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Tradition heißt Verpflichtung

Die sächsische Museumslandschaft, geprägt vom Dualismus der Residenzstadt Dresden und der Bürgermetropole Leipzig, reicht weit über diese beiden Standorte hinaus. Der Überblick unseres Autors Bernhard Schulz kann den Reichtum Sachsens nur näherungsweise vor Augen führen. Es bleibt nur eines: Hinfahren!

Residenzschloss Dresden, Blick auf das von Peter Kulka entworfene Membran-Dach des Kleinen Schlosshofs, das den zentralen Eingangsbereich des Schlosses überwölbt.

Auf der Eisenbahn, im Zug zwischen Berlin und Dresden, ist nicht einmal zu ahnen, welche Wunder den Reisenden erwarten. Die Landschaft bleibt die meiste Zeit über eintönig. Doch mit einem Mal hebt sich der Horizont, wellt sich zu Weinbergen, die sich der Sonne hinstrecken, dem Süden zu – und da kommt Dresden in den Blick, mit seinem herrlichen Panorama jenseits der Elbe, eben wie ein Wunder.

Eine heimliche Grenze ist überschritten: die zwischen Deutschlands Norden und Deutschlands Süden. Dresden gehört dem Süden zu. Ob nun streng geografisch, spielt keine Rolle: Es ist das Lebensgefühl, die Atmosphäre, es ist das dichte Beieinander der baukünstlerischen Schönheiten, seit dem verheerenden Bombenkrieg verkürzt zwar auf das schmale Gebiet zwischen Altmarkt und Elbe, aber doch inzwischen weit mehr gebend als die bloße Ahnung, die Dresden jahrzehntelang hinter der Melancholie des Verlustes barg.

»Himmelfahrt Christi«, Ölskizze, ein sogenannter Bozzetto, des sächsischen Oberhofmalers Anton Raphael Mengs in der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden

Es entspricht dem Dresdner Selbstbild als wiedergewonnenem Elbflorenz, dass der jüngste Zugewinn die Studie von Anton Raphael Mengs zu seinem Altarbild für die Katholische Hofkirche bildet, »Himmelfahrt Christi«. Mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder wurde sie aus deutschem Privatbesitz anlässlich der Verabschiedung von Harald Marx, dem langjährigen Direktor der Sempergalerie, erworben. Marx hatte vor acht Jahren die Mengs-Retrospektive mit ausgerichtet – die aber, weil es der Sempergalerie an Wechselausstellungsraum mangelt, im Schloss gezeigt wurde. Eine treffendere Anspielung auf das »augusteische Zeitalter« Dresdens, das Zeitalter der Musen, lässt sich kaum denken.

In Dresden, könnte man meinen, ist alles Museum. Dresdens Kern ist eine Museumslandschaft, gewiss höchst lebendig und voller Besucher, aber doch eben so, dass die Grenzen fließend sind zwischen Drinnen und Draußen, zwischen musealen Räumen und städtischem Außenraum. Im Zentrum dieser Museumslandschaft ist es abzulesen, dem Schloss. Es beherbergt in beständig wachsender Zahl einzelne Sammlungen in seinen nach und nach wiederhergestellten Räumen und ist zugleich sein eigenes Ausstellungsobjekt. Und so setzt es sich fort, auf der einen Seite nach der Gemäldegalerie und dem museal genutzten Zwinger, auf der anderen über die Brühlsche Terrasse zum Lipsius-Bau und zum Albertinum, das derzeit in einem kühnen Kraftakt umgestaltet wird, an dessen Abschluss nicht nur das bei der Elbflut von 2002 so furchtbar vermisste Hochdepot stehen, nein: schweben wird, sondern das ganze Gebäude eine durchgreifend neue und sinnvolle Raumorganisation vorweisen kann.

Bauten und Sammlungen sind in Dresden enger verknüpft als in irgendeiner anderen großen deutschen Museumsstadt. Das Residenzschloss als Ausgangspunkt aller Sammelleidenschaft – hier etablierte Kurfürst August 1560 die Kunstkammer hinter grün getünchten Mauern – wird nun wieder mehr und mehr zum Mittelpunkt. Das Prunkgebäude des augusteischen Rokoko, der Zwinger, birgt historisch angemessene Sammlungen wie die der Porzellankunst und den Mathematisch-Physikalischen Salon. Die nach ihrem Architekten gemeinhin benannte Sempergalerie und schließlich das Albertinum spiegeln die wissenschaftliche Stufe des Museumswesens. Aber darf man das Japanische Palais jenseits der Elbe vergessen, das nach dem Dauerprovisorium als Völkerkundemuseum noch nicht wieder zu angemessener Bestimmung gefunden hat, obgleich es von vorneherein als herrscherliche Sammlungsstätte errichtet worden war, oder das elbaufwärts gelegene Schloss Pillnitz mit den Beständen des Kunstgewerbemuseums?

Die Gemäldegalerie Alte Meister, 1855 nach dem Entwurf Gottfried Sempers als monumentale Schließung der Baulücke im Zwinger-Geviert vollendet, hat mit der Rückgabe der nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion abtransportierten Schätze im Jahr 1955 ihre frühere Bedeutung als eine der weltbedeutendsten Gemäldesammlungen wiedererlangt. Das Gegenstück der »Neuen Meister« im Albertinum kann da nicht mithalten – auch dies ein Spiegel der Geschichte Dresdens, das im 19. und frühen 20. Jahrhundert das einmal geschaffene Selbstbild der Barockresidenz konservierte. Der Umbau des Hauses wird die Dresdner Romantik wieder zu voller Strahlkraft bringen. Und zugleich zeigen, wo über die geradezu emphatische Pflege des Werks des gebürtigen Dresdners Gerhard Richter hinaus Lücken in der Gegenwartskunst klaffen.

