Titelthema Literarische Nachlässe

Vom Säen und Schreiben

In Berlin hat die Akademie der Künste den Nachlass des Schriftstellers Erwin Strittmatter erworben.

von Jörg Magenau

„Einsachtundsiebzig vergehender Leib zwischen Sohlen und kahler Kopfhaut; wandelnder Sack voll Kartoffelsand aus dem Land der Lausitzer Sorben.“ So sah sich Erwin Strittmatter in seinem „Ecce homo“, gemacht aus Sand, Kartoffeln und Vergänglichkeit. „Kriege, Unruh und blanke Lust“ hätten ihn „tierhaft auf Erden umhergetrieben“, schrieb er weiter. Natur und Geschichte waren die beiden Pole, zwischen denen er sich bewegte – so wie ja wohl jeder Mensch. Aber bei kaum einem war diese Polarität so ausgeprägt wie bei ihm, dem Bauern, dem Poeten, dem sozialistischen Schriftsteller-Funktionär. Wenn er den ewigen Kreislauf der Natur besang und die eigene Bodenständigkeit, dann vergaß er in seiner Schulzenhof-Abgeschiedenheit doch nicht, dass es auf der anderen Seite auch etwas gab, das er für Fortschritt hielt: eine Gesellschaft, die verbesserbar war. „Die Welt auch mit der kleinsten Tat, dem kleinsten Gedanken verändern helfen – dann ausruhen, sich begeistern und mit neuer Kraft und Begeisterung die Welt verändern helfen – so stelle ich mir ein sinn- und zweckvolles Leben vor“, notierte er einmal, um sich an derlei guten Vorsätzen aufzurichten. Denn das Launenhafte, die Stimmungsabhängigkeit – auch das gehörte zu seiner Natur.

Erwin Strittmatter, Ein anderes Ecce homo!, aus seinem Reflexionsband „Selbstermunterungen“, Fassung vom 12. August 1966; Akademie der Künste, Erwin-Strittmatter-Archiv, Berlin
Erwin Strittmatter, Ein anderes Ecce homo!, aus seinem Reflexionsband „Selbstermunterungen“, Fassung vom 12. August 1966; Akademie der Künste, Erwin-Strittmatter-Archiv, Berlin

Natur – die eigene jedenfalls – war nicht einfach bloß Heimat, sondern auch ein Ort der Kämpfe. Dass es ihn in entgegengesetzte Richtungen zog und zerrte, macht die innere Spannung seiner Literatur aus. Seine Tagebücher – 488 Groschenhefte im Format DIN-A6 von 1954 bis ins Todesjahr 1994 – vermitteln das Bild eines mal von Depressionen, mal von Jähzorn gequälten Menschen. Alles war aufs Schreiben und auf die Arbeit ausgerichtet. Kinder und Ehefrau hatten sich diesem Ziel unterzuordnen. Sie litten unter ihm und seinen Ausbrüchen, so wie er auch selbst darunter litt. Selbst die geliebten Pferde, die er mit Leidenschaft züchtete, bekamen gelegentlich seinen Jähzorn zu spüren.

Ein frühes Dokument vom Januar 1933 – da war er 20 Jahre alt – zeigt, wie heftig er sich selbst beackerte. Wie ein Buchhalter – so ähnlich hatte er es wohl in den Kontobüchern der Bäckerei des Vaters in Spremberg gesehen, wo er auch seine Bäckerlehre absolvierte – bilanzierte er die Tage, wann er aufgestanden war, welche körperliche und welche geistige Arbeit er verrichtet hatte. Er hielt seine Ausgänge fest, Briefe, die er erhielt und die er schrieb, die Zeit des Schlafengehens und die allgemeine Stimmungslage: „Viel gesungen, sehr leutselig.“ Oder: „Tag des Jähzorns und der inneren Wut. Später normal.“ So führte er Buch, bevor er Bücher schrieb. Und wenn er Jahrzehnte später als Landwirt auf dem Strittmatterhof in Schulzenhof die Anbauflächen kartographierte – Kartoffeln, Tabak, Rüben, Mais, Bohnen, Beeren –, dann zeigte sich, wie nah beieinander Leben, Werk und Wirken, Säen und Schreiben bei ihm lagen.

