Länderporträt Baden-Württemberg

Schweißwunder und Ausdrucksniederschläge

Die Sammlung Prinzhorn: Ausgewählt hat der Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn die Objekte seiner Sammlung nicht, doch er hat ein Buch über sie geschrieben. Seine „Bildnerei der Geisteskranken“ wurde eines der einflussreichsten Bücher über Kunst

von Uta Baier

Alles begann mit einem Bettelbrief. Der Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn (1886 – 1933) schickte ihn 1919 und 1920 an private Kliniken und große Heilanstalten im deutschsprachigen Raum und bat um künstlerische Werke von Psychiatriepatienten. Es war die Zeit, in der sich Behandlungskonzepte für psychisch Kranke ent­wickelten, in der Heilung ein Ziel des Klinikaufenthalts wurde. Die Bitte aus Heidelberg, initiiert von Prinzhorn und seinem Chef Karl Wilmanns, dem Leiter der Psychiatrischen Klinik, kam daher zur richtigen Zeit – Ärzte anderer Kliniken hatten bereits Kunstwerke von ihren Anstaltsinsassen gesammelt. In kürzester Zeit schickten sie 4.500 Werke von 435 ihrer Patienten an Hans Prinzhorn.

Max Junge, Collagierter Umschlag (recto), um 1918/1919, 14,2 × 18,8 cm; Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg; © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg
Max Junge, Collagierter Umschlag (recto), um 1918/1919, 14,2 × 18,8 cm; Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg; © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Der war bestens für die Auswertung der Einsendungen geeignet, hatte er doch vor seinem Medizinstudium Kunstgeschichte und Gesang studiert. Zur Medizin kam er, als seine erste Ehefrau in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden musste. Die persönliche Erfahrung brachte ihn auf die Idee, „das Künstlerdasein aufzu­geben und einen rechtschaffenen Beruf anzugehen, in dem man unzweifelhaft etwas Gutes tun muss: Dies ist das Arzten“, schrieb er 1913 in einem Brief. Sechs Jahre später zog Prinzhorn nach Heidelberg und wurde „eher zum Ansammler als zum Sammler“, wie es der heutige Sammlung-Prinzhorn-Leiter Thomas Röske beschreibt.

In der Tat hatte Prinzhorn keinen Einfluss auf das, was da nach Heidelberg geschickt wurde. Auf das, was daraus wurde, jedoch sehr wohl. Denn Hans Prinzhorn sichtete, sortierte und bewertete die eingegangenen Werke  nicht  nur,  er  schrieb  das  Buch  „Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psycho­pathologie der Gestaltung“. Es erschien 1922 und wurde nicht nur sein berühmtestes Buch. Es ist ein  bahnbrechendes und wirkungsmächtiges Buch über Kunst überhaupt geworden. Daran hatte der Verlag Julius Springer einen entscheidenden Anteil. „Es gibt 170 in Farbe abgebildete Werke. So reich bebildert war kein anderes Buch dieser Zeit“, sagt Thomas Röske. Diese üppige Ausstattung hatte direkten Einfluss auf Verbreitung und Rezeption. Zahlreiche Künstler bezogen sich auf Prinzhorns Werk. Paul Klee hat die Sammlung sogar besucht, ebenso wie Jean Dubuffet, der in Auseinandersetzung mit Prinzhorns Buch 1950 den Begriff der „Art brut“ prägte. Eine Ausstellung über die Adaption von Motiven aus der Sammlung Prinzhorn war 2013 in Heidelberg zu sehen. Ihr Fazit: Die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wäre ohne die Sammlung Prinzhorn und ihre Wirkung sicherlich anders verlaufen. Die Aufzählung von Künstlern, die sich direkt nach Erscheinen des Buches explizit und nachweislich mit der Sammlung beschäftigten und Motive in die eigene Kunst übernahmen, belegt das eindrucksvoll: Hans Bellmer, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Alfred Kubin oder Jean Tinguely.

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Diese große Wirkung hatte einerseits mit der Anfang des 20. Jahrhunderts allgegenwärtigen Suche von Künstlern nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu tun. Sie war aber auch die besondere Leistung Hans Prinzhorns, der auf eine Weise in das Leben, Leiden und das bildnerische Werk der Patienten einführte, die nicht abwertete und stigmatisierte, sondern vor allem beschrieb. Dabei war er sich der Besonderheit seines Unternehmens sehr wohl bewusst: „Das Wort Kunst mit seiner festen affektbeladenen Bedeutung schließt ein Werturteil ein. Es hebt gestaltete Dinge vor ganz ähnlichen heraus, die als ‚Nichtkunst‘ abgetan werden. Da nun die Bildwerke, um die es sich handelt, und die Probleme, zu denen sie führen, durchaus nicht wertend gemessen, sondern psychologisch erschaut werden, so schien es passend, den sinnvollen, aber nicht gerade üblichen Ausdruck ‚Bildnerei der Geisteskranken‘ für das außerhalb der psychiatrischen Fachwissenschaft bislang fast unbekannte Gebiet festzuhalten“, heißt es im Buch. Diese wenigen Sätze zeigen, wie Prinzhorn von Interesse geleitet, vorurteilslos, staunend und nicht wertend argumentierte.

