Titelthema Möbelkunst

Sessel für „Prinz Charles“

Schinkels prunkvolle Sitzmöbel wurden in Italien wiederentdeckt. Jetzt kehren sie nach Schloss Glienicke an der Havel zurück.

von Christina Tilmann

Möbelgarnitur von Karl Friedrich Schinkel, um 1826/27
Möbelgarnitur von Karl Friedrich Schinkel, um 1826/27

Die Nachricht, dass er Schloss Glienicke erworben hatte, unterschrieb er stolz mit „Sir Charles Glienicke“. Auch sonst liebte „Prinz Charles“, wie Carl, der dritte Sohn von Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, im Kreis der Familie genannt wurde, alles, was Englisch war. Er jagte und ritt leidenschaftlich gern, war zu jeder „Dollerey“ aufgelegt und gut befreundet mit dem 6. Duke of Devonshire, der ihn 1826 auch in Glienicke besuchte. Seine Verlobte Marie von Sachsen-Weimar bezeichnete er als „sweet Mary“ und schrieb begeistert, wenn auch orthographisch eigenwillig, an deren Schwester Elise: „Dearest Elis […] denke es Dir, ich – Sir Ch’-Glienicke – ist Bräutigam – und mit wem? – mit einem Engel, der viel zu gut, viel zu hübsch für mich ist!!!! O Dear, how is it possible?”

Die England-Leidenschaft des Prinzen war es auch, die Frank C. Möller auf seine Spur brachte. Der Hamburger Händler hatte aus italienischer Provenienz einen auffälligen, vergoldeten Möbelsatz erworben, bestehend aus einem großen Sofa, drei Sesseln und drei Stühlen. Das prachtvolle, an englischen Vorbildern orientierte Mobiliar ließ sich anhand einer Entwurfszeichnung, die sich im Berliner Kupferstichkabinett befindet, eindeutig dem preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel zuschreiben. Allein: Die Zeichnung ist undatiert, die Provenienz der Möbel nicht abschließend zu klären. Über Analogien können sie dem Roten Saal in Schloss Glienicke zugeordnet werden. Für dieses Schloss an der Glienicker Brücke, das sich Prinz Carl 1825-27 von Schinkel umgestalten und ausstatten ließ, hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg das Ensemble nun erworben.

Die Auffindung des Ameublements ist eine Sensation: „Seit Ende des Zweiten Weltkriegs kam keine so umfangreiche und vollständige Gruppe von Sitzmöbeln auf den Kunstmarkt“, so der Berliner Möbelexperte Achim Stiegel. „Im Bereich der Schinkel-Möbel ist das Ensemble die wichtigste Entdeckung der Nachkriegszeit“, schwärmt auch Frank C. Möller. Original erhalten ist bis auf wenige Ausbesserungen die kunstvoll geschnitzte vergoldete Oberfläche, während bei fast allen anderen Schinkel-Möbeln die Vergoldung erneuert wurde. Auch die Tatsache, dass sich alle drei Typen eines Entwurfs, Sofa, Sessel und Stuhl, erhalten haben, ist für Schinkel einzigartig. Für Schloss Glienicke, das sich, nach einem halben Jahrhundert der Verwahrlosung und Fremdnutzung, seit längerem bemüht, in Gestaltung und Ausstattung ein authentisches Bild der Schinkel-Zeit zu liefern, ist die Auffindung und der Ankauf dieser Möbel-Gruppe ein absoluter Glücksfall.

Einen preußischen Italientraum hat sich der antikenbegeisterte Prinz Carl am Ufer der Havel schaffen wollen – und mit Karl Friedrich Schinkel den idealen Baumeister dafür gefunden. Schon der Vorbesitzer, Fürst von Hardenberg, hatte Schinkel herangezogen, um das bis dahin eher anspruchslose Gutshaus umzugestalten. Unter der Ägide von „Prinz Charles“ wurden Schloss und Park Glienicke zum Idealbild des preußischen Klassizismus. Schon als 13-jähriger hatte Carl den zwanzig Jahre älteren Schinkel kennengelernt, hatte mit ihm über seinen Entwurf zum Befreiungskriegsdenkmal diskutiert. Der lebhafte Knabe, der sich unter Einfluss seines Erziehers, des Freiherrn Menu von Minutoli, zunehmend für die Antike und das Sammeln von Kunstgegenständen interessierte, hatte 1822 mit seinem Vater und seinem älteren Bruder Friedrich Wilhelm eine Italienreise unternommen. Nach seiner Rückkehr gab es kein Halten mehr. Eine römische Villa, so wie sie Plinius überliefert und Schinkel rekonstruiert hatte, wollte er auch haben, und dort seine Antikensammlung zeigen.