Neunzig Regalmeter füllt Strittmatters Nachlass im Archiv der Akademie der Künste. Das ist die Ernte, die er eingebracht hat. So wie er die Erde umgrub, so beschrieb er Papier, und auch das Entstehen, das Wachstum, die Reifeprozesse der Texte werden da sichtbar. Von manchen Romananfängen sind bis zu zwanzig Fassungen überliefert, alle mit Korrekturen versehen. Jeder Gedanke, jede Bewegung hinterließ eine Spur, die ihm zu erhalten wichtig war. Er hat alles aufgehoben und kompostiert, denn das Verworfene ist der Humus, aus dem Neues entsteht. „Beweis, dass Poesie höchste Wahrheit ist: Nebel ist schwebendes Wasser“, notierte er am 22. Juli 1987, strich den Satz dann aber wieder aus. Weiter unten auf dem selben Blatt schrieb er: „Ein kühler Sommer. Eine späte Ernte. Der Kuckuck ruft länger. Mehr Poesie.“ Das ließ er stehen. So einfach, so schön konnten die Dinge sein. So leicht verwandelten sie sich unter seinem Blick in Poesie.

Niemand kann sich die Zeit aussuchen, in die er geboren wird. Wer wie Erwin Strittmatter 1912 in der Niederlausitz zur Welt kam, hatte immerhin das Glück, zu jung zu sein, um schon im Ersten Weltkrieg umzukommen. Und doch geriet er mitten hinein in die deutsche Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Vater kehrte wie so viele traumatisiert aus dem Krieg zurück; dessen ruppige Lieblosigkeit und sein Schweigen über die Kriegserlebnisse setzte Strittmatter eine Generation und einen Krieg später fort und erschrak darüber, als er es erkannte. Er gehörte zu einer Generation, die unweigerlich ins politische Geschehen hineingestellt wurde und für die es kein Außerhalb gab. Ihre Vertreter werden daran gemessen, wie eigensinnig oder widerständig, wie mutig oder opportunistisch sie sich verhielten im Nationalsozialismus oder später in der DDR. Für einen wie Strittmatter, der doch am liebsten einfach nur Pferde gezüchtet und Tiere im Wald beobachtet hätte, war es besonders tragisch, in einer Zeit zu leben, wo bekanntermaßen auch ein Gespräch über Bäume nicht unschuldig war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beanspruchte er für sich, nichts als ein Schreiber gewesen zu sein, der in der Dienststube saß und Berichte schrieb, ohne selbst am Kriegsgeschehen teilgenommen zu haben. Und auch später als Schriftsteller in der DDR bevorzugte er die Rolle des unabhängigen Beobachters und politikfernen Bauern, obwohl er doch – wider Willen, aber auch ohne echten Widerstand – seine gesellschaftlichen Pflichten als loyales Parteimitglied absolvierte und nicht daran zweifelte, dass auch der Autor parteilich zu sein habe im Dienste des sozialistischen Fortschritts.

Strittmatter leugnete, um als Antifaschist glaubhaft zu sein, seine Jahre in einem Polizeibataillon, das 1943 die Bezeichnung „SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment Nr. 18“ erhielt (aber nicht mit der SS verwechselt werden darf). Die Einheit wurde vor allem in Slowenien und in Griechenland im Kampf gegen Partisanen eingesetzt. Ob er tatsächlich keinen Schuss abgegeben hat, wie er stets behauptete, ist seit den Enthüllungen des Publizisten Werner Liersch (2008) und der Strittmatter-Biographie von Annette Leo (2012) zumindest zweifelhaft. Aber das ändert nichts am Bild eines Mannes, der mit sich selbst gerungen hat und das Gute wollte – auch wenn es ihm nicht immer erreichbar war. Aber das macht ja den Reiz seiner Bücher aus. Er wuchs nicht gerade, sondern krumm im Sturm der Zeiten. Dass er in der DDR zum Volksschriftsteller wurde, hatte mit seinem Eigensinn zu tun, mit einer bäuerlichen Dickschädeligkeit, die seinen Lesern Trost gewesen ist.

Strittmatter war ein prototypischer Arbeiter- und Bauernschriftsteller. Seine Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die Bäckerlehre, die Jahre als Hilfsarbeiter und als Tierzüchter prädestinierten ihn zum proletarischen Vorzeigedichter, der seine Lehrjahre noch bei Brecht absolvierte. Doch seine Romane – vom „Wundertäter“ über „Ole Bienkopp“ bis zur späten Kindheitstrilogie „Der Laden“ – waren keine gerad­linige Parteiliteratur. Strittmatter war Realist genug, um die realen Widersprüche darzustellen, Funktionäre als Holzköpfe zu zeigen und die verheerenden Auswirkungen planwirtschaftlicher Vorgaben auf dem Land nicht zu verschweigen. Die Einführung der Offenställe beispielsweise, die zur Folge hatte, dass die Kühe im Winter erfroren, regte ihn so sehr auf, dass er nicht nur an der Partei, sondern auch am Sozialismus zu zweifeln begann. Den Bau der Berliner Mauer akzeptierte er dagegen, ja, befürwortete ihn als Notwendigkeit.

