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Die schlafende Preußenmadonna

- Links: Josef Grassi, Luise von Preußen, 1802, Rechts: So könnte er wieder aussehen: eine alte Aufnahme des Sarkophags der Königin Luise, geschaffen von Christian Daniel Rauch, 1811-1813
„Ich bin wie vom Blitz getroffen“, schrieb General Blücher auf die Nachricht vom Tod der jungen Königin und setzte resigniert hinzu: „Es ist doch unmöglich, dass einen Staat soviel aufeinanderfolgendes Unglück treffen kann.“ Längst nämlich wähnten sich die Preußen am Tiefpunkt ihrer Geschichte, bis sie der frühe Tod der Königin Luise im Juli 1810 eines Besseren belehrte. Die Niederlage gegen Napoleon 1806, die überstürzte Flucht der Königsfamilie nach Ostpreußen und das Friedensdiktat von Tilsit hatten das Land wirtschaftlich und moralisch schwer getroffen. Preußen verlor die Hälfte seines Staatsgebietes.
Als die Hoffnung auf einen milden Frieden schwand, ließ sich die Königin zu einem Bittgang zu Napoleon überreden. Dabei war der Hass der beiden aufeinander legendär: Eine „blutrünstige Amazone“ hatte der Korse seine „größte Feindin“ öffentlich genannt. Und diese sparte nicht mit Widerworten: Bonaparte, der „sich aus dem Kot emporgeschwungen“ hatte, war der „Teufel in Menschengestalt“. Das Gespräch endete jäh, als Friedrich Wilhelm III. in das Zimmer stürmte; zu lang war seine Frau mit Preußens Erzfeind schon allein gewesen. „Der König kam zur rechten Zeit!“, erzählte Napoleon nachher. „Wäre er eine Viertelstunde später hereingekommen, so hätte ich der Königin alles versprochen.“ Luise wurde zur Symbolfigur des deutschen Durchhaltewillens noch im Angesicht der größten Schmach.

- Johann Erdmann Hummel, Innenansicht des Mausoleums, um 1811
Schönheit und Volksnähe, ungekünsteltes Verhalten und eine für den Adel ungewöhnliche Liebesheirat hatten der jungen Mecklenburgerin die Sympathien des Bürgertums eingebracht, das seine Lebensweise in ihr verkörpert glaubte. Dieses Bild wurde um so wichtiger, als sich nach den Wirren der napoleonischen Kriege das Bedürfnis nach einer moralischen Instanz ganz und gar auf die Monarchin konzentrierte. Entschieden hatte Luise die preußischen Reformer Stein und Hardenberg gestützt. Die „Geburt der deutschen Nation“ heißt diese Zeit in den Geschichtsbüchern, eine Zeit, die das Bild des Staatsbürgers bis heute prägt, eine Zeit, in der die Königin von Preußen plötzlich stirbt.
Luises Tod am 19. Juli 1810 war für Preußen ein Schock, wie ihn das Land selten zuvor erlebt hatte. Am Tiefpunkt der wirtschaftlichen und moralischen Misere stirbt die einzige Lichtgestalt, erst Monate zuvor aus dem Exil zurückgekehrt. Schreckliche Szenen spielten sich an ihrem Sterbelager ab. Der König, die beiden ältesten Söhne, die Schwester Friederike, der Vater und sogar die Großmutter waren zugegen, als Luise im Schloss von Hohenzieritz, dem Landsitz ihres Vaters, nach tagelangem Todeskampf einem Lungenleiden erliegt, 34 Jahre alt. „Sie ist mein Alles!“, hatte ihr Mann zuvor geschrieben. „Wenn wir nur beisammen bleiben, dann ergehe über uns was Gottes Wille ist. Amen! Amen! Amen!“
„Man hörte aus dem Munde sonst ruhiger Bürger die fürchterlichsten Verwünschungen gegen den verhaßten Usurpator ausstoßen, der mit kaltem Hohn das Herz der Königin zum Tode verwundet hatte“, schrieb die Vossische Zeitung später. Und als bekannt wurde, dass die Obduktion einen organischen Fehler im Herzen zu Tage gebracht hatte, war der medizinische Beweis dafür erbracht, was jedes preußische Schulkind bis 1945 lernte: dass die Königin Luise an gebrochenem Herzen gestorben war, am Gram um ihr geschundenes Vaterland. „Louise sei das Losungswort zur Rache!“, rief Theodor Körner, der Heldendichter der Befreiungskriege.
