Publikationen

Dem Reformator zum Geburtstag

Büste des Gipsmodells zum Lutherstandbild von Ernst Rietschel, 1868

Am 10. November 1483, vor 525 Jahren, wurde Martin Luther in Eisleben geboren. Die Bronzefiguren des prominentesten ihm gewidmeten Denkmals wurden von Ernst Rietschel entworfen, in Lauchhammer gegossen und 1868 in Worms aufgestellt. Das Gussmodell aus Gips zu dem über drei Meter hohen Standbild des Reformators ist das größte Objekt aus dem Fundus der Kunstgießerei, der seit 2005 zur Sammlung des Kunstgussmuseums Lauchhammer gehört, und muss dringend restauriert werden. / Susanne Kähler

Der Ort Lauchhammer in der Niederlausitz ist zumindest unter Skulpturenkennern bekannt. Hier wird seit dem 18. Jahrhundert der Kunstguss betrieben, und aus seiner Geschichte ergibt sich für das Museum vor Ort eine grenzenlose Themenvielfalt. Der Eisenguss in Lauchhammer begann im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts mit der Herstellung von Ofenplatten und Poteriewaren. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts konnte man vollplastische hohle Figuren aus Eisen gießen, und ab den 1830er Jahren kam der Bronzeguss auch großformatiger Denkmäler hinzu. Auch Lauchhammers Beiträge zu gusseisernen Architekturen im 19. Jahrhundert sind Thema des Museums, Kunst- und Technikgeschichte werden hier miteinander in Beziehung gesetzt.

Schaudepot des Kunstgussmuseums Lauchhammer

Das Kunstgussmuseum Lauchhammer ist nun 15 Jahre alt und befindet sich in grundlegendem Wandel. Bislang im ehemaligen Lehrlingsheim des Eisenwerkes Lauchhammer etwas abseits vom Geschehen untergebracht, ist das Museum in diesem Jahr in die unmittelbare Nachbarschaft der Gießerei gerückt. Es hat nun seinen Sitz in einem ehemaligen Schulgebäude, der so genannten „Bronzeschule“, das nach der Wende praktisch leer stand. Charakteristisch für die Bauten im Umfeld der Gießerei ist die Fassade aus gelbem Klinker über Natursteinsockel. Schmiedeeiserne Gebäudeanker zieren die Fassade des 1890 errichteten Hauses. Heute steht es – ebenso wie die Sammlung, die es beherbergt – unter Denkmalschutz.

In der Bronzeschule wird die Modellsammlung der Gießerei erfasst, untergebracht und dem Publikum in einem Schaudepot zugänglich gemacht. Der Erwerb dieser Modellsammlung wurde mit Mitteln der Kulturstiftung der Länder, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Land Brandenburg gemeinsam mit der Sparkasse Niederlausitz, mit Hilfe des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Kjellberg-Stiftung ermöglicht. Das für die Ausstattung der Bronzeschule gewählte Konzept des Schaudepots wurde hier als das sinnvollste erachtet, gilt es doch rund 2.800 Gussmodelle aus Gips oder aus Metall als geschlossenes Konvolut zu zeigen und dem Besucher die Möglichkeit des eigenen Entdeckens zu geben. Die vier großen und hellen ehemaligen Klassenräume dienen als Hauptdepoträume für die unterschiedlichen Modellgattungen. Das einstige Lehrerzimmer wird zum Denkmälerraum, der auch großformatige Modelle wie das Luther-Modell beherbergen kann.

Blick in das Schaudepot des Kunstgussmuseums Lauchhammer

Um in Zukunft auch wieder neben der Modellsammlung die anderen Kapitel des Kunstgusses, die gegossenen Exponate, Glockenguss, Gießertechnik, Bauguss, Grabmalsgestaltung und Eisengeräte ausstellen zu können, plant das Museum einen Anbau mit Platz für Dauer- und Sonderausstellung, Café und dringend benötigte Nebenräume.

