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Bautzener Bilderwelten

Noch ziehen beißender Salpetergeruch, Ammoniak und Beize durch die Räume: Doch im Mai schon eröffnet das Museum Bautzen nach langjähriger Sanierung seine neugestalteten Ausstellungsräume im denkmalgeschützten Gebäude. Mit rund 400.000 Ausstellungsstücken eines der größten Museen in Sachsen, zeigt das Haus jetzt auf drei Etagen Kunst des 20. Jahrhunderts, Regional- und Stadtgeschichte. Für die Restaurierung bedeutender Gemälde von Carl Lohse und Pol Cassel braucht das Museum noch dringend Unterstützung!  / Miriam Schönbach

Im denkmalgeschützten Museumsbau am Kornmarkt: Blick in einen fertiggestellten Raum der stadtgeschichtlichen Abteilung

Einsam ragt die Bronze-Plastik »Marsyas – Jahrhundertbilanz« auf dem Bautzener Kornmarkt empor. Ab und zu hasten an diesem Morgen ein paar Menschen an dem zwei Meter großen Kunstwerk des Berliner Bildhauers Wieland Förster direkt am Haupteingang des Museums vorbei. Die Skulptur zeigt den griechischen Halbgott bei seiner Häutung. Der Heißsporn forderte Apollon zum musikalischen Wettkampf auf der Panflöte heraus – und bezahlte die Begegnung mit dem Leben. Der geschundene Marsyas steht als Gleichnis für die gewalttätige Seite des vergangenen Jahrhunderts.

Verletzlichkeit, aber auch Annäherung zeigt die Plastik »Großer Einblick II« des in Dresden geborenen Bildhauers, Malers und Grafikers Förster. Diesen Torso zeigt das Museum Bautzen wieder ab dem 8. Mai in seiner Gemäldegalerie innerhalb der neugestalteten Dauerausstellung. Doch momentan scheint dieses Datum noch in weiter Ferne. Im Inneren des Hauses liegt der Geruch von scharfem Salpeter. An der Wand im Erdgeschoss lehnt das überdimensionale Stadtbild von Bautzen, 1637/38 von Mattheus Crocinus gemalt, dick in Folie verpackt. Im Nebenraum putzt eine Mitarbeiterin die verstaubten Federn einer ausgestopften Teichralle mit einem Pinsel. Handwerker dominieren das Bild.

Beim Blick hinter die Kulissen offenbart sich jedoch eine durchdachte, moderne Komposition im historischen Gebäude mit zahlreichen Angeboten. Die Ausstellungsmacher, allen voran der Dresdner Ausstellungsdesigner Matthias Runge, planen jeden Bereich nach einem eigenen Drehbuch mit Farbe, Licht und Grafik. »Die Gestaltung der insgesamt 56 Ausstellungsräume gleicht der Inszenierung eines Theaterstücks – und zwar einem ›Faust‹ in zwei Teilen«, sagt Museumsleiterin Ophelia Rehor. Denn mit 2.400 Quadratmetern Ausstellungsfläche und einer Sammlung von etwa 400.000 Ausstellungsstücken zählt das Haus am Kornmarkt zu den größten Museen in Sachsen.

Dringend restaurierungsbedürftig: Carl Lohses Gipsplastik »Kopf – Selbstbildnis«, o. J. (um 1930)

Saniert wird die städtische Sammlung schrittweise seit Anfang der 1990er Jahre. Auf die Erneuerung von Dach und Fassade folgen ab 2004 umfangreiche Arbeiten im Inneren. Besonderes Augenmerk gilt der Wiederherstellung der Denkmaldetails. In neun Räumen lässt sich die historische Oberlichtstruktur rekonstruieren, in weiteren vier Räumen legen Restauratoren Malereien an Säulen und Scheinkaminen wieder frei. Sie nehmen von den einstigen Kassettendecken die Ornamentik und Farbigkeit ab und ergänzen bei der Rekonstruktion zum Teil Fehlendes nach den Originalen.