Die tote Königin wurde zur politischen Herrschaftsressource. Und in der Tat gab der scheue, linkische Friedrich Wilhelm III., der „Melancholiker auf dem Thron“, in der Realität wie in der Phantasie der Menschen ein so erschütterndes Bild ab, dass er dem Volk sympathisch wurde. Er war der „trauernde Ritter, der seine verlorne Geliebte nimmer vergessen konnte“, schrieb Ernst Moritz Arndt, der im Witwer ein poetisches Ideal erblickte. „Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet“, erklärte Gneisenau 1811 dem König. Drei Jahrzehnte später schrieb Edgar Allan Poe: „Der Tod einer schönen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“
Ein Denkmal seiner Melancholie ersann der König für den Schlosspark von Charlottenburg. Entgegen der Tradition der Hohenzollernfamilie wollte er seine Frau nicht im Berliner Dom bestatten, sondern ihr ein eigenes Mausoleum bauen, einzigartig wie seine Liebe und sein Schmerz. „Der König lebt in keinem anderen Gedanken als dem dieses Monuments“, schrieb Wilhelm von Humboldt an den jungen Christian Daniel Rauch, Luises ehemaligen Kammerdiener, der in Rom der Bildhauerei nachging und eng mit Humboldts befreundet war. Nicht Schadow, nicht Canova und nicht Thorvaldsen sollten nach dem Willen Humboldts Luises Grabmal meißeln, sondern der nahezu unbekannte Rauch, der Humboldts Kunstgeschmack vollendeten Ausdruck gab. So wurden die größten Bildhauer des Kontinentes ausmanövriert. Statt dessen modellierte Rauch unter den Augen des Witwers das prominente Grabdenkmal; zur Ausführung in Marmor übersiedelte er nach Carrara und nach Rom. Entstehen sollte ein Meilenstein des deutschen Klassizismus und zugleich der Grundstein von Rauchs Karriere zum erfolgreichsten deutschen Bildhauer des 19. Jahrhunderts.

- Anton von Werner, Am 19. Juli 1870, 1881
Just am 30. Mai 1815, dem Tag, da der König vom Wiener Kongress, der Besiegelung der napoleonischen Ära, zurückkehrte, war das Denkmal in Charlottenburg vollendet aufgestellt. Konnte das ein Zufall sein? Sofort nach seiner Ankunft begab sich der König mit seinen Kindern in den Tempel. Da lag Luise in der Blüte ihrer Jahre. Eine antike Göttin, wie schlafend, in einem Gewand so dünn, dass sie fast wie nackt erschien; das diadembekrönte Haupt leicht zur Seite geneigt, ein Ausdruck der Zufriedenheit über dem Gesicht: Das Bildnis einer Frau, die das Leben noch vor sich hatte.
Kaum eine Vorstellung hat die Dichterherzen der vaterländischen Historiker seitdem mehr bewegt als die des traurigen Siegers, der von der feierlichen Erneuerung der alten Ordnung kam, für die Luise sich geopfert hatte, und seinen Lorbeerkranz nun auf ihr Grabmal legte.
Gleichwie es einer Frau zum letzten Mal vergönnt war, im Licht der Moderne eine Heilige zu werden, sollte es einem Kunstwerk letztmalig gelingen, zur Ikone zu werden, zum magischen Objekt. Hunderttausende besuchten und berührten jene Grabstatue, zumal die marmorne Luise alsbald an die Stelle der historischen getreten war. Denn dass Luise „statuenschön“ gewesen sei und von „hellenischem Geist“ erfüllt, dass sie „alabasterweiß“, ja wie „aus Marmor gebildet“ auf dem Sterbebett gelegen habe, konnte man allenthalben lesen. Das Denkmal zeigte nicht Luise. Es war Luise.
Ein merkwürdiger Zufall der Geschichte wollte es, dass die französische Kriegserklärung, die den dritten Einigungskrieg einleitete, Preußen am 19. Juli 1870 erreichte, dem 60. Todestag der Königin Luise. Während Bismarck den Reichstag in Kriegstaumel versetzte, fuhr der greise König Wilhelm, der seinem kinderlosen Bruder 1861 auf den Thron gefolgt war, zum Mausoleum seiner Mutter. Wie der Maler Anton von Werner die Welt später glauben machte, stand Wilhelm dort in stummer Andacht vor dem Bild der Frühverstorbenen, als ein Lichtstrahl auf ihr Haupt fiel, gleich so, als ob der Herrgott sie erwecken wollte. Der Allmächtige, so schien es, legte die Zügel von Wilhelms Schlachtross der Mutter in die Hand; die Befreiungskriege gingen gleichsam in die zweite Runde, verkürzt auf eine Familienangelegenheit: die Rache des Sohnes an Napoleon III., dem Neffen des „Mörders seiner Mutter“. Der Krieg gegen Frankreich wurde zum Duell um die männliche und nationale Ehre.
