Publikationen

Der Markt der leisen Töne

Sie sind die stillen Stars der Auktionshäuser. Aber wer kauft eigentlich Musikautographen?
von Ulrich Amling

2008 gelang der Staatsbibliothek zu Berlin mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder der Ankauf einer Abschrift der Lautensuite in e-Moll BWV 996 von Johann Sebastian Bach aus Privatbesitz, die sein Leipziger Schüler Nikolaus Heinrich Gerber im Jahr 1725 anfertigte

Während Kunstsammler beinahe den Status von Popstars erreicht haben, scheuen die Liebhaber von Autographen das Licht der Öffentlichkeit – beinahe so wie der Gegenstand ihres Interesses: vergilbte Blätter, bedeckt mit wildem Federstrich, dazwischen heftig Durchgestrichenes. Bei den Auktionen von Autographen sucht man den Glamour des Kunstbetriebs vergeblich. Noten aus Komponistenhand sind zart, ihr Reiz erschließt sich nicht sofort. Haben sich die Ohren an die Stille, die den Handel mit Musik umgibt, gewöhnt und die Augen an das Dämmerlicht, kann man direkt bis in die Werkstatt des Künstlers blicken. Dort fliegt noch herum, was sich später zu Meisterwerken verdichtet oder aber verworfen wird. Stefan Zweig, der Schriftsteller und große Autographensammler, erkannte darin den künstlerischen „Augenblick, gleichsam versteinert im Papierblatt“. Werkmanuskripte gewähren eine einzigartige Nähe zum Schaffensprozess. Es umweht sie eine „Aura des Unikalen“, die sich in kräftigen Aufpreisen bei Auktionen bemerkbar macht. Aber über Geld sprechen die Händler von autographen Noten nicht gerne. Vielleicht, weil ihnen der Lärm des Kunsthandels allzu stark in den Ohren dröhnt. Kein Wunder, dass Simon Maguire, Senior Expert Books and Manuscripts von Sotheby’s in London, sich erst einmal klar als Mann der Noten zu erkennen gibt, bevor er sich über den Wert von Autographen äußert. Als Musikwissenschaftler, „Oxford trained“, genießt er den Umgang mit den Handschriften der Meister von Monteverdi und Bach bis hin zu Mozart und Beethoven. „Werke von dieser Weltgeltung sind in der Literatur gar nicht mehr auf dem Markt wie etwa die Dramen Shakespeares oder Goethes. Aber in der Musik werden sie noch angeboten.“ Der Markt sei in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren deutlich in Bewegung gekommen. Immer mehr private Sammler treten der untereinander weltweit bekannten Bietergemeinschaft hinzu. Gleichzeitig nimmt die Ankaufkraft europäischer Bibliotheken stark ab. Die Folge: Immer mehr Autographen verlassen Europa in Richtung USA. Dort animieren Steuervorteile dazu, kostbare Noten in Stiftungen einzubringen. Auch die ausgeprägte Alumni-Tradition mehrt die Notenschätze amerikanischer Universitäts-bibliotheken: Zu Wohlstand gelangte Ehemalige wollen bei ihrer Alma Mater so in guter Erinnerung bleiben. Zudem ist es in den USA durchaus üblich, dass Privatkäufer ihre Erwerbungen in öffentlich zugänglichen Institutionen deponieren. „Dadurch sind privat erworbene Werke oft besser zugänglich als Werke, die in staatlichen Bibliotheken lagern und dort nur schwer eingesehen werden können“, sagt Maguire.

Ludwig van Beethoven, Missa solemnis. Vom Komponisten überprüfte und korrigierte Abschrift der Stichvorlage zur Missa solemnis op. 123, 1824. Gloria, T. 365-368 (von Beethoven korrigierter Takt in Bassposaunenstimme und ergänzte Instrumentenbezeichnungen) – vom Bonner Beethoven-Haus 2005 mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder erworben

