Freundeskreis

Venus von Meiningen

Der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder zu Gast in Thüringen.

von Kerstin Maria Pahl

2013 scheint dem französischen Dichter Paul Verlaine entlehnt: Il pleure sans raison. Erfurt trägt jedoch den Sieg über die wolkige Tristesse davon. Die Stadt wartet nicht nur mit Fachwerk- und Bürgerhäusern, die bis in die Renaissance zurückreichen, auf, sondern verblüfft seine Besucher auch mit dem spektakulären Glasgemäldezyklus im Hochchor des Erfurter Doms St. Marien. Ein Meisterwerk und einmaliges Zeugnis mittelalterlicher Glaskunst, geschaffen um 1400. Erfurt überzeugt – auch im sanften Niederschlagsgeprassel. Der Abend klingt schließlich mit Verdis „Don Carlo“ im Erfurter Theater aus.

Die Landeshauptstadt Thüringens bildete den Auftakt zu dem sich weit auffächernden Programm der Mitgliederversammlung des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder, die auf Einladung der Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht diesmal im Freistaat stattfindet. Fast 120 Mitglieder treffen am Samstag, den 12. Oktober, in Meiningen ein, der knapp 100 km südwestlich von Erfurt gelegenen ehemaligen Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Meiningen. In der hiesigen Kirche des Schlosses Elisabethenburg tagt dieses Jahr der Freundeskreis und wählt zwei neue Vorstandsmitglieder: die Kunsthistorikerin Claudia Hartmann und Georg Fahrenschon, den Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Kulissenzauber erwartet die Mitglieder dann nach der Versammlung: Im Theatermuseum in der ehemaligen Reithalle, vor einem originalen Theaterprospekt des 19. Jahrhunderts, geben Streicher der Meininger Hofkapelle ein Kammermusikintermezzo; und am Mittag lädt das Land Thüringen zu einem festlichen Mittagessen in das Meininger Theater. Innerhalb ihrer Landesgrenzen, so verspricht Ministerpräsidentin Lieberknecht dabei in einer leidenschaftlichen Rede, müsse man um die Kultur nicht bangen.

Dass diese gelegentlich doch Unterstützung braucht, zeigt die nächste Station: Im großen Saal der Meininger Museen liegt Venus – schön nur auf den ersten Blick: Mangelhafte Retuschen, Kittungen, hochstehendes Krakelee, Firnisveränderungen sind schuld am bedauernswerten Zustand von Jacob de Backers „Venus belohnt Paris“, gemalt um 1590.

Jacob de Backer, Venus belohnt Paris, um 1590, 145 × 188 cm; Meininger Museen, Schloss Elisabethenburg, Meiningen
Jacob de Backer, Venus belohnt Paris, um 1590, 145 × 188 cm; Meininger Museen, Schloss Elisabethenburg, Meiningen

Der Maler war ein Antwerpener Zeitgenosse von Peter Paul Rubens und Frans Floris und beeinflusst vom florentinisch-römischen Manierismus: Die Göttin der Liebe, auf einem Kanapee lagernd, reicht dem Trojanischen Prinzen eine Trinkschale, auf der, nur für den Betrachter sichtbar und versteckt hinter einer lieblichen Frauenmaske, ein Totenschädel erkennbar ist. Ein unübersehbarer Hinweis nicht nur auf den Tod, der selbst die Schönsten ereilen wird, sondern auch auf die Folgen von Paris’ Urteil – und diese sind schon in der Bildtiefe zu erkennen: Troja brennt, und ist verloren – das Bild allerdings, das ist noch zu retten. Und der Eindruck von der Qualität wie auch von der Notwendigkeit der Restaurierung trügt nicht: Bereits vor Ort spenden die Mitglieder einen stattlichen Betrag. Der Freundeskreis wird die Restaurierung weiter unterstützen.

Am Ende des langen Tages wird das sich ausbreitende Herbstdunkel noch einmal mit historischer Brillanz erhellt: Der Freundeskreis erreicht das legendäre Schmalkalden. Hier hatten sich im Dezember des Jahres 1530 die protestantischen Reichsstände getroffen und einen Bund zur Abwehr etwaiger katholischer Angriffe geschmiedet. Ihre Lage war prekär: die Confessio Augustana, das zentrale Bekenntnis des Luthertums – abgelehnt. Die Reichsacht über Martin Luther – wiederhergestellt. Und ein Festhalten am Luthertum bedeutete für die Reichsstände damit – Landfriedensbruch. Im Februar 1531 wurde der Schmalkaldische Bund gegründet und bestand bis 1547 – dann siegt Kaiser Karl im Schmalkaldischen Krieg, das Bündnis war Geschichte. Fast fünf Jahrhunderte später kann der Besucher nun auf diesen geschichtsträchtigen Pfaden wandeln und das kleine Juwel Schmalkalden genießen. Und der Himmel belohnt Standfestigkeit: Es hört auf zu regnen.

Kerstin Maria Pahl

ist Kunsthistorikerin in Berlin.