Als Wilhelm I. am 18. Januar 1871 in Versailles die ihm von den deutschen Fürsten angetragene Kaiserwürde annahm, war das ‚Erbe seiner Mutter’ endlich erfüllt. Ihr Grabdenkmal bestimmte Wilhelm schließlich auch zu seinem eigenen, nachdem bereits sein Vater sich zu Seiten seiner Frau in einer dazu vergrößerten Mausoleumshalle hatte bestatten lassen. Unter dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. wurde das Mausoleum im Geschmack der Zeit abermals erweitert und um die Sarkophagfiguren des verstorbenen Kaisers und seiner Frau Augusta sowie einer großen Statue des Erzengels Michael ergänzt.

- Das Mausoleum im Charlottenburger Schlosspark von Heinrich Gentz und Karl Friedrich Schinkel
Luises „Leben über den Tod“ hinaus geriet zum Gründungsmythos des deutschen Reiches sowie zur zentralen historischen Legitimation des preußischen Führungsanspruches. Die bürgerliche Begeisterung für die Kaisermutter kannte kein Halten mehr und setzte einen Kult in Gang, der in der deutschen Geschichte ohne Beispiel ist. Ungezählte Straßen und Plätze, Parks und Berge, Kirchen und Schulen, ja selbst Kriegsschiffe trugen den Namen der „edelsten Frau der deutschen Geschichte“. Ihr Todestag wurde als ‚Königin-Luise-Tag’ zu einem Familienfest für Millionen mit Kranzniederlegungen von Veteranenverbänden bis zu Frauenschwimmvereinen.
Zwei Weltkriege hat das Mausoleum der Königin Luise weitgehend unbeschadet überstanden, doch nagt an ihm der Zahn der Zeit. Alle Sarkophagfiguren und zwei große, hochbedeutende Marmorkandelaber von Rauch und Tieck müssen dringend restauriert und gereinigt werden, viele kleine Bestoßungen harren ihrer Behebung. Entnahmen, Hinzufügungen und damit Verfälschungen der Einrichtung – aus den 1960er Jahren – sollen beseitigt werden. Schließlich ist der ganze Innenraum des Tempels in einem problematischen Zustand. Moderne Klimatechnik fehlt, zahlreiche Bodenfliesen sind zertrümmert, Türen und Geländer sind beschädigt und brauchen Ergänzungen; zuletzt musste gar der Zugang zu Luises Tempel aus Sicherheitsgründen für Besucher eingeschränkt werden. Über 250.000 Euro werden gebraucht!
Ein ganzes Jahrhundert preußischer und deutscher Geschichte birgt das kleine Bauwerk zwischen dunklen Bäumen; vom privaten Denkmal großer Trauer wurde es zum Nationaldenkmal, zum Wallfahrtsort der „Preußenmadonna“ und schließlich gar zum Kaisergrab und Monument der Reichsgründung von 1871. Nirgendwo ist preußische und deutsche Geschichte von Napoleon bis Wilhelm II. auf engstem Raume unmittelbarer verdichtet als in Luises Tempel im Charlottenburger Schlosspark. Helfen Sie mit, dass das Grabmal der Königin Luise 2010 wieder in seinem einstigen Zustand präsentiert werden kann! Der Verein der Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten hat aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens 2008 die Restaurierung des Luisengrabmals zu seinem Jubiläumsprojekt gemacht und bittet herzlich auch um Ihre Unterstützung!
Bitte helfen Sie durch Spenden unter dem Stichwort „Luise“ auf die Konten der Kulturstiftung der Länder!
Für weitere Informationen:
Kulturstiftung der Länder
Dr. Philipp Demandt
Lützowplatz 9
10785 Berlin
Tel +49 (0) 30 / 89 36 35 33
> E-Mail
Mausoleum im Schlosspark Charlottenburg
Spandauer Damm 20-24
14059 Berlin
www.spsg.de
Öffnungszeiten: 1.11.2008 bis 31.3.2009, Di-So 12-16:30 Uhr, Mo geschlossen
Dr. Philipp Demandt ist Dezernent der Kulturstiftung der Länder.
