schränke, sakrale und profane Holzplastiken, Eisen-, Gold- und Silberschmiedearbeiten, Trachten, Stickereien, Steinzeug, Fayencen, um nur die wichtigsten Objektgruppen aufzuzählen, bewundert werden. Zu den damals und heute berühmtesten gehört zum Beispiel der Altar von Neukirchen, eine Arbeit eines Lübecker Meisters von 1435. Auch der „Susannenschrank“, ein Renaissanceschrank mit aufwändiger Schnitzerei von 1580, ist große Handwerkskunst. Unter den traditionell reich verzierten Truhen heimischer Holzschnitzer gilt vor allem die exquisit gearbeitete „Samsontruhe“ von 1620 als herausragendes Sammlungsstück.

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Das neue Kieler Museum trug zwar den Namen Thaulows, war aber – nach dem Willen des Sammlers – ein Gewerbemuseum. Denn Thaulow sammelte nicht nur aus ästhetisch-künstlerischer Begeisterung, sondern vor allem, um das Erbe seiner Heimat zu bewahren und zu vermitteln. Das war aus seiner Sicht wegen des Verschwindens traditioneller Handwerkstechniken im Zuge der Industrialisierung dringend nötig.

Eine Idee, wie ein Museum funktioniert, hatte Thaulow, der auch Museumsdirektor wurde, nicht. In den ersten Jahren war das kein Problem, denn die Besucher kamen, um das neue Museum zu sehen. Nach Thaulows  Tod 1883 und  einer  fehlenden Nachfolge­regelung fiel das Museum jedoch in einen mehr als zehn Jahre dauernden Dornröschenschlaf, aus dem es erst Adelbert Matthaei (1859 –1924) rettete. Matthaei, akademischer Zeichenlehrer und Professor für neuere Kunstgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, interessierte sich für die Sammlungen und wurde zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben neuer Museumsdirektor. In dieser Eigenschaft begann er, der Privatsammlung eine erste, professionelle Struktur zu geben. Matthaei schrieb über seinen Amtsvorgänger: „Thaulow war auf die zahlreichen Holzskulpturen, die sich in den Kirchen, den Adelssitzen und Bauernhäusern, den Böden und Rumpelkammern des Landes fanden, aufmerksam geworden, und er begann sie zu sammeln. Ob er gleich im Anfange seine Sammlung für die Öffentlichkeit und für die Wissenschaft bestimmt gedacht hat, erscheint zweifelhaft, wenn man erwägt, dass er die gesammelten Gegenstände nicht blos [sic] zum Schmucke, sondern auch zum Gebrauche in seinem Hause verwandte, seine modernen Möbel durch die alten ersetzte, ja, sogar kein Bedenken trug, sich aus den Altsachen neue Gebrauchsgegenstände zu konstruieren, auch wohl vollständig erhaltene Stücke, wie Truhen etc. bisweilen zersägte, um sich daraus einen Schreibtisch, ein Büffet, ein Bett, und Schränke aller Art, wie sie in den modernen Haushalt hineinpassen, anfertigen zu lassen. Im Laufe der Zeit ist er aber jedenfalls auf den kunsthistorischen Wert der Dinge aufmerksam geworden.“ Zu ergänzen wäre noch etwas aus heutiger Sicht Unvorstellbares, damals durchaus Übliches: Thaulow reinigte viele Stücke gründlich und befreite sie von den farbigen Fassungen, um Holzsichtigkeit herzustellen.

Aufzeichnungen über die Sammlung und über den ursprünglichen Zustand der Objekte gibt es nicht. Bekannt ist nur, dass Thaulows Interesse an schleswig-holsteinischer Holzschnitzkunst durch den Bordes­holmer Altar des Hans Brüggemann geweckt wurde. Brüggemann schuf den Altar 1521 für die Marien­kirche des Augustinerklosters in Bordesholm. Herzog Christian Albrecht von Schleswig-Holstein-Gottorf ließ ihn 1666 im Schleswiger Dom aufbauen. Dort zeichnete ihn der Maler Conrad Christian August Böhndel (1779 –1847) und gab eine Mappe mit 37 Lithografien heraus, die es einer breiten Öffentlichkeit – und Thaulow – gestatteten, den Altar in allen seinen Einzelheiten zu betrachten.

