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Zwischen Schlössernacht und Industriekultur

Kulturland Brandenburg – da denkt man vor allem an die Landeshauptstadt Potsdam mit ihren herrlich an der Havel gelegenen Schlössern und Gärten. Wer mit wachen Augen durch das Land fährt, macht jedoch auch in der Uckermark oder der Lausitz wunderbare Entdeckungen. Und es empfiehlt sich immer noch, Theodor Fontanes „Wanderungen“ dabei im Gepäck zu haben. / Frank Pergande

Die Fiedler-Kommode, ein frühklassizistisches höfisches Möbel für Schloss Rheinsberg von Johann Gottlob Fiedler; erworben mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder

Wer das Kulturland Brandenburg kennenlernen möchte, der muss zuerst nach Potsdam fahren. Nach Sanssouci, dem Lieblingsschloss des großen Königs. Dort steht etwa der Schreibtisch von Friedrich II. (1712-1786). Er wurde 1746 in Paris gefertigt, ist mit Satinholz furniert und mit vergoldeten Bronzen, zwei Jünglings- und zwei Mädchenköpfen, verziert. Er steht im Schloss Sanssouci, im Schlafzimmer des Königs, das praktischerweise auch sein Arbeitszimmer war. Vor einigen Jahren wurde der Schreibtisch an die Erben seines einstigen Eigentümers restituiert. Die Hohenzollern hatten ihn in den 1920er Jahren an den Kunsthändler Oppenheimer verkauft und die Nationalsozialisten später seine Rückgabe erpresst. Nicht zuletzt dank der Hilfe der Kulturstiftung der Länder konnte die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg den Schreibtisch zurückerwerben.

Nicolas Lancret, Porträt der Tänzerin Maria Sallé, mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder durch die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg für Schloss Rheinsberg erworben

Potsdam ist der Mittelpunkt der Kulturlandschaft Brandenburg, herrlich gelegen an der Havel. Jeder Meter Boden erinnert hier an die große Zeit Preußens. Vor allem aber an den großen König. Gleich neben seinem Lieblingsschloss liegt er begraben. Manchmal legen Besucher Kartoffeln auf die Grabplatte. Unter Friedrichs Regiment kam die Kartoffel massenhaft in den märkischen Sand – und gedieh gut darin. Kartoffeln statt Blumen – ein hübsches Gleichnis für die Nüchternheit des Landes, in dem noch immer Pflichterfüllung mehr gilt als Lebenslust. Die Schlösserstiftung zählt – zusammen mit Branitz bei Cottbus, einem der Gärten von Fürst Hermann Pückler (1785-1871) – zu den ostdeutschen „Kulturellen Leuchttürmen“. Sie wirkt über zwei Bundesländer hinweg, Berlin und Brandenburg, und verwaltet zwanzig Museumsschlösser, neben Sanssouci auch Charlottenburg, Rheinsberg und neuerdings Schloss Schönhausen. Zu Hunderttausenden kommen die Besucher, das Publikum ist international. Die „Potsdamer Schlössernacht“ kennt man in Deutschland. Die Schlösser und Gärten sind der größte Schatz des Landes. Die DDR hatte versucht, den Geist des Ortes und die Erinnerung an Preußen zu zerstören. Später allerdings erkannte die SED-Führung, dass die sparsame Nüchternheit Friedrichs der eigenen Armseligkeit propagandistisch etwas aufhelfen konnte. Aber da waren die Reste des Schlosses in Potsdam schon beiseite geräumt (nur der Marstall blieb, heute das Filmmuseum), der Turm der Garnisonkirche gesprengt und in das Herz der Stadt Plattenbauten gesetzt. Die Sehnsucht nach dem alten Potsdam ist heute so groß, dass inzwischen aus dem alten Kutschstall das Haus für Brandenburgisch-Preußische Geschichte wurde und dank privater Spenden das Fortunaportal des Schlosses wieder steht, vielleicht bald auch wieder das Schloss wenigstens mit einer seiner Fassaden. Auch für den Turm der Garnisonkirche, in deren Gruft einst die Särge von Friedrich II. und seinem Vater Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) standen, wird Geld gesammelt.

