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Auf der Suche nach der idealen Form

Ein Glücksfall für Duisburg: Nach beinahe vierjährigen Verhandlungen ist es gelungen, den umfangreichen Nachlass Wilhelm Lehmbrucks dauerhaft für die Heimatstadt des Bildhauers zu sichern. Die Kulturstiftung der Länder half – gemeinsam mit der Stadt Duisburg, dem Land Nordrhein-Westfalen, der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und verschiedenen Wirtschaftsunternehmen –, den Erwerb für die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum zu ermöglichen.  / Britta Kaiser-Schuster

Wilhelm Lehmbruck, Hinsinkender Frauenakt, 1913

Wilhelm Lehmbruck zählt national wie international zu den bedeutendsten und beeindruckendsten Bildhauern der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer Künstler hat er in »abstrahierender Expressivität« dem modernen Menschenbild einen völlig neuen und eigenständigen künstlerischen Ausdruck verliehen.

1881 in Meiderich bei Duisburg geboren, wurde er ab 1895 an der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule, 1901 bis 1906 als Bildhauer an der dortigen Akademie ausgebildet, bevor er 1910 unter dem Einfluss von Rodin und Maillol nach Paris ging. Neben seinem plastischen Werk entwickelte Lehmbruck in seinen Pariser Jahren sein malerisches, zeichnerisches und grafisches Schaffen. Bedingt durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs siedelte Lehmbruck 1914 nach Berlin, 1916 dann nach Zürich über. In seinem Berliner Atelier nahm er sich 1919 das Leben.

Wilhelm Lehmbruck, Kniende, Lebzeitguss, 1911

Schon 1925 erhielt die Stadt Duisburg einen großen Teil des Nachlasses als Leihgabe durch die Witwe Lehmbrucks. Das Konvolut wurde jedoch 1937, diffamiert als »entartete Kunst«, an die Familie zurückgegeben. Erst 1964 gelang es der Stadt mit der Eröffnung des Museums, den Nachlass leihweise von der Familie zurückzugewinnen. Die Sammlung umfasste bis vor kurzem den größten Teil des plastischen Werks des Künstlers, allerdings nur wenige Gemälde, Pastelle, Zeichnungen und Druckgrafiken. Die Erbengemeinschaft Wilhelm Lehmbruck hat nun nach längeren Vorverhandlungen mit der Stadt Duisburg, die bis in die 1990er Jahre zurückreichen, den in der Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum verwahrten Teilnachlass Wilhelm Lehmbrucks an die Stiftung veräußert. Mit dem Nachlass erwarb das Duisburger Museum jetzt nicht nur bisher fehlende plastische Hauptwerke der Reifezeit, sondern auch das beinahe vollständige malerische, zeichnerische und druckgrafische Werk in seiner ganzen Vielfalt. Das Konvolut umfasst 33 Skulpturen, 18 Gemälde, 11 Pastelle, 819 Zeichnungen und 260 Druckgrafiken, insgesamt 1.141 Werke des gesamten künstlerischen Schaffens.

Wilhelm Lehmbruck, Drei Frauen, um 1914

Von den seltenen Gemälden sei exemplarisch hingewiesen auf den »Geneigten Frauenkopf« (um 1913/14) und die Komposition »Drei Frauen« (um 1914). Lehmbrucks Neigung, Themen zu wiederholen, zu variieren und neu zu interpretieren, findet sich auch in seiner Malerei, so bei dem Frauenkopf. Die ungewöhnliche plastische Rundlichkeit der drei Frauen ist im Gesamtœuvre singulär.

Sämtliche Werkgruppen wurden zunächst durch von der Kulturstiftung der Länder ausgewählte Experten ausführlich begutachtet. Die kunsthistorische Bedeutung des Nachlasses stand außer Frage. Einigkeit bestand darin, dass die Sicherung des Nachlasses von Wilhelm Lehmbruck für die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum nicht nur für Duisburg, sondern für Deutschland von herausragender Bedeutung ist. Hinsichtlich des plastischen Werkes waren jedoch noch viele Fragen offen.

Wilhelm Lehmbruck, Stehende weibliche Figur, 1910

Und es war schon eine veritable Sensation, als auf Vermittlung der Kulturstiftung der Länder die Vertreter der Erbengemeinschaft Lehmbruck zum Ortstermin im Wilhelm Lehmbruck Museum erstmals ein kleines Büchlein mitbrachten: das über Jahrzehnte von der Witwe und der Familie geführte »Gusstagebuch«, das detailliert Auskunft über alle Güsse der Skulpturen Wilhelm Lehmbrucks gibt. Denn um zu einer fundierten Einschätzung der Skulpturen gelangen zu können, hatte die Kulturstiftung sich besonders dafür eingesetzt, das präzise Entstehungsdatum des einzelnen Gusses sowie die genaue Differenzierung in Güsse zu Lebzeiten und posthume Güsse sowie die Anzahl der Güsse der einzelnen Skulpturen zu ermitteln. Der sehr guten Zusammenarbeit mit der Erbengemeinschaft ist es zu verdanken, dass mit Hilfe des in der Familie bewahrten Gusstagebuchs nun in vorbildlicher Weise die exakten Daten recherchiert und erfasst werden konnten und der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung stehen. Es konnten etliche Güsse zu Lebzeiten des Künstlers ausgemacht und sogar einige Unikate identifiziert werden. So ist, um nur einige Beispiele zu nennen, der »Kopf Frau L.«, der Anita Lehmbruck in einer eher elegisch wirkenden Hermenbüste darstellt, noch 1918 in Marmor entstanden und in keinem weiteren Exemplar vorhanden. Die »Stehende weibliche Figur«, die aufgrund einer Ausführung in Marmor 1912 für Duisburg als »Duisburgerin« bezeichnet wird, gilt mit einer Höhe von fast zwei Metern als erste großformatig ausgeführte Frauengestalt im Werk Lehmbrucks. Der »Geneigte Frauenkopf«, ein Teilstück der »Großen Stehenden« von 1910, fokussiert in völliger Harmonie das Moment der Ruhe und Verinnerlichung – auch er ist zu Lebzeiten des Künstlers und in nur wenigen Exemplaren ausgeführt worden. Die »Schreitende (Mädchen, sich umwendend)« von 1913/14 zählt nicht nur zu den seltenen Lebzeitgüssen, es sind auch nur noch zwei weitere Exemplare bekannt. Lehmbrucks wohl bis heute berühmtestes Werk, die »Kniende«, entstand 1911 und kann in Duisburg nun in einem Gipsguss von 1947 gezeigt werden. Sie hat in ihrer radikalen Modernität schon zur Entstehungszeit außerordentliche Reaktionen hervorgerufen, markiert sie doch mit dem Wandel des Menschenbildes im Œuvre selbst einen Bruch mit den vorangehenden Arbeiten.

Gerade vor dem Hintergrund der Diskussionen über den Nachlass von Hans Arp war der Kulturstiftung der Länder die präzise Bestandsaufnahme der Güsse besonders wichtig. Nun ist zu hoffen, dass insgesamt in der Einschätzung plastischer Werke damit Maßstäbe für die Zukunft gesetzt werden konnten.

Für weitere Informationen:
Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Friedrich-Wilhelm-Str. 40
47051 Duisburg
Telefon 0203-2832630
Öffnungszeiten: Di-Sa 11-17 Uhr, So 10-18 Uhr
www.lehmbruckmuseum.de

Dr. Britta Kaiser-Schuster ist Dezernentin der Kulturstiftung der Länder.