Zum Staunen hatte er allen Grund, denn die Einsendungen seiner Kollegen waren vielfältig: Zeichnungen, Collagen, Plastiken, selbstgefertigte Bücher, musikalische Kompositionen, Gedichte, Texte und deren Kombinationen. August Natterer etwa schuf phantastisch-surreale Figurenbilder, Carl Lange stellte in Texten und Bildern das „Heilige Schweisswunder in der Ein­legesohle“ dar, Karl Genzel schnitzte Holzfiguren, in denen Menschen und Tiere verschmelzen, Barbara Suckfüll gestaltete Blätter mit geradezu haptischer Qualität, deren Grundlage Umrisse ihres Anstaltsgeschirrs sind. Agnes Richter stickte ihre autobiographischen Texte auf eine Anstalts­jacke.

Cover der 1922 erschienenen ersten Ausgabe von Hans Prinzhorns „Bild­nerei der Geisteskranken“; Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg; © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg
Cover der 1922 erschienenen ersten Ausgabe von Hans Prinzhorns „Bild­nerei der Geisteskranken“; Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg; © Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg

Politik, Alltag, Kriegserlebnisse, Beschwerden, Wünsche, Wahnträume – all das (und noch viel mehr) fand Eingang in die Arbeiten der Patienten, von denen einige eine künstlerische Ausbildung hatten, viele jedoch nicht. Von manchen Patienten gibt es nur ganz wenige Werke, von anderen ganze Konvolute, die über mehrere Jahre entstanden – oder in wenigen Wochen. Welchen Einfluss die individuelle Krankengeschichte auf die Bildmotive hatte, darauf wollte sich selbst Prinzhorn nicht festlegen: „[…] der Glaube an die Objektivität von Krankengeschichten ist leicht zu erschüttern. Dagegen sind Bildwerke objektive Ausdrucksniederschläge. Und werden sie von einem Beobachter gedeutet, der seine theoretischen Vorausset­zungen aufdeckt, so mag leicht auf diesem Wege ein höherer Grad von Objektivität erreichbar sein.“

Während Künstler begeistert auf die Sammlung Prinzhorn reagierten, begannen die Nationalsozialisten, der Kunst Vorschriften zu machen, die letztlich in Menschen- und Kunstvernichtung endeten. Überraschenderweise sicherte diese Nazi-Ideologie der Prinzhornsammlung das Überleben. Denn Werke aus ihrem Bestand wurden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, um eine denunziatorisch gemeinte Nähe moderner Kunst zu den Werken von psychisch Kranken zu illustrieren. Auf Grund dieses ideologisch motivierten dokumenta­rischen Werts blieb die Sammlung komplett erhalten. Mindestens 22 Künstler-Patienten wurden jedoch ermordet. Diese Zahl kann sich jederzeit erhöhen, denn längst ist nicht alles Material ausgewertet.

Dass Forschungen nötig, noch nicht abgeschlossen oder noch gar nicht begonnen wurden, hört man immer wieder, wenn man sich mit der Sammlung Prinzhorn beschäftigt. Selbst eine Biographie des Hans Prinzhorn existiert noch nicht. Allein die Eckdaten seines Lebens sind bekannt: 1886 geboren, schloss er das Studium der Kunstgeschichte und Philosophie mit einer Dissertation über Gottfried Semper ab. An­schließend begann er ein Gesangsstudium, um dann zur Medizin zu wechseln. Prinzhorn war drei Mal verheiratet und hatte mehrere Liebesbeziehungen, unter anderem zur Tänzerin Mary Wigman. Nach seinem Weggang aus Heidelberg war er Assistenzarzt im Sanatorium „Weißer Hirsch“ in Dresden, arbeitete in einer Klinik in Wiesbaden, eröffnete eine eigene Praxis in Frankfurt am Main, schrieb weitere Bücher und hielt Vorträge auf der ganzen Welt. 1933 starb er an einer Lungenembolie aufgrund einer Typhuserkrankung. Er wurde 47 Jahre alt.

