Länderporträt

Wo Mitterrand Deutschland fand

Der Freistaat Thüringen zwischen deutscher Klassik und technischer Revolution.

von Robert von Lucius

„Wie mir die Gegend so lieb ist“ – wer durch Thüringen fährt, wird des öfteren denken müssen an diese Liebeserklärung Goethes an seine Heimat, das „grüne Herz Deutschlands“. Nicht nur geographisch – mehrere Dörfer streiten sich darum, der Mittelpunkt Deutschlands zu sein -, sondern auch kulturhistorisch steht Thüringen so sehr im Kern wie kaum eine andere Region. Das den beiden Dichterfürsten gewidmete Denkmal in Weimar, in dem Goethe und Schiller einander den Lorbeerkranz reichen, sehen manche als „das“ Denkmal deutscher Kultur schlechthin und das nahe Goethe- und Schiller-Archiv als die Schatzkammer deutschen Geistes. Die Aufschrift am Sockel ließe anderswo Stirne kräuseln, hier nicht: „Dem Dichterpaar Goethe und Schiller. Das Vaterland“.

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Der Begriff Vaterland an dem Ort, an dem die Deutsche Klassik ihren Höhepunkt erreichte, aber auch das Konzentrationslager Buchenwald wenige Kilometer entfernt liegt, stößt nicht auf. Denn in dem kleinen Bundesland mit nur 2,3 Millionen Bewohnern bündelt sich deutsche Geschichte in vielerlei Gestalt. Im Gebäude hinter dem Dichterdenkmal, dem Deutschen Nationaltheater, wurde im August 1919, vor fast genau 90 Jahren, die Weimarer Verfassung verabschiedet, die Weimarer Republik gegründet – als erster deutscher demokratischer Staat. An der Universität Jena pflegten Fichte, Hegel und Schelling als Dozenten ein gedankliches Zentrum für Freiheit und Einheit Deutschlands. Weiter nördlich ist das Kyffhäuser-Denkmal mit seiner monumental-wilhelminischen Barbarossa-Figur, erbaut vor gut einem Jahrhundert, der Einheit des Deutschen Reiches gewidmet. Auf der Wartburg, dem Ort frühmittelalterlicher Minnesänge, legte Martin Luther mit seiner Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche die Grundlage für die deutsche Sprache, und hier hissten Burschenschaftler 1817 die Fahne Schwarz-Rot-Gold, damals in revolutionärem Geist. Auch in der weniger bekannten Ordensburg Liebstedt bei Apolda spiegelt sich deutsche Geschichte – nach 475 Jahren als Sitz einer Komturei des Deutschen Ordens wurde Liebstedt zum Kammergut, zum Staatsgut und zum volkseignen Gut. Im Grenzmuseum Rhön liegen Todesstreifen und Befestigungen direkt gegenüber dem hessischen „Point Alpha“, an dem die Nato im Ernstfall die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts erwartete. Und in Erfurt, wo 1970 sich die Regierungschefs der beiden deutschen Staaten im Erfurter Hof trafen, prangt nun die Leuchtschrift „Willy Brandt ans Fenster“, die Bäckerei an der Ecke verkauft Willy-Brötchen und Willy-Ecken.

Die Vielfalt der Baustile – viele der wichtigsten Bauten stammen aus der Renaissance, dem Barock und dem Klassizismus, sichtbar auch an einer Fülle barocker Dorfkirchen – beruht auf der Geschichte der Kleinstaaterei, nur scheinbar ein Widerspruch zur Rolle, die Thüringen zur deutschen Einigung beitrug. Das Land ist nicht nur alt – das Königreich Thoringi wurde erstmals urkundlich erwähnt im Jahr 480, und Bonifatius gründete sein Bistum Erfurt 742 -, sondern seit dem 16. Jahrhundert bis 1918 auch zersplittert. Neben den beiden ernestinischen Linien Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha – Angehörige der letzteren stellten Monarchen in England, Belgien, Portugal und Bulgarien – mit Nebenlinien etwa in Eisenach, Hildburghausen, Meiningen, Altenburg und Saalfeld, versuchten auch die Fürstenhäuser Schwarzburg in Rudolstadt und Sondershausen sowie die Fürsten Reuß jüngere und ältere Linie Nachbarn mit prachtvollen Residenzen zu übertrumpfen.

Dom und Severikirche in Erfurt
Dom und Severikirche in Erfurt

Nirgends in Deutschland, zumal auf so engem Raum, gibt es mehr Burgen und Schlösser und mehr Bauleidenschaft. Die Karte von 1848 verzeichnet nach einer Konsolidierung „nur“ noch neun Staaten, aber durch Exklaven, preußische Besitzungen und das kurmainzische Gebiet in Erfurt 94 Farbflecken auf der Karte. Orte vor allem im hügelig-waldigen Süden, die nicht wie Meiningen mit dem Theatermuseum oder mit der Veste Heldburg als Sitz des künftigen deutschen Burgenmuseums prunken können, sind heutzutage erfinderisch und bieten Museen für Isolierflaschen (Langewiesen), Gartenzwerge (Gräfenroda) oder Kloßpressen (Großbreitenbach) zur Geschichte der Thüringer Klöße.

