Titelthema Kunst auf Lager

Vom Dunkel ins Licht

Pars pro toto: neun Restaurierungsprojekte im Rahmen des Bündnisses „Kunst auf Lager“

von Matthias Müller, Johannes Fellmann

Umspielt von einem leuchtend blauen Mantel, im Arm einen kleinen Jungen: Marie Herzogin von Braunschweig-Oels, geborene Prinzessin von Baden mutet in der Darstellung mit ihrem Sohn Karl wie die Gottesmutter selbst an. Vermutlich würdigte der am braunschweigischen Hof angestellte Porträt­maler Johann Heinrich Schröder 1804 die Adels­familie mit dieser christlich konnotierten Ikono­graphie zur Geburt Karls, dem als erstgeborenem Sohn des „Schwarzen Herzogs“ Friedrich Wilhelm die Rolle des Erbprinzen zufiel. In der Diakonischen Galerie des nach der abgebildeten Herzogin Marie benannten Marienstifts in Braunschweig war das 68 × 56,5 cm große Gemälde jahrzehntelang Alltagsstaub und direkter Beleuchtung ausgesetzt. Von Schmutz und Schäden befreit, erhält Marie dank der Richard Borek Stiftung ihren makellosen Porzellanteint zurück, von dem sich nun wieder allein ihre pfirsich­farbenen Wangen abheben. Auch wenn der porträtierte Thronfolger Karl während seiner Amtszeit in Ungnade fallen sollte, steht das Gemälde für einen wichtigen Teil Braunschweigischer Kulturgeschichte, der durch die Restaurierung für die Zukunft bewahrt werden kann.

Johann Heinrich Schröder (?), Porträt Marie von Baden mit Kind, 1804, 68 × 56,5 cm; Diakonische Galerie des Marienstifts, Braunschweig © Ev.-luth. Diakonissenanstalt Marienstift in Braunschweig / Foto: Peter Sierigk
Johann Heinrich Schröder (?), Porträt Marie von Baden mit Kind, 1804, 68 × 56,5 cm; Diakonische Galerie des Marienstifts, Braunschweig © Ev.-luth. Diakonissenanstalt Marienstift in Braunschweig / Foto: Peter Sierigk

 

Wenn Leo Frobenius (1873 –1938) in den nordafrikanischen Sahara-Atlas oder in die nubische Wüste reiste, begleiteten den führenden Ethnologen seiner Zeit stets auch Künstler, um die prähistorische Felsen­malerei für sein „Bilderbuch der Menschheitsgeschichte“ in Originalgröße zu kopieren. Die rund 5.000 teilweise monumentalen Schaufenster in die Vorgeschichte – später auch auf Expeditionen in Norwegen, Neuguinea und Australien entstanden – waren zu Frobenius’ Zeit aufsehenerregende Exponate in Ausstellungen rund um den Globus und Inspiration für Maler wie Pablo Picasso und Jackson Pollock. Manche der originalen Felsbilder sind heute beschädigt oder zerstört, nicht zuletzt deshalb entdeckte das Frankfurter Frobenius-Institut seine Sammlung neu: Mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder gelang die Restaurierung der kostbaren Kopien, die jüngst im Berliner Gropius-Bau wie schon zu ihrer Entstehungszeit begeistern konnten.

Joachim Lutz, Kopie aus der Mtoko-Höhle im heutigen Simbabwe, 1929, 678,5 × 283 cm; Frobenius-Institut, Frankfurt a. M. © Frobenius-Institut, Frankfurt a. M. / Foto: Peter Steigerwald
Joachim Lutz, Kopie aus der Mtoko-Höhle im heutigen Simbabwe, 1929, 678,5 × 283 cm; Frobenius-Institut, Frankfurt a. M. © Frobenius-Institut, Frankfurt a. M. / Foto: Peter Steigerwald

 

