Stipendium für junge Künstler

Reisen bildet

Das Stipendium der Kulturstiftung der Länder für junge Künstlerinnen und Künstler kommt nach 15 Jahren zum Abschluss.

von Dr. Philipp Demandt

„Und ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt“, sagte Maren Ade, Autorin und Regisseurin, als man ihr 2010 das Stipendium der Kulturstiftung der Länder offerierte. „So etwas“ – das war ein mehrmonatiges Reisestipendium für junge Künstlerinnen und Künstler, das weitgehend frei war von Auflagen. Keine Bewerbungen, keine Vorstellungsrunden, keine Juryentscheidungen. Statt dessen: eine Kulturstiftung, die reich an Verbindungen in alle Sparten der Kunstförderung war und von sich aus – wie auf Empfehlungen – junge Künstler ansprach und versuchte, ein oftmals langersehntes
(Reise-) Ziel in greifbare Nähe zu rücken.

Die Villa Decius in Krakau – Ein privater Mäzen hatte dies seit 1997 möglich gemacht. Sieben ganze Worte hatten ihm gereicht, um seine Ziele kurz und klar zu formulieren: „internationale und interkulturelle Förderung junger Künstler“, kurzum „Völkerverständigung“. Was aber alles steckt dahinter!
Die Villa Decius in Krakau – Ein privater Mäzen hatte dies seit 1997 möglich gemacht. Sieben ganze Worte hatten ihm gereicht, um seine Ziele kurz und klar zu formulieren: „internationale und interkulturelle Förderung junger Künstler“, kurzum „Völkerverständigung“. Was aber alles steckt dahinter!

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer, dem Ende des Eisernen Vorhangs, wurde offenbar, wie wenig immer noch die jüngere Generation von ihren Nachbarn wusste – und wie wünschenswert und wie befruchtend neuer Austausch sich gestalten könnte. Die gefährlichsten Weltanschauungen besäßen immer diejenigen, die die Welt nie angeschaut hätten, hat Alexander von Humboldt schon bemerkt, und Mark Twain setzte hinzu: „Reisen ist tödlich – für Vorurteile.“

So ging es dem privaten Stifter von vornherein um mehr als nur um Reiseziele. Osteuropa stand denn auch von Anfang an auf der Agenda der Kulturstiftung: Mit der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, 1991 durch Regierungsabkommen beider Länder ins Leben gerufen, war ein Partner gefunden, der nicht nur gleichfalls fördernd, sondern auch mit seinem Netzwerk helfen konnte. Und mit der Villa Decius in Krakau war kurz zuvor ein Ort (wieder)entstanden, der Stipendienaufenthalte, ganz besonders für Autoren, ideal gestalten konnte.

Erbaut im frühen 16. Jahrhundert als italianisierender Renaissance-Palazzo, im wechselnden Besitz der feinsten polnischen Familien, dann als Armeequartier, Gestapo-Zentrale und Tuberkulose-Klink zweckentfremdet, war die Villa selbst ein Brennglas aller Wechselfälle polnischer Geschichte. Seit 1995 nun fungiert sie als ein Zentrum für den Dialog zwischen den Nationen in Europa, will Brücken schlagen zwischen den Kulturen. Schon der Bau des Hauses ab 1530 hatte dies getan: drei Architekten aus Italien, die in Krakau ein „Paradies auf Erden“ schaffen wollten. Mit Erfolg – und sogar ein wenig übers Ziel hinaus: „Ich habe mich in meiner Villa-Zeit immer ein wenig wie in Italien gefühlt“, so der Stipendiat Paul-Richard Gromnitza, „dazu muss ich gestehen, dass ich erst im letzten Jahr eine Italienreise unternommen habe – und ziemlich enttäuscht war.“

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Und doch war die Villa Decius bei aller Schönheit und Idylle immer auch ein Ort der Begegnung mit Polen gestern und heute. So schrieb der Filmemacher Robert Thalheim, 2005 mit seinem Spielfilmdebüt „Netto“ bekannt geworden, im selben Jahr sein Drehbuch für das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF in Krakau. Zehn Jahre zuvor hatte Thalheim seinen Zivildienst in Krakau abgeleistet und traf nun auf eine Stadt, die sich sehr verändert hatte: jünger, lebendiger, nach vorne schauend und nicht mehr nur um den Glanz vergangener Zeiten trauernd. In „Am Ende kommen Touristen“ erzählt Thalheim von einem jungen Zivildienstleistenden in Auschwitz, der Vergangenheit und Jetztzeit zu bewältigen sucht – „ein Lehrstück über eine mögliche deutsch-polnische Normalität fern aller Betroffenheitsplatitüden“, so das Lexikon des internationalen Films über das 2007 verfilmte Skript.

Nicht nur der Austausch mit Land und Leuten, sondern auch mit anderen Stipendiaten sei ihm wichtig gewesen, schrieb Thalheim in seinem Abschlussbericht für die Kulturstiftung der Länder – unter eben diesen finden sich über die Jahre hinweg oft Namen, die man heute kennt: etwa Juli Zeh und Armin Petras, Martin Pollack und Tilman Ramstedt, Ingeborg-Bachmann-Preisträger 2008.

Neben Aufenthaltsstipendien am Deutschen Haus in New York konnte die Kulturstiftung auch mehrmonatige Reisen an Künstler vergeben, deren Medium das Bild ist – auch das eigene: Maler oder Illustratoren, Fotografen, Bildhauer oder Schauspieler. Die Reiseziele waren dabei so individuell wie die Reisenden selbst.  Während es die Schauspielerin und Autorin Eva Löbau unter anderem nach Sarajevo zog, wünschte sich der Bildhauer Bertrand Freiesleben die Gelegenheit zum intensiven Studium der italienischen Renaissance. Inzwischen als Porträtist von Türstehern bis zu Bundespräsidenten erfolgreich, zog es Freiesleben über Wochen zu Michelangelo, den umfassend zu begreifen er sich vorgenommen hatte.

Der Siebenbürgener Maler Miron Schmückle wiederum, den präzise Beobachtung und geradezu altmeisterliche Darstellung der Natur beschäftigen, wünschte sich eine Auseinandersetzung mit den Traditionen flämischer Kunst ebenso wie mit modernen Museumsinszenierungen in New York. Und die Kunstvereine von Schwerin und Loitz in Mecklenburg erhielten die Möglichkeit, Künstler besonders aus dem baltischen Raum zu Arbeitsaufenthalten einzuladen – und neben Ausstellungen ihrer Werke so auch den Austausch mit den östlichen Nachbarn zu intensivieren.

Anderthalb Jahrzehnte nach dem Start des Stipendienprogramms kommt dieses – nach mehrmaliger Verlängerung – nun zu einem erfolgreichen Ende. Großer Dank gebührt dem Stifter, der so großzügig war wie er anonym bleiben möchte. So hat die Gewinnerin des Silbernen Bären auf der Berlinale 2009 das letzte Wort: „Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich vermutlich zwei Jahre gebraucht, um mit etwas Neuem zu beginnen“, schrieb Maren Ade nach ihrer Reise nach Paris, Lissabon und Bukarest. „Ich konnte etwas Seltenes erleben – das Gefühl von Freiheit.“

Dr. Philipp Demandt

ist Direktor des Städel Museums, des Liebieghauses und der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main.