Auch Wolfgang Mecklenburg ist es wichtig, das Bild des egozentrischen Privatsammlers zu zerstreuen, der ganz allein mit Beethovens Handschrift der Mondscheinsonate vor dem Kamin sitzen will. Seit 1885 betreibt seine Familie die Autographenhandlung J. A. Stargardt, auf diesem Gebiet das führende Auktionshaus in Deutschland. Im dualen System aus öffentlichen und privaten Bietern, das den Autographenmarkt prägt, kann Mecklenburg keine Feindschaft entdecken. Handschriftliche Werke der großen Klassiker sind knapp geworden. Wenn eine private Sammlung nach im Schnitt 30 Jahren wieder veräußert wird, wandert zumindest ein kleiner Teil davon in staatliche Bibliotheken. Autographenhändler Mecklenburg erinnert sich an den Ausruf eines Bibliothekars, der bei einer Auktion unterlag: „Wenn ich es nicht kaufe, kauft es mein Nachfolger.“ Und so füllen sich die öffentlichen Depots langsam, aber stetig. Das wiederum treibt die Preise für die noch erhältlichen Stücke in die Höhe.  Längst hat sich der Markt auf die Großen der Klassik konzentriert. Hier sind die Preise in den vergangenen fünfzehn Jahren sprunghaft gestiegen. So kostete 2004 ein einziges Lied von Mahler („Ich bin der Welt abhanden gekommen“) bei Sotheby’s etwa gleich viel wie noch 1990 die gesamten Skizzen zu seiner 10. Symphonie (420.000 Pfund). Kursphantasie löst auch der Hinweis auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript aus. Neben der musikalischen Sensation stecken dahinter auch wirtschaftliche Spekulationen. So lieferten sich zwei Musikverlage eine regelrechte Schlacht um die Verwertung eines wiederaufgetauchten Aktschlusses von Jacques Offenbachs unvollendet gebliebenen „Hoffmanns Erzählungen“. Es ging um die Aufführungsrechte einer neuen, komplettierten Fassung, von der man sich Tantiemen in Millionenhöhe erhoffte. Der Kreis der Sammler ist weltweit sehr überschaubar. Auf nur gut hundert ernsthafte Notensammler taxiert Wolfgang Mecklenburg ihre Zahl. Sie wüssten immer, wo auf der Welt was zu welchem Preis angeboten werde. Folgt man Simon Maguires Psychogramm des Autographensammlers, entsteht unweigerlich das Bild eines graumelierten Connaisseurs: hingebungsvolle Musikliebhaber, extrem gebildet, unter ihnen oft Gelehrte, die aus der Nähe studieren wollen, wie die großen Werke der Musikliteratur entstanden sind. Manchmal sind auch Musiker unter ihnen, die sich vom Studium der Quellen weitere Aufschlüsse über die Interpretation eines Werkes erhoffen. Auf jeden Fall gilt: Je potenter der Sammler, desto scheuer ist er. Man protzt nicht mit seinem Besitz, man genießt still, jenseits des Scheinwerferlichts.  Und man lernt zu teilen, wie die letzte Autographenauktion von Stargardt in Basel zeigt. Dort kam Beethovens sogenanntes zweites Testament unter den Hammer: ein Brief vom 6. März 1823 mit letzten Anweisungen an seinen Freund und Rechtsberater Johann Baptist Bach, denn „der Tod könnte kommen, ohne anzufragen“. Das Doppelblatt, Papier leicht wellig, wurde auf 180.000 Schweizer Franken taxiert. Bei 500.000 Franken erging der Zuschlag an einen deutschen Privatsammler, das ebenfalls interessierte Beethoven-Haus in Bonn konnte bei diesem Preis nicht mithalten. Doch Wolfgang Mecklenburg weiß: Sammler und Museums-chef kennen einander, der Forschung wird Beethovens Handschrift also auch durch Privaterwerb nicht verschlossen bleiben. Denn auch in Zeiten von hochauflösenden Scans liefern Autographen – ihr Papier, ihre Tinten – unschätzbare Hinweise zur Entstehungs-geschichte von großer Musik. Jede Forschergeneration hat ihre eigenen Fragen an die fragilen Zeugen. „Wir brauchen die Originale“, betont Wolfgang Mecklenburg. Zum Handeln, Bewahren, Forschen. Auch Wolfgang Mecklenburg ist es wichtig, das Bild des