Das Idyll in Glienicke, wo bei sommerlichen Festen auch Schinkel, Persius, Lenné und andere Künstler zu Gast waren, währte nur wenige Jahrzehnte. Schon ab 1859 hat Prinz Carl sich mehr den Ausbauplänen des Jagdschlosses und des Schweizerdörfchens in Klein-Glienicke jenseits der Königsstraße zugewandt. Seinem Sohn Friedrich Karl hatte er zwar testamentarisch aufgetragen, jährlich 30.000 Mark in Glienicke zu investieren, doch starb dieser schon 1885, zwei Jahre nach seinem Vater. Der Nachfolger Friedrich Leopold, ein Spieler und Genussmensch, verließ Deutschland 1918 und zog sich in die Schweiz nach Lugano zurück, wo er sich mit der Villa Favorita einen kostspieligen Traum erfüllte, der den Schloss- und Gartenplänen seines Großvaters an Aufwand nicht nachstand. Schloss Glienicke gelangte 1939 an die Stadt Berlin, die hier zunächst die Wohnung des Stadtpräsidenten, im Krieg ein Lazarett und Offizierskasino und nach 1950 ein Sporthotel sowie die Heimvolkshochschule einrichtete. 1987 begann man, Schloss Glie­nicke nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf zu restaurieren und museal herzurichten. Der Plan, hier ein Schinkel-Haus einzurichten, ist noch immer nicht abgeschlossen.

Von der Schlosseinrichtung hat sich nur wenig erhalten. „Kein Aktenstück, kein Brief ist erhalten, der uns über die Art der Möblierung des Schlosses und Schinkels Mitwirkung daran unterrichtet“, klagte der Kunsthistoriker Johannes Sievers schon 1942. Dabei hatte er damals noch die Chance, eine Bestandsaufnahme durchzuführen – Möbel und Wandausstattungen, die im Folge von Krieg, Vernachlässigung und nicht fachgerechter Restaurierung verlorengingen, sind oft nur durch seine Fotos überliefert. Die Entwurfszeichnung aus dem Kupferstichkabinett, auf der die – Sievers damals nicht bekannte – Möbelgruppe basiert, hatte dieser allerdings noch auf 1816 datiert und dem Palais des Prinzen August in der Wilhelmstraße zugeschrieben.

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Die spätere Datierung und die Zuschreibung des Mobiliars an Prinz Carl, der sich die Fachwelt heute einstimmig anschließt, folgt einer verzwickten Indizienkette. Den englischen Einfluss, der sich in der kannelierten Zarge sowie der gebogenen Rückenlehne des Sessels zeigt, hatte den Händler Frank C. Möller auf die Spur gebracht: Schinkel war 1826 durch England, Wales und Schottland gereist und hatte dort in Schlössern und Gütern Möbel gesehen und studiert, das spricht für eine Datierung um 1826/1827. Die besondere Ecklösung, die zwischen Zarge und Stuhlbein mithilfe einer Art Kapitell vermittelt, findet sich auch bei anderen Möbeln aus Glienicke. Auch dass sich die Möbel zuletzt in Italien befanden, spricht für ihre Herkunft aus dem Glienicker Nachlass: Prinz Friedrich Leopold, der Enkel von Prinz Carl, hatte schon in den 1920er Jahren immer wieder Bestände aus Glienicke verkauft, um seinen aufwändigen Lebensstil in Lugano zu finanzieren. Und wer will, kann in der C-förmigen Ranke, die zwischen Stuhl- und Armlehne vermittelt, eine Anspielung auf das Monogramm des Prinzen sehen, wie es im Gitter des Hirschtors und auf den geschliffenen Trinkgläsern in Glienicke verwendet wurde.

