Länderporträt

Weiße Burg überm Weintrinkerrhein

Von Gutenberg bis Arp: Thomas Wagner über die rheinland-pfälzische Museumslandschaft zwischen archäologischem Erbe und zeitgenössischer Kunst.

von Thomas Wagner

Rheinland-Pfalz – ein Land, groß und weiträumig, bedeckt von dunklen Wäldern und überzogen von akkurat gescheitelten Reihen fruchtbarer Reben, ein Land der Burgen und Schlösser und der stolzen, weithin sichtbaren Kaiserdome von Mainz, Speyer und Worms. Von der klassizistischen Festung Ehrenbreitstein in Koblenz bis zu den Ruinen der Dahner Burgen in der Südpfalz, die auf pittoresken, von zahlreichen Kammern und Gängen durchzogenen Sandsteinblöcken thronen, von der salisch-staufischen Burg Trifels, die, einst Aufbewahrungsort der Reichsinsignien des Kaisers, auf dem schmalen Felsriff des Sonnenberges über Annweiler hängt, vom nicht weit entfernten Hambacher Schloss bei Neustadt an der Weinstraße, dem Symbol des deutschen Kampfs um Bürgerrechte und nationale Einheit, bis weit in den Westen, zur Porta Nigra, dem am besten erhaltenen Stadttor des Römischen Reiches nördlich der Alpen – Rheinland-Pfalz mangelt es wahrlich nicht an Orten, die von Geschichte geprägt sind.

Hermann Scherer, Das kleine Mädchen, 1924/25 – erworben 2004 von der Pfalzgalerie Kaiserslautern mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder
Hermann Scherer, Das kleine Mädchen, 1924/25 – erworben 2004 von der Pfalzgalerie Kaiserslautern mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder

Dass eine so tiefe Verwurzelung nicht nur Freude, sondern auch Pflicht und Ansporn ist, das Ererbte zu erhalten, liegt auf der Hand. So verwundert es wenig, dass sich fast überall in Rheinland-Pfalz, nicht nur im weltberühmten Rheintal, Kultur aufs Schönste mit Natur mischt. Durchs ganze Land kann man wie auf einem riesenhaften Teppich voll herrlicher Muster den Spuren der Geschichte folgen. Auf ganz und gar Zeitgenössisches indes stößt man selten. Was für die Kulturpolitik und die Aktivitäten der Kunstmuseen des Landes nicht ohne Konsequenzen bleibt, da ein neugieriges und urbanes Publikum heutzutage eben nicht nur nach historischer Bildung und antiken Fundstücken verlangt, seien es auch die allerprächtigsten. Gefragt ist beides: Pittoreske Orte samt gut aufbereiteter Archäologie und junge zeitgenössische Kunst. Eben: Bildung und Ereignis, Geschichte und Gegenwart.

Wie sich mit einer perfekt inszenierten Schau auch fernab der üblichen Kunstzentren reüssieren lässt, hat vor zwei Jahren die Landesausstellung „Konstantin der Große – Herrscher des römischen Imperiums“ in Trier gezeigt, die neben dem Rheinischen Landesmuseum auch im Jahr 2007 nach umfangreicher Renovierung neu eröffneten Stadtmuseum Simeonstift und im Diözesanmuseum stattfand. Die Ausstellung, die mit Leihgaben aus aller Welt aufwarten konnte, blätterte nicht nur in einem spannenden Kapitel europäischer Identitätsfindung und bot einen Einblick in Gesellschaft und Kunst der Spätantike, sie machte auch deutlich, welche zentrale Rolle Trier, damals eine der wichtigsten Metropolen, die in ihrer Bedeutung und Urbanität Rom, Alexandria und Karthago nahe kam, einst als Kaiserresidenz spielte.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass es zuallererst der Schatz an spätantiken Mosaiken und archäologischen Fundstücken wie Gläsern, Hermenköpfen und Münzen war, den das Rheinische Landesmuseum ohnehin beherbergt, der die Konstantin-Schau möglich machte. Keine andere Stadt nördlich der Alpen kann den Prunk und die Organisation einer kaiserlichen Hofhaltung in ähnlicher Weise vorführen wie Trier – ob mittels akribisch aus Trümmerteilen zusammengesetzten Fresken, den nur wenige Schritte vom Landesmuseum entfernt liegenden Ruinen der kolossalen Kaiserthermen oder den Mauern der Urbasilika, der ältesten Kirche Deutschlands. Mehr imperiales Rom lässt sich hierzulande schwer finden.