egozentrischen Privatsammlers zu zerstreuen, der ganz allein mit Beethovens Handschrift der Mondscheinsonate vor dem Kamin sitzen will. Seit 1885 betreibt seine Familie die Autographenhandlung J. A. Stargardt, auf diesem Gebiet das führende Auktionshaus in Deutschland. Im dualen System aus öffentlichen und privaten Bietern, das den Autographenmarkt prägt, kann Mecklenburg keine Feindschaft entdecken. Handschriftliche Werke der großen Klassiker sind knapp geworden. Wenn eine private Sammlung nach im Schnitt 30 Jahren wieder veräußert wird, wandert zumindest ein kleiner Teil davon in staatliche Bibliotheken. Autographenhändler Mecklenburg erinnert sich an den Ausruf eines Bibliothekars, der bei einer Auktion unterlag: „Wenn ich es nicht kaufe, kauft es mein Nachfolger.“ Und so füllen sich die öffentlichen Depots langsam, aber stetig. Das wiederum treibt die Preise für die noch erhältlichen Stücke in die Höhe.  Längst hat sich der Markt auf die Großen der Klassik konzentriert. Hier sind die Preise in den vergangenen fünfzehn Jahren sprunghaft gestiegen. So kostete 2004 ein einziges Lied von Mahler („Ich bin der Welt abhanden gekommen“) bei Sotheby’s etwa gleich viel wie noch 1990 die gesamten Skizzen zu seiner 10. Symphonie (420.000 Pfund). Kursphantasie löst auch der Hinweis auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript aus. Neben der musikalischen Sensation stecken dahinter auch wirtschaftliche Spekulationen. So lieferten sich zwei Musikverlage eine regelrechte Schlacht um die Verwertung eines wiederaufgetauchten Aktschlusses von Jacques Offenbachs unvollendet gebliebenen „Hoffmanns Erzählungen“. Es ging um die Aufführungsrechte einer neuen, komplettierten Fassung, von der man sich Tantiemen in Millionenhöhe erhoffte. Der Kreis der Sammler ist weltweit sehr überschaubar. Auf nur gut hundert ernsthafte Notensammler taxiert Wolfgang Mecklenburg ihre Zahl. Sie wüssten immer, wo auf der Welt was zu welchem Preis angeboten werde. Folgt man Simon Maguires Psychogramm des Autographensammlers, entsteht unweigerlich das Bild eines graumelierten Connaisseurs: hingebungsvolle Musik-liebhaber, extrem gebildet, unter ihnen oft Gelehrte, die aus der Nähe studieren wollen, wie die großen Werke der Musikliteratur entstanden sind. Manchmal sind auch Musiker unter ihnen, die sich vom Studium der Quellen weitere Aufschlüsse über die Interpretation eines Werkes erhoffen. Auf jeden Fall gilt: Je potenter der Sammler, desto scheuer ist er. Man protzt nicht mit seinem Besitz, man genießt still, jenseits des Scheinwerferlichts.  Und man lernt zu teilen, wie die letzte Autographenauktion von Stargardt in Basel zeigt. Dort kam Beethovens sogenanntes zweites Testament unter den Hammer: ein Brief vom 6. März 1823 mit letzten Anweisungen an seinen Freund und Rechtsberater Johann Baptist Bach, denn „der Tod könnte kommen, ohne anzufragen“. Das Doppelblatt, Papier leicht wellig, wurde auf 180.000 Schweizer Franken taxiert. Bei 500.000 Franken erging der Zuschlag an einen deutschen Privat-sammler, das ebenfalls interessierte Beethoven-Haus in Bonn konnte bei diesem Preis nicht mithalten. Doch Wolfgang Mecklenburg weiß: Sammler und Museums-chef kennen einander, der Forschung wird Beethovens Handschrift also auch durch Privaterwerb nicht verschlossen bleiben. Denn auch in Zeiten von hochauflösenden Scans liefern Autographen – ihr Papier, ihre Tinten – unschätzbare Hinweise zur Entstehungs-geschichte von großer Musik. Jede Forschergeneration hat ihre eigenen Fragen an die fragilen Zeugen. „Wir brauchen die Originale“, betont Wolfgang Mecklenburg. Zum Handeln, Bewahren, Forschen.
 Ulrich Amling ist Kulturjournalist und Kritiker. Er leitet die Redaktion Ticket/Spielzeit des Berliner Tagesspiegels.