Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Worte wirken

Die neue Politik der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

von Prof. Dr. Heinrich Detering

In der „Friedensfeier“ träumt Hölderlin den Traum von einer Zeit, in der „ein Gespräch wir sind und hören können voneinander“. Der Zauber des Verses liegt in seiner Einfachheit: so zu hören und zu reden, dass das Gespräch Konsequenzen hat, weil es ein anderes Miteinander erzeugt. Das klingt wie etwas Einfaches, das schwer zu machen ist. Dieses Einfache ist Grund des Daseins und Ziel aller Arbeit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Das lässt sich an einem Beispiel veranschaulichen, in dem das Gespräch zur Intervention wird. Im Frühjahr 2012 eröffnete die Akademie ein öffentliches Gespräch nicht nur über die Entwicklungen von Kunst und Literatur Ungarns und der Ukraine, sondern auch mit Schriftstellern aus diesen Ländern. Die Nachrichten von Einschränkungen der Meinungsfreiheit, von Schikanen gegen kritische Autoren, vom Ungeist eines ethnischen Nationalismus, antisemitischer Hetze, heroisierender Geschichtsverfälschung, politischer Uniformierung – diese Nachrichten beunruhigen die Akademie wie viele Bürger. Für sie aber geht es hier auch um den Kern ihrer Arbeit und den Grund ihrer Existenz: um Sprache und Dichtung und um deren Verletzbarkeit.

Denn dies unterscheidet sie ja von vergleichbaren Einrichtungen der Literatur und erst recht des Staates: Sie ist die einzige Vereinigung im deutschen Sprachraum, die sich ausschließlich der deutschen Sprache und Literatur widmet und die das im Blick auf die Gesamtheit der deutschen Sprache und Literatur tut. Ihr gehören Dichter und Kritiker an, Sprach- und Literaturwissenschaftler, aber auch Juristen und Naturwissenschaftler, deren Arbeit durch ein besonderes Interesse an der Sprache ausgezeichnet ist. Diese rund einhundertachtzig Mitglieder – derzeit noch überwiegend Männer, aber das wird sich ändern – kommen nicht nur aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, sondern auch aus vielen anderen Ländern Europas, Amerikas, Asiens. Unter den zehn Mitgliedern ihres derzeitigen Präsidiums sind ein deutscher Moslem mit persischen Wurzeln, ein dänischer Übersetzer und ein in Berlin lebender schwedischer Schriftsteller griechisch-österreichischer Herkunft (er ist einer der drei Vizepräsidenten). Weil diese Weite zu ihrem Selbstverständnis gehört, deshalb hat sie eine lange gemeinsame Geschichte auch mit Freunden in Ungarn und der Ukraine. Schon 1998 war sie in Budapest zu Gast; und dreieinhalb Jahre nach der orangefarbenen Revolution gehörte sie zu den ersten deutschen Kulturinstitutionen, die sich zu einer großen Tagung mit ukrainischen Intellektuellen in Lemberg/Lviv trafen. Seit diesen Begegnungen, oft schon länger, gehören Mitglieder auch aus Ungarn und der Ukraine zur Akademie. László Földényi und Zsuzsanna Gahse sind darunter, Péter Esterházy, Juri Andruchowytsch und andere. Und deshalb bleiben die Neuigkeiten aus ihren Ländern für diese Akademie nicht einfach Nachrichten unter anderen

Das in Deutschland begonnene Gespräch ist noch im selben Jahr 2012 weithin sicht- und hörbar in Budapest fortgeführt worden. Ein Partnerschaftsabkommen mit dem unabhängigen ungarischen Schriftstellerverband wurde geschlossen: eine Solidaritätserklärung. Und im September 2013 wurden die Budapester Gespräche fortgesetzt, wie auch die Begegnungen mit ukrainischen Schriftstellern weitergegangen sind, dieses Jahr in Czernowitz.

