Titelthema Deutsch-russischer Museumsdialog

Rückkehr der Dresdner Schätze

Arsprototo im Gespräch mit Gisela Haase, die im Herbst 1958 als Mitglied der deutschen Expertengruppe die Rückführung der in die Sowjetunion verbrachten Kunstgüter in die DDR begleitete. Von 1991 bis 2000 leitete sie das Kunstgewerbemuseum in Dresden.

von Dr. Anne Kuhlmann-Smirnov, Dr. Ralph Jaeckel

Arsprototo: Frau Dr. Haase, Sie sind gebürtige Dresdnerin, haben von 1953 bis 1957 in Rostock und Berlin Kunstgeschichte studiert. Fiel Ihnen als junge Frau auf, dass in den ost­deutschen Museen etwas fehlte?

Gisela Haase: In Dresden gab es 13 Jahre lang – zwischen 1945 und 1958 – kein Grünes Gewölbe, kein Historisches Museum und kein Münzkabinett. Bis 1955 bestand die Gemäldegalerie vornehmlich nur noch aus Werken deutscher Meister des 19. und 20. Jahrhunderts. Anderen Sammlungen fehlten wesentliche, insbesondere alte Bestände, so dem Kupferstich-Kabinett, der Porzellan- und der Skulpturensammlung und dem damaligen Museum für Kunsthandwerk, dem heutigen Kunstgewerbemuseum. Auch Archive und Bibliotheken, zum Beispiel die Sächsische Landesbibliothek in Dresden, mussten für viele Jahre auf gewichtige Handschriftensammlungen und Bücherbestände verzichten.

Verpacken von Dresdner Gemälden in Moskau für den Rücktransport nach Deutschland, 1955
Verpacken von Dresdner Gemälden in Moskau für den Rücktransport nach Deutschland, 1955

Wie kam es, dass Sie aktive Beteiligte der Rückführungen von 1958 wurden?

Gisela Haase: Der Anruf des damaligen Generaldirektors der Dresdner Kunstsammlungen Max Seydewitz erreichte mich völlig überraschend am Freitag, den 24. Oktober 1958. Er teilte mir mit, dass ich bei der Übergabe der Kunstschätze in der Sowjetunion mitwirken solle. Der Flug nach Russland war schon für Montag, den 27. Oktober geplant. Ohne groß nachzudenken und wohl auch ohne Alternative, nahm ich dieses außergewöhnliche Angebot an. Eine fachliche Information über meine Aufgaben für die Übernahme des deutschen Kunstgutes, das nach Kriegsende in die Sowjetunion verbracht und nunmehr als Verlust in den Museen registriert worden war, erhielt ich nicht. Arbeitsanweisungen gab es erst in Moskau.

Wo arbeiteten Sie konkret, welche Aufgaben übernahmen Sie? Können Sie ein wenig von Ihrem Arbeitsalltag erzählen?

Gisela Haase: Bei meinem Arbeitsbeginn, am Morgen des 28. Oktober, erhielt ich zuallererst einen „Propusk“, den Dienstausweis zum Betreten des Puschkin-Museums für den Zeitraum vom 28. Oktober bis zum 30. Dezember 1958. Von deutscher Seite wurde mir mitgeteilt, dass die Arbeitseinteilung bei der Kunstgutübernahme nicht in Dresden von Max Seydewitz, sondern in Moskau bestimmt würde, und dass vom deutschen Teamchef Erich Schebesta für die Aufgaben im Museum für westeuropäische und östliche Kunst in Kiew statt meiner Person Werner Schmidt, der spätere Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vorgesehen sei.

Im Puschkin-Museum, das während der Übergabeaktion geschlossen war, sollte ich Sammlungsbestände angewandter Kunst übernehmen. In der Regel arbeiteten wir von 9.30 bis 17 Uhr mit einer Mittagspause von 13 bis 14 Uhr. Sonnabends war etwas eher Schluss. Die beteiligten russischen Kollegen waren wesentlich früher vor Ort, um die jeweils zur Übergabe vorgesehenen Kunstgegenstände bereitzustellen. In meinem Ressort war ich die einzige Deutsche. In einem großen Raum standen mehrere lange Tische, auf denen jeden Morgen bei Arbeitsbeginn eine Vielzahl von neuem, mir unbekanntem Kunstgut aufgebaut war. Auf dem Arbeitstisch lagen die vorbereiteten Listen für mich, und die russische Wissenschaftlerin, eine sehr freundliche und kompetente Ostasienspezialistin aus Usbekistan, wartete schon. Diese präzisen Listen enthielten für die einzelnen Gegenstände die russischen und – soweit bekannt – auch die deutschen Inventarnummern, die Angaben des Materials, der Technik, der Beschädigungen und – wenn vorhanden beziehungsweise bekannt – auch die Signierungen und Marken sowie den Namen des deutschen Museums – alles natürlich in russischer Sprache.

Erst wenn alle täglich herausgestellten Stücke „abgearbeitet“, d. h. genau geprüft, verpackt und verplombt waren, begann der Feierabend. Zwischendurch mussten wir auch auf dem Bahnhof beim Verladen der Kisten dabeisein. Die Kistenlisten unterzeichneten immer je zwei russische und deutsche Kollegen – ich mit meinem Geburtsnamen Rudolph. Insgesamt war Eile angesagt, denn die Übergabe in Moskau und Leningrad sollte bis Mitte Dezember abgewickelt sein.

