Deutsch-Russischer Museumsdialog

Rückkehr nach Dessau

Die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau erhält nach 70 Jahren drei verloren geglaubte Gemälde aus amerikanischem Privatbesitz zurück.

von Dr. Ralph Jaeckel

Der 1. Juni 2015 war ein glücklicher Tag für die Stadt Dessau-Roßlau: Bei einem Festakt in der Orangerie des Georgiums übergab Robert M. Edsel, Präsident der Monuments Men Foundation (Dallas/USA), drei hochkarätige Gemälde alter Meister aus jahrzehntelangem amerika­nischen Privatbesitz an die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. Die drei kleinformatigen Heimkehrer, „Der Verlorene Sohn“ von Frans Francken III (1607–1667), „Landschaft mit Staffage“ von Franz Paula de Ferg (1689 –1740) und „Baumbestandene Landschaft mit Gewässer und einer Staffagegruppe (Alexander der Große und Diogenes) im Vordergrund“ von Christian Wilhelm Ernst Dietrich (genannt Dietricy; 1712 – 1774), gehörten bislang zu den 224 Gemälden, die die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau seit Ende des Zweiten Weltkriegs vermisste.

Kultusminister Stephan Dorgerloh, Robert M. Edsel von der „Monuments Men“- Foundation und Margit Schermuck-Zisché beim Auspacken der Bilder am 1. Juni dieses Jahres
Kultusminister Stephan Dorgerloh, Robert M. Edsel von der „Monuments Men“- Foundation und Margit Schermuck-Zisché beim Auspacken der Bilder am 1. Juni dieses Jahres

Bei der Übergabe würdigten der Oberbürgermeister der Stadt Dessau-Roßlau Peter Kuras, Robert M. Edsel und Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh die herausragenden Verdienste der „Monuments, Fine Arts, and Archives Section“ (MFA&A bzw. MFAA). Die „MFAA-Soldaten“, bekannt als „Monuments Men“, trugen ab 1943 wesentlich dazu bei, Kunstschätze und identitätsstiftende Kulturgüter Europas, darunter Deutschlands, vor Zerstörung und Totalverlust zu bewahren. Mit und nach Kriegsende widmeten sie sich der Rückführung geraubter und ausgelagerter Kunstschätze. Die von Edsel im Jahr 2007 gegründete Stiftung engagiert sich für das Gedenken an diese „gelehrten Soldaten“. Zugleich bemüht sie sich, kriegsbedingt verlagerte sowie durch private Mitnahmen vermisste Kunstwerke aufzufinden und den angestammten Sammlungen zurückzugeben.

In ihrem Grußwort verwies Regine Dehnel auf die Aktivitäten des Deutsch-Russischen Museumsdialogs (DRMD). Die Arbeitsgruppe „Kriegsverluste deutscher Museen“ des DRMD erforscht seit 2008 in der Kulturstiftung der Länder sammlungsgeschichtliche Zusammenhänge und richtet den Fokus auf die kriegsbedingte Verlagerung von Kunstschätzen aus deutschen Museen und Sammlungen in die Sowjetunion.

Gegenstand dieser Forschungen war auch die Anhaltische Gemäldegalerie Dessau. Ein großer Teil der Kunstschätze aus Dessau, Wörlitz und weiteren Städten wurde ab 1943 im Kalisalzbergwerk Solvayhall bei Bernburg eingelagert. Ende April/Anfang Mai 1945 besetzten amerikanische und britische Truppen Gebiete westlich von Elbe und Mulde. Da auf die Besichtigung der in Solvayhall ausgelagerten Kunstschätze durch „MFAA-Offiziere“ keine Bergungsmaßnahmen folgten, kam es wohl zu Diebstählen und Plünderungen.

Nachdem im Juli 1945 die Sowje­tische Besatzungszone westwärts ausgeweitet wurde, ließen sowjetische Trophäen­brigaden am 23./24. April 1946 die Kunstschätze aus Solvayhall nach Leningrad und Moskau abtransportieren. 1958/59 wurden diese weitgehend vollständig aus der Sowjetunion an die zuständigen Sammlungen zurückgeführt. Die 16 Gemälde aus der alten Auslagerungskiste 31, in der auch die drei Werke von Francken III, Ferg und Dietrich verpackt worden waren, befanden sich jedoch nicht darunter, galten seitdem als verschollen.

Vor rund 12 Jahren fand ein Erbe im Haus des US-Majors William Oftebro, dessen Panzereinheit im Mai 1945 den Kalischacht Solvayhall bewacht hatte, die drei Gemälde mit Vermerken der Dessauer Herkunft. Es folgten unter Mitwirkung der Monuments Men Foundation schwierige Verhandlungen. Den entscheidenden Anstoß für die Rückgabe soll die emotionale Ausstrahlungskraft des Films über die „Monuments Men“ bewirkt haben. Der von George Clooney nach Vorlage des 2009 publizierten Buches von Robert M. Edsel realisierte Film „The Monuments Men – Ungewöhnliche Helden“ feierte im Februar 2014 bei den 64. Berliner Filmfestspielen seine Weltpremiere und fand vor allem in den USA enormen Zuspruch: Hollywoodgerecht dramatisch zugespitzt und aktionsreich wird die Rettung der Kunstschätze u. a. aus den Salzschächten Mitteldeutschlands geschildert.

Schließlich folgte die zügige Heimkehr der drei Gemälde nach Dessau. Am 5. Mai 2015 übergab die Monuments Men Foundation im US-Außenministerium in Washington die Bilder zusammen mit zwei weiteren Werken, die am 2. Juni 2015 der Kulturstiftung des Hauses Hessen ausgehändigt wurden, dem deutschen Botschafter, Peter Wittig. Knapp einen Monat später wurde die neugefertigte Kiste feierlich in Dessau ausgepackt. Damit fand die Odyssee der drei Gemälde ein glück­liches Ende.

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Dr. Ralph Jaeckel

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe „Kriegsverluste deutscher Museen“.