Leipziger Gegenwart

Schließlich ist auch das lange Zeit halb vergessene Grassi-Museum, Ende 2007 nach langwieriger Sanierung wiedereröffnet, als Kunstgewerbemuseum stets der zeitgenössischen Produktion verpflichtet gewesen. Von Robert Metzkes wurde im vorvergangenen Jahr eine Reihe von Terrakotten mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder erworben. Im Übrigen ersteht auch die Tradition der »Grassi-Messe« als kunsthandwerklicher Qualitätsausstellung neu.

Dass in Leipzig auch und gerade die Zeitgeschichte ihren Platz hat, verdient gleichfalls Erwähnung. Das ehemalige Reichsgericht, zu DDR-Zeiten Notquartier des Bildermuseums, birgt die historischen Räume des unseligen Reichstagsbrandprozesses von 1933. Das Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik wiederum hat seinen einzigen Ableger im Zentrum von Leipzig, der »Heldenstadt« des Herbstes 1989.

Im Leipziger Grassi-Museum für angewandte Kunst: Robert Metzkes, Terrakotta, polychrome Engobe: Stehende im kurzen Rock, Entwurf 2004, Ausformung 2007; Stehende im schwarzen Kleid, Entwurf 2001, Ausformung 2006; Stehende im Kleid, Entwurf 1998, Ausformung 2007 (v.l.n.r.)

Neben die beiden Pole des feudalen und des bürgerlichen Sachsen tritt im 19. Jahrhundert ein drittes Element: das industrielle. Dafür steht Chemnitz. Wenig ist geblieben vom alten Stolz der Industriestadt, die an den Verwerfungen der jüngeren deutschen Geschichte schwerer zu tragen hatte als andere sächsische Städte. Erst in jüngster Zeit hat die Museumsszene wieder Anschluss gefunden. Die Städtischen Kunstsammlungen machen mit überraschenden Ausstellungen von sich reden. Nicht zu verschmerzen sind die Verluste, die die NS-Aktion »Entartete Kunst« gerade Chemnitz als der eigentlichen Heimatstadt der »Brücke« zugefügt hat. Manche Lücke konnte mittlerweile geschlossen werden.

Ein großer Glücksfall war es auch, dass der Münchner Galerist Alfred Gunzenhauser im vorvergangenen Jahr einen Platz für seine Sammlung suchte. Er erhielt in dem wunderbaren Zwanziger-Jahre-Bau der Stadtsparkasse eine Heimstatt für die zumeist gesellschaftskritische Kunst der Zwischenkriegszeit, insgesamt 2.700 Arbeiten, unter denen das Konvolut von Otto Dix herausragt.

Rogier van der Weyden, Heimsuchung, um 1435, im Museum der bildenden Künste Leipzig; eine Förderung der Kulturstiftung der Länder aus dem Jahr 1997

Die drei Großstädte Sachsens bilden naturgemäß die Schwerpunkte der Museumslandschaft. Doch Sachsen ist mehr als eine ungewöhnlich dichte Zusammenballung von Sammlungen der schönen Künste. Mit Blick auf den historischen Wohlstand Sachsens lohnt ein Blick auf die einzigartige Kette von Museen zur frühen Industriegeschichte im Süden und Südwesten des Landes. Freiberg erinnert daran, dass der Staatsschatz einst dem Bergbau entstammte: dem Silber, das dort Jahrhunderte lang abgebaut und unmittelbar in der landesherrlichen Münze geprägt wurde. Das Sächsische Lehr- und Besucherbergwerk erinnert an diese im Wortsinn reiche Vergangenheit ebenso wie das Stadt- und Bergbaumuseum. Und weiter: Das Erzgebirgsmuseum in Annaberg, das über einem 500 Jahre alten, erneut begehbaren Stollen steht, die Schauanlage der Eisenschmiede »Frohnauer Hammer«, die die Technik des 17. Jahrhunderts bewahrt, die Kalköfen des 19. Jahrhunderts im Museum Lengefeld oder die Ölmühle des späten 18. Jahrhunderts in Pockau – sie alle dokumentieren eine Phase der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland vom Handwerk bis zur frühen Industrialisierung, die in der »alten« Bundesrepublik nicht oder kaum vorhanden war und im allgemeinen Bewusstsein stets von der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts überlagert ist. Der Zusammenhang von ökonomischer, politischer und kultureller Blüte ist vielleicht nicht immer evident; heute jedenfalls weniger als früher. Dazu genügt indes ein vertiefter Besuch im Dresdener Porzellanmuseum, gegründet von August dem Starken 1717: demjenigen sächsischen Herrscher, in dem sich Macht und Kultur am vollkommensten vereinigen. Heute, zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, ist eine Kultur- und darin eine Museumslandschaft zu bestaunen, die nicht nur Anschluss gefunden hat, sondern neuerlich eine herausragende Stellung in Deutschland einnimmt, so viel auch immer noch zu tun bleibt.

Bernhard Schulz ist Feuilletonredakteur des Berliner »Tagesspiegel«.