Eine Schwierigkeit, die viele archäologische und historische Museen heute umtreibt, bleibt trotz solcher Glanzleistungen bestehen: Das große Publikum reist zu spektakulären Sonderausstellungen an, nicht aber um der Sammlung willen. Die Gründe dafür sind oft erörtert worden, ein Ausweg aus dem Dilemma wurde nicht gefunden. Das gilt nicht nur für Rheinland-Pfalz, hier aber auf besondere Weise. Denn was den zweiten Kristallisationskern heutiger Museumspolitik angeht, die Vorrangstellung der modernen und der jungen, zeitgenössischen Kunst, so ist das Land nicht eben reich an Instituten, die über eine städtische oder regionale Bedeutung hinaus Strahlkraft entfalten könnten. Vor Ort verankert zu sein ist wichtig; überregionale Aufmerksamkeit aber beflügelt – und beruhigt die Politik. Faktum jedenfalls ist: Rheinland-Pfalz hat weder eine Staatsgalerie noch eine bedeutende, aus ehemals fürstlichen und bürgerlichen Sammlungen gespeiste Pinakothek wie Dresden, München, Kassel oder Stuttgart. Auch Ideen und Reformmodelle der Moderne – wie etwa in der Folkwang-Bewegung –  wurden andernorts erprobt.

So tut man sich selbst in der Landeshauptstadt Mainz – der Stadt Gutenbergs – mit zeitgenössischer Kunst noch immer schwer, und auch das Mainzer Landesmuseum, dessen kunst- und kulturgeschichtliche Sammlung von der Vorgeschichte über die römische Zeit bis zur Kunst des 20. Jahrhundert reicht, hätte nach der geplanten Wiedereröffnung im März 2010 mehr Aufmerksamkeit verdient. So bedurfte es erst der 2008 im Zuge der Transformation des Mainzer Zollhafens in ein Quartier für Kultur, Wohnen und Arbeiten entstandenen Kunsthalle Mainz, deren Wahrzeichen ein von Günter Zamp Kelp gestalteter, einundzwanzig Meter hoher „schräger“ Turm ist, um die Stadt an die Diskurse der Gegenwartskunst anzuschließen, von der im Rhein-Main-Gebiet ansonsten kein Mangel herrscht. Dass hier gelegentlich auch Werke der Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral in Bad Ems gezeigt werden, das seit seiner Gründung vor mehr als zehn Jahren junge Künstlerinnen und Künstler fördert, unterstreicht, wie notwendig die Kunsthalle ist.

So mag es nicht zuletzt der Wunsch gewesen sein, es den Nachbarn in Sachen moderner und zeitgenössischer Kunst gleichzutun, der die Landesregierung dazu veranlasst hat, sich auf das Projekt eines Arp-Museums einzulassen. In Remagen-Rolandseck, unweit von Bonn, schien die von vielen Dichtern besungene Aussicht auch in Sachen Kunst zunächst wunderbar. Zumal in den Salons des historischen Bahnhofs schon Apollinaire Gedichte geschrieben und sich Clara Schumann und Friedrich Nietzsche wohlgefühlt hatten – und der von so vielen Legenden umrankte Strom direkt vor der Tür erst weiter nördlich vom „Weintrinkerrhein“, wie der Rheinländer Heinrich Böll schrieb, in den „Schnapstrinkerrhein“ übergeht. Ganz so wunderbar entwickelte sich das Prestigeprojekt Arp-Museum zunächst allerdings nicht. Die Geschichte, die geprägt war von den Träumen und Irrtümern des Impresarios Johannes Wasmuth, der beiden Ehefrauen Arps, der Politik und eines eigenwilligen Vereins, ist hinlänglich bekannt.