Sein früher Tod ersparte ihm nicht nur die Erfahrung der Nazi-Herrschaft, sondern auch eine eindeutige Haltung zu deren Menschen- und Kunstvernichtungsideologie. Thomas Röske sieht Prinzhorn als einen, der –  wie viele Intellektuelle seiner Zeit – als „Sinnender“ auf die „Handelnden“ Einfluss nehmen wollte. In seinen Schriften „übte er zwar auch Kritik, letztendlich entschuldigte er jedoch das Vorgehen der Nazis gegen andere politische und weltanschauliche Gruppierungen sowie viele gesellschaftliche Minderheiten immer ­wieder mit den besonderen Gegebenheiten der Zeit“, sagt Röske und kommt zu dem Schluss: „Wie sich das Verhältnis Prinzhorns zu den neuen Machthabern gestaltet hätte, lässt sich schwerlich bestimmen.“

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Sicher ist, dass die Sammlung nach 1945 in einem Heidelberger Klinikschrank weitgehend unbeachtet lagerte, während ihr Mythos lebte. 1963 öffnete sich der Schrank für den Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Er zeigte eine Ausstellung mit 250 Prinzhorn-Werken in der Kunsthalle Bern und 1972 auf der von ihm geleiteten documenta 5 in Kassel. Hier wurden sie in der Abteilung „Individuelle Mythologien“ Teil der Weltkunst. Und wieder begannen sich Künstler mit der Sammlung zu beschäftigen – Arnulf Rainer etwa oder Georg Baselitz.

Inge Jádi, die die Sammlung seit 1980 betreute, hat entscheidend zu dieser Wiederentdeckung und Popularisierung der Sammlung beigetragen. Allerdings plädiert sie dafür, trotz aller Begeisterung für die Kunst, die Bedingungen, unter denen die Werke entstanden, nicht zu verdrängen: „Geeint wird dieses divergierende Material, dieses interessante Durcheinander von Beiläufigem und Hervorragendem, durch die Gemeinsamkeit des Schicksals seiner 435 Autoren, darunter 20 Prozent Frauen. Sie alle waren als psychiatrische, meist schizophrene Anstaltspatienten über Jahre und Jahrzehnte verwahrt, oft bis zum Tod […].“

Ein Museum mit allen Aufgaben, die ein Museum hat, wurde unter Jádis Leitung erst 2001 in Heidelberg eröffnet. Die Diskussionen, die es vor und während dieser Eröffnung gab, zeigten einmal mehr, wie besonders diese Sammlung und wie schwierig der Umgang mit der Kunst der Psychiatriepatienten noch immer ist. So sollte der ehemalige Hörsaal der Klinik nicht zum Museum umgebaut werden, weil es den Verdacht gab, dort habe der Obergutachter des Euthanasieprogramms T4 Carl Schneider Vorlesungen gehalten. Forschungen der Universität Heidelberg widerlegten diese Vermutung. Auch ein Umsiedeln der Sammlung nach Berlin, wo es ein intensives Bemühen um eine Gedenkstätte für die Opfer der „Euthanasie“ gab, wurde von Heidelberg nach vielen Diskussionen abgelehnt.

Seitdem wird die Sammlung kontinuierlich in wechselnden Ausstellungen gezeigt, erforscht und auch erweitert. So soll aktuell mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder das Werk des Psychiatriepatienten Erich Spießbach (1901–1956) angekauft werden. Er stammt aus dem Nachlass seines Psychiaters Manfred in der Beeck, der nach Prinzhorns Vorbild plante, ein Buch über seinen Patienten und dessen Kunst zu schreiben, es jedoch nie vollendete.

Große Pläne haben auch die Mitarbeiter der Sammlung. In den nächsten Jahren wird es Ausstellungen zu Themen wie „Humor und Schizophrenie“ oder zur Bedeutung des Fahrrads für die Patienten oder zu   Architekturphantasien geben. Außerdem wünscht sich die stellvertretende Museumsleiterin Ingrid von Beyme ein Digitalisierungsprojekt für die fragilen Arbeiten. Denn die Werke wurden selten auf Leinwand oder gutem Künstlerpapier gemalt und gezeichnet, sondern auf Toilettenpapier, Anstaltszetteln, verschiedenen Stoffen. Häufig wurden Collagen geklebt, farbige, schnell verblassende Tinten verwendet.

Um Erweiterung geht es im derzeit wichtigsten Projekt von Museumsleiter Thomas Röske. Das Museum braucht mehr Platz. Die Pläne stehen, allein die nötigen zehn Millionen Euro fehlen noch. Sind die besorgt, könnte das Museum endlich auch eine Ausstellung zur eigenen Geschichte etablieren.