Diese Vielfalt bis zur Bildung des Landes Thüringen im Jahr 1920 hat Erfindungsreichtum, auch Vorbildliches, allerorten genährt. In der Bildungspolitik reichte das von der weltweit ersten Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1642 für Jungen und Mädchen durch Ernst den Frommen in Gotha über die Gründung von Kindergärten durch Friedrich Fröbel bis zum ersten Schulsport. Das Bauernkriegspanorama von Werner Tübke in Frankenhausen, 1989 vollendet, ist eines der drei größten Gemälde der Welt. In der Wissenschaft reicht die Palette vom ältesten bestehenden Planetarium der Welt – Jena ist weiterhin ein Mittelpunkt der optischen Industrie und mit seiner Universität der Forschung im Lande – bis zu einer ungewöhnlichen Konzentration von Fraunhofer-, Leibniz- und Max-Planck-Instituten. Hier in der scheinbaren Provinz, und nicht in Kalifornien, wurde der MP3-Player erfunden, den Jugendliche nicht missen mögen. Die großen Stätten der Architektur und Kultur bündeln sich um die Achse von sechs Städten herum, die die Mitte Thüringens von West nach Ost durchzieht – von Eisenach und Gotha über Erfurt und Weimar bis Jena und Gera. Im Mittelpunkt stehen Erfurt und vor allem Weimar.

In der alten Bürgerstadt Erfurt spielte sich Kirchengeschichte ab (im Augustinerkloster fand Martin Luther als Mönch seinen Weg zur Reformation), beim Erfurter Fürstentag 1808 Fürstengeschichte (Napoleon und der Zar sowie vier Könige und 18 Fürsten trafen sich hier), und auch Arbeitergeschichte geschah in Thüringen.

Die Wiege der SPD liegt hier – als Arbeiterpartei gegründet 1869 in Eisenach, zur SPD fusioniert 1875 in Gotha. Das Gothaer Programm und das Erfurter von 1891 prägten die Ziele. Die Landeshauptstadt prangt mit dem grandiosen Domensemble mit der Freitreppe zu Mariendom und Severikirche, der Krämerbrücke als einziger Häuserbrücke nördlich der Alpen, einer weithin erhaltenen Altstadt mit ihrer Fülle von Bürgerhäusern am Anger und am Domplatz.

Und natürlich Weimar, europäische Kulturhauptstadt des Jahres 1999 und gleich zweimal ausgewiesen als Unesco-Weltkulturerbe, als Ensemble der Klassik wie auch für die Weimarer Bauhausstätten. Zur Wiege deutscher Humanität zwei Zitate unverdächtiger Zeugen: Thomas Mann, der dort auch 1949 und 1955 war, nannte den Ort Goethes und Schillers, Herders und Wielands die „Stadt des unsterblichen Ruhms“. François Mitterrand sagte als französischer Staatspräsident, in Potsdam habe er Frankreich wiedergefunden, auf der Wartburg und in Weimar Deutschland gesehen. Nur eine Schattenseite hat die Konzentration auf Weimar, auf die Hilmar Hoffmann einst als Präsident des Goethe-Instituts wies – ein aus dem Überangebot an jeder Ecke Weimars beruhendes Ungleichgewicht, das das Augenmerk fortlenke vom Thüringer Wald, von Nord- und Ostthüringen mit der Gefahr, dass dort eine „eher trostlose Kulturlandschaft“ entstehe. Den Grundstein zum Aufschwung des Musenhofs legte der von seiner Mutter Anna Amalia freisinnig erzogene junge Herzog Carl August von Weimar, der 1774 als Siebzehnjähriger Goethe zum Umzug von Frankfurt nach Weimar bewegen konnte, wo dieser dann ab Ende 1775 bis zu seinem Tod ein gutes halbes Jahrhundert später am Frauenplan lebte. Er zog wie ein Leuchtfeuer andere Geistesgrößen an. Hüter der Kostbarkeiten – des Schlosses, der Häuser von Goethe, Schiller, Liszt und Nietzsche und ihrer Archive, der Herzogin Anna Amalia Bibliothek und fast zwanzig anderer Stätten – ist die Klassik Stiftung Weimar. Sie pflegt nicht nur die Deutsche Klassik, sondern auch Garten- und Parkarchitektur sowie das Bauhaus-Erbe. Dass eine kleine Residenzstadt wie Weimar nach einer international bedeutenden Epoche ein zweites Mal mit Walter Gropius, Henry van de Velde und dem Bauhaus in den Mittelpunkt der Kultur rückte und der wegweisenden Avantgarde, empfindet der Präsident der Stiftung Helmut Seemann als wohl einmalig in der deutschen Kulturgeschichte.

Robert von Lucius

war von 1987 bis 2014 Korrespondent bei der FAZ.