Fast zehn Jahre dauerten allein die Auseinandersetzungen zwischen dem Land und dem Verein „Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e. V.“ um die Werke, die den Grundstock des neuen Museums bilden sollten, aber auch die Diskussionen über Zuständigkeiten, Eigentumsansprüche, Gieß- und Urheberrechte. Nun, da alles überstanden ist, kann man in Rolandseck hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

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Dabei hatte der amerikanische Star-Architekt Richard Meier schon 1979 das erste Modell für einen Neubau am Hang über dem Künstlerbahnhof Rolandseck vorgestellt, der im September 2007 endlich eröffnet werden konnte. Es ist überdies eine glückliche Fügung, dass – neben dem mittlerweile geklärten Arp-Bestand – nun auch die hochkarätige Sammlung Gustav Rau als langfristige Leihgabe der Unicef-Stiftung eine Bleibe in Rolandseck gefunden hat. Für das noch junge Haus, dessen Neubau wie eine modernistische weiße Burg hoch über dem Fluss schwebt, bedeutet es mehr als nur einen Schritt auf dem Weg zu einer der ersten Museumsadressen in Rheinland-Pfalz, dass neben Arp und einer eher heterogenen Sammlung, die von Franz Bernhard bis zu Jonathan Meese reicht, auch Werke von Fra Angelico, Guido Reni, Tiepolo und Morandi getreten sind. Schon jetzt ist der neue Direktor Oliver Kornhoff – unterstützt von Klaus Gallwitz – dabei, ein attraktives Programm zu entwickeln, das während der 2011 in Koblenz stattfindenden Bundesgartenschau viele Besucher auch nach Rolandseck locken soll.

Aufbruchstimmung herrscht auch weiter stromaufwärts in Ludwigshafen, wo das 1979 eröffnete Wilhelm-Hack-Museum sich gerade erst unter der Leitung von Reinhard Spieler mit einem jungen Team und nach einer gelungenen architektonischen Erneuerung mit frischen Ideen und einer Neupräsentation der Sammlung zurückgemeldet hat. Dass in das Haus mit seiner von Joan Miró gestalteten Keramikfassade, dessen Entstehung auf die Schenkung des Kölner Kaufmanns Wilhelm Hack zurückgeht, der seine Sammlung 1971 der Stadt stiftete, ein frischer Geist Einzug gehalten hat, war bei der Wiedereröffnung im März 2009 deutlich zu spüren. Spieler hatte, gleichsam, um den Bürgern zu zeigen, was ihr Museum besitzt, unter dem Titel „alles“ sämtliche 9.236 Werke aus dem Bestand in Petersburger Hängung über die Wände des Hauses verteilt.

Dass gleich im Anschluss gemeinsam mit der Kunsthalle Mannheim, die zur gleichen Zeit unter neuer Leitung gestartet ist, in beiden Häusern eine große Anton-Henning-Retrospektive präsentiert wurde, macht nicht nur deutlich, dass das Wilhelm-Hack-Museum nach wie vor das wichtigste Museum der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts in Rheinland-Pfalz ist. Es zeigt auch, dass die Verankerung in einer Region spielend Ländergrenzen überwindet. Dem Profil der Region Rhein-Neckar rund um Ludwigshafen, Mannheim und Heidelberg, die bis nach Darmstadt und Karlsruhe ausstrahlt, kann das auch in Zukunft nur nutzen.

Doch nicht nur am Rhein, auch im Hinterland hat sich einiges getan. Das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, 1874 als Gewerbemuseum gegründet, wurde in den letzten Jahren kontinuierlich renoviert, was es der Direktorin Britta E. Buhlmann ermöglicht hat, nicht nur attraktive Wechselausstellungen – etwa zu den plastischen Arbeiten von Adolph Gottlieb – zu zeigen, sondern auch in den Sammlungsräumen spannungsreiche Konstellationen herzustellen.

Es ist seltsam: Überheblich wie die Macher in den Zentren nun einmal sind, werden die deutschen Provinzen, die abseits der Hauptwege des Kunstbetriebs liegen, aus der Ferne gern geschmäht, rückt man ihnen näher, aber geliebt. In ihrer Vielfalt findet sich nicht nur der historische Humus unserer Kultur, hier bildet sich auch neuer. So wird es Rheinland-Pfalz – trotz aller Anstrengungen – in Sachen Kunst auch in Zukunft nur schwer mit Sachsen, Bayern oder Nordrhein-Westfalen aufnehmen können. In einem Europa der Regionen aber, das mehr ist als ein Schlagwort, sind seine Museen so unverzichtbar wie seine Dome, Burgen und Schlösser.

Thomas Wagner

ist freier Journalist und Autor für u.a. das Kunstmagazin art.