Solche Gespräche sind von folgenlosem Palaver so grundverschieden wie Hölderlins Vers von einer Stammtischparole. Sie beginnen unter den Mitgliedern, und sie setzen sich öffentlich fort, bei den großen Tagungen im In- und Ausland und in einem Fächer unterschiedlicher Veranstaltungsformate: in Debatten über die Rolle des public intellectual, über die Folgen des Internet für Urheberrecht und Meinungsfreiheit, über die weithin aus dem Blick geratenen deutsch-estnischen Kulturbeziehungen (um nur Themen der letzten anderthalb Jahre zu nennen). In einer neuen Veranstaltungsreihe mit den Schwesterakademien in Großbritannien, Skandinavien, Estland und Ungarn werden seit 2012 unter dem Sammeltitel „Europäische Begegnungen“ Zeitfragen diskutiert, an unterschiedlichsten Orten und mit unterschiedlichsten Partnerinstitutionen in Deutschland. Wer dabei war, wie Jan Wagner und Simon Armitage – zwei der interessantesten Lyriker der europäischen Gegenwartsliteratur (und Mitglieder der Deutschen Akademie bzw. der Royal Society of Literature) – in München die gesellschaftliche Rolle der Poesie in Deutschland und Großbritannien erörterten; wer zuhört, wenn in der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek der Schweizer Kritiker Peter von Matt und der frühere Sekretär der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, über Bildungs- und Kanonfragen sprechen; wer Zeuge wird, wie der polnische Germanist Leszek Żyliński und der Sekretär der Dänischen Akademie Per Øhrgaard (beide Mitglieder der Deutschen Akademie) in Lübeck über die europäische Rolle Deutschlands debattieren: Der oder die wird eine ziemlich präzise und wenig sonntagsredenhafte Antwort auf die Frage erleben, in welchem Sinne die Deutsche Akademie „ein Gespräch“ ist – indem sie Öffentlichkeit schafft, indem sie zu einer differenzierteren Debattenkultur beiträgt, indem sie nach ihren Kräften Aufklärung bewirkt.

Das gilt auch für die vielbändige Bibliothek verbannter und verbrannter Literatur, die in den Editionen der Akademie seit Jahrzehnten wieder ins literarische Gespräch gebracht werden, für die Reihe „Valerio“ mit ihren literarischen, sprach- und kulturkritischen Themen, und für den in mehrjähriger Arbeit entstandenen umfangreichen Bericht zur Lage der deutschen Sprache, der soeben in Berlin vorgestellt wurde. Gerade in der sprachkritischen Arbeit wirken – und wo anders als hier wären solche Konstellationen möglich? – Sprachwissenschaftler mit Literaturkritikern und Schriftstellern zusammen, um das Sprachempfinden zu schärfen und landläufigen Vorurteilen zu begegnen mit interdisziplinärer Sachkenntnis.

Ein Gespräch: Die Akademie nimmt diese Bestimmung zunehmend als einen kulturellen und politischen Auftrag ernst. Sie tut das in Kooperation mit einer wachsenden Zahl von Partnern: mit europäischen und deutschen Literaturakademien und mit verwandten Institutionen – Nachbarn wie dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach und dem Lyrik-Kabinett in München, dem Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, der S. Fischer Stiftung, der Allianz-Kulturstiftung und anderen. Die institutionellen Förderer – das Land Hessen, der Bund und die Ländergemeinschaft über die Kulturstiftung der Länder – sorgen dafür, dass der Betrieb der Akademie gewährleistet ist und ihre Arbeit wirksam werden kann.

Zu dieser Wirksamkeit gehören auch die Preise. Bekanntlich vergibt die Akademie mit dem Georg-Büchner-Preis nicht nur die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur, sondern auch Preise für Essay und Kritik, für wissenschaftliche Prosa, für Übersetzungen ins Deutsche und für die Vermittlung deutscher Sprache und Literatur im Ausland – auch dies in der Absicht, Orientierung zu geben und beizutragen zur Horizonterweiterung in einer offenen Gesellschaft. Von der „Friedensfeier“ handelt Hölderlins Gedicht, nicht von der Selbstfeier. Eben darum will die Akademie sich nicht wichtig, sondern nützlich machen.

Prof. Dr. Heinrich Detering

ist Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.