Restaurierungsförderung Freundeskreis

Pferde stärken

Die Restaurierung des Magdeburger Reiters im Historischen Museum Magdeburg wird vom Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder ermöglicht.

von Martin Hoernes

Die Mitglieder des Freundeskreises haben ihn schon 2011 bewundert! Bewegungslos begleitete der junge Herrscher die 12. Mitgliederversammlung des Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums in Magdeburg. Auch sein edler Hengst zuckte nicht einmal mit dem Ohr während der neun Tagesordnungspunkte des Programms. Ebensowenig ließen sich die beiden Ehrenjungfrauen – die eine ernst mit der heute abgebrochenen Fahnenlanze, die andere eher keck mit einem schräg gestellten Schild – von den vorgetragenen Ankäufen oder Restaurierungser­folgen beeindrucken. Wie denn auch? Fungieren die drei – bzw. mit Pferd vier – schon seit dem Mittelalter als Darstellung des Herrscheradventus und sind es gewohnt, von der Menge bestaunt zu werden.

Magdeburger Reiter, um 1240/50; Kulturhistorisches Museum Magdeburg
Magdeburger Reiter, um 1240/50; Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Das jugendliche Idealbild eines Gekrönten entstand um 1240/50 und zeigt eines der prächtigsten Ereignisse, die damals im profanen Bereich möglich waren: den Adventus, die Ankunft des Herrschers – in Magdeburg oder übertragen im Heiligen Römischen Reich. Wie der etwas ältere Bamberger Reiter trägt der Herrscher seine Krone auf dem modisch geschnittenen, langen Haar und die modernste höfische Mode: feine Lederstiefel mit Sporen, einen Waffenrock mit eng anliegenden Ärmeln und den auf der Brust geknoteten, weiten Tasselmantel. Sein Schwert hängt sicher am Gürtel, und mit der Linken scheint er sein Pferd zu zügeln, während er mit der Rechten eine etwas unbestimmte Herrschaftsgeste vollführt. Der einziehende Reiter und sein Gefolge sind zur Ruhe gekommen. Natürlich nicht ursprünglich im Kulturhistorischen Museum, sondern am Alten Markt beim Rathaus der Stadt, wo sich der aus Sandstein gefertigte Reiter und seine ebenfalls steinernen Begleiterinnen auf einem übermannshohen Postament befanden. Ehemals bunt bemalt, erhielt die Gruppe zuletzt mehrere Vergoldungen. Restaurierungen, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, folgten, und im Zweiten Weltkrieg wurde die Gruppe glücklicherweise abgenommen und damit vor Luftangriffen in Sicherheit gebracht. Heute steht am Alten Markt eine 1966 in Lauchhammer gefertigte, inzwischen wieder vergoldete Bronzekopie.

Bamberger Reiter, 1. Hälfte d. 13. Jahrhunderts; Bamberger Dom / Erzbistum Bamberg
Bamberger Reiter, 1. Hälfte d. 13. Jahrhunderts; Bamberger Dom / Erzbistum Bamberg

Wie der etwas ältere und feiner ge­arbeitete Bamberger Reiter ist der Magdeburger Reiter namenlos geblieben, und man hat auch ihn als Repräsentation des christlichen Herrschers an sich, aber auch als Konstantin, Karl den Großen oder Friedrich II. gedeutet. Höchstwahrscheinlich handelt es sich jedoch um eine Darstellung Kaiser Ottos I., der häufig in Magdeburg residierte, das dortige Erzbistum gründete und im Dom seine letzte Ruhestätte fand. In der ersten Erwähnung des Reiterstandbildes, in einer Glosse zum Sächsischen Weichbildrecht 1386/87 wird dieses als „Leibzeichen“ allerdings mit „Otto dem Roten“, dem Sohn Ottos I., in Verbindung gebracht: „Das ist eine allgemeine Bestätigung ihrer Freiheiten, die dieser Kaiser, Otto der Rote, getan hat, und darum bezieht sich alles Magdeburgische Recht nach Weichbildrecht auf denselben Kaiser, und zu seiner Urkunde so haben sie sein Leibzeichen stehen auf dem Markte, das sie mit den Fürsten verpflichtet sind zu halten in ihrer Zierde.“ Möglicherweise stand die Errichtung des Reiterstandbildes am Ende eines heftigen Streits zwischen dem Stadtherrn – dem Erzbischof – und der Bürgerschaft und erinnerte an die für beide Parteien geltenden Hoheits- und Stadtrechte. Seine Ausführung durch Bildhauer aus der jüngeren Bildhauerwerkstatt des Domes, in der auch der Ritterheilige Mauritius entstand, würde zu einer einvernehmlichen Beauftragung passen.

Mag der Bamberger Reiter auch eleganter erscheinen, so nimmt dafür der  Magdeburger Reiter in der europäischen Kunstgeschichte eine Sonderstellung ein. Handelt es sich doch um das erste großplastische Reiterstandbild, das den antiken Vorbildern folgt. Erinnern wir uns: Der als Konstantin umgedeutete Marc Aurel war zunächst am Lateran und dann auf dem Kapitol eine der Sehenswürdigkeiten Roms. Karl der Große musste aus Ravenna ein heute verlorenes bronzenes Reiterstandbild – vermutlich des Theoderich – zur Ausschmückung seiner Pfalz nach Aachen holen. In Pavia stand der erst 1796 zerstörte antike Regisole. Sicher hat man sich bei der Fertigung des Magdeburger Reiters an den wenigen, prominenten erhaltenen Reiterstandbildern orientiert – und auch an ihrer Bedeutung: Standen sie doch alle in alten Kaiser- oder Königsstädten und waren dort mit den regelmäßig stattfindenden Krönungen und der „Renovatio Imperii“ Karls des Großen verbunden. Magdeburg war unter Otto I. in den Kreis der wichtigen Königs- oder Kaiserstädte des Reiches aufgestiegen – das Kaiserstandbild dokumentierte diesen Status.

Pferd und Reiter sind aus 17 Teilen aus Sandstein zusammengefügt. Der Restaurierung geht zunächst eine akribische Bestandsaufnahme voran, in der die ursprünglichen Teile erfasst und auch alle Restaurierungen oder Ergänzungen identifiziert werden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den nicht immer fachgerecht ausgeführten jüngeren Ergänzungen, bröckelnden Kittungen und korrodierenden Metallverbindungen, die ihrerseits immer noch zur Zerstörung von Originalsubstanz führen. Eine Reinigung, die Sicherung von Schadstellen und möglicherweise eine partielle Rücknahme der älteren Restaurierungen erlauben eine genauere Kenntnis der frühgotischen Figuren. Vielleicht gelingt es sogar wie beim Bamberger Reiter, Hinweise auf die ursprüngliche Farbfassung zu finden. Möglicherweise mit ähnlich überraschenden Ergebnissen: Der Bamberger Reiter präsentierte sich ursprünglich nicht im ätherischen Steingrau, sondern auf grünem Sockel mit weißbraunem Pferd, roter Gewandung (silbernen und goldenen Sternen auf dem Umhang), fleischfarbenem Inkarnat und mit vergoldeten Sporen und Krone.

Martin Hoernes

ist Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. In den Jahren 2007 bis 2014 war er stellvertretender Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder.