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Abgekanzelt in Kleinrückerswalde

Das Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz möchte eine seltene frühneuzeitliche Dorfkanzel restaurieren

von Wolfgang Blaschke M.A.

Eher ungewöhnlich ist es, in einem öffentlichen Museum auf einen Kanzelkorb als Ausstellungsstück zu treffen. Denn eigentlich zählt er zu den fest eingebauten Teilen einer Kirchenausstattung. Jedoch gehörte dieser Kanzelkorb als ein wesentlicher Bestandteil der Dauerausstellung „Kirchliche Altertümer“ schon seit spätestens 1909 zum Erzgebirgsmuseum. Zusammen mit den Altarfiguren aus Arnsfeld, der „Wiesaer Madonna“ sowie bedeutenden früh­neuzeitlichen Tafelbildern von Cranach-Schülern, vermittelte dieses besondere Objekt einen Eindruck von kirchlichem Interieur der frühen Neuzeit.

Fünfseitiger Kanzelkorb aus Kleinrückerswalde, vermutl. 1. Hälfte 17. Jh., Höhe 110 cm, Breite 100 cm, Tiefe 67 cm. © Foto: Jan Großmann
Fünfseitiger Kanzelkorb aus Kleinrückerswalde, vermutl. 1. Hälfte 17. Jh., Höhe 110 cm, Breite 100 cm, Tiefe 67 cm. © Foto: Jan Großmann

Was aber macht ein Gegenstand, der auch heute noch im Mittelpunkt kirch­lichen Lebens steht, in einem Museum? Hierbei sollte man bedenken, dass sich besonders im 19. Jahrhundert Seh- und Erfahrungsgewohnheiten stark änderten. Oft wünschte man sich damals die Kirchen heller und luftiger, weniger zugestellt mit alten Gegenständen, die oftmals arg in Mitleidenschaft gezogen waren und ihr Gnadenbrot auf Kirchenböden und -türmen fristeten. Daher verwundert es nicht, wenn der Kanzelkorb bei der Beschreibung der Kleinrückerswalder Kirche in den „Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen“ von 1885 nicht vorkommt. Die Kirche des früheren Waldhufendorfs Kleinrückerswalde, seit 1912 ein Ortsteil von Annaberg, ist schon 1414 erwähnt worden. An deren Stelle wurde 1780 jedoch die heutige, einschiffige Martin-Luther-Kirche errichtet, welche 1845 restauriert und 1897 durch einen polygonalen Abschluss erweitert wurde. Vermutlich schon bald nach 1845 wurde die Kanzel weggeräumt und zwischen 1887 und 1909 an das Erzgebirgsmuseum übergeben. Das Erzgebirgsmuseum verstand sich seit seiner ­Gründung 1887 als Einrichtung zur Bewahrung, Erforschung und Ausstellung kulturhistorischer Objekte der obererzgebirgischen Region. Allerdings war und ist gerade die Erhaltung besonderer kunsthistorischer Objekte immer mit hohem Kostenaufwand verbunden. So konnte in der Vergangenheit bisher nur der Corpus mechanisch gesichert werden, eine eingehende Restaurierung gelang bisher nicht. Denn mehrere Überarbeitungen, vermutlich anlässlich des Neubaus 1780 sowie der Neugestaltung der Kleinrückerswalder Dorfkirche 1845, haben die ursprüngliche Gestaltung und Farbgebung nicht nur wesentlich verändert, sondern zu neuen Schadensbildern geführt. Mit der geplanten fachgerechten Restaurierung kann die Qualität der ursprünglichen malerischen Gestaltung neu entdeckt werden. Der wertvolle Kanzelkorb ist akut gefährdet. Einzelne Malschichten drohen sich großflächig abzulösen, wie bei der Darstellung des Moses mit den Gesetzes­tafeln deutlich zu sehen ist. Die gesamte architektonische Gestaltung und die ursprüngliche Zeichnung und Farbgebung verweisen auf eine Entstehung des Objektes in der Spätrenaissance.

Was soll eine Restaurierung erreichen? In einem ersten Schritt werden die bisher unklaren Strukturen und Aufbauten der Farbschichten erfasst. Die Risse im Holzträger müssen geschlossen und notwendige Ergänzungen an fehlenden Holzteilen vorgenommen werden. Bei jedem Arbeitsschritt muss bestimmt werden, inwieweit es sinnvoll ist, die ursprüngliche Fassung wieder herzustellen. Denn auch die späteren Übermalungen gehören zur Geschichte des Objektes und dokumentieren Auffassung und Verwendung des Objektes in dem jeweiligen historischen Kontext. Andererseits soll die Restaurierung auch ein ästhetisch ansprechendes Ergebnis erzielen, damit sich die Besonderheiten dieses Kunst­werkes dem Betrachter erschließen.

Detail der Seitenwand der Kanzel: Moses mit den Gebotstafeln. Ein langer Riss im Holz zieht sich durch die gesamte Malerei. © Foto: Jan Großmann
Detail der Seitenwand der Kanzel: Moses mit den Gebotstafeln. Ein langer Riss im Holz zieht sich durch die gesamte Malerei. © Foto: Jan Großmann

Lohnt sich eine aufwendige Restaurierung eines solchen Kunstwerkes überhaupt?  Ist  es  nicht  mit  einer  kon­servatorischen Sicherung und kleinen Retuschen getan? Auch ausschließlich sichernde Maßnahmen sind in diesem Falle sehr aufwendig. Und bei der Restaurierung ergibt sich die einmalige Möglichkeit, die ursprüngliche Botschaft des Kunstwerkes besser zu vermitteln. Der rotgewandete Christus im Zentrum der Darstellung, flankiert von Personen des Alten (Moses) und Neuen (Johannes) Testaments zeugt von der reformatorischen Aussage der Kanzel. Dies wird durch den umlaufenden Psalm 51,15 „Herr tue meine Lippen auf – dass mein Mund deinen Ruhm verkündige“ noch verstärkt. Die Kanzel ist zugleich ein Beispiel für die im ersten Jahrhundert nach der Reformation, hier im herzog­lichen Teil Sachsens ab 1539, erfolgte allmähliche Neugestaltung des kirch­lichen Innenraumes. Gerade aus dem ländlichen Bereich sind aus dieser bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts andauernden Phase im Obererzgebirge nur wenige kunsthistorische Zeugnisse überliefert.

Deshalb ist die Restaurierung dieses Objektes für uns so wichtig, und wir bitten Sie, liebe Leserin und lieber Leser von Arsprototo, uns zu unterstützen, damit der Kleinrückerswalder Kanzelkorb für jedermann sichtbar seinen Platz in der Dauerausstellung des Erzgebirgsmuseums wieder einnehmen kann.

Wir bitten Sie, liebe Leserin und lieber Leser, um Unterstützung für das Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz. Spenden Sie für die Restaurierung des Kanzelkorbs aus dem 17. Jahrhundert und überweisen Sie unter dem Stichwort „Kanzelkorb“ auf das Konto des Museums. Hier finden Sie alle Informationen zu den Spendenmodalitäten.
Verwendungszweck: Erzgebirgsmuseum – Spende Kanzelkorb
Stadt Annaberg-Buchholz
IBAN: DE 30 870 540 00 3329 0011 18
BIC: WELADED1STB