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Der Kunst auf der Spur

- Max Liebermann, Bildnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, 1932. Auf der Rückseite des Gemäldes: Hinweis auf einen jüdischen Vorbesitzer (s.u.)
Für die Kunsthistorikerin Ute Haug war es im Jahr 2000 ein erstes Indiz: Ein Klebezettel auf der Rückseite des 1932 entstandenen Gemäldes »Bildnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch« von Max Liebermann verweist auf einen jüdischen Vorbesitzer. Ein wichtiger Hinweis für die mit der Provenienzforschung betraute Mitarbeiterin der Hamburger Kunsthalle auf einen möglichen NS-verfolgungsbedingten Entzug.
Im Februar 2002 wurde sie dann von der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg darüber informiert, dass eine Verlustmeldung zu einem Gemälde mit diesem Titel und Sujet vom selben Künstler in der Lost Art Datenbank veröffentlicht wurde. Das Werk wurde als Bestandteil der Sammlung von Gustav Kirstein aufgeführt, dem ehemaligen Teilhaber des Leipziger Seemann-Kunstverlages. Gustav Kirstein beging 1934 Selbstmord, seine Frau Clara nahm sich 1939 das Leben, da ihr die Deportation nach Theresienstadt drohte. Die Kinder des Ehepaares hatten Deutschland verlassen können und waren in die USA emigriert.
Im 1996 erschienenen Verzeichnis der Werke Max Liebermanns von Matthias Eberle war die Provenienz »Sammlung Kirstein« vermerkt. Im Ergebnis weiterer Nachforschungen in den im Archiv der Hamburger Kunsthalle befindlichen Ankaufsunterlagen stellte sich heraus, dass dieses Gemälde 1947 von dem in Brüssel lebenden Berthold Kirstein zum Kauf angeboten wurde. Die Hamburger Kunsthalle erwarb dieses Werk schließlich im Juni 1951 über den Kunsthändler Paul Graupe.
Somit konnte zwar nachgewiesen werden, dass kein Zusammenhang zwischen dem Erwerb dieses Gemäldes durch die Hamburger Kunsthalle mit dem tragischen Schicksal von Clara und Gustav Kirstein während der NS-Zeit besteht, jedoch musste bislang die Frage unbeantwortet bleiben, unter welchen Umständen dieses Werk aus der Kunstsammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde entfernt wurde. Eine nicht untypische Ausgangsposition für die Erforschung der Provenienz eines Kunstwerkes, bei dem ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht ausgeschlossen werden kann.
Die am 3. Dezember 1998 verabschiedeten elf »Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden« (siehe Kasten auf S. 34) mahnten die »Lösung offener Fragen und Probleme im Zusammenhang mit den durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten Kunstwerken« an. Der Aufruf, Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, endlich zu identifizieren, die Archive für die Forschung zu öffnen und den Zugang zu den einschlägigen Unterlagen zu ermöglichen und schließlich die Forderung nach Bereitstellung von Mitteln und Personal für die Identifizierung, bildeten die Grundlage einer Einigung über »nicht bindende« Vereinbarungen.

- Rückseite von Max Liebermanns »Bildnis des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch« mit Hinweis auf einen jüdischen Vorbesitzer
»Faire und gerechte Lösungen«
Der Umstand, dass auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft faktisch das in dieser Zeit erlittene Unrecht vielfach fortbestand, da die Opfer des staatlich organisierten Raubes, der Enteignung und Erpressungen bislang ihr Eigentum ganz oder teilweise nicht zurückerlangt hatten bzw. nicht zurückerlangen konnten, begründete die Notwendigkeit, hier endlich »faire und gerechte Lösungen« zu finden.
Die Verpflichtungen der Washingtoner Konferenz und der »Gemeinsamen Erklärung« der deutschen Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände und die sich da-raus ergebenen Anforderungen sind für die Museen, Bibliotheken, Archive und weitere öffentlichen Kultureinrichtungen und Sammlungen eine große Herausforderung. Untersuchungen zu Erwerbungen öffentlicher Sammlungen im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 lagen zu dieser Zeit kaum vor. Mit dem Begriff »Provenienzforschung« verband sich seit Ende der 1990er Jahre ein neuer Gegenstandsbereich für die kunst-, kultur- und zeit-historische Forschung: die Herkunft eines Objektes im Verlauf des zweiten Drittels des 20. Jahrhunderts und im Zusammenhang mit der Herrschaft des Nationalsozialismus zu verfolgen und dabei den Wechsel seiner Besitzer in konkrete Kontexte einzuordnen.