Den Hauptausschlag jedoch gab Schinkels handschriftliche Notiz „Gold purpur, Großes Zimmer“ auf der Entwurfszeichnung. Dass Möbel für spezielle Schlossräume bestellt wurden und auf den jeweiligen Charakter des Auftraggebers abgestimmt wurden, hat die Schinkel-Forschung erwiesen. Prinz Carl gilt im Vergleich zu seinen Brüdern als experimentierfreudig, mit ausgefallenem Geschmack, die raffiniert konstruierten Möbel würden durchaus zu ihm passen, so die Kunsthistorikerin Birgit Kropmanns, die für das Berliner Kupferstichkabinett derzeit die Schinkel-Möbelzeichnungen erforscht. Ein „Großes Zimmer“ mit gold-roter Ausstattung jedoch ist bei keiner der Prinzenwohnungen überliefert – außer eben in Schloss Glienicke, wo der größte und festlichste Saal im Obergeschoss als „Roter Saal“ angegeben ist.

Auch die Abmessungen stimmen: Bei Möbeln dieser Art ist von einer Anordnung an den Wänden des Raumes auszugehen. Das Sofa, das eine deutlich flachere Sitzfläche als die Sessel und Stühle hat, wird solitär gestanden haben, vermutet Frank C. Möller. Nur in Glienicke aber gibt es mit dem Roten Salon einen Raum, in dem zwischen zwei Türen, gegenüber dem Marmorkamin, ein solches solitäres Sofa gestanden haben kann. Die Sessel und Stühle hätten sich dann zwischen den Fenstern sowie rechts und links des Kamins befunden. Der jetzige Umfang der Gruppe mit einem Sofa, drei Sesseln und drei Stühlen ist für eine paarweise Präsentation allerdings denkbar ungeeignet. Nicht unwahrscheinlich also, dass weitere Möbel zur Sitzgruppe gehört haben. Achim Stiegel vermutet, dass mindestens ein weiterer Armlehnstuhl und Stuhl fehlen, vielleicht war es aber auch eine Gruppe aus acht Sesseln und vier Stühlen. Zur Raumausstattung gehörten ursprünglich wahrscheinlich noch ein Tisch sowie ein großer Leuchter, den Frank C. Möller aus verschiedenen stilistischen Gründen in einem Exemplar aus den USA wiedererkannt zu haben glaubt. Für Schloss Glienicke dürften also noch weitere Überraschungen zu erwarten sein. Doch allein die jetzt erworbene Gruppe gibt dem Schloss einen neuen Stellenwert. „Die Bedeutung von Schloss Glienicke ist größer als es zunächst scheint“, mutmaßt Frank C. Möller, der sich derzeit eingehend mit der Persönlichkeit des Prinzen Carl beschäftigt. Über den eifrigen Kunstsammler, dem politisches Gewicht lebenslang verwehrt blieb und der neben seinen Brüdern Friedrich Wilhelm und Wilhelm immer eine etwas unglückliche Figur macht, ist das letzte Urteil noch nicht gesprochen.

Das „lebhafte Carlchen“, das sich schon als Kind hinter dem Kronprinzenpalais einen eigenen Garten anlegt, mit Schinkel über Bauformen diskutiert, auf dem Klavier seiner Mutter Luise musiziert und früh Antiken, Waffen und merowingische Pfeilspitzen sammelt, war im Herzen mehr Forscher und Wissenschaftler als Politiker und daher wohl in Glienicke am glücklichsten. Königin Luise schrieb 1808 über ihren siebenjährigen Sohn: „Carl ist heiter und witzig. Sein unaufhörliches Fragen setzt mich oft in Verlegenheit, weil ich es nicht beantworten kann und darf, doch zeigt er Wissbegierde, zuweilen, wenn er schlau lächelt, wohl auch Neugierde. Er wird, ohne Teilnahme an dem Leben anderer zu verlieren, leicht und fröhlich durch’s Leben gehen.“

Christina Tilmann

ist Kunsthistorikerin und freie Journalistin in Berlin.

Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
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