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Das Ganze sehen
von Barbara Gärtner

- Otto Dix, Bildnis Max John, 1920, Museum für Neue Kunst, Freiburg
Wenn Otto Dix ein Porträt malte, dann selten ein schmeichelhaftes. Eher wie ein Blick in einen dieser Jahrmarkt-Zerrspiegel, der lange Nasen länger, Zahnstümpfe dunkler und die Falten tieffurchiger erscheinen lässt; deformierend und karikierend. Dix, der Wirklichkeitsmaler, wie er sich selbst nannte, war nie neutraler Dokumentarist, seine Sicht auf den einzelnen war immer auch ein Blick auf den Mensch als Angehöriger einer Gruppe. Auf seinen Bildern finden sich also Arbeiter, Versehrte, Ärzte, Geschäftsleute, Dirnen, Krüppel. Die Fotografie, die sich anschickte, die Porträtmalerei abzulösen, fand er hochmütig und naiv: „So würden hundert Photos eines Menschen nur hundert verschiedene Momentansichten geben, nie aber das Phänomen als Ganzes. Das Ganze sehen und bilden kann nur der Maler.“
Auch der Drucker und Verleger Max John steht für mehr als seine ganz persönlichen Gesichtszüge. Dix malt ihn 1920 als verhärmten Mann aus dem Arbeitermilieu im dunklen Sonntagsanzug, als irräugig glühenden Sozialisten. Die Stirn ist ein durchgepflügter Acker, die Augen tränenrot, das Lächeln eine Fratze, und der Hintergrund brennt blutig. Es ist das Bild eines Mannes in Aufruhr. Zwei Jahre lag damals der Erste Weltkrieg zurück, in den so viele junge Männer – auch Dix – freiwillig und voller Euphorie marschierten. Wer zurückkam, war traumatisiert, verkrüppelt, verarmt, erschüttert.
Auf dem „Bildnis Max John“ ist dem Mann die triste deutsche Geschichte der ersten Nachkriegszeit ins Gesicht geschrieben. Aber die Geschichte des Bildes zeigt auch die finsteren Seiten des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen. Denn das Gemälde, das belegt die Provenienzforscherin Anja Heuß in ihrem Gutachten, gehörte von 1929 bis 1942 dem in Dresden lebenden Rechtsanwalt und Kunstsammler Fritz Salo Glaser, der von Oktober 1933 an als Kommunist und Jude von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Gerade als Sammler von „entarteter Kunst“ – zu der die Nationalsozialisten auch die Arbeiten von Otto Dix zählten, seine Arbeiten wurden bei der Diffamierungsausstellung 1933 in Dresden gezeigt – fürchtete Glaser Bedrohung und Enteignung.
Aufzeichnungen über die Besitzverhältnisse gibt es nach einer Dresdner Ausstellung im Jahr 1929 kaum noch. Nur in einem Brief, den Glaser an seinen Sohn schrieb, und in den Tagebüchern des mit Glaser befreundeten Victor Klemperer finden sich Bemerkungen über den geplanten Verkauf von Bildern, dann verliert sich die Spur des „Bildnis Max John“. Erst im Jahr 1948 taucht es – zusammen mit einem weiteren Dix-Gemälde „Else, die Gräfin“ – in der Sammlung des Juristen, späteren Kunst- und Immobilienhändlers Dr. Conrad Doebbeke auf, der zwischen 1933 und 1945 einige Werke aus jüdischem Besitz aufkaufte und vermutlich in Bankdepots verwahrte. Als das Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer die Arbeit im Mai 1959 versteigert, sicherte sich das Freiburger Augustinermuseum das Bild, seit 1985 bildet es das ausdrucksstarke Rückgrat der Abteilung expressionistischer und neusachlicher Malerei im Freiburger Museum für Neue Kunst. Dort wird es dank einer gütlichen Einigung im Rahmen des Restitutionsbegehrens der Erbin von Fritz Salo Glaser auch bleiben können.

- Ihm gehörte einst das „Bildnis Max John“: dem Rechtsanwalt Dr. Fritz Glaser, hier gemalt von Otto Dix 1921, Privatbesitz – noch bis zum 30. August 2010 in der Otto-Dix-Ausstellung in der New Yorker „Neuen Galerie“ zu sehen
Gerade wird Otto Dix in New York gefeiert, die Neue Galerie zeigt seine erste Einzelausstellung in den USA. Zu sehen ist auch das „Portrait des Rechtsanwalts Dr. Fritz Glaser“, das Dix 1921 gemalt hat. Es ist ein trauriges Bild, ein blasser Mann blickt zu Boden, die Hände schlaff im Schoß. Vielleicht würde es den einstigen Besitzer des Max-John-Porträts freuen, dass es nun gelungen ist, mit dem „Bildnis Max John“ ein imposantes Dix-Bild der Öffentlichkeit weiterhin zugänglich zu machen, statt es in einer Privatsammlung verschwunden zu wissen. Denn dem Brustbild von Max John – und das macht es so besonders – ist die aufregende Suche des jungen Otto Dix’ nach seinem Stil anzusehen.
Als Dix 1919, mit 27 Jahren, an die Dresdner Akademie kam, nach vier Jahren Krieg an vorderster Front, da galoppierte er noch durch sämtliche Stile: Expressionismus, Kubismus, Futurismus – er probierte sich in allem aus, auch außerhalb des Ateliers. In einem Brief an Kurt Günther nennt er sich das „böse Gewissen aller Kunsthändler, Ästheten und anderer alter Tanten“. Ein Jahr später, 1920, gab er den Dada-Dix und zerstückelte, collagierte, klebte. Auf seinen Leinwänden findet man Zeitungsfetzen, Spielkarten und Stanniolpapier. Am Ende seiner künstlerischen Orientierungsphase wird sich Dix ganz für die Malerei und auch gegen den Expressionismus entscheiden: „Kunst machten die Expressionisten genug. Wir wollten die Dinge ganz nackt sehen, beinahe ohne Kunst.“
Und dazwischen malt er im Dada-Jahr gleich zweimal den Dekorationsmaler, Drucker, Sammler und Kunsthändler Max John. Stilistisch ist das Bild noch in der Schwebe. Expressionistisch leuchtet der Hintergrund in Knallrot, aber das Karikaturhafte des kantigen Kopfes weist schon in Richtung Verismus, jener Hauptströmung der Neuen Sachlichkeit, die sich ganz der Untersuchung und Abbildung der sozialen Wirklichkeit verschrieben hat.
Die beiden kennen sich gut. Max John, ein Anhänger des Rätekommunisten Otto Rühle, druckt die Holzschnitte von Otto Dix und der „Dresdner Sezession – Gruppe 19“, deren Hauptgrundsätze „Wahrheit – Brüderlichkeit – Kunst“ lauten. Eigentlich porträtierte Dix Bekannte nur widerwillig. „Nur nicht kennen!“, hat er in einem seiner raren Sätze zur Kunst verraten. „Ich will ihn gar nicht kennen, will nur das sehen, was da ist, das äußere. Das innere ergibt sich von selbst. Es spiegelt sich im Sichtbaren. Sowie man ihn zu lange kennt, ist man irritiert. Die Unbefangenheit des Blicks geht verloren. Der erste Eindruck, den man von einem Menschen hat, der ist der richtige. Wenn ich sein Bild fertig habe, kann ich meine Einstellung eventuell immer noch revidieren und sagen: Nun ist er doch nicht ganz solch ein Vieh, wie es schien.“
Barbara Gärtner ist freie Journalistin in München.
Museum für Neue Kunst
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79098 Freiburg
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