Publikationen

Masken der Südsee

Mit der Hans Meyer-Sammlung aus dem Bismarck-Archipel kann das Ethnologische Museum in Berlin jetzt seltene Zeugnisse der Kunst und Kultur Melanesiens präsentieren

von Johannes Fellmann

Tatanua-Maske, Nördliches Neu­irland, Holz, Turbodeckel, Rotang, Rindenbaststoff, Bananenfasern, Kokosfaser, Perlen, 40×23×40 cm

Durchdringende Warnrufe kündigen die Maskenmänner schon von Ferne im Dorf an, rasend vor Angst flüchten seine Bewohner mit schrillem Geschrei in ihre Hütten. In Gruppen marodieren die Maskierten durch die Ansiedlung, mit hohen Sprüngen gleich übergroßen Vögeln, ihre Muschelklappern rasseln furchteinflößend. Unerkennbar sind sie hinter einem Blätterkleid verborgen, in ihren eindrucksvollen Masken gieren die dämonenartigen Wesen nach Gaben für die Geister – und die Eindringlinge werden vor jeder Hütte fündig: Kokosnüsse und Bananen, Tabak und auch Muschelgeld wandern in ihren Besitz – denn alles wird ihnen dargeboten, um sie zu besänftigen.
Die Maskenträger sind Männer aus benachbarten, befreundeten Dörfern, die hier zu – von den Bewohnern bestellten – Protagonisten eines Totenkults werden. Solche Szenen berichten Reisende noch Anfang des 20. Jahrhunderts aus Neuirland, der zweitgrößten Insel des Bismarck-Archipels. Im weiten Ozean verstreut liegen die Eilande Melanesiens nordöstlich von Australien, im tiefen Grün ihrer üppigen Vegetation ragen die zumeist gebirgigen Inseln aus dem Meer auf. Vom Äquator bis zum Wendekreis des Steinbocks erstreckt sich das Inselreich als Teil von Ozeanien: feucht-heiße Tropen, die kaum Jahreszeiten unterscheiden lassen, zahlreiche Vulkane und dichter Regenwald, in den Bergen kalt, an den Küsten und Niederungen schwüle Hitze. Hier, nordöstlich von Neuguinea, am schein­baren Ende oder Anfang der Welt lebten die Menschen noch weitgehend wie in der Jungsteinzeit, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal Europäer in größerer Zahl von Bord ihrer Schiffe gehen. Koloniale Bestrebungen hegte das Deutsche Reich, das dort 1884 Gebiete besetzte, britische und deutsche Handelsinteressen kreuzten sich in dem den Besatzern herrenlos erscheinenden Archipel. Neben der Errichtung von Plantagen und einer bald folgenden intensiven Missionstätigkeit verschiedener Konfessionen setzte rasch auch ein schwunghafter Handel mit Ethno­graphica ein. Die in prächtigen Farben und reichen Ornamenten schwelgenden Kunst- und Kult­objekte der Bewohner wurden zum begehrten Exportgut für europäische Museen und private Liebhaber der exotischen Werke.

Die erste europäische Darstellung von Neuirland: drei Männer auf Haifischfang in einem Boot, 1643. Stich nach einer Zeichnung von Isaac Gilsemans, Kaufmann und Künstler auf einem Schiff eines niederländischen Seefahrers

Aus der Sammlung des umtriebigen Ethnographica-Händlers Johann Friedrich Gustav Umlauff (1833–1889) kamen die meisten Objekte wohl direkt in den Besitz des Verlegers, Geographen und Forschungsreisenden Hans Meyer (1858–1929), der als großzügiger Mäzen Museen wie die Kunstkammer Peters des Großen, das Wiener oder das Leipziger Völkerkundemuseum mit Objekten fremder Kulturen bedachte. Für Leipzig waren es bis zu Meyers Tod rund 60 teils selbst gesammelte, teils erworbene Sammlungen, die er 1907 endgültig dem Museum schenkte – nur für das herausragende Konvolut der Masken und Zeremonial­gegenstände aus dem Bismarck-Archipel, das sich seit 1902 als Leihgabe in Leipzig befand, und für eine Sammlung von Altertümern aus Benin formulierte der zielstrebige Sammler damals einen Eigentumsvorbehalt.

Matua-Maske, Nördliches Neuirland, Holz, Turbodeckel, Rotang, Rindenbaststoff, roter Baumwollstoff, blaue Wollfäden, 72×40×41 cm. Am Kopf der Maske sitzt ein Nashornvogel, aus dessen Schnabel ein sich bis zur Nase erstreckender Fisch ragt. Aus den Nasenlöchern ragen Eberhauer hervor

Im Jahr 2001 konnte die Benin-Sammlung schließlich von den Erben Meyers durch das Leipziger Museum erworben werden, bei der Sammlung des Bismarck­-Archipels, von der nach schmerzlichen Kriegsverlusten noch 81 Objekte erhalten waren, entschied sich das Berliner Ethnologische Museum gemeinsam mit dem Museum für Völkerkunde zu Leipzig zum Erwerb der Kunstwerke – Masken, Bildsäulen, Wandfriese, Tanz-Mundstücke, Ahnenfiguren und Ritualgeräte zumeist aus Nord-Neuirland. In jahrelanger Arbeit sind die wertvollen Stücke dort nun behutsam restauriert worden. Die verschiedenen flüchtigen Materialien und die empfindliche Bemalung der Objekte sowie der Umgang mit Altrestaurierungen machten die konservatorischen Arbeiten besonders spannend: Im unlängst erschienenen Band 221 von Patrimonia, der Schriftenreihe der Kulturstiftung der Länder, wird die Sammlung nun erstmals vollständig und ausführlich vorgestellt. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Stücke vor 1882 gesammelt wurden und damit zwischen 1870 und 1880 hergestellt wurden, was sie zu den frühesten erhaltenen Stücken aus dieser Region in Museen überhaupt macht.

