Szenografie in Collagetechnik, zwei Personen in einer Gasse
RESTAURIERUNG / BRANDENBURG

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Das Filmmuseum Potsdam konnte über 600 Entwürfe des DEFA-Szenografen Alfred Hirschmeier restaurieren lassen / Daniela Kummle

Während viele Regisseure und Regisseurinnen sowie vereinzelt auch namhafte Kameraleute mindestens unter Filminteressierten große Bekanntheit genießen, fristet die Szenografie – auch als Szenenbild, Ausstattung oder Set-Design bezeichnet – zu Unrecht in der öffentlichen Aufmerksamkeit eher ein Schatten­dasein, erschafft sie doch erst den Raum für das Schauspiel und prägt damit maßgeblich die Atmosphäre und visuelle Ästhetik eines Films. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Zunft – nicht nur der ostdeutschen Filmgeschichte – war Alfred Hirschmeier (1931 – 1996). Das Filmmuseum Potsdam verwahrt in seinem ­Bestand einen erheblichen Teil seines Nachlasses, aus dem ­kürzlich rund 640 in Collagetechnik erstellte Szenenentwürfe mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder restauriert ­werden konnten.

„Wenn das Thema Szenenbild dran ist, kommt man an Herrn Hirschmeier nicht vorbei“, sagt Ines Belger, seit 1992 ­Archivarin im Filmmuseum Potsdam, das in seiner Geschichte bereits zwei Hirschmeier-Ausstellungen vorweisen kann. Als „Urgestein“ des Museums – wenn auch nie selbst bei der DEFA ­tätig – kennt sie die Bestände wohl besser als jeder andere. Als Alfred Hirschmeier 1996 relativ plötzlich verstarb, hatte er schon einen großen Teil seiner Szenografien – nämlich jene zu den Werken Konrad Wolfs (1925 – 1985), Regisseur von Filmen wie „Der geteilte Himmel“ (1964), „Ich war neunzehn“ (1968) und des Klassikers des DDR-Kinos „Solo Sunny“ (1980) – der Akademie der Künste in Berlin übergeben, die auch das Konrad-Wolf-Archiv beherbergt und deren Mitglied Hirschmeier ab 1986 und nach der Neukonstituierung der Akademie per Zuwahl ab 1992 war. Der überwiegende Rest des Nachlasses gelangte in die Sammlung des Filmmuseums Potsdam. Dass insbesondere die fragilen, in einer speziellen Collagetechnik aus Fotografie und bemalter Folie gefertigten Szenografien einer langfristigen Sicherung bzw. Restaurierung bedurften, erkannten Ines Belger und ihr Berliner Kollege Nicky Rittmeyer, Archivar für Film- und Medienkunst an der Akademie, schon bald und standen immer wieder im Austausch darüber, wie eine nachhaltige Lagerung bzw. die Sicherung und Ausbesserung bereits beschädigter Entwürfe zu bewerkstelligen sei.

Als dann ab September 2022 endlich die Restaurierung der Collagen aus der Sammlung des Filmmuseums durch das Atelier Keller & Linke auch finanziell umgesetzt werden konnte, konnten sich der Restaurator Dietmar Linke und sein dreiköpfiges Team auf die im Rahmen einer Masterarbeit erarbeiteten Erkenntnisse über die materielle Beschaffenheit und technischen Vorschläge zur Restaurierung (Maria Lörzel, Technische Hochschule Köln, 2016) stützen. „Ich halte das für kleine Kunstwerke“, sagt Dietmar Linke, dem die Szenenentwürfe bereits aus seiner Zeit als Restaurator am Filmmuseum Potsdam wohlbekannt sind. Doch was macht Alfred Hirschmeiers Arbeiten so besonders?

Auch wenn Hirschmeier mit verschiedenen Techniken experimentierte, bleiben allen voran seine charakteristischen Collagen im Gedächtnis der Filmwelt. Dabei nutzte er überwiegend selbst geschossene Fotos – deren Motive er quasi als „Location Scout“, wie man es heute nennen würde, an zahlreichen Orten in der DDR und im befreundeten Ausland fand – und klebte diese zunächst auf Pappen. Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Requisiten zeichnete er dann mit Filzstift als Umrisse auf die Vorderseite einer Folie und malte sie auf der Rückseite, in der Regel mit Gouache-Farben, aus, bevor er die Folie schließlich auf die Fotopappe montierte. In dieser Herstellungsweise liegt auch die Fragilität und damit die Restaurierungsbedürftigkeit der Szenografien begründet. Denn die wasserbasierte Pigmentfarbe löst sich von den Folien, die aus Celluloseacetat bzw. Polyethylen bestehen, relativ leicht ab – zumal die Collagen in erster Linie natürlich als Arbeitsmaterialien in der Filmproduktion dienten und durch viele Hände gereicht sowie später auch von Hirschmeier selbst in der Lehre verwendet wurden.

Dietmar Linke und sein Team machten sich zunächst daran, die Folien behutsam zu reinigen und die lose Farbe mit einem Bindemittel zu festigen. Teilweise wurden aus konservatorischen Gründen auch kleine Retuschen vorgenommen, die es ermöglichten, Ränder von Fehlstellen zu verschließen. Die wichtigste Maßnahme für die zukünftige Erhaltung der doch so vergänglich anmutenden Collagen betrifft aber ihre Lagerung: Sie werden fortan in maßgefertigten Grafikbetten, eingelegt in ein Passepartout, aufbewahrt, um sie vor Druck und Erschütterung zu schützen. Nach Linkes Einschätzung können die Szenografien nun auch ausgestellt werden – vorzugsweise liegend oder in einer geneigten Präsentation am Pult.