In der Pesne-Galerie im Neuen Palais in Potsdam: das Porträt des Marchese Paolo Corbelli von Antoine Pesne von 1709

Vielleicht wäre Brandenburg heute tatsächlich nichts weiter als Potsdam, hätte Theodor Fontane (1819-1898) vor einem alten schottischen Douglas-Schloss nicht im Geiste Schloss Rheinsberg gesehen. So wurde die Idee der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ geboren. Bis heute wird mit Fontanes Büchern in der Hand durch Brandenburg gereist. Rheinsberg, in der DDR-Zeit als Krankenhaus verkommen, ist dank der Musikakademie und der Kammeroper im Sommer wieder ein Musentempel, wie er es unter Kronprinz Friedrich und später unter seinem Bruder Heinrich (1726-1802) war. Die Kulturstiftung der Länder half, die frühklassizistische so genannte Fiedler-Kommode für das Schloss zu erwerben, aber auch Nicolas Lancrets Porträt der Tänzerin Maria Sallé. Ebenso ist Paretz wiedererstanden, Schloss und Park als ländlicher Lieblingsort der Königin Luise (1776-1810). Dank Fontane sind viele brandenburgische Orte auch abseits der großen Straßen nie aus dem Gedächtnis verschwunden: Schloss Meseberg im Norden des Landes ist inzwischen Gästehaus der Bundesregierung. Schloss Neuhardenberg, nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) gebaut, gehört heute zwar dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband, wurde aber gerade dadurch zu einem ungewöhnlichen kulturellen Ort. Unter den „Kulturellen Gedächtnisorten“ in den neuen Bundesländern werden für Brandenburg nur drei genannt: das Theodor-Fontane-Archiv in Potsdam, dem die Kulturstiftung der Länder gerade half, ein Konvolut von Briefen an Sohn Theo zu erwerben, das Museum für den in Frankfurt (Oder) geborenen Dichter Heinrich von Kleist (1777-1811) und das Museum für Gerhart Hauptmann (1862-1949) in Erkner, wo der Dichter vier Jahre lang gewohnt hat. Ist die Mark Brandenburg doch nur eine Streusandbüchse, in der außer Kiefern und Kartoffeln nicht viel gedeiht, schon gar kein Geist? In der Tat, das Land ist nichts aus sich selbst heraus. Ihm fehlten dafür auch alle Voraussetzungen. Es gedieh am besten unter dem aufgeklärten Absolutismus. Es bedurfte der Anregungen von außen, wie es selbst Fontane in Schottland ergangen war. Diese Anregungen kamen aus Frankreich, kamen durch Einwanderer wie die Hugenotten. Aber auch durch den Zwang, den die Großstadt Berlin ausübte, die von brandenburgischen Feldern versorgt sein wollte – nicht nur mit Beelitzer Spargel, Teltower Rübchen oder Obst aus dem Havelland. Nur das Militär war etwas, das gleichsam dem märkischen Sand entwachsen schien. Die ersten Kapitel der „Wanderungen“ schrieb Fontane über seine Heimatstadt Neuruppin, die vielleicht märkischste Stadt überhaupt. Nach einem Großbrand wurde sie unter Friedrich Wilhelm II. (1744-1794) generalstabsmäßig neu aufgebaut. Neuruppin war schon immer Garnisonstadt. Man kann Brandenburg nicht beschreiben ohne seine militärische Vergangenheit. Sie begann mit dem Großen Kurfürsten (1620-1688) und endete mit dem Abzug der sowjetischen Truppen in der DDR. Die Kasernen und Übungsplätze zogen sich als Ring um Berlin. Neuruppin im Norden gehörte dazu genau wie Wünsdorf im Süden, wo zuletzt das Kommando der sowjetischen Streitkräfte in der DDR saß. Kein anderes Bundesland hat derart mit der Umwandlung militärischer Liegenschaften zu tun wie Brandenburg. In Potsdam wurde durch die Bundesgartenschau 2001 das Bornstedter Feld als Wohngegend und Park für die Stadt zurück gewonnen. Die brandenburgische Landesregierung sitzt in einer ehemaligen Kaserne genau wie der Landtag. In Wünsdorf – unter den Russen eine »Verbotene Stadt« – erhebt sich noch immer ein Lenin, und es gab nach dem Truppenabzug derart viel Platz, dass hier nicht nur eine „Bücherstadt“ und ein Museum entstanden, sondern auch Landesbehörden angesiedelt wurden, das Landesamt für Denkmalpflege etwa. Fontane beschreibt auch jene Stadt, die der Gegend den Namen gab: Brandenburg an der Havel. Vor wenigen Wochen wurde dort im Paulikloster das Archäologische Landesmuseum eröffnet. Es dorthin zu geben, war eine strukturpolitische Entscheidung, etwas sehr Preußisches also. Brandenburg war eine bedeutende Stadt mit dem Dom und der Ritterakademie, dem Roland und dem Altstädtischen Rathaus. Und doch wirkt die Stadt heute wie ein Stiefkind der Mark.