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Im Westen war er wenig bekannt, in der DDR aber war er ein Bestsellerautor, dessen Bücher – so das wiederholte Muster seit dem berühmten Bauern-Roman „Ole Bienkopp“ – zunächst mit Vorbehalten und Zensur zu kämpfen hatten, um später dann mit dem Nationalpreis ausgezeichnet zu werden. Er war hoher Funk­tionär des Schriftstellerverbandes, aber er war es, wie den Tagebüchern zu entnehmen ist, höchst widerwillig und litt darunter bis ins Körperliche hinein. Er wurde häufig krank, um sich zu entziehen, und einmal brach er sich auf der Fahrt nach Berlin zur Parteiversammlung den Knöchel, was ihm die Weiterfahrt ersparte. Er nahm es dankbar hin, ohne das folgende Gehumpel symbolisch zu deuten.

Das Zusammennageln einer Hühnerstalltür verschaffte ihm größere Befriedigung als eine Rede vor dem Schriftstellerverband. Natur erzeugte so etwas wie Ergriffenheit. „In letzter Zeit rühren mich Pflanzen, Zustände und Stimmungen, wie sie sich in der freien Landschaft her- und darstellen“, notierte er als Sechzigjähriger im Jahr 1972. „Wenn ich diese Rührung früher bei Thoreau oder Hamsun gewahrte, hielt ich sie für ‚Literatur‘.“ Dieses Umschwenken vom Gemachten zum Gewachsenen ist symptomatisch. Goethe, Rilke, Shakespeare, Schopenhauer und Buddha nennt er, wenig parteikonform, im selben Jahr als seine Lebensautoren – vor allem aber Tolstoi. Bertolt Brecht, der Lehrmeister aus den fünfziger Jahren, gehörte nicht dazu.

Über Brecht gibt Strittmatter eine hübsche Anekdote: Brecht, gefolgt von der Karawane seiner Schüler und Bewunderer, spazierte durch den Garten seiner Villa in Berlin-Weißensee. Jemand fragte ihn nach seinem Verhältnis zur Natur. „Natur ist noch nicht fertig“, sagte Brecht in der überlegenen Gewissheit des Meisters, der davon ausgehen konnte, dass einer seiner Adepten das Aperçu schon aufschreiben würde. Erklärungen oder Gegenfragen habe es nicht gegeben, so Strittmatter weiter, „auch von mir nicht. Ich dachte nur insgeheim: Red was du willst, Brecht, mein Verhältnis zur Natur wirst du mir nicht zerstören!“

Für Brecht sprach der Charakter des Unfertigen wohl gegen die Natur. Strittmatter erlebte sie anders und durfte sich im Gegensatz zu den meisten der Berliner Funktionäre hier tatsächlich als Fachmann fühlen. Wenn sich nach Regengüssen das Wasser „in gleichmäßigen Intervallen gleich Atemzügen in die Erde zurückzog“, dann ahnte er: „Ich stehe der Ewigkeit gegenüber.“ Dieser Lebensatem war mit dem linearen, auf Zukunft ausgerichteten Fortschrittsmodell kurzfristiger Geschichtspragmatiker nicht kompatibel. Doch Strittmatter steckte in diesem Widerspruch fest. Dabei wurde immer deutlicher, dass die Verwalter der Zukunft nichts als dumpfe Stagnation zustande brachten. Umso verdächtiger musste sein, wer sich auf die bewegliche Natur berief.

Wer von Dollgow im Ruppiner Land das holprige Sträßchen nach Schulzenhof hinausfährt, kommt kurz vor dem Vorwerk an einem kleinen, auf einer Anhöhe am Waldrand gelegenen Friedhof vorbei. Von hier aus kann man über Wiesen und Pferdekoppel zum Hof der Strittmatters hinüberschauen. Den Grabplatz unter der Tanne, den Findling aus dem Wald und seinen Grabspruch hat er selbst ausgesucht. Die Verse stammen aus einem Gedicht seiner Frau Eva: „Löscht meine Worte aus und seht: der Nebel geht über die Wiesen.“ Da ist er wieder, der Nebel als Beweis der Poesie. Die Menschen machen die Welt nicht, sie bewohnen sie bloß. Dass die Nachkommen einst aber befinden würden, er wäre „nicht ganz umsonst aus den magren Kartoffeln gekrochen“ – das war seine Hoffnung. Und da klang er dann doch wieder ein wenig wie Brecht.

Jörg Magenau_

Jörg Magenau

arbeitet als Literaturkritiker für die „Süddeutsche Zeitung“ und „Deutschlandradio Kultur“

Literaturarchiv der Akademie der Künste
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Abdruck der Texte von Erwin und Eva Strittmatter
mit freundlicher Genehmigung © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2015