Als 2010 in 41 Kisten mit über 2.100 Zeichnungen und Skizzenbüchern der Vorlass des britischen Künstlers Ronald Searle (1920 –2011) im Museum Wilhelm Busch eintraf, avancierte das hannoversche Haus über Nacht zum Mekka moderner Satirekunst. Der papierne Kosmos Searles – eine Dauerleihgabe der Stiftung Niedersachsen, gefördert u. a. von der Kulturstiftung der Länder – konnte zwei Jahre später um den zweiten Teil des persönlichen Archivs des Illustrators ergänzt werden. Im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst standen Museumsmitarbeiter nun vor einer Herkulesaufgabe: Wie sollte man den Schatz aus 3.000 Zeichnungen und 40 laufenden Metern an Manuskripten und Korrespondenzen bergen? Für die Erschließung und Bearbeitung der Searle-Sammlung stellt die Stiftung Nieder­sachsen, Partnerin im Bündnis „Kunst auf Lager“, Mittel bereit. Seitdem sorgt Elisabeth Reich für den wissenschaftlichen Mehrwert des Archivs, das ab Herbst 2016 sukzessive über das Internetportal des Museums der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Ronald Searle, Better to have an art advisor –, 2003, 32,4 × 44,6 cm; Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover © The Ronald Searle Cultural Trust / Archiv der Wilhelm-Busch-Gesellschaft e. V.
Ronald Searle, Better to have an art advisor –, 2003, 32,4 × 44,6 cm; Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover © The Ronald Searle Cultural Trust / Archiv der Wilhelm-Busch-Gesellschaft e. V.

 

Seinem Rufnamen „Goldene Tafel“ wird der monumentale Altar eigentlich gar nicht mehr gerecht. Denn 1698 fiel der namensgebende, aus Gold geschmiedete Reliquienschrein einem Kunstraub zum Opfer. Vom Glanz des einstigen Hochaltars der Benediktinerklosterkirche St. Michaelis zu Lüneburg zeugen heute noch die im Landesmuseum Hannover aufbewahrten Flügel des Wandelretabels: Sie zählen mit ihren Malereien und vergoldeten Figuren in aufwändiger Zierarchitektur zum Besten, was die Internationale Gotik um 1400 hervorgebracht hat. Leider sind die sakralen Spitzenstücke des Landesmuseums in einem desolaten Erhaltungszustand: Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt schuf seit 2012 die Grundlagen für die jetzt mögliche Restaurierung der originalen Malereien und Vergoldungen. Mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung, des Landes Niedersachsen, der Klosterkammer Hannover und der Rudolf-August Oetker-Stiftung arbeitet ein fünfköpfiges Expertenteam, um das technisch wie künstlerisch brillante Schlüsselwerk norddeutscher Retabelkunst zum 600-jährigen Jubiläum der St. Michaeliskirche im Jahr 2018 in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Zudem verspricht man sich von der Restaurierung weitere Erkenntnisse über das Ensemble: Vieles bisher über Künstlerschaft und Entstehungskontext Vermutete erscheint nach den neuesten Erkenntnissen fragwürdig. Besteht womöglich ein Zusammenhang mit dem Lüneburger Erbfolgestreit und dem Neubau des Michaelisklosters als fürstlicher Grablege? Die Wiedererrichtung des Hausklosters der Billunger und Welfen ab 1373 zählte zu den zen­tralen Strategien, mit denen die Welfen ihre Macht zurückzugewinnen suchten. Könnte die herzogliche Familie als Auftraggeber des Retabels in Betracht kommen? Kriminalistisches Gespür aller beteiligter Forscher ist jetzt gefragt: Nicht zuletzt über den Reliquienschatz der Goldenen Tafel erhofft man sich entscheidende Hinweise.

Goldene Tafel aus St. Michaelis zu Lüneburg, Innenseite des linken Innenflügels, um 1430, 231 × 184 cm; Landesmuseum Hannover © Landesmuseum Hannover / Foto: Projekt Goldene Tafel
Goldene Tafel aus St. Michaelis zu Lüneburg, Innenseite des linken Innenflügels, um 1430, 231 × 184 cm; Landesmuseum Hannover © Landesmuseum Hannover / Foto: Projekt Goldene Tafel

 