Diese Muster stammen aus den Entstehungsjahren. Die Stadt errichtet das Gebäude zwischen 1910 und 1912 als musealen Zweckbau mit Hilfe des Fabrikanten Otto Weigang. Der Besitzer der Lithografischen Werkstätten Bautzen hilft mit seiner finanziellen Unterstützung, der Sammlung des Museumsgründers Oskar Roesger ein angemessenes Zuhause zu geben. Seinerzeit gehört das Haus zu den modernsten Museumsbauten Deutschlands. Baugeschichtlich steht es in einer Reihe mit dem Albertinum in Dresden (1844 bis 1891) und dem Leipziger Grassi-Museum (1892 bis 1895).

Nach vier Jahren Baustelle erblüht nun ganz langsam eine Schaustelle. Es gibt ein begehbares Hügelgrab aus der Bronzezeit und einen Teil einer mittelalterlichen Burg. »Die Archäologische Sammlung gehört zu den größten in Sachsen«, sagt Museumsmitarbeiter und Archäologe Jürgen Vollbrecht. In der volkskundlichen Abteilung erwartet die Besucher ein Einblick in die Lebens- und Arbeitswelt der Städter und Dörfler in der Region. Ein besonderes Kleinod ist die Kinderbuchsammlung des Museums. Unter den 300 Exemplaren, meist deutschsprachige Titel aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert, befindet sich die umfangreichste und langlebigste Bilderenzyklopädie für Kinder. Der Herausgeber Friedrich Justin Bertuch verkaufte ab 1790 zu den Büchern dazugehörige Zinnfiguren. Das Bautzener Museum besitzt davon 154 Stück. Eine größere Sammlung mit 190 Figuren gibt es lediglich in der Schweiz. Übrigens – auch die entstaubte Teichralle findet im Erdgeschoss ihren Platz neben vielen anderen Präparaten der regionalen Vogelwelt.

Noch schlummern die mittelalterlichen Prachtstücke hinter verriegelten Türen.

In die zweite Etage führt eine Treppe durch das Foyer direkt in die Stadtgeschichte. Ausgehend von der städtischen Entwicklung im Mittelalter spannt sich der Bogen der Sammlung hier von Exponaten aus dem Mittelalter bis zur Gegenwart und zeigt die tausendjährige Geschichte der Stadt. Hinter einer leicht geöffneten Tür werkeln zwei Objekteinrichter. Mit Händen in weißen Handschuhen legen sie sorgfältig und aufmerksam die wertvollsten Exponate des Haues in Vitrinen. Dieser Raum beherbergt künftig das neue Schatzkabinett mit kostbaren Porzellanen, ungewöhnlichen Schmiedearbeiten, filigranen Fächern, alten Kämmen und meisterhaften Uhr-Raritäten.

Zu einem besonderen Schatz gehört in diesem Bereich die Sammlung mittelalterlicher und barocker Schnitzplastik. Schon 1912 lassen die Erbauer des Museums zur Präsentation dieser einzigartigen Kunstwerke einen kirchenähnlichen Raum mit hohen Wänden errichten. An diesen Ort kehren nach der Restaurierung die Skulpturen, Altarschreine und Gemälde der Meister der Oberlausitz zurück. Die frühesten Arbeiten spätgotischer Schnitzkunst stammen aus der Zeit um 1370. Der Dreißigjährige Krieg zwischen 1618 und 1648 zerstörte diese Werke in der Lausitz jedoch fast gänzlich. Die wenigen verbliebenen Prachtstücke des Mittelalters verbergen sich noch hinter einer verriegelten Tür.

Eine Tür ganz anderer Art betrachtet Restaurator Tilman Brandt im dritten Obergeschoss. Aus seinen Tiegeln strömt beißender Salpetergeruch. »Wir haben hier das Türblatt erneuert. Der Türstock war noch vorhanden, aber übermalt«, erläutert der Fachmann. Nach der Herstellung des Originalzustands strahlt das frische Holz hell. Mit Pinsel, Ammoniaklösung, Tannin-Beize und anderen Tinkturen lässt er den Zugang in vergleichsweise Windeseile um Jahrzehnte altern, so dass sich eine Patina auf die Oberfläche legt.

