Titelthema Adelssammlungen

Sammeln auf ganzer Linie

Vom Bedeutungswandel der Sammlungen adliger Häuser

von Dr. Martin Eberle

Glaubt man den Besucherzahlen in Schlössern und Adelssitzen wie auch den Ergebnissen auf dem Kunstmarkt, so geht von Objekten aus Adelssammlungen eine große Faszination aus – woran liegt dies? Und was unterscheidet überhaupt eine Adelssammlung von einer (bürgerlichen) Privatsammlung oder einer institutionellen Sammlung?

Zunächst sollte man zwischen einer landesherrlich-fürstlichen und einer Adelssammlung unterscheiden. Zwar regierte der Adel in Deutschland über Jahrhunderte und insofern ist die fürstliche Sammlung in vielen Punkten mit der des Adels deckungsgleich, als landesherrliche Sammlung kam ihr aber eine erweiterte, öffentlich-repräsentative Funktion zu. Die Adelssammlung diente in den Fürstenhäusern eben auch den Landesaufgaben.

Sowohl in ihrer Entstehung wie in ihrer Funktion unterscheiden sich Adelssammlungen von bürger­lichen, wissenschaftlichen und (zumeist später be­gründeten) institutionellen Sammlungen. Die Existenzgrundlage des Adels war über Jahrhunderte die Landwirtschaft und damit der mehr oder weniger umfangreiche Grundbesitz. Im Mittelpunkt der Ländereien stand das Haus des Adels, sei es nun eine Burg, ein Schloss oder ein größeres Anwesen. Unabhängig von ihrer Größe wurden diese Häuser über Jahrhunderte bewohnt und ausgebaut. Und diese Häuser hatten große Dachstühle, in denen die Dinge der Vorgänger verwahrt werden konnten. Das klingt banal, steht aber im Gegensatz zum (wohlhabenden) Bürgertum, dessen Existenzgrundlage lange Zeit der Handel war. Somit wurde sein bevorzugter Aufenthaltsort die Stadt, wo die Häuser in der Regel kleiner und stärker Widrigkeiten wie Feuersbrunst oder Krieg ausgesetzt waren. Zudem waren Haus und Inventar oft genug Gegenstand wirtschaftlicher Spekulation und konnten so verlorengehen. Land und Haus, bzw. Burg oder Schloss, hingegen standen für die Generationen des Adels immer im Fokus. Und genau diese Bindung führte in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Veräußerungen fürstlichen Inventars, damit das „Haus“ gerettet werden konnte.

Da wir auch in bürgerlichen Häusern Gemälde­sammlungen (etwa in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts) oder Kunst- und Wunderkammern (in den Gelehrtenstuben der Renaissance und des Barock) finden, sind diese Sammlungen nicht typisch für den Adel. Welche Sammlungen aber dann?

Graf Albrecht von Waldstein (Wallenstein), 17. Jh., 120 × 90 cm; Museum Schloß Burgk; © Museum Schloß Burgk / Foto: Constantin Beyer, Weimar
Graf Albrecht von Waldstein (Wallenstein), 17. Jh., 120 × 90 cm; Museum Schloß Burgk; © Museum Schloß Burgk / Foto: Constantin Beyer, Weimar

Während Haus und Land die Existenz sicherten, waren sie nicht zwingend auch der Lebensort des Adels: Zumeist blieb dies neben Schlachtfeld und Kloster vor allem der Hof des Landesfürsten. Hier galt es ein möglichst prestigeträchtiges (und womöglich auch gut dotiertes) Amt zu bekleiden, wofür die Zugehörigkeit zum Adel wiederum Voraussetzung war. So bildete die Ahnenprobe, bei der man die Abstammung von vier ritterbürtigen Ahnen nachweisen musste, bereits im 12. Jahrhundert die Grundlage für die Turnierfähigkeit. Aber auch die Mitgliedschaft in Ritterorden, Domkapiteln, Stiften und Orden oder das Tragen der Hofwürde, die mit dem Hofzutritt verbunden war, erforderte die Ahnenprobe. Je mehr Adlige in diese begehrten Ämter drängten, desto höher waren die Anforderungen, die schließlich in der Regel bei der 16-Ahnen-Probe lagen – dem Nachweis, dass alle Ururgroßeltern und die nachfolgenden Generationen adlig geboren waren. Dies erforderte eine sorgfältige Dokumentation, womit die erste Sammlung adliger Familien entstand, das Archiv. Dort wurde nicht nur der Grundbesitz, sondern auch die eigene Abstammung dokumentiert.