Mit dreizehn Metern gemalter Menagerie bot einst der Amsterdamer Zuckerbäcker Adolf Visscher seinen Gästen einen weidmännischen Kunst­genuss: Als Zierde seines Landsitzes galt eine Saaldekoration des „Raffaels“ der Tiermaler Melchior d’Hondecoeter (1636 –1695). Auf vier Monumental­gemälden stellte dieser sein Geschick in der feinmalerischen Darstellung von Fell und Federn unter Beweis. Ab 1799 in der Alten Pinakothek München, war das Ensemble 70 Jahre getrennt. Das zentrale Gemälde fristete im Depot wegen seines fragilen Zustandes ein Schattendasein. Mit Hilfe der Rudolf-August Oetker-Stiftung konnten das Bild und seine drei Pendants restauriert werden. Im Rembrandt-Saal des Museums leuchtet nun erneut – frei von Krakelee und Firnisschleier – farbenfrohes Gefieder im wiedervereinten Panorama auf.

Melchior d’ Hondecoeter, Bildnis von drei Kindern in einer Landschaft mit Jagdbeute, um 1670, 341,5 × 386 cm; Alte Pinakothek, München © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München
Melchior d’ Hondecoeter, Bildnis von drei Kindern in einer Landschaft mit Jagdbeute, um 1670, 341,5 × 386 cm; Alte Pinakothek, München © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München

 

Rund 2.500 Stunden Präzisionsarbeit mit filigranen Nadeln ließen im Dommuseum Hildesheim einen barocken Bildteppich in neuem alten Glanz erstrahlen. Stich um Stich stützten erfahrene Textilrestauratorinnen brüchiges Gewebe und tilgten Schäden, die der Zahn der Zeit sowie gefräßige Motten und Teppichkäfer in der 25 Quadratmeter großen Kostbarkeit aus Wolle und Seide hinterließen. Das mit Unterstützung der VGH-Stiftung restaurierte Gewirke ist Teil einer Folge von ehemals acht monumentalen Tapisserien mit der Legende der antiken Königin Artemisia. Was der Apotheker Nicolas Houel Mitte des 16. Jahrhunderts in poetische Verse goss, das verewigten um 1620 die Mitarbeiter der Gobelin-Manufaktur De la Planche-Comans in feinstem Gewebe. Umrahmt von güldenen Bordüren zeugen heute – nach Kriegsverlusten – nur noch sechs erhaltene Wandbehänge von der Kunstfertigkeit der Pariser Weber im Umfeld des französischen Hofes. Nach insgesamt dreißigjähriger restaurato­rischer Feinarbeit von Sabine Heitmeyer-Löns und ihrem Team ist das Artemisia-Sextett seit 2015 im wiedereröffneten Dommuseum zu bestaunen.

Tapisserie-Manufaktur van den Planken-de Comans, Die Studien des Königs 1610 –1627, 460 × 510 cm; Dommuseum Hildesheim © Dommuseum Hildesheim / Foto: Stephan Kube
Tapisserie-Manufaktur van den Planken-de Comans, Die Studien des Königs 1610 –1627, 460 × 510 cm; Dommuseum Hildesheim © Dommuseum Hildesheim / Foto: Stephan Kube

 

Wer aufmerksam durch Berlins Schilderwald schlendert, kann sie vielerorts zwischen Brachen und Stahl­gerüsten entdecken: die Hochglanzträume von Bauherren und Architekten. Wo heute Com­puter die Illusionen einer noch ungebauten Zukunft hyper­realistisch visualisieren, war im analogen Zeitalter Puzzlearbeit gefragt. Davon zeugen in der Berlinischen Galerie achtzehn Collagen Dieter Urbachs mit DDR-Architekturentwürfen. Ob Telespargel, Erichs Lampenladen oder das Gebäude des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes – Urbach klebte im Auftrag renommierter DDR-Architekten faszinierende Visionen für Ost-Berlin. Bevölkert mit Passanten aus Modezeitschriften entstanden ab den 1960er Jahren aus Zeichnungen, Archivbildern und Sprühfarben Wunschvorstellungen einer sozialistischen Idealgesellschaft. Die durch die Fülle unterschiedlichster Materialien anspruchsvolle Rettung der bildgewordenen Bau-Propaganda konnte mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder realisiert werden.

