Ausstellungen

Sprich mit mir

Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden beleuchtet mit „Sprache“ unser immaterielles Kulturgut in allen Dimensionen

von Jenny Berg

Ob Laubbläser, Micropayment, Schüttelbrot oder Enkeltrick – rund 5.000 Wörter wurden 2013 erstmals in die 26., jüngste Ausgabe des Rechtschreibdudens aufgenommen. Während sich die einen über diesen Karrieresprung freuen durften, mussten sich andere Begriffe wie Adrema, Manggetreide oder Stickhusten endgültig vom berühmten gelben Wörterbuch verabschieden – zu alt und erklärungsbedürftig waren sie über die Zeit geworden. Nicht zuletzt an jenem Standardwerk für deutsche Rechtschreibung lässt sich beobachten, welchem ständigen Wandel Sprache unterworfen ist. Jede Neuauflage verdeutlicht, wie sich unser Wortschatz verändert, ob sich Wortschöpfungen durchsetzen, welche Begriffe weiterhin fest im Sprachgebrauch verankert sind und welche tatsächlich aussterben. Sprache prägt und wird geprägt, sie formt unser Bewusstsein und spiegelt gesellschaftliche Ver­änderungen. So ließ beispielsweise die Digitalisierung der vergangenen Jahre die Diskkamera schnell in Vergessenheit geraten, während Begriffe wie App, QR-Code und Facebook inzwischen selbstverständlich geworden sind.

Detail einer Tastatur mit Lexigrammen in der Zeichensprache Yerkish aus dem Sprachforschungszentrum in Atlanta, USA, 2002; Deutsches Hygiene-Museum Dresden © Stiftung Deutsches Hygiene-Museum
Detail einer Tastatur mit Lexigrammen in der Zeichensprache Yerkish aus dem Sprachforschungszentrum in Atlanta, USA, 2002; Deutsches Hygiene-Museum Dresden © Stiftung Deutsches Hygiene-Museum

In Kooperation mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt nimmt sich das Deutsche Hygiene-Museum Dresden der Herausforderung an, das immaterielle Kulturgut Sprache in einer Ausstellung zu präsentieren. Gefördert von der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, des Freistaates Sachsen und dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, präsentiert die Dresdner Schau kultur- und wissenschaftshistorische Exponate und Dokumente, Filme und zeitgenössische Kunstwerke – von John Bulwers Chirogramm-Tafel mit Handgesten aus dem 17. Jahrhundert bis hin zu Niklas Luhmanns über 40 Jahre gepflegten Zettelkasten. Im Vordergrund stehen die Wirkung von Sprache, das Verständnis des eigenen Sprachhandelns und die Differenz von Sprache und Sprechen.

Stroboskopien der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL), 1979; Deutsches Hygiene-Museum Dresden © Ursula Bellugi
Stroboskopien der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL), 1979; Deutsches Hygiene-Museum Dresden © Ursula Bellugi

Doch was genau gilt eigentlich als Sprache? Als Werkzeug der Verständigung steht sie allen Menschen gemeinsam zur Verfügung – ob gesprochen, gebärdet, geschrieben oder getastet, ob konstruiert oder natürlich. Das schließt die Braille-Schrift ebenso ein wie Piktogramme. Zentral für das eigene Selbstverständnis, macht der Mensch sie sich zu eigen, lebt mit der Sprache und durch sie. Doch sie geht ihm immer voraus, schließlich kommt der Mensch nicht als Sprecher zur Welt. Aber ist der erste Schrei eines Säuglings nicht bereits Ausdruck von Sprache, als Teil eines Dialogs, gerichtet auf den Anderen, der die Möglichkeit einer Antwort mit einschließt? Einen inklusiven Ansatz verfolgend, widmet sich die Ausstellung in vier Sektionen der Entstehung und Entwicklung von Sprache, ihrem Sinn und ihrer Sinn­lichkeit, ihrer Macht und Magie ebenso wie ihrer Rolle bei der Vermittlung von Identität und Selbstbestimmung. Inwiefern schafft Sprache Einheit und Vielfalt? Inwiefern stiften Variationen einer Sprache wie Dialekte oder Slangs Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe? Und welchen Einfluss hat die zunehmende elektronische Kommuni­kation auf die Konventionen des Sprachgebrauchs? Eingebunden in aktuelle Erkenntnisse der klassischen sprachwissenschaftlichen und linguistischen Forschungen setzt sich die Ausstellung anschaulich mit dem kulturellen, gedanklichen und alltagspraktischen Reichtum von Sprache auseinander und lotet ihre poetischen, rhetorischen und kommunika­tiven Dimensionen aus.