Und hier kommen wir zu einem entscheidenden Merkmal von Adelssammlungen: Sie können, aber müssen nicht durch Glanz und Bedeutung des Einzelobjektes überzeugen, wohl aber durch die „Altehrwürdigkeit“. Adelssammlungen belegen die Vergangenheit und zwar als Dokumentation von Familiengeschichte, die hier vor allem dynastische Geschichte ist. Und da es galt, die Abstammung zu dokumentieren, um dem Mitglied einer Dynastie eine bevorzugte Stellung innerhalb der Gesellschaft einzuräumen, ging es bald um Repräsentation und Sichtbarkeit.

Urkunden sind allerdings nur bedingt repräsentativ, und so verfiel man bald auf anschaulichere Methoden. Die Abstammung wurde zunächst in opulenten Stammbäumen dokumentiert, später dann in Ahnengalerien. Dabei veranschaulichte das Abschreiten einer möglichst langen Galerie von Porträts auch physisch die Altehrwürdigkeit der Familie. Wichtig war, dass die Ahnen stets als zur Dynastie gehörig vom Betrachter wahrgenommen werden konnten, was durch Inschriften, Wappen oder Würdezeichen wie Kronen befördert wurde. Die Reihung von Individuen diente dazu, das Ganze, die Familie, zu präsentieren. Und so war mit der Ahnengalerie neben dem Archiv eine weitere für den Adel typische Sammlung entstanden.

Die gesellschaftliche Aufgabe des Adels war es, die Zivilbevölkerung in kriegerischen Auseinandersetzungen zu schützen: Deshalb bekam er vom Herrscher zum einen Land zugewiesen, um sich von dem Ertrag die teuren Waffen leisten zu können, und zum anderen die Zeit, sich im Erlernen des Kriegshandwerks zu erproben. Aus diesem Grund spielte das Recht auf Wehrhaftigkeit und Waffen eine entscheidende Rolle, was sich noch bis zum Ende des „ancien régime“ im Tragen des Degens zeigte. Daher wurden auch Waffen gesammelt, vor allem wenn ein Mitglied der eigenen Dynastie in einer entscheidenden Schlacht mit diesen Waffen gekämpft hatte. So entstanden die fürstlichen Rüstkammern. Da die Jagd ein adliges Privileg war, gingen auch Jagdwaffen und -trophäen in die Sammlungen ein, bezeugten sie doch ebenfalls die adlige Abkunft.

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Auch wenn die Sammlungen in ihrer Gänze Alter und Würde eines Hauses demonstrieren, so konnten einzelne Individuen alles überstrahlen, etwa Familienmitglieder, die eine standeserhöhende Ehe geschlossen hatten, die sich durch kriegerisches oder diplomatisches Geschick, das für die Landesgeschichte entscheidend war, hervorgehoben hatten oder die sich durch besonderes Mäzenatentum und Bildung auszeichneten. Die Zeugnisse dieser Individuen wurden nun wiederum besonders hervorgehoben. Da man in der Gegenwart nicht immer weiß, welche Leistung der Vergangenheit für die Zukunft richtungsweisend ist, stellte es sich als klug und vorausschauend heraus, nach dem Ableben des Einzelnen zunächst seine gesamte Hinterlassenschaft zu bewahren. So stand immer genügend Material zur Verfügung, um zu einem späteren Zeitpunkt eine Auswahl zu treffen – was letztlich erst eine Sammlung auszeichnet. Auf diese Weise konnte man seine Familie glanzvoller, würdevoller erscheinen lassen, als es vielleicht den Tatsachen entsprach. Demnach lässt sich nur eingeschränkt alles, was sich in den Häusern anfindet, als Sammlung beschreiben, sondern ist oft genug aus wissenschaftlicher Perspektive eher als An-Sammlung zu bewerten. Beim Adel konservierte man auch gerne ganze Wohntrakte seiner Ahnen, die man unangetastet ließ. Beim Wunsch nach modischer Erneuerung des Lebensumfeldes entschied man sich eher dazu, an das Haus noch einen Flügel anzubauen oder die nächste Etage zu beziehen. So ist auch  „alt­modisch“ nicht als Kritik innerhalb des adligen ­Lebensstils zu verstehen, sondern im Sinne von „alt­ehrwürdig“ als Aus­zeichnung.