Können Sie sich an einzelne, besondere Kunstwerke erinnern? Woher stammten die Werke?

Gisela Haase: Es handelte sich um verschiedenste Bestände angewandter Kunst: Porzellane aus Meißen und anderen Manufakturen, emailbemalte Hofkellereihumpen des 17. Jahrhunderts und geschnittene Gläser des 18. Jahrhunderts vor allem aus Sachsen, verschiedene Metall- und Keramikarbeiten aus unterschiedlichen Museen, Rüstungsteile, Gewehre, Pistolen, Säbel und die vielen prächtigen Schuhe vom 15. bis zum 18. Jahrhundert aus dem Historischen Museum in Dresden sowie Miniaturen, Bergkristall- und Elfenbeinarbeiten aus dem Grünen Gewölbe.

Die Elfenbeingruppe Herkules und Omphale und die vier kleinen Figuren der Jahreszeiten von Balthasar Permoser bei Arbeitsbeginn morgens zu sehen, einzeln in die Hand nehmen zu dürfen und für Dresden zurückzuerhalten, war für mich eines der unvergesslichen Erlebnisse während meines Aufenthaltes in Moskau. Bewundert habe ich ebenfalls die kunstfertigen Elfenbeindrechseleien des frühen 17. Jahrhunderts und die vielteilige Fregatte, die Neptun über seinem Haupt wie eine übergroße Krone empor reicht. Das Schiff nebst Sockelgruppe, von Jakob Zeller gefertigt, beschäftigte uns viele Stunden. Wir mussten lange prüfen, ob alles in Ordnung und vorhanden war. Auch das Verpacken erwies sich als schwierig.

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Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den sowjetischen Kollegen?

Gisela Haase: Die Verständigung war nur in Russisch möglich. Wie uns mitgeteilt wurde, waren Dolmetscher für die deutschen Experten extrem teuer und wurden nur vereinzelt – beispielsweise für die Arbeitsgruppe Schatzkammer – genehmigt.

Ich hatte das Gefühl, dass viele der russischen Kollegen über die sogenannten Beute-Kunstwerke nicht sonderlich gut informiert waren. Fragen danach behandelte man stets mit außerordentlicher Zurückhaltung. Das galt sowohl für den Abtransport der Kunstschätze nach dem Krieg durch die sowjetischen Trophäenorganisationen als auch für die Aufbewahrung in diversen Depots an verschiedenen Orten Russlands. Genaue Informationen über die unzähligen 1945 nach Russland verbrachten Kunstwerke aus deutschen Sammlungen erhielten die russische Bevölkerung und sicherlich auch Fachkollegen erst durch die jeweils in Moskau und Leningrad ab dem 7. August 1958 gezeigten Ausstellungen.

Haben Sie sich nach 1958 und später in Ihrer Eigenschaft als Direktorin des Kunstgewerbemuseums noch weiter mit dem Thema Kriegsverluste beschäftigt?

Gisela Haase: Dem Thema „Verluste“ widmete sich im größeren Umfang wohl erstmals 1963 der stellvertretende Generaldirektor Hans Ebert in seinem Katalog „Kriegsverluste der Dresdener Gemäldegalerie. Vernichtete und vermisste Werke“. Auch in anderen Ausstellungskatalogen, wie beispielsweise solchen aus dem Kunstgewerbemuseum, wurde auf Verluste der verschiedenen Sammlungsabteilungen hingewiesen und verlorengegangene Gegenstände abgebildet. Nach der Wende zählte die Feststellung der Verluste von Kunstgut im Krieg, danach und durch die Trophäenorganisationen, d. h. der noch nicht von Russland zurückgegebenen Kunstwerke, Bücher etc., zu einem Schwerpunkt der Museumsarbeit. Die 1995 von Konstantin Akinscha und Grigori Koslow herausgegebenen Ausführungen zur „Beutekunst. Auf Schatzsuche in russischen Geheimdepots“ begründeten für uns die Hoffnung auf eventuell weitere Rückführungen vermisster Kunstwerke. 1998 machte die Ausstellung im Dresdener Schloss „Zurück in Dresden“ sehr augenscheinlich auf dieses Problem aufmerksam.

Welche Bedeutung hatte die große Rückgabeaktion von 1958 für Ihr persönliches Leben?

Gisela Haase: Die Rückgabe der 1945 nach der Sowjetunion verbrachten deutschen Kunst- und Kulturgüter war für mich als Kunsthistorikerin nicht nur ein außerordentlich positives Ereignis, sondern brachte auch für meinen beruflichen Werdegang einen während meines Studiums in Berlin kaum geglaubten Gewinn: Die Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Staatlichen Kunstsammlungen in meiner Heimatstadt Dresden. Die Aktion war meine erste praktische Begegnung mit den verschiedenen Gattungen angewandter Kunst, die mich dann von 1961 bis zu meinem Ausscheiden aus dem Dresdner Kunstgewerbemuseum im Jahre 2000 und bis zum heutigen Tage faszinieren und beschäftigen.

Frau Haase, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Dr. Anne Kuhlmann-Smirnov

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe „Kriegsverluste deutscher Museen“.

Dr. Ralph Jaeckel

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe „Kriegsverluste deutscher Museen“.