Helfen Sie mit

Mutter und Sohn in Not

In der Kunst­halle Rostock braucht ein Selbstporträt der Malerin Kate Diehn-Bitt Ihre Unterstützung.

von Dr. Stephanie Tasch

Mutter, „Neue Frau“, Arbeiterin? Frontal schaut die junge Frau in Schwarz, mit hellblondem garçonne-Schnitt auffallend mondän vor einer Naturkulisse im Hintergrund, auf den Betrachter. Sie umfasst einen Knaben in Unterhemd und Mütze, der sich uns ebenfalls zuwendet. Mutter und Sohn halten unseren Blicken mit weit geöffneten Augen stand, sie sind in ihrer Umarmung ganz für sich. Das rote Halstuch der Malerin mag ein Wink in Richtung ihrer – der bürgerlichen Herkunft zuwiderlaufenden – politischen Überzeugungen sein. Das Bild ist auf Holz gemalt, die Malweise glatt, kühl, ein wenig konstruktivistisch, vor allem aber an der „Neuen Sachlichkeit“ der Weimarer Republik orientiert. Kate Diehn-Bitts „Selbstbildnis mit Sohn“, um 1933 entstanden, ist ein Schlüsselwerk der Malerin.

Kate Diehn-Bitt, Selbstbildnis mit Sohn, um 1930, 99 × 74 cm; Kunsthalle Rostock
Kate Diehn-Bitt, Selbstbildnis mit Sohn, um 1930, 99 × 74 cm; Kunsthalle Rostock

1900 in Schöneberg bei Berlin geboren, war Kate (ursprünglich: Käthe) Diehn-Bitt eine Tochter aus bürgerlichem Hause. Ihre Ausbildung erfolgte ausschließlich in verschiedenen privaten Kunstschulen; nach der frühen Heirat und der Geburt des Sohnes im Jahre 1920 nahm sie 1929 –31 ein Studium an der – wiederum – privaten Kunstaka­demie Dresden auf, an der Woldemar Winkler (1902–2004) ihr Lehrer wurde, der sie später als „eine sehr kluge, sehr selbstbewusste, emanzipierte Persönlichkeit“ beschrieb. Die Dresdner Kunstszene um Otto Dix, Otto Griebel und andere dürfte für Diehn-Bitt so eindrücklich gewesen sein wie die politische Stimmung in der Stadt. Zurück in Rostock richtet sie 1933 ihr erstes Atelier ein; 1935 stellt sie zusammen mit der Bildhauerin Hertha von Guttenberg in der Galerie von Wolfgang Gurlitt in Berlin aus – es wird bis 1948 dauern, bis ihr in Schwerin wieder eine Ausstellung gewidmet wird. Während der NS-Zeit wird Kate Diehn-Bitts Stiefvater Dr. Leo Glaser als Jude verfolgt; sie selbst und ihr Werk werden als „artfremd“ diffamiert. Nach Kriegsende engagiert sich Diehn-Bitt in der neu gegründeten DDR zunächst kulturpolitisch, zieht sich aber nach dem Verdikt, „nicht zukunftweisend und optimistisch“ zu malen, in den 1950er Jahren aus allen Funktionen zurück und stirbt 1978 in Rostock. Sämtliche politisch-historischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland lassen sich an Biographie und Werk ablesen. Der Kunsthalle Rostock ist es zu verdanken, Teile ihres fast vergessenen Œuvres zusammengeführt und 2002 in einer Retrospektive gewürdigt zu haben. Inzwischen gibt es Interesse auch aus der Gegenwartskunst: Im vergangenen Jahr integrierte die in Berlin lebende Künstlerin Michaela Meise Werke Diehn-Bitts in ihre Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien.

Kate Diehn-Bitt, Kirchenruine in Rostock, nach 1942, 99 × 74 cm; Kunsthalle Rostock
Kate Diehn-Bitt, Kirchenruine in Rostock, nach 1942, 99 × 74 cm; Kunsthalle Rostock

Die Rückseite des in der Kunsthalle Rostock aufbewahrten Selbstporträts offenbart die Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs für die Stadt: Nach 1942 gemalt, sieht man über einer Wand aus Trümmern emporragend die Ruine der Ende April 1942 teilweise zerstörten St. Nikolai-Kirche in Rostock mit den charakteristischen Fensteröffnungen des Turms. Vorder- und Rückseite stehen in einer mehr als nur inhaltlichen Spannung zueinander: Von der Aufbruchsstimmung der am Beginn eines Erfolges stehenden Künstlerin ist nichts übrig geblieben, und die Wiederverwendung des Bildträgers spricht deutlich von der Materialknappheit der Kriegs- oder unmittelbaren Nachkriegszeit. Später setzten dem Gemälde weitere Faktoren zu; nach Auskunft der Kunsthalle müssen Spannungsrisse im Holz beseitigt, Fehlstellen der Malschicht ausgeglichen und der alte Firnis abgetragen und erneuert werden.

Mit Hilfe der Arsprototo-Leser hofft die Kunsthalle Rostock, das Gemälde restaurieren zu können, ist doch „Selbstbildnis mit Sohn“ von zentraler Bedeutung für das Verständnis einer Künstlerin, deren Werk es in seinen sämtlichen Facetten wiederzuentdecken gilt.

Wir bitten Sie herzlich, liebe Leserin und lieber Leser, um Unterstützung für die Kunsthalle Rostock. Spenden Sie für die Restaurierung des Gemäldes „Selbstbildnis mit Sohn“ von Kate Diehn-Bitt und überweisen Sie bitte unter dem Stichwort „Kunsthalle Rostock“ auf eines der Konten der Kulturstiftung der Länder. Vielen Dank!

Hier finden Sie die Spendenmodalitäten

Dr. Stephanie Tasch

ist Dezernentin der Kulturstiftung der Länder und arbeitete zuvor als Provenienzforscherin für das Auktionshaus Christie’s.

Kunsthalle Rostock
Hamburger Straße 40, 18069 Rostock
Telefon 0381-3817000

http://www.kunsthallerostock.de/