Ethnologen tappten weitgehend im Dunkeln bei der Entschlüsselung der rituellen Kunstgegenstände, man rätselte über verborgene Bedeutungen der üppigen Bemalungen, der dargestellten Tierkampfszenen und der kunstvollen Schnitzereien der Masken, Figuren und Bildfriese. „Denn sie sind so stumm, fast so schweigsam wie die dunkelbraunen Künstler, die sie angefertigt haben“, schreibt Augustin Krämer im Jahr 1925 verzweifelt. „Das ist eine Schlange, das ist ein Vogel und das ist ein Fisch“, antworteten die heimischen Künstler irritiert auf bohrende Fragen deutscher Ethnologen nach verborgenen Mythen oder Sagen. Noch zu wenig wusste man über die Traditionen Melanesiens, kulturelle Einflüsse waren kaum erforscht. Zudem wurde das Zusammentragen der Objekte nur lückenhaft dokumentiert, meist zufällig entstand der lokale Kontakt. Oft verstellte wohl auch die europäische Vorstellung vom künstlerischen Meisterwerk, das aus sich selbst heraus wirkt, den Blick auf das eigentliche Wesen der Objekte als ein erst im Kult lebendiges Kunstwerk.
Diese Kunstwerke waren die Hauptakteure einer vielschichtigen rituellen Handlung: Erst in der Performance der oft tagelangen religiösen Feste zum Totengedenken, auch zur Initiation von Knaben oder bei ero­tisierenden Tänzen wurden die Werke zu magischen Objekten transformiert, in einer Pantomime zur Musik der Schwirrhölzer, Trommeln und Flöten, begleitet von den exaltierten Reaktionen der Zuschauer.

Maske mit großen federartigen Flügeln und daran anschließenden Ohrläppchen, Nördliches Neu­irland, Holz, Turbodeckel, 60×30×19 cm. Durchbohrungen am oberen Rand zeugen noch von einer ursprünglichen Haube der Maske, die sich keinem der üblichen Maskentypen von Neuirland zuweisen lässt

Hans Meyer interessierte sich schon damals mehr für den Variationsreichtum des sogenannten Malangan-Totenkults: Die zahlreichen Varianten seiner erhaltenen Malangan-Objekte offenbaren die hohe ornamentale Bandbreite und die malangan-typische „Turbulenz der Formen und Stile“ (Waldemar Stöhr). Die Künstler Neuirlands greifen auf ein enzyklopädisches Wissen über Maskentypen, Muster und Farbwirkungen zurück, erschaffen wurde nicht nach Vorbildern, sondern aus der künstlerischen Imagination. Die Künstler konnten, oftmals im Kontext von Masken- und Geheimbünden, in einem weiten Rahmen Motiv und Ausarbeitung selbst gestalten – erwünscht waren starke Farbigkeit, Brillanz und Frische der Masken. In der Zusammenschau der stilistischen Vielfalt erhellt sich so etwas wie eine künstlerische Grammatik. Man nimmt an, dass die schriftlosen Kulturen in den Ornamenten Chiffren und Symbole einer Stammeskultur erkannten. In den Ritualen drückte sich das Verhältnis der Menschen zum Kosmos, zu ihren Vorfahren und den schöpferischen Kräften aus. Ahnenverehrung und Totenkult, aber auch ein Prestigebedürfnis der trauernden Angehörigen waren die Triebfeder für die opulenten, bizarr wirkenden Kunstwerke. Die Schnitzwerke thematisieren den immerwährenden Wechsel von Leben und Tod, rekurrieren auf urzeitliche Vorstellungen der Menschen über mythische Wesen und Schöpfergestalten; darüber hinaus zeigen sie wohl auch Sippengeister in Gestalt von Schweinen, Fischen und Schlangen – oder auch in Gestalt von Vögeln wie dem häufig anzutreffenden Nashornvogel, der auch als Totenvogel fungiert. Für die filigranen Schnitzarbeiten mit vielen Durchbrüchen nutzten die Künstler ein Steinbeil, Zähne von Beuteltieren oder Haifischen und geschärfte Stein­splitter zum Bearbeiten des weichen Holzes. Muschelschalen wurden zum Glätten und Polieren verwendet, raue Haut von Haien und Rochen diente als Feile. Farben wie Weiß gewann man aus gebranntem Korallenkalk, Schwarz aus verkohlten Nussschalen, Rot aus eisenhaltiger Erde, Gelb aus Pflanzensaft.
Im Ethnologischen Museum in Berlin verfügt man heute mit der Sammlung Hans Meyers über einige der ältesten erhaltenen Werke aus Nord-Neuirland. Zusammen mit dem eigenen reichhaltigen Südsee-Bestand, der 1876 begründet wurde und auch auf eine erste ethnologische Südsee-Expedition des Berliner Museums ab 1907 zurückgeht, wird der Südsee-Kosmos der Maskenkunst und der kultischen Feste dort nun reicher denn je lebendig gehalten. 

--
Ethnologisches Museum – Staatliche
Museen zu Berlin
Arnimallee 27, 14195 Berlin
Telefon 030 - 8301-438
www.smb.museum/em