Die Modellsammlung Lauchhammer ist als historischer Fundus einer Eisen- und Bronzegießerei in Deutschland einzigartig. Sie bietet einen kulturgeschichtlichen Überblick über die Epochen zwischen dem Ende des 18. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Reliefs und vollplastischen Modelle illustrieren die Tätigkeitsbereiche und Geschichte eines traditionsreichen Betriebes. Im ausgehenden 18. Jahrhundert, zu Zeiten des Grafen Detlev Carl von Einsiedel, wurden in erster Linie Antikenkopien nach Vorbildern aus der Dresdner Abgusssammlung hergestellt. Sie bilden den bekanntesten und bisher einzigen wirklich erforschten Bestand der Modellsammlung Lauchhammer. Die Tradition der Porträtbüsten und -köpfe setzt sich ausgehend von diesen Antikenkopien und den Porträts der Familie Einsiedel über die Epoche des Klassizismus und des Historismus bis ins 20. Jahrhundert fort. Bekannte Bildhauer aus der Berliner und Dresdner Bildhauerschule überließen die Ausführung ihrer Werke dieser Gießerei. Zu nennen wären neben Ernst Rietschel z.B. auch Christian Daniel Rauch, Johannes Schilling, Gustav Bläser, Reinhold Felderhoff oder Peter Breuer. In den 1920er Jahren schufen Modelleure in Lauchhammer Reliefs und Figuren im Sinne des Art déco, wie z. B. Heinrich Moshage, der später seine handwerklichen Fertigkeiten zur Firma Buderus nach Hessen exportierte. In der Zeit der 1950er und 1960er Jahre wurden in Lauchhammer z.B. Teile von Ehrenmalen oder Büsten gegossen. Viele der Denkmäler der DDR, deren Abbau man in der Nachwendezeit diskutiert hat, waren in Lauchhammer hergestellt worden. Einige Gussmodelle hierzu existieren weiterhin. Die Sammlung an Kleinplastik aus dem 19. und 20. Jahrhundert beinhaltet Genregruppen und Tierplastiken sowie Arbeiterdarstellungen.

Aus der Medaillen- und Plakettensammlung sind die Darstellungen historischer Ereignisse im 20. Jahrhundert hervorzuheben. Die Plaketten dokumentieren in eindrucksvoller Weise die Zeit des Ersten Weltkrieges, die Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges, des Wiederaufbaus und der Aufbruchstimmung in den 1950er und 1960er Jahren. Die Teilnahme der DDR-Olympiamannschaft in Mexiko findet dabei ebenso Erwähnung wie der erste bemannte Weltraumflug von Juri Gagarin. Bemerkenswert sind auch die jüngeren Modelle, bei denen in moderner Formensprache aktuelle Ereignisse illustriert wurden, so etwa die „Oderflut“ im Jahre 2002.

Lutherstandbild in Worms – gegossen in Bronze nach Rietschels Gipsmodell in Lauchhammer