Farbpartikel lösen sich auch bei Pol Cassels »Bildnis Dr. Tomaszewski« von 1924.

Ein paar Schritte von Tilman Brandt steht Friedbert Kühn. Im batteriebetriebenen Radio läuft Klassik, auf die angelehnten Bilder an der Wand ist ein Scheinwerfer gerichtet. Akribisch begutachtet der selbstständige Restaurator die knapp 200 Meisterwerke und schätzt die konservatorischen Maßnahmen an den Werken und den Rahmen ein. Gerade beugt er sich mit einer kleinen Taschenlampe in der Hand über ein Werk Carl Lohses (1895-1965). Die Schäden am Gemälde »Auf Stuhl sitzender Mann« (um 1919/20) sind unübersehbar. Kleine, weiße Blätter kleben unregelmäßig auf der Oberfläche. »Vermutlich wurden sie zur Sicherung auf das Bild geklebt, um es beim Transport von München vor weiteren Schäden zu schützen«, nimmt Friedbert Kühn an.

Die Farbschicht des Gemäldes ist an mehreren Stellen aufgerissen. Auch ein zweites Werk eines der bedeutendsten Vertreter des deutschen Expressionismus nach dem Ersten Weltkrieg zeigt sich in denkbar schlechter Verfassung. Von Carl Lohses Gips-Plastik »Kopf – Selbstbildnis« (o. J., um 1930) sind große Teile abgebrochen. Doch nicht nur für die Restaurierung dieser beiden Kunstwerke sucht das Museum Bautzen dringend Spender. Auch beim »Bildnis Dr. Tomaszewski« (1924) von Pol Cassel (1892-1945) lösen sich Farbpartikel. Der Dresdner Maler und Grafiker ist ein Vertreter der Klassischen Moderne. »Die Farbschichten beider Gemälde müssen mit einem speziellen Kleber gefestigt werden. Danach folgen die neue Kittung und die Strukturierung der Fehlstelle«, erklärt Friedbert Kühn. Zusätzlich müssen die Bilder wieder gespannt und am Rand stabilisiert werden. Insgesamt schätzt Museumsleiterin Ophelia Rehor, dass die Kosten der Restaurierung der drei Stücke ungefähr 4.000,– Euro umfassen.

Lohse konnten bereits mit Hilfe des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder restauriert werden; die Kuturstiftung der Länder hatte zuvor beim Erwerb des Werkkomplexes geholfen. Im so genannten Carl-Lohse-Raum sollen diese Gemälde und die Plastik ihren Platz finden. Mit Pol Cassel ist einer der Künstler beteiligt, die die Jahre des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts und besonders die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen dokumentieren sollen. Für die Kunstsammlung ist die Präsentation dieser Arbeiten unerlässlich. Sechs Gemälde von Carl

Außerdem bekommt der Besucher auf der dritten Ausstellungsebene Einblicke in die Kunst der alten Meister, wie Lucas Cranach d. Ä. und Albrecht Dürer. Bemerkenswert für ein Regionalmuseum ist der Sammlungsschwerpunkt mit herausragenden Werken des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch bevor sich die Vertreter der wichtigsten Malerschulen Deutschlands der Öffentlichkeit präsentieren, bleiben die Kunstwerke den Augen Friedbert Kühns vorbehalten. Ab dem 8. Mai aber werden sie wieder in altem Glanz erstrahlen.

Bitte unterstützen Sie das Museum Bautzen durch Spenden unter dem Stichwort »Carl Lohse/Pol Cassel« auf die Konten der Kulturstiftung der Länder!

Für weitere Informationen:
Museum Bautzen
Kornmarkt 1, 02625 Bautzen
Telefon 03591- 498511, www.bautzen.de

Miriam Schönbach ist freie Journalistin und Lektorin.