Für viele deutsche Kultureinrichtungen stellte sich die Situation kompliziert dar, da ihre Sammlungsdokumentationen vielfach unvollständig waren. Nach einem hoffnungsvollen Beginn musste bereits nach wenigen Jahren eine Stagnation in der Provenienzforschung konstatiert werden. Zudem zeigten sich strukturelle Probleme. Durch die zwischenzeitlich eingetretene Beendigung befristeter Stellen im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Provenienzforscher war sogar ein quantitativer und qualitativer Rückgang der Forschungsarbeiten zu verzeichnen. Zudem war die Erwartung, dass es allein mit der Veröffentlichung von Dokumentationen zu Kunstwerken und anderen Kulturgütern mit ungeklärter oder »belasteter« Provenienz im Internet zu einer großen Zahl von Identifizierungen dieser Objekte durch ihre ehemaligen Besitzer oder ihre Erben kommen würde, nicht erfüllt worden. Immer deutlicher wurde, dass eine umfassende Erforschung der Herkunft von kunst- und kulturhistorischen Gegenständen – gekoppelt mit dem Ziel der Ermittlung von Erben oder anderen Anspruchsberechtigten – nicht innerhalb weniger Jahre zu leisten war.
Als Reaktion auf den nicht zufriedenstellenden Stand der Umsetzung der Washingtoner Prinzipien und der Gemeinsamen Erklärung und vor dem Hintergrund von Restitutionen oder Rückgabeforderungen, die zum Teil zu heftigen und kontroversen öffentlichen Debatten geführt hatten, berief der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, im November 2006 eine Arbeitsgruppe zu Restitutionsfragen ein, in der Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen sowie von Museen und Kulturstiftungen mitwirkten. Im März 2007 befasste sich der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages in einer öffentlichen Anhörung mit dem Stand der Umsetzung der Washingtoner Grundsätze.
Ein wichtiges Ergebnis der abschließenden Sitzung der Arbeitsgruppe am 13. November 2007 stellte der Beschluss dar, im Jahr 2008 eine Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und -forschung beim Institut für Museumsforschung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einzurichten. Aufgabe dieser Arbeitsstelle sollte es sein, Museen, Bibliotheken und Archive dabei zu unterstützen, Kulturgüter zu identifizieren, die in der NS-Zeit den rechtmäßigen Eigentümern entzogen wurden und darüber hinaus zu helfen, Grundlagenforschung zu realisieren.
Im Juli letzten Jahres konnte die neu eingerichtete Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung – finanziert durch die Kulturstiftung der Länder – ihre Arbeit aufnehmen. Am 7. Juli 2008 konstituierte sich der Beirat unter Vorsitz von Prof. Dr. Uwe M. Schneede, und die Förder- und Bewilligungsrichtlinien traten in Kraft. Zweimal jährlich entscheidet dieser Beirat über die Vergabe der vom Bund zur Verfügung gestellten 1 Mio. Euro an Museen, die damit gezielt fragliche Bestände erforschen können.
Die Wende von einer überwiegend reaktiven Überprüfung der Provenienzen der Objekte in den Sammlungen hin zur eigenverantwortlichen systematischen Erschließung und historischen Kontextforschung bleibt die große Herauforderung der nächsten Jahre. Die nun eingerichteten Fördermöglichkeiten bieten dazu eine gute Chance. Nicht für jedes in einer öffentlichen deutschen Sammlung befindliche Objekt wird es gelingen, einen Zusammenhang mit nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen nachweisen oder ausschließen zu können, aber die Aufklärungsquote wird sich maßgeblich erhöhen.
Für weitere Informationen:
Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung beim Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin
Dr. Uwe Hartmann (Leitung)
Bodestraße 1-3, 10178 Berlin
Telefon 030 - 2090 6211/15
Fax 030 - 2090 6216
E-Mail
Informationen zu Antragstellung, Vergaberichtlinien und Bewilligungsgrundsätzen:
www.smb.museum/provenienzforschung
