Schriftliches Kulturgut erhalten

Schriftschätze von Format

„Das besondere Format“: Unter diesem Motto fördert die Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts dieses Jahr bundesweit 34 innovative und öffentlichkeitswirksame Projekte. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Kulturstiftung der Länder unterstützen die Bewahrung fragilen Schriftguts in Archiven und Bibliotheken mit 450.000 Euro.

Zwei Beispiele aus den diesjährigen Modellprojekten:

In Ketten gelegt, von Schäden befreit: Restaurierung von drei Kettenbüchern des Archivs der Evangelischen Landeskirche Anhalt

Durch die am Buchrücken angebrachten Eisenketten ermöglichte man am Ende des 15. Jahrhunderts die öffentliche Nutzung: Fest verankert konnten die wertvollen Bände aus der Bibliothek der Marienkirche zu Bernburg nicht gestohlen werden. Eingebunden zwischen den Buchdeckeln fanden die Leser sechs Inkunabeln theologischer Werke. Heute sind sie nicht nur einziges Zeugnis für die historische Schriftensammlung des Bernburger Altaristen Nikolaus Tychmanns, sondern auch für die Anfänge der Drucktechnik und damit für die rasch zunehmende Verbreitung von Schriftgütern. Verschmutzung, Materialverlust, Fehlstellen und Schimmelschäden schränkten die wissenschaftliche Nutzung der Werke bisher stark ein. Umfassende Restaurierungsmaßnahmen ermöglichen diese nun für die Zukunft. Das Projekt des Archivs der Evangelischen Landeskirche Anhalt in Dessau-Roßlau sichert nicht nur die Rettung der Folianten, sondern stellt sie im kommenden Jahr sogar elektronisch bereit: Gleich ihrer ursprünglichen Funktion werden die kostbaren Werke der breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich.

1/2

Von der Rolle: Rainer Werner Fassbinders Drehpläne zu „Berlin Alexanderplatz“ werden plan gelegt

„Zunächst, um ehrlich zu sein, hat mich das Buch überhaupt nicht angetörnt, schon gar nicht hat es ‚baff‘ gemacht oder ‚bumm‘“: Diese erste Reaktion auf Alfred Döblins Klassiker „Berlin Alexanderplatz“, die der deutsche Autorenfilmer Rainer Werner Fassbinder im März 1980 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ verkündete, wandelte sich jedoch schnell in Faszination. Auf dem Höhepunkt seiner kurzen Karriere verfilmte Fassbinder im selben Jahr den Roman in 14 Episoden. Zwei Artefakte dieses Kapitels deutscher Filmgeschichte hütet die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen in Berlin: Je knapp vier Meter lang sind die originalen Drehpläne der Produktionsleitung sowie des Hauptdarstellers Günter Lamprecht. Der tägliche Gebrauch am Set hat Spuren hinterlassen, die enge Aufrollung nach der letzten Klappe lies das Papier brüchig werden. Nun verlangt das „besondere Format“ nach konservatorischen Maßnahmen. Achtsam entrollt und plangelegt, sollen die meterlangen Dokumente trockengereinigt und die Klebungen restauriert werden, bevor sie in einer eigens angefertigten Archivkassette für die Erforschung eines Abschnitts nationaler Filmgeschichte bereitstehen. Als Digitalisate sind die einzigen überlieferten Drehpläne der legendären Fernsehserie ab Januar 2018 auch jenseits der Berliner Archivräume online zu studieren.

1/2

Viele weitere für Forschung und Öffentlichkeit interessante Projekte finden sich auf der diesjährigen Modellprojektförderungsliste der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK). Seit 2010 durch die KEK ausgeschrieben, fördern die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Kulturstiftung der Länder jährlich unter wechselnden Motti Modellprojekte, die einzigartige schriftliche Sammlungsbestände von historischer Bedeutung vor dem Zerfall bewahren. Mit bundesweit 34 Modellprojekten besonderen Formats wird auch 2017 die Anstrengung vorangetrieben, den Erhalt von und den Zugang zu unserem kulturellen Gedächtnis dauerhaft zu gewährleisten. Mit dem Anspruch, das kulturelle Schrifterbe neu aufzurollen, Sammlungsaufträge zeitgemäß zu bewerten und die Formvielfalt ihrer Objekte öffentlich zugänglich zu machen, zeigen die Restaurierungs- und Konservierungsprojekte modellhaft Lösungswege auf: Sie sollen zukünftig als Standardstrategien im Bibliotheks- und Archivwesen genutzt werden. Der immense Restaurierungsbedarf in den Einrichtungen beweist, dass effektive Mittel gegen die Gefährdung von schriftlichem Kulturgut dringend notwendig sind.

Die Modellprojektförderung konnte seit 2010 dank eines Fördervolumens von insgesamt über 2,8 Millionen mit mehr als 220 Vorhaben zum Erhalt gefährdeter Schriftschätze beitragen. „Als langjährige Unterstützer der Koordinierungsstelle für den Erhalt schriftlichen Kulturguts freut es uns sehr“, betont Frank Druffner, kommissarischer Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, „zum siebten Mal eine Vielzahl innovativer Projekte für den Erhalt wertvoller Buch- und Archivbestände im Zusammenspiel mit Bund, Ländern und Kommunen fördern zu können. Das diesjährige Antragsvolumen hat sowohl den hohen Bedarf als auch die Bereitschaft der Länder, beträchtliche Mittel für diese Form des Kulturgutschutzes einzusetzen, eindrucksvoll belegt.“ Zur Freude aller Kooperationspartner steht bereits fest: Auch im kommenden Jahr können weitere herausragende Schriftbestände vor dem Zerfall geschützt werden.