Kultur in Kraftwerk und Kloster

Blick in das Foyer des Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus, neueröffnet im Mai 2008. Der Berliner Künstler Paco Knöller gestaltete die Eingangssituation des Gebäudes – eine vierteilige Pforte mit einer auf Glas gedruckten Arbeit aus der Werkgruppe „Yuán“. Das Kunstprojekt wurde mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder finanziert.

Etwa 350 Museen gibt es im Land. Ein Großteil von ihnen erzählt die Industriegeschichte, die oftmals erst mit der DDR endete. Im Industriemuseum der Stadt Brandenburg steht der letzte Siemens-Martin-Ofen Westeuropas. Ihn erklären Leute, die ihn noch bedient haben. In der Lausitz entstand in den vergangenen Jahren um Lauchhammer herum eine Route der Industriekultur. Die Biotürme der alten Kokerei – hier wurde Koks aus Braunkohle hergestellt – sind im Juli dieses Jahres nach der Sanierung als einzigartige Industriedenkmale erlebbar. Für das Kunstgussmuseum Lauchhammer konnte mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder die historische Modellsammlung der benachbarten Eisengießerei erworben werden. In Rüdersdorf entstand ein Museumspark, wo gezeigt wird, wie das Baumaterial für den Aufbau von Berlin gewonnen wurde. Das einst von Carl Blechen (1798-1840) gemalte Gebäude der Eisenspalterei in Eberswalde ist heute ein Atelier. In Cottbus wurde ein altes Dieselkraftwerk zur Kunstsammlung, welche die Kulturstiftung durch mehrere Ankäufe unterstützte. Dass das Dokumentationszentrum für DDR-Alltagskultur nach Eisenhüttenstadt kam, ist nur logisch. Das Eisenhüttenkombinat Ost war eine DDR-Gründung. Damals entstand auch die Stadt. Genau wie in Schwedt war das ein sozialistischer Versuch, Brandenburg zu industrialisieren. Sowohl das Eko als auch das ehemalige Petrolchemische Kombinat Schwedt, die heutige PCK Raffinerie GmbH, sind bis heute die wichtigsten Großbetriebe des Landes, sogar unter den alten Namen.

Die Biotürme in Lauchhammer dienten einst der Reinigung der Kokerei-Abwässer. Als herausragendes Zeichen der Industriekultur der Lausitz stehen die Türme heute unter Denkmalschutz.

Auch das gehört zur brandenburgischen Museumslandschaft: Das Zuchthaus in Brandenburg-Görden besteht seit den zwanziger Jahren. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier politische Häftlinge hingerichtet. Daran erinnert eine Gedenkstätte auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt. Brandenburg-Görden wie auch die Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern Sachsenhausen bei Oranienburg und Ravensbrück bei Fürstenberg erzählen das dunkelste Kapitel brandenburgischer Geschichte. In Sachsenhausen wird seit einiger Zeit mit einem Museum auch des von der sowjetischen Besatzungsmacht ein-gerichteten Speziallagers gedacht.

Die Mark ist reich an Schlössern, Herrenhäusern und Dorfkirchen. Gerade für ihre Dorfkirchen setzen sich viele Brandenburger ein, auch wenn die wenigsten einer Kirche angehören – für die Kirche in Lennewitz etwa mit ihrer Jugendstilausstattung, den achteckigen neogotischen Bau von Dannenwalde oder den prachtvollen Barock im uckermärkischen Boitzenburg. Gerade in Boitzenburg scheint es, als habe das nüchterne Land sich selbst vergessen wollen. Noch größer ist das Staunen für den, der nach Neuzelle im Südosten des Landes kommt. Das Kloster dort hat nichts von der Kargheit der Backsteinbauten in den brandenburgischen Klöstern von Chorin, Heiligengrabe oder Lehnin. Hier ist alles üppiger Barock. Das sieht süddeutsch, böhmisch aus. Und so ist es auch. Neuzelle kam erst 1817 zu Preußen. Heute ist das Stift Neuzelle eine Stiftung öffentlichen Rechts. 21 Millionen Euro sind bereits für die Wiederherstellung der Anlage ausgegeben worden. Bei der Restaurierung eines der Schätze des Stifts, der Passionsdarstellung in Form eines großen Kulissentheaters, will die Kulturstiftung der Länder helfen.

Die Ödnis der Mark ist also nichts als ein Vorurteil derjenigen, die nur Sand, Heide und Kiefern sehen wollen. Brandenburg ist ein stilles, weites und wunderbares Land. Oder um es mit einem Satz aus Fontanes Vorrede zu den „Wanderungen“ zu sagen: „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen wagte.“

Frank Pergande ist Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Norddeutschland.