Einer der prominentesten Gipse der Sammlung ist das Gussmodell zu dem 3,20 Meter großen bronzenen Standbild des Reformators Martin Luther. 1868 wurde das von dem Bildhauer Ernst Rietschel (1804-1861) entworfene und von seinen Schülern vollendete Lutherdenkmal in Worms eingeweiht. Die Lutherfigur steht dort umringt von zahlreichen Assistenzfiguren, Standbilder weiterer Reformatoren schmücken die Eckpfeiler der aufwändigen Anlage. Mit dieser Lutherdarstellung, standfest mit erhobenem Haupt und der Bibel zwischen beiden Händen, ist die Situation seines Auftritts vor dem Wormser Reichstag 1521 gemeint, wo er aufgefordert war, seine Thesen zu widerrufen. Ernst Rietschel hat mit seinem Bild des Reformators die Lutherdenkmale der Folgezeit geprägt, mehr noch als das von Johann Gottfried Schadow für Wittenberg geschaffene erste Lutherdenkmal, das 1821 enthüllt worden war. Rietschel formte einen etwas weniger klassizistischen als pathetischen Luther, dessen Haltung sowohl Würde als auch Entschlossenheit ausdrückt. Es entstanden in den auf die Wormser Denkmalseinweihung folgenden Jahren, insbesondere anlässlich des 400. Geburtsjubiläums 1883, zahlreiche Denkmäler im Sinne von Rietschels Sichtweise. Beispiele sind die Lutherdenkmäler in Eisenach von Adolf von Dondorf (1885), an der Berliner Marienkirche von Paul Otto und Robert Toberenz (ursprünglich vielfigurig, 1895), das Denkmal in Eisleben von Rudolf Siemering (1883) oder das Lutherdenkmal am Hamburger Michel von Otto Lessing (1912). Lutherstandbilder nach Rietschels Entwurf und dem hier erhaltenen Gussmodell wurden vielfach reproduziert. So steht der Lauchhammer-Luther nicht nur in Görlitz, Ülzen oder Kirchheim/Sachsen, sondern er ist auch sieben Mal in den USA vertreten!

Ernst Rietschel ließ sein Werk nicht zufällig und auch nicht nur der guten Qualität wegen in Lauchhammer gießen. Der Graf Detlev Carl von Einsiedel hatte dem Bildhauer in jungen Jahren Mittel für seine Ausbildung zur Verfügung gestellt. Noch enger war die Verbindung zwischen Rietschel und der Familie des Oberfaktors im Werk, Johann Friedrich Trautschold. Rietschel war in erster Ehe mit dessen Tochter Albertine verheiratet. Er hat auf dem Guss in Lauchhammer bestanden, wehrte sich sogar dagegen, dass sein Auftraggeber, das Wormser Denkmalkomitee, Angebote weiterer Gießereien einholte. 1860 hatte der Bildhauer schließlich erreicht, dass er selbst den Vertrag mit der Gießerei über den Gesamtpreis von 36.000,– Talern bei „Verwendung der besten Gußmischung und der sorgfältigsten Ciselierung“ abschließen konnte.

Fuß des Gipsmodells zum Lutherstandbild von Ernst Rietschel, 1868

Die Tatsache, dass sich ein Gussmodell zu einem prominenten Denkmal des 19. Jahrhunderts erhalten hat, ist eine große Ausnahme. Das mit Schellack überzogene Objekt besteht aus mehreren Teilstücken: Büste, oberer Gewandbereich mit Armen, Bibel mit Händen, unterer Gewandbereich, rechter Fuß, linker Fuß und Plinthe wurden separat gegossen und nach dem Guss zusammengesetzt. Während die Büste Luthers bis auf kleinere Abplatzungen relativ gut erhalten ist, weisen die Gewandstücke größere Bruchstellen auf. Die Teile des Oberkörpers müssen zusammengefügt und neu armiert werden. Nach der Restaurierung, für die insgesamt etwa 3.500 Euro benötigt werden, soll die Lutherfigur eine endgültige Aufstellung im Schaudepot Bronzeschule erhalten. Dabei wird sie in Teilformen zerlegt bleiben, um zu zeigen, dass es sich hierbei – wie bei allen anderen Stücken dieses Sammlungsbereiches – eben um ein Gussmodell handelt.

Teilstücke des restaurierungsbedürftigen Gussmodells zum berühmten Lutherdenkmal

Bitte helfen Sie durch Spenden unter dem Stichwort „Martin Luther“ auf die Konten der Kulturstiftung der Länder!

Für weitere Informationen:
Kunstgussmuseum Lauchhammer
Schaudepot Bronzeschule
Freifrau-von-Löwendal-Straße 3
01979 Lauchhammer
Telefon +49 (0) 3574 / 86 01 66
www.kunstgussmuseum.de

Dr. Susanne Kähler ist Leiterin des Kunstgussmuseums Lauchhammer.