Dieter Urbach, Entwurf für das Bürogebäude des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes, um 1968, 70 × 49 cm; Berlinische Galerie, Berlin © Dieter Urbach / Berlinische Galerie / Repro: Kai-Annett Becker
Dieter Urbach, Entwurf für das Bürogebäude des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes, um 1968, 70 × 49 cm; Berlinische Galerie, Berlin © Dieter Urbach / Berlinische Galerie / Repro: Kai-Annett Becker

 

Kunstharz, injiziert mittels hauchdünner Kanülen, brachte im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum Heinrich Campendonks melancholischen „Pierrot mit Schlange“ zum Strahlen. Dabei bewies Simone Bretz Geduld und Fingerspitzen­gefühl. Die Restauratorin behandelte mithilfe eines Mikroskops winzige Haarrisse und füllte stecknadelkopfgroße Fehlstellen im Bild. Durch Festigung der Malschicht verschwand der optische Grauschleier, der ganze Partien des expressionistischen Gemäldes hinter Glas überschattete. Mit Hilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung (EvSK) funkelt der Campendonk’sche Clown nun wieder wie 1923, als das Mitglied des „Blauen Reiter“ Harlekin und Tiere Schicht um Schicht auf zartes Glas lasierte. Heinrich Campendonk (1889 –1957) perfektionierte die Technik der Hinterglas­malerei, die inspiriert durch die volkstümliche Kunst in der Klassischen Moderne bei Münter, Kandinsky, Marc und Macke eine Renaissance feierte. So diffizil die maltechnische Methode, so kompliziert ist auch der Erhalt dieser Malereien: Aufgrund mangelnder Haftung auf der spiegelglatten Fläche drohen die Farben leicht abzublättern. Zudem mangelt es noch an detaillierten materialtechnologischen Erkenntnissen zur Hinterglasmalerei. Expertin Simone Bretz, die mit Mitteln der EvSK 31 gläserne Campendonks kunsttechnologisch untersuchte und teilweise auch restaurierte, leistete hier wichtige Grundlagenarbeit. Davon profitierte der Krefelder „Pierrot“, der als Symbol des von der modernen Welt entfremdeten und bedrängten Menschen durch seine schimmernde Tiefensuggestion zu beeindrucken weiß.

Heinrich Campendonk, Pierrot mit Schlange, um 1923, 51,3 × 45,7 cm; Kunstmuseen Krefeld © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / Kunstmuseen Krefeld / Foto: Simone Bretz
Heinrich Campendonk, Pierrot mit Schlange, um 1923, 51,3 × 45,7 cm; Kunstmuseen Krefeld © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / Kunstmuseen Krefeld / Foto: Simone Bretz

 

Zwei auf geflügelten Rädern balancierende Cherubim, umschlungen von gefiederten Schwingen gleich einem Federkleid, können im Kölner Museum Schnütgen restauriert werden. Als Träger des Gottes­thrones und Wächter der Bundeslade gelten die Bibelwesen als ranghöchste Engel – deshalb, so vermuten Forscher, flankierten die frühgotischen Eichenholzskulp­turen zum Schutz einen besonders kostbaren Triumphkruzifixus oder Altar. Allerdings gilt es, die Zeugnisse eines deutsch-französischen Kunsttransfers in der Plastik um 1200 selbst zu schützen. Sich abhebende Farbschollen und nachgedunkelte Überzüge einer früheren Restaurierung trüben die einstige Farbpracht der mittelalterlichen Bemalung. Durch die Hilfe der Kulturstiftung der Länder werden die Engel mit ihren roten Bäckchen, weißen Bäffchen und silbern schimmernden Schwingen erneut zum Leuchten gebracht.

Cherub, um 1230, Höhe 74,5 cm; Museum Schnütgen, Köln © RBA / Foto: M. Mennicken
Cherub, um 1230, Höhe 74,5 cm; Museum Schnütgen, Köln © RBA / Foto: M. Mennicken

Matthias Müller

ist Kunsthistoriker in Berlin.

Johannes Fellmann

ist Leiter der Kommunikation der Kulturstiftung der Länder.