Ahnengalerie und Rüstkammer hatten allerdings den Nachteil, dass das an einem weit entfernten Hof dienende Individuum sie nicht mitnehmen konnte. Man musste folglich neue Regeln erfinden, um auch in der Fremde als Adliger erkennbar zu sein. Dies erfolgte durch Wappen und Würdezeichen oder das Tragen von Waffen am Körper. Vor allem waren es die Kleidung und die Demonstration materiellen Reichtums, mit denen man seine Vorrangstellung deutlich zu machen suchte. Doch das reiche Bürgertum begann das adlige Vorbild nachzuahmen, was auch durch strenge Kleiderordnungen nicht verhindert werden konnte. Je finanzkräftiger das Bürgertum im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts wurde, umso schwieriger wurde es, die Vorrangstellung des Adels mit diesen Mitteln aufrechtzuerhalten. So setzte man nun auf die kulturelle Führungsrolle mit kollektiven Ereignissen in Form von Festveranstaltungen, Opern und dem Hofleben. Durch eine eigene Sprache, durch eigene Gesten und Handlungen, die von klein auf erlernt wurden, grenzte sich der Adel von der bürgerlichen Bevölkerung der Residenzstädte ab. Funktionierte dies noch während des 18. Jahrhunderts, verloren solche Strategien während des 19. Jahrhunderts ihre Verbindlichkeit. Nun drang zunächst das Wirtschafts-, später auch das Bildungsbürgertum in die Positionen, die zuvor der Adel innegehabt hatte. Da Adel und Bürgertum nun nicht mehr getrennt, sondern gemeinsam in der Hauptstadt wohnten – sozusagen Tür an Tür –, nahm die Bedeutung gesellschaftlicher Praktiken zu, die scheinbare kulturelle Überlegenheit zum Ausdruck bringen sollten, etwa durch Wohn- und Esskultur, durch Kleidung und Verhaltensmuster. Aber auch dies wurde vom Bürgertum kopiert. Mit der zunehmenden Annäherung von Wirtschafts- und Bildungsbürgertum in der zweiten Jahrhunderthälfte, deren Vermögen zudem häufig das des Land besitzenden Adels übertraf, während die soziale Kluft zu Hof und Adel bestehen blieb, distanzierte sich das Bürgertum mit den Gründerjahren zunehmend vom adligen Vorbild und schuf eine eigene kulturelle Gegenwelt. So verlor der Adel noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs seinen kulturellen Führungsanspruch.

Im frühen 19. Jahrhundert war außerdem die Aufgabe der fürstlich-landesherrlichen Sammlungen an institutionelle Sammlungen wie die neugegründeten Museen übergegangen: In öffentlich zugänglichen Einrichtungen dienten diese nun der Geschmacksbildung aller sozialen Schichten, der Wissenschaft oder als Vorbild für die zeitgenössische Industrie.

Warum aber sind Adelssammlungen für uns heute (wieder) interessant? Sie dokumentieren über Jahrhunderte geschichtliche Ereignisse, die zwar familiär be­zogen sind, aber durch die herausgehobene Stellung, die der Adel innehatte, oft mit den großen epochalen Ereignissen in Berührung stehen. Weiterhin sind Objekte als Teil von Adelssammlungen, die häufig durch Wappen, Würdezeichen und Inschriften individualisiert wurden, mit einer historischen Person in Verbindung zu bringen. Durch die Personalisierung des Objektes wird Geschichte lebendig.

Und genau deshalb gilt es, diese Sammlungen – und auch Ansammlungen, also Möbel, Textilien, schriftliche Überlieferungen, Bücher, Waffen, Kunsthandwerk bis hin zu Gemälden – für öffentliche Einrichtungen zu bewahren und zu erhalten. Die einstmals symbolträchtige, familiär gebundene Adelssammlung und die Dinge des täglichen Lebens werden somit vor allem in ihrer Geschlossenheit zu einem Zeugnis historischer Epochen, politischer Entwicklungen und einstmals vorbildlicher Lebensbilder, die identitätsstiftend auf eine Region oder gar auf die gesamte Nation wirken können – und zwar auf alle soziale Schichten. Zu viele große Adelshaushaltungen sind in den letzten Jahrzehnten auseinandergerissen worden – und damit wertvolle Kultur- und Geschichtsdokumente. Zwar konnten einzelne Objekte oft gerettet werden – aber letztlich gibt erst die Wahrung des Ganzen die Möglichkeit zur Erforschung des Besonderen.

Dr. Martin Eberle

ist Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.