Während seiner vier Dekaden und über 70 Filme umspannenden Tätigkeit als DEFA-Szenograf entwickelte Hirschmeier seine ganz eigene künstlerische Handschrift – und das obwohl solche Szenenentwürfe nie als eigenständige Artefakte, sondern stets als Teil des Gesamtkunstwerks Film und des Zusammenspiels der unterschiedlichen Gewerke zu betrachten sind. Hervorzuheben ist dabei die Zusammenarbeit mit der Filmarchitektin Gisela Schultze (1935 – 2013), die seinen Entwürfen folgend zahlreiche Modelle und Kulissen baute. Im Gegensatz zur westdeutschen Entwicklung, vor allem während der Ära des Neuen Deutschen Films der 1960er- und 1970er-Jahre, bei der die Authentizität von Originalschauplätzen gefragt war, behielt die Studio-Produktion in der DDR eine zentrale Bedeutung – ganz in der Tradition der ersten Babelsberger UFA-­Studios, als deren Nachfolger nach dem Zweiten Weltkrieg rasch die DEFA (Deutsche Film AG) gegründet wurde. „Von Hirschmeier konnte man sich die Welt wünschen. […] Sein Gedächtnis war ein Archiv unerschlossener Szenerien, in denen menschliches Schicksal sich abspielte“, beschreibt der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase (1931 – 2022) Hirschmeiers Arbeit, mit der er die Filmräume der DEFA erschuf. Erwähnenswert ist insbesondere auch Hirschmeiers intensive Zusammenarbeit mit Frank Beyer, u. a. Regisseur von „Jakob der Lügner“ (1974, nach dem Roman von Jurek Becker), dem einzigen jemals für einen Oscar nominierten Film aus der DDR. Bei dem Film handelt es sich um eine der wenigen DEFA-Produktionen, die nicht im Studio, sondern an verschiedenen Außenschauplätzen, u. a. in der Tschechoslowakei und in Brandenburg gedreht wurde. Dass Hirschmeiers Entwürfe im Film dann auch fast immer genauso umgesetzt wurden, kann Ines Belger bestätigen, und dies lässt sich anhand von „Jakob der Lügner“, der in einem polnischen Ghetto spielt und wie die zugehörigen Collagen visuell prägnant in graubrauner Tristesse gehalten ist, auch Einstellung für Einstellung anschaulich nachvollziehen.

Der Nachwelt erhalten bleibt Alfred Hirschmeier aber nicht nur als Gestalter von Filmräumen, sondern auch als Gründungsprofessor und Leiter des Fachbereichs Szenografie an der heutigen Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam. Hirschmeier, der selbst bei dem Bühnenmaler Willy Eplinius (1884 – 1966) und dem Filmarchitekten Willy Schiller (1899 – 1973) in die Lehre gegangen war, war die Nachwuchsförderung stets ein wichtiges Anliegen. Schon zu DDR-Zeiten hatte er die Bestrebung, einen Studiengang der Szenografie einzurichten, den es bis dato – auch in Westdeutschland – nicht gab. So waren Szenografen meist Quereinsteiger, kamen beispielsweise aus den Bereichen Bühnenbild oder Innenarchitektur. Erst 1991, nach der Wende, konnte Hirschmeier seinen Plan in die Tat umsetzen. Zum ersten Jahrgang dieses neuen Studienfaches gehörte auch Ariunsaichan Dawaachu, heute einer der erfolgreichsten Szenenbildner Deutschlands und selbst Professor an der „Konrad Wolf“. Dawaachu erinnert sich gut an jene Zeit, an die enge, fast familiäre Zusammenarbeit mit Hirschmeier und seinen gerade mal vier Kommilitonen – und insbesondere auch an die beeindruckenden Storyboards oder optischen Drehbücher, die neben den Folien-Collagen einen erheblichen Anteil von Hirschmeiers Werk ausmachen. Im Zuge der Abwicklung der DEFA konnte Dawaachu einige solcher optischen Drehbuchseiten vor dem Papierkorb retten und verwahrt sie bis heute in seinem Besitz. Mit der Collagetechnik à la Hirschmeier hatte er zu Studienzeiten auch einmal experimentiert, blieb dann aber doch lieber beim Zeichnen. „Wenn man zeichnet, hat man noch Spielraum, das Foto ist schon fertiger, sehr konkret“, erklärt Dawaachu und zeigt sich umso beeindruckter von dem Vorstellungsvermögen seines Professors Hirschmeier, der den fertigen Film schon lange vor Drehbeginn vor seinem inneren Auge sah.

Das Filmmuseum Potsdam bewahrt und pflegt – neben der DEFA Stiftung und der Akademie der Künste Berlin – das Erbe der Deutschen Film AG und damit einen bedeutenden Teil des kulturellen Schaffens in Ostdeutschlands nach 1945. Mit dem jüngst erfolgten Umzug der Bestände in den Sammlungsneubau am Studio Babelsberg und dem Filmpark in unmittelbarer Nachbarschaft zur Filmuniversität stehen Hirschmeiers Szenografien der Wissenschaft nun auch in direkter räumlicher Nähe zur Verfügung. Durch die Restaurierung und sachgemäße Verwahrung erhalten Hirschmeiers Collagen nun die ihnen gebührende Würdigung als kulturell bedeutsame Artefakte der angewandten Kunst.

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