Deutsch-Russischer Museumsdialog

Rückgabe von NS-Raubgut

125 Bände aus der Zarenbibliothek Pawlowsk, vom NS-Sonderkommando Künsberg 1941 aus dem Zarenschloss geraubt, werden von der Familie von der Schulenburg an Schloss Pawlowsk bei St. Petersburg auf der 4. Jahrestagung des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs zurückgegeben.

Bei der Zusammenarbeit einer Forschungsgruppe der Kulturstiftung der Länder mit Mitarbeitern des Schlossmuseums Pawlowsk bei St. Petersburg gingen die Wissenschaftler des Projekts „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ erneut dem Schicksal der Bücher nach, die aus dem Schloss während des Krieges von deutschen Sonderkommandos geraubt wurden. Dabei griffen die Forscher auf Dokumente zurück, die die Übergabe von 170 Büchern durch das Sonderkommando Künsberg an den früheren deutschen Botschafter in Moskau Friedrich Werner von der Schulenburg im Jahre 1942 belegen. Vor dem Hintergrund der Recherchen des Deutsch-Russischen Museumsdialogs kam es zu einer Kontaktaufnahme der Süddeutschen Zeitung mit den Nachfahren Friedrich Werner von der Schulenburgs: Dort wurde entdeckt, dass sich der Bestand noch heute bei der Familie befindet. Sofort entschied sich die Familie zur Restitution der Bücher an Schloss Pawlowsk. Alexei Gusanow, Hauptkonservator des Schlossmuseums Pawlowsk, nimmt die verschollen geglaubten Bücher am 18. November in Leipzig auf einem Festakt am Abend der 4. Jahrestagung des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig entgegen. „Auch wenn es nur eine Geste der Versöhnung fernab einer Wiedergutmachung sein kann: Die Rückgabe der Pawlowsker Bestände zeigt, welche konkreten Ergebnisse der intensive und kollegiale Austausch russischer und deutscher Wissenschaftler hervorbringen kann“, sagte Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder.

Rückgabe in Leipzig: Alexej Gusanow vom Schlossmuseum Pawlowsk (rechts), Stephan Graf von der Schulenburg,
Rückgabe in Leipzig: Alexej Gusanow vom Schlossmuseum Pawlowsk (rechts), Stephan Graf von der Schulenburg,

Das NS-Sonderkommando Künsberg war wie andere Organisationen des NS-Staates mit der „Sicherstellung“ und Beschlagnahmung von Kulturgütern in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkrieges beauftragt. Dabei unterstand das Sonderkommando unmittelbar dem Reichsaußenminister und hatte von Beginn des Krieges an die Aufgabe, insbesondere Akten, Bücher und Karten, die für die Außenpolitik des Deutschen Reiches von Belang sein könnten, zu beschlagnahmen. Dem Sonderkommando Künsberg oblag „die Übernahme und Sicherstellung“ der Bibliotheken in den Zarenschlössern Gatschina, Zarskoe Selo und Pawlowsk vor Leningrad (St. Peterburg) unmittelbar nach ihrer Eroberung im Herbst 1941. Aus dem Schloss Pawlowsk wurden nach Angaben des Kommandos ca. 12.000 Bände abtransportiert. Der Gesamtumfang der von dem Sonderkommando in der Sowjetunion geraubten Bücher und Unterlagen lag bei über 300.000 Werken. Im März 1942 wurde in der Berliner Hardenbergstraße für einen ausgewählten Kreis von NS-Größen eine Ausstellung der Künsbergschen Beschlagnahmungen organisiert. Dort erhielt der frühere deutsche Botschafter in Moskau (bis zum Angriff auf die UdSSR, 22. Juni 1941), Friedrich Werner von der Schulenburg, die Möglichkeit, sich Bände aus der Bibliothek des Schlosses Pawlowsk auszuwählen, darunter u. a. eine Gesamtausgabe von Lessing, historische Abhandlungen, Erinnerungen des Generals Lafayette, Briefe von Mirabeau und von Marie Antoinette. Schulenburg bedankte sich in einem überlieferten Brief und fügte hinzu, er wäre glücklich, wenn man bei weiteren Büchern an ihn denken würde.

Bereits in den 1990er Jahren wurden die aufgefunden Dokumente von der Universität Bremen publiziert. Doch erst nach weiteren Forschungen des Projekts „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ unter wissenschaftlicher Leitung von Professor Wolfgang Eichwede konnte die Süddeutsche Zeitung den überwiegenden Teil der 1942 geschenkten Bücher nun im Besitz der Familie Schulenburg lokalisieren. Schulenburg versah damals keines der Pawlowsker Bücher mit seinem Exlibris. Als späterer Kritiker der nationalsozialistischen Ostpolitik wurde Schulenburg zunächst auf einen Posten ohne Einfluss versetzt und schließlich als einer der Beteiligten des gescheiterten Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Das Gros der Pawlowsker Bestände wurde 1942 dem „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ übergeben, um in die Bibliothek der geplanten Hohen Schule der NSDAP überführt zu werden, die nach Tanzenberg in Kärnten ausgelagert wurde. Dort wurden sie gemeinsam mit ca. einer halben Million weiterer geraubter Bücher von britischen Truppen entdeckt, die ihre Rückgabe von Mai 1946 an in die Sowjetunion organisierten.

Die Initiativen der Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – der „Deutsch-Russische Museumsdialog“ in der Geschäftsführung von Dr. Britta Kaiser-Schuster und der „Deutsch-Russische Bibliotheksdialog“, angesiedelt bei der Staatsbibliothek zu Berlin und der Rudomino-Bibliothek für ausländische Literatur in Moskau – klären über den Verbleib kriegsbedingt verlagerter Kulturgüter auf. Seit 2008 werden Transportlisten sowjetischer Trophäenbrigaden ausgewertet, seit 2009 werden ehemalige deutsche Sammlungen in russischen Bibliotheken und Museen rekonstruiert, Bestandskataloge werden veröffentlicht, oder – wie im Jahr 2012 in Perm – die Rückgabe russischer Buchbestände aus Deutschland begleitet.