Thaulow schreibt dazu 1875: „Mir selbst kommt meine Sammlung auch wie ein Räthsel vor, da ich ebenfalls geborener Schleswiger bin und trotz meines Interesses für die Kunst und meiner Kunststudien bis 1854 keine Ahnung davon hatte, daß in unserem Lande mit Ausnahme Brüggemanns irgend welche Kunst­thätigkeit Statt gefunden habe.“

Um diese Kunstfertigkeit öffentlich zu machen, öffnete  er,  lange  bevor  die  Museumsidee  geboren wurde, interessierten Besuchern seine Wohnung, in der er mit seiner Sammlung lebte. Das hatte allerdings einen unangenehmen Nebeneffekt, wie Thaulow in einer Mischung aus präziser Beschreibung und höflicher Kritik bemerkte: „Da ich gleich bei der ersten ordent­lichen Aufstellung meiner Sammlung im Jahre 1864 den Plan faßte, durch selbige auf das Publikum zu wirken, und sie Jedermann öffnete, habe ich dadurch verschiedene Männer im Lande angeregt, ebenfalls zu sammeln.“ So sei beispielsweise die Sammlung des Malers Christian Carl Magnussen (1821–1896) entstanden. Der habe Thaulow bei einem Besuch begeistert erklärt, jedermann müsse am Entstehen dieser Sammlung mithelfen. „In letzterer Beziehung hat er freilich sein  Versprechen  nicht  gehalten,  was  ich  ihm  aber wohl nicht übel nehmen darf. Schlimm ist es, daß auch Hamburger durch meine Sammlung angeregt sind, aus den Herzogthümern Schnitzereien aufzukaufen. Ein Fall ist in der Beziehung besonders bedauerlich. Ein Antiquar in Hamburg, Namens Fröschel, besuchte mich 1865 und war damals auf diesem Gebiet so unschuldig, daß er selbst Sachen zum Ankauf mir nachwies“, erklärte Thaulow und merkte an, dass eben der Händler bald verstand, dass viel Geld mit solchen Werken zu verdienen war. Er habe sehr viel nach Paris und London verkauft, schreibt Thaulow lakonisch und ergänzt: „Auch das Gewerbemuseum in Hamburg, das mich vor Jahren besuchte, kauft auf. Man macht sich überhaupt keine Vorstellung davon, wie viel aus dem Lande heraus gegangen ist.“

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Diese Passage stammt aus dem Schreiben Thaulows an den Schleswig-Holsteinischen Provinzial-Landtag, in  dem  er  ihm  am  3. Oktober 1875  seine  Sammlung offerierte. Es muss so ausführlich zitiert werden, weil jeder, der sich heute über Leben und Wirken des Sammlers eingehender informieren möchte, feststellen wird, dass es außer diesem Text und einigen wenigen zeitgenössischen Berichten keine Literatur zum Leben und Wirken Thaulows gibt.

Jan Drees, langjähriger ehemaliger Kustos des Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte Schloss Gottorf, leistete daher 2011 mit einer Ausstellung und einem Katalogbuch Pionierarbeit. Auch Drees muss  konstatieren,  dass  dem  Menschen  hinter  dem Sammler, Pädagogen und Philosophen anhand der Quellen nicht sehr nahe zu kommen ist. Deshalb bleibt es ein einziges Leider-Sagen, wenn es um die Biografie von Gustav Ferdinand Thaulow geht: Leider hat es die Universität zu Kiel versäumt, Thaulows schriftlichen Nachlass zu sichern. Leider sind keine privaten Briefe bekannt. Leider hat Thaulow kein Verzeichnis seiner Sammlung erstellt.

Was zu erzählen bleibt, sind die nackten Fakten: Gustav Ferdinand Thaulow wurde 1817 in Schleswig geborenen. Der Vater, aus Norwegen stammend und als Amtsverwalter arbeitend, starb, als Gustav Ferdinand Thaulow noch zur Schule ging. Die Mutter zog daraufhin mit mehreren der acht Geschwister nach Dänemark. Thaulow musste sich um seinen Lebensunterhalt immer selbst kümmern. Er studierte Theologie und Philosophie in Kiel und Berlin, verdiente Geld als Hauslehrer, promovierte 1842, habilitierte sich ein Jahr später in Kiel, wurde dort außerordentlicher Professor der Philosophie, ab 1854 ordentlicher Professor der Philosophie und Pädagogik. Er war mit Magdalene von Thaden (1827–1897) verheiratet. Die beiden hatten ein Kind, das früh starb. Als Professor verband Thaulow Hegelsches Denken mit seinen eigenen pädagogischen Ideen und einer Vorstellung von einem demokratischen Staatswesen, in dem Chancengleichheit herrscht. Er gründete das erste pädagogische Seminar an der Kieler Universität, engagierte sich für den Neubau des Universitätshauptgebäudes und lehrte zeitweise an der Marine-Academie in Kiel. Er starb 1883 in Kiel.

Mit einem letzten „leider“ sei hier beklagt, dass es keine Beschreibung der Umstände des Sammelns, nichts über das Finden und Überzeugen der Besitzer durch Thaulow gibt. Allein Fotos aus seiner Wohnung voller Sammlungsstücke existieren. Das erste Inventar fertigte der Kunsthistoriker Adelbert Matthaei mehr als zehn Jahre nach dem Tod des Sammlers, in das er „derart dass Alles, was bis zum Schlusse des Jahres 1894, sei’s durch Thaulow, sei’s nach ihm in das Museum gelangt ist, mit laufenden Nummern (von I bis ca. 2000)“ aufnahm. Was später kam, wurde nach einem anderen System gekennzeichnet. Heute verweist die Abkürzung AB vor der Inventarnummer auf den Altbestand.

Zur Geschichte der Sammlung gehört ihr Eingehen in immer größere Zusammenhänge. Aus der Wohnung Thaulows kam sie in das von Heinrich Moldenschardt entworfene und gebaute „Thaulow-Museum“, das 1911 durch einen Anbau für die gewachsenen Sammlungen entscheidend erweitert wurde. Der Kieler Museumsbau wurde am 5. Januar 1944 durch Brandbomben zu einem großen Teil zerstört und später abgerissen. Die Sammlung war zuvor ausgelagert worden. Als die britischen Besatzungsbehörden 1945 beschlossen, Kiel zur Landeshauptstadt zu machen und Schloss Gottorf für kulturelle Zwecke zu nutzen, wurde das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum gegründet. Die Thaulow-Sammlung wurde Grundlage dieses Museums – und ist es geblieben.

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„Die Thaulow-Objekte sind der Rückhalt der Sammlung“, sagt Carsten Fleischhauer, stellvertretender Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf. Und ergänzt: „Die Renaissancemöbel und Schnitzaltäre, die Thaulow sammelte, bleiben auch in einer neuen Präsentation die Highlights.“ Fleischhauers Hinweis auf eine Neu-Präsentation erklärt sich vor dem Hintergrund der nächsten großen Verände­rungen. Denn Schloss Gottorf ist seit dem Einzug der Sammlungen 1950 zwar systematisch zum Museum umgebaut worden. Doch das geschah immer eher nach Notwendigkeiten, als nach einem großen Plan. Seit 2012 verfolgt die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen einen Masterplan für Schloss Gottorf.  Danach wird es einen Erweiterungsbau am Ostflügel geben. Die Entwürfe des Zürcher Büros „Holzer Kobler Architekturen“ sehen einen keilförmigen, gläsernen Neubau als neuen Eingang ins Schloss vor. Die Ansicht der denkmalgeschützten südlichen Fassade wird von diesen Neuerungen optisch nicht tangiert.

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Am 1. Januar 2019 beginnen die konkreten Planungen. Der Baubeginn ist für 2022 geplant. Drei Jahre später soll Wiedereröffnung gefeiert werden. „Wir haben lange überlegt, ob wir bei laufendem Ausstellungsbetrieb bauen oder das Museum komplett schließen“, sagt Claus von Carnap-Bornheim, leitender Direktor und Stiftungsvorstand. Man habe sich entschieden, für die drei Umbau- und Modernisierungsjahre komplett zu schließen und die wichtigsten Ausstellungsstücke – Moorleichen, Gemälde, Gold- und Silberfunde und die Highlights aus der Thaulow-Sammlung – in der Reithalle zu präsentieren.

Uta Baier; © Studioline Fotostudio, München

Uta Baier

ist Kunsthistorikerin und Journalistin in Berlin.