Erwerbungsförderung

Aktion: Demokratie

Ein fünf Meter langes gesellschaftspolitisches Credo: „Boxkampf für direkte Demokratie“ erinnert an die Auseinandersetzung mit verschiedenen politischen Systemen, ausgetragen im Ring von Joseph Beuys und Abraham David Christian auf der documenta 5 im Jahr 1972. Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder erwarb das MUSEUM FÜR MODERNE KUNST die Aktionsplastik.

Wie viele Schläge hält sie aus, die Demokratie? Vor hundert Jahren formierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ein erster demokratischer Staat in Deutschland – 15 Jahre später höhlten anti-demokratische Kräfte dessen Verfassung aus. Angesichts des Rechtsrucks, der sich auf mehreren Kontinenten beobachten lässt, ist die Frage nach der Stabilität der Demokratie aktuell. Am 8. Oktober 1972 stieg Joseph Beuys (1921–1986) in den Ring, um für sein politisches Ideal – die direkte Demokratie – einzustehen. Sein Herausforderer: Der 19-jährige Künstler Abraham David Christian (*1952), Verfechter des Parteienstaats. Als dieser bereits am ersten Tag der legendären documenta 5 keinen Ausweg aus dem Streitdialog mit dem älteren Künstler sah, rief er im für die 100 Tage der Ausstellung von Düsseldorf nach Kassel verlegten Informationsbüro „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“: „Komm’ Beuys, lass uns einen Boxkampf machen.“ Nur in Jeans bekleidet, gingen die beiden Männer mit rostbraunen Lederhandschuhen aufeinander los. Gewonnen hat den Dreirundenkampf am Ende Beuys „wegen der direkten Treffer für die direkte Demokratie“, wie der Ringrichter Arnold Herzfeld, als Künstler Anatol bekannt, verkündete.

Joseph Beuys, Boxkampf für direkte Demokratie, 1972, 40 × 515 × 30,5 cm; MUSEUM FÜR MODERNE KUNST; © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Foto: Axel Schneider
Joseph Beuys, Boxkampf für direkte Demokratie, 1972, 40 × 515 × 30,5 cm; MUSEUM FÜR MODERNE KUNST; © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 / Foto: Axel Schneider

Joseph Beuys verstand Museen als Ort permanenter Konferenz. In der Konsequenz diskutierte er während der hundert Tage mit allen Besucherinnen und Besuchern des Fridericianums, die über direkte Demokratie sprechen wollten. Aktionen wie diese setzten den nötigen Impuls, waren ausreichend provokant, um die von Beuys gewünschten Diskussionen anzustoßen. Seine Aktionsplastiken – die Aufbereitung der Requisiten in Vitrinen – transportieren diese Anstöße bis heute ins Museum. „Im MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST regt ‚Boxkampf für direkte Demokratie‘ dazu an, über diese Form der politischen Beteiligung nachzudenken. Mit ihrer Aktion beschenkten uns die beiden Düsseldorfer Künstler mit einem humorvollen und provokanten Narrativ der Demokratieverteidigung“, sagt Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.

Fünf Meter lang ist die Vitrine aus Zink, in der vier Boxhandschuhe, der Kopf- und Kinnschutz, den Christian trug, und das Hanfseil, das als Ring fungierte, arrangiert sind. Beuys nahm die Anordnung der von Jörg Schellmann ersteigerten Requisiten 1980 selbst vor. Er ergänzte sie um Schnipsel aus einer Tageszeitung mit serbisch-kyrillischer Typografie und stempelte das Papier mit seinem „Braunkreuz“. Über verschiedene Stationen in Galerien und privaten Sammlungen gelangte das Werk 2006 schließlich in den Besitz der Waddington Custot Galerie in London. Von dieser konnte das Frankfurter MMK die Aktionsplastik nun erwerben. Die Kulturstiftung der Länder förderte die Erwerbung anteilig mit 150.000 Euro.

Weitere Förderer dieser Erwerbung: Hessische Kulturstiftung, Ernst Max von Grunelius-Stiftung, Